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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

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kunft zu starren wie in einen finsteren Abgrund. Man 
musste nur tüchtigen Anlauf nehmen und drüber hin 
weg springen. — Jetzt war ich auch nicht mehr das 
naive Gänschen von einst. Ich war ein reifes Weib 
geworden, und ein Weib das an sich gearbeitet hatte, 
das etwas konnte und leistete. Meine Zuversicht log 
nicht. — Wir arbeiteten gemeinsam und gemeinsam 
arbeiteten wir uns empor. Es war an einem frostigen 
Wintertag. Eisig trieb der Wind die dichten Schnee 
flocken vor sich hin. Ich eilte schnell durch die 
Strassen und sah nicht um mich. Auf einmal steht 
ein Kind vor mir, in Lumpen gehüllt, ein faden 
scheiniges Kleidchen an, nichts auf dem Köpfchen, auf 
dem der Schnee lag und zittert vor Kälte. Dabei hält 
die arme Kleine einen Korb mit Veilchen vor mich 
hin. „Bitte, bitte kaufen Sie was,“ fleht sie, „ich darf 
nicht heim kommen, ehe er leer ist und mich friert so“. 
Gepackt von dem Bild des Elends nehme ich ihr rasch 
ein Sträusschen ab. Als ich heim kam, steckte ich es 
fröhlich in eine Vase, die ich auf den gedeckten Tisch 
stellte. Er liebte ja Blumen, und würde sich freuen. — 
Er war ohnedies in letzter Zeit so verstimmt und ver 
schlossen, ohne das ich ahnen konnte warum. Er 
musste bald kommen. Es war s / 4 8 und um 8 hatte er 
zurück sein wollen. — Es wurde 8, 9. 10. Niemand 
kam. Ich fing an mich zu ängstigen. Längst ver 
gangene Stunden stiegen in meinem Gedächtnis auf. 
Damals hatte ich auch so oft dagesessen und ge 
wartet. Ich wollte die Gedanken verscheuchen. Der 
Duft der Veilchen drang zu mir her wie ein böses 
Omen. Das Warten wurde zur Qual. Eine Droschke 
fuhr um die Ecke. Ich rannte ans Fenster. Sie fuhr 
vorbei. Das Haustor wurde geöffnet. — Ich riss die 
Wohnungstür auf. — Ein Dienstmädchen schlich leise 
vom Stelldichein mit ihrem Liebsten heim. Was war 
denn um Gotteswillen geschehen? — Ach er würde 
eben einen Bekannten getroffen haben und sass bei 
einem Glas Bier, suchte ich mich zu beruhigen. Ich 
wollte schlafen. Es war unmöglich. — Die Uhr schlug 
5. Ich machte Licht. — Mein Blick fiel wieder auf die 
Veilchen. Sie Hessen müde die Köpfe hängen. Da 
ging die Türe auf. Kein Wort wurde gesprochen und 
doch wusste ich Alles. Er kam geradeswegs von ihr, 
von einer anderen allerdings, aber doch von ihr. Am 
anderen Tag haben wir uns zum zweiten mal getrennt. 
Die Veilchen aber waren über Nacht verdorrt. Ich 
musste lügen, fuhr sie nach einer Pause fort, wenn 
ich sagte, dass ich so wie das erste mal auch dieses 
mal unter der Trennung gelitten hätte. Ich fühlte 
überhaupt nichts nach dieser zweiten Enttäuschung. 
Ich war so gleichgiltig gegen Alles, aber auch gegen 
Alles, das um mich vorging, dass ich nicht einmal 
daran dachte, eine Scheidung einzuleiten. Ich ass und 
trank und lachte und kümmerte mich um meinen Putz, 
scheinbar vergnügt wie alle anderen Menschen. In 
Wirklichkeit aber tat ich es nur einem Automaten gleich 
und aus Gewohnheit. — Völlig apatisch und fühllos 
wusste ich nur vom Hörensagen, was Freude oder 
Schmerz bedeutet. Dass ich selbst jemals auch etwas 
derartiges empfunden habe, war mir unbegreiflich. 
