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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Unsere Bilder. 
Mit dem Monat November ist die Zeit für unsere 
Metropole gekommen, die durch das Goethe’sche Zauberwort 
„Tages Arbeit, Abends Gäste, Saure Wochen, Frohe Feste“ 
so ziemlich charakterisiert werden kann. Der Beginn des 
an farbenprächtiger Abwechselung so reichen Lebens und 
das Hineinsteuern in die Hochsaison! Unter den Festi 
vitäten dürfte als eine für das Berliner Kunstleben besonders 
bedeutungsvolle die Feier in der Aula des Instituts für 
Kirchenmusik zum 75. Geburtstag des Professors Robert 
Radecke hervorgehoben werden. Wie wir auf dem Bilde 
sehen, nahmen an dem Festakte Vertreter des Kultus 
ministeriums, zahlreiche Lehrer und Schüler der Hochschule 
für Musik, sowie eine grosse Zahl von Freunden und Ver 
ehrern Radeckes teil. Der musikalische Teil der Feier 
brachte ausser Kompositionen Radeckes eine Konzertphantasie 
über sein bekanntes Lied „Aus der Jugendzeit“. In An 
sprachen und Reden feierte man die Verdienste des Jubilars 
besonders um die Pflege der Kirchenmusik. Als Grund 
stock zu einer „Robert Radecke-Sliftung“ überreichte der 
Präsident des akademischen Vereins „Organum“ Herr 
A. Bittner, dem Jubilar die Summe von 7000 Mark, deren 
Zinsen als Unterstützung für die Studierenden am Institut 
für Kirchenmusik verwendet werden sollen. — Stille 
Wehmut beschleicht uns, wenn wir unseren Blick auf 
das erste Bild werfen. Kurz vor seinem 80. Geburtstage, 
dessen Feier man im Kreise der zahlreichen Freunde und 
Verehrer mit Freuden entgegensah, starb Professor Julius 
Kosleck, der durch den von ihm begründeten Kosleck’schen 
Bläserbund jedem bekannt, Komponist nnd Lehrer an der 
Hochschule für Musik. Kosleck, der aus kleinen Verhält 
nissen hervorging, der dem „dreijährig freiwilligen“ 
Soldatenleben entwuchs, erfreute sich der Verehrung der 
Grossen und Grössten auf Erden. Wurde doch im kaiser 
lichen Hause kaum ein kirchliches Familienfest begangen, 
dem Kosleck nicht mit seiner Kunst die verklärende Weise 
verlieh. So erlebte der Meister denn auch noch die Freude, 
bei der Trauung des kronprinzlichen Paares mitzuwirken. — 
Wir wenden uns dem politischen Leben zu und begrüssen 
in Dr. Delbrück den neuen Handelsminister. Vor 
dieser Ernennung hatte Delbrück eine Reihe von Jahren 
hindurch den Sitz des Oberpräsidenten Westpreussens inne 
gehabt. Eine in den letzten Monaten in der Oeffentlichkeit 
vielgenannte Persönlichkeit ist Rudolf Martin, Reg.-Rat 
im Kaiserl. Statist. Amt und Verfasser des die russischen 
Finanzverhältnisse ausgezeichnet charakterisierenden Werkes 
„Die Zukunft Russlands“. Durch dieses Werk hat sich der 
Verfasser bei seiner ihm Vorgesetzten Behörde unliebsam 
bemerkbar gemacht, um so mehr erwarb er sich die Zu 
stimmung aller intelligenten Kreise. Stellt sich doch bei 
den chaotischen Verhältnissen in Väterchens Reiche immer 
mehr und mehr heraus, von welch’ fundamentaler Wahrheit 
Martins Prophezeiungen gewesen sind. — Alfred Fried 
mann, der Sänger so vieler Lieder, der Verfasser so vieler 
Novellen, Romane hat im Kreise seiner Freunde seinen 
sechzigsten Geburtstag gefeiert. Den Dichter hat ein merk 