Jedes Gefühl prallte an mir ab, nichts verursachte mir 
Kummer, nichts Freude, ja ich war sogar unempfindlich 
gegen körperliche Schmerzen. Alles berührte mich so, 
als ob es nicht mich selbst, sondern irgend eine dritte, 
mir vollkommen gleichgiltige Person beträfe, oder als 
ob ich es überhaupt nur gelesen hätte. Im übrigen 
schien jede Erinnerung an gute, frohe Zeiten, die ich 
doch auch erlebt hatte, aus meinem Gedächtnis aus 
gelöscht zu sein und nur das Hässliche, Bittere stand 
ehern in mir fest. Total unbegreiflich, einem Märchen 
gleich, kam mirs vor, dass ich jemals überhaupt mit 
diesem Mann verheiratet gewesen war, für diesen 
Mann gelebt, ja sogar durch ihn gelitten hatte, dass 
mein Kind auch das seine war. Ich hatte keinen Groll 
gegen ihn. Er war mir einfach ein Fremder. Alles 
in mir und um mich war abgeschnitten. Das Kind 
war das einzige das mich anzog, aber mehr instinktiv, 
als bewusst. So verging eine ganze Zeit. Ich arbeitete 
nun nicht mehr zum Zeitvertreib, sondern um das 
tägliche Brot, das ich, wie Sie wissen, mit kunst 
gewerblichen Arbeiten verdiene. Unterdessen riss ihn 
auch dieses zweite Weib mit sich von Stufe zu Stufe, 
bis er die Beute der Schwindsucht wurde. Da verliess 
sie ihn. Gefühllos, wie alles andere habe ich auch 
diese Nachricht empfangen. Er musste eine Heilan 
stalt aufsuchen und starb dort bald darauf im schönsten 
Mannesalter. Als ich die Kunde von seinem Tode be 
kam, machte sie auf mich ungefähr den Eindruck, den 
die Todesanzeige eines fernen Bekannten auf uns macht, 
das heisst den absolutester Gleichgiltigkeit. Um der 
Form zu genügen, schaffte ich mir Trauerkleider an. 
Um des Kindes willen rüstete ich mich zur Reise nach 
dem Begräbnisort. Den Empfindungen des Kindes 
Rechnung tragend, bestellte ich in dessen Namen 
telegraphisch bei einem Gärtner der Stadt, in der die 
Beisetzung erfolgen sollte, einen Kranz und uni der 
Sitte oder besser gesagt, der Leute wegen bestellte ich 
bei der Gelegenheit auch einen solchen für mich. Aus 
was für Blumen sie gefertigt werden sollten, gab ich 
nicht an. Das Sanatorium war in einer kleinen Stadt 
Siidtyrols gelegen. In jener Gegend ist es üblich den 
Toten nur farblose, das heisst weisse Blumen zu 
widmen. Als wir eintrafen lag der Kranz, der als 
Gabe des Kindes dienen sollte bereits vorbereitet da. — 
Die Schleife trug des Kindes Namenzug. Auch andere 
Blumenspenden waren eingetroffen, Rosen, Nelken, 
Immergrün, Lorbeer, Chrysanthemen u. s. w. Mein 
Kranz fehlte noch. Ich sandte zum Blumenhändler. 
»Er würde baldigst geschickt werden«, so lautete die 
Antwort. Als er immer noch nicht kam, entschloss ich 
mich ohne ihn in die Totenhalle zu gehen. Und da 
stand ich nun am Sarg des Mannes, dem einst mein 
ganzes Leben, mein ganzes Denken und Fühlen gehört 
hatte, um den ich so viel gelitten und verloren, um 
dessentwillen ich mein Dasein so oft verwünscht hatte, 
und nichts rührte sich in mir. Ohne jede Empfindung 
stand ich da. Ob ich überhaupt etwas dachte 
weiss ich nicht. Ich glaube nicht. Es lag über 
mir wie ein Bann, seit lange schon, seit der Stunde, 
da jene Veilchen verdorrt waren, die ich bei dem 
Kind gekauft. Da flüstert mir eine Stimme von 
rückwärts leise zu: »Hier ist Ihr Kranz, gnädige 
Frau«. Der Gärtner bittet um Verzeihung, dass er 
diese Blumen