würdiger Entwicklungsgang auf die Höhe des Parnass ge 
führt. Ursprünglich Goldarbeiter, später Kaufmann, wandte 
er sich hierauf der Wissenschaft zu, um schliesslich als 
Doktor der Philosophie die Feder zu ergreifen. Ausser 
ordentliches Formtalent und blühende Schönheit der Sprache 
zeichnen fast durchweg seine Werke aus. — Mit zu den 
bekanntesten Novellisten der Gegenwart gehört auch der im 
Jahre 1866 zu Greifswald geborene Schriftsteller Georg 
Engel. Als Verfasser des Aufsehen erregenden Romanes 
„Hann’ Klüt“ tritt er aber momentan mehr als je in den 
Vordergrund der literarischen Persönlichkeiten. — Die näch 
sten Bilder dieser Seite gehören Persönlichkeiten an, die sich 
auf dem Gebiete der Vortragenden und darstellenden Künste 
einen gewissen Namen erworben haben. Robert Johannes, 
der bekannte ostpreussische Rezitator, hält gegenwärtig im 
Architektenhaus seine interessanten Dialektvorträge und erntet 
den reichlichen Beifall seiner Zuhörer und Berliner Ver 
ehrer. — Klara v. Küry, die berühmte ungarische Sou 
brette, gastirt im Centraltheater als Musette mit grossem Er 
folge. — Frau Olga Wohlbrück gedenkt mit ihren Gatten, 
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dem Kapellmeister Waldemar Wendland unter die Theater 
direktoren zu gehen. In aller Stille haben die Ehegatten 
die Vorbereitungen getroffen, in der Potsdamerstrasse neben 
der ITuth’schen Weinstube eine kleine Bühne zu eröffnen, 
auf der nur Einakter gespielt werden sollen. Der Zuschauer 
raum wird etwa zweihundert Personen fassen, die an Tischen 
placiert werden. Im Januar soll schon das Spiel beginnen. 
Glück auf! — Von den Einzelportraits gehen wir zu einer 
photographischen Aufnahme über, die uns einen unserer be- 
deutensten und beliebtesten Berliner Künstler seinem neuen 
Heime zeigt. Kammersänger Franz Naval, der Tenor 
der Königl. Oper, aus dem musikalischen Böhmen stammend, 
gehört zu den vornehmsten und geschmackvollsten Sängern 
der Gegenwart. Auf Seite 7 bringen wir auch das Bild der 
berühmten Sängerin GemmaBellincioni, die in den Opern 
„A Santa Lucia,“ „Traviata“ und „Toska“ jetzt im Theater 
des Westens mit Riesenerfolg gastiert. Die dramatische 
Agilität ihrer Darstellung, die Biegsamkeit und der Vollklang 
ihrer Stimme finden Widerhall in dem Interesse und dem be 
geisternden Beifall des Publikums und Anerkennung bei 
Kunstverständigen und Presse. — Unsere „Berliner An 
sichten“ bereichern wir in diesem Hefte durch ein Kunstwerk. 
Nicht nach einer photographischen Aufnahme, sondern nach 
einer Originalzeichnung von R. Schmidt bringen wir ein 
Berliner Panorama, von der 40 Meter über dem Stiassenniveau 
liegenden Plattform desJNationaldcnkmals aus gesehen. Der 
malerische Reiz, der uns an diesem Bilde fesselt, an dem kein 
Rauch Wölkchen den Fernblick trübt und das scheidende 
Sonnenlicht an den goldigen Kuppeln monumentaler Bauwerke 
glitzert, war in seiner Grossartigkeit noch nicht da und ist 
durch photographische Aufnahme natürlich nicht zu er 
reichen. — Unsere Wanderung durch Berlin führt uns wieder 
in das Reich der Kunst und wir schenken dem freundlichen 
Heim Dr. Raphael Loewenfeld, unsere Aufmerksamkeit. 
Gleichzeitig machen wir vor dem Direktor des „Schiller 
theaters“ unsere Referenz, seiner Bedeutung gedenkend und 
seiner Verdienste nicht nur um die Pflege der Berliner 
Kunst, sondern auch um die Lösung sozialer Fragen, so 
weit sie mit der Kunst verknüpft sind. Direktoren kommen, 
Direktoren gehen, nichts ist beständiger als der „Wechsel“ 
beim Theater, aber Loewenfeld im Dienste einer gesunden 
Volkskunst besteht und gedeiht — Löwenfeld ist der ruhende 
Pol in der Direktoren Flucht. — Einer unserer jüngsten 
Direktoren ist Dr. Martin Zickel, der Leiter des Lustspiel 
hauses, in dessen Heim den Freunden der Kunst und des 
Berliner Lebens einen Blick zu tun, ebenfalls vergönnt werden 
soll. Zickels Bedeutung ist besonders in seiner für feine, 
diskrete Stimmung zugeschnittene Regietätigkeit zu suchen. 
Die Darstellungen im Lustspielhaus verdienen in ihrer feinen 
Abtönung und minutiös dekorativen Ausstattung Achtun 
und Anerkennung. Freilich wird Zickel in seinen Be 
strebungen auch von einem vortrefflichen Ensemble unter 
stützt; zu diesem gehört als erste Kraft Marie Mailing er, 
die ihm — auch noch als Gattin treu zur Seite steht. — 
Zu dem reichen Kranze der Feiern und Feste, die Berlin 
dem Altmeister Haase zu seinem 80. Geburtstag in un 
gewöhnlicher Fülle gerichtet, hat auch jenes Institut ein 
Blättchen gefügt, dem eigentlich der Vortritt in der Festwoche 
gebührt hätte. In dem über 114 Jahre alten Privattheater 
verein „Urania“ war es, wo Friedrich Haase vor genau 
60 Iahren zum ersten Mal die Bühne betrat. Er spielte da 
mals die Rolle des Malesherbes in Kotzebues „ländlichem 
Gemälde.“ „Die Rosen des Herrn von Malesherbes.“ 
In hübscher Pietät hat die Urania zur 80. Geburtstags 
feier ihres einstigen aktiven und jetzigen Ehrenmitgliedes 
das Stück ausgegraben und aufführen lassen. Aus der Urania 
sind übrigens sehr viele bedeutende Künstler hervorgegangen. 
Leiterin der Aufführungen ist die bekannte Heroine und drama 
tische Lehrerin Anna Führing, die Gattin des Kgl. Opern 
direktors Ferdinand vonStrantz. — Mehrere ihrer Schülerinnen 
wirkten mit Erfolg mit. Ausserordentlichen Ruhm erntete der 
ans Deutsche Theater engagierte Charakterdarsteller Rudolf 
Schildkraut als Shylock gelegentlich der Aufführung des 
„Kaufmann von Venedig“. Schildkraut, ein Türke von Geburt, 
erlernte erst in späten Jahren die deutsche Sprache. Er spielte 
lange an kleinen Theatern, ehe er zu Namen und Ruf ge 
langte. Am Carl-Theater in Wien, wo man ihm die Rolle 
eines „zweiten“ Komikers anvertraute, entdeckte ihn Herr 
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von Berger und engagierte ihn für Hamburg; hier durfte 
Schildkraut als erster Charakterdarsteller vor die Rampen 
treten und den Grundstein zur Ehre seiner jetzigen Grösse 
legen — Nicht nur in der Kunst, auch im gesellschaftlichen 
Leben ihren Schwestermillionenstädten gleichkommend, 
wächst Berlin und formt und gestaltet sich profeusartig 
täglich aufs Neue. In den eleganten Räumen des Hauses 
Potsdamerstrasse 118 b wurde der nach dein Londoner 
Lyceums-Klub begründete Berliner Lyceum-Klub er 
öffnet. Dieser Klub hat den Zweck, durch eine umfang 
reiche Organisation und internationale Vereinigung den oft 
unter grossen Schwierigkeiten geistig und künstlerisch 
schaffenden Frauen zu helfen. Das Protektorat hat Carmen 
Sy Iva, die Königin von Rumänien übernommen. Auf 
Seite 14 und 15 lassen wir „Alt-Berlin“ zu Worte 
kommen. Zunächst auf Seite 14 in einer interessanten 
Bilderserie, auch über ihre Zeit hinaus, berühmte Bühnen 
grössen. Eine bedeutende Säugerin war Carlotte Patti, 
die Schwester der Adelina Patti, die in ihrem 62. Lebens 
jahre noch einmal die Pariser mit ihrer Stimme erfreuen 
will. Carlotte Patti besass einige phänomenale hohe 
Töne, freilich hatte sie nicht eine so süsse, reine Stimme 
wie ihre berühmtere Pariser Schwester. Die bedeutenden 
Geschwister sind übrigens von Geburt Amerikanerinnen. — 
Eine vortreffliche Interpretin der Kunst war Jeney Bürde- 
Ney; ihre künstlerischen Darbietungen, die die Berliner s. Z. 
enthusiasmierten, wirkten vorbildlich. — Als spanische 
Tänzerin erntete SennoraPepita d’Oliva ausserordentlichen 
Beifall. Auf der Höhe ihres Ruhms ging sie eine mysteriöse 
Heirat ein, die einem Erbschaftsprozess herbeiführte. — Einer 
der drei Neffen des berühmten Ludwig Devrient und Dank 
seinem rastlosen Fleisse der vollkommenste in seiner Kunst 
unter diesen dreien, war Emil Devrient. Emil Devrient 
war am 4. September 1803 geboren und gestorben am 7. 
August 1872. Am 9. November 1821 betrat er als Ritter 
Raoul in der „Jungfrau von Orleans“ zum ersten Mal am 
Braunschweiger Theater die deutsche Bühne. — Zu den 
bedeutensten Charakterdarstellern die in unserer Metropole 
gewirkt haben, gehörte Hermann Hendrichs; man rühmt 
ihm besonders eine gesunde Realistik in Verbindung mit 
einer klassischen Darstellungsform nach. — Als berühmte 
Sängerin weilte Fr. Orgeni in unseren Mauern und 
erwarb sich seiner Zeit viele Freunde und Verehrer; 
jetzt wirkt sie als eine beliebte und hervorragende 
Gesangslehrerin in Dresden. — Johanna Buska, die sich 
hier und am Wiener Burgtheater mit ihrer graziösen 
Darstellungskunst einst Lorbeeren erwarb, lebt jetzt als 
Gattin des Direktors Angelo Neumann vom Prager Landes 
theater und als dessen erste künstlerische Kraft am Institut 
in der böhmischen Hauptstadt Prag. — HeinrichKeppler, 
einst der gefeierte Bonvivant des hiesigen Residenztheaters 
unter Direktor Claar, dem gegenwärtigen Leiter des Frank 
furter Stadttheaters, war später lange Jahre der Liebling 
am Hoftheater in München. Vor wenigen Jahren wurde 
er viel zu früh der Kunst durch den Tod entrissen. — 
Charlotte Frohn, deren darstellerische Grösse besonders 
in Künstlerkreisen gerühmt wird, Gattin des Direktors 
Anno, der eine Zeit lang die Leitung des hiesigen Residenz 
theaters inne hatte, war eine der besten und gefeiertsten 
Künstlerinnen unserer Residenz, deren Name noch heute 
unvergessen ist. Sie starb an einer Blutvergiftung in noch 
jungen Jahren. Das Stück Alt Berlin auf der nächstfol 
genden Seite zeigt uns, dass bei aller Ausdehnung der 
neuzeitigen Bauten, bei aller Verjüngung der Hauptstadt 
die Romantik im Milieu der Strassen noch nicht ausgestorben 
ist. Freilich, Romantik und ITintertreppenroman-Poesie ist 
nicht Sache der nach Licht strebenden und fortschreitenden 
Kultur; wie lange wird es darum noch dauern, und auch 
hier wird die Hacke des Maurers aufräumen und diese 
interessanten, historischen Strassen werden vom Erdboden 
verschwunden sein. — Zum Schluss bringen wir das 
äusserst charakteristische Bild des Feldmarschall Graf 
von Moltke nach einer Zeichnung vom Portraitmaler 
Anton Schöner. Das Bild gewinnt dadurch an 
Interesse, dass Moltke in Civil dargestellt ist, während er 
sonst stets nur in Uniform gemalt wurde. b.- S, 
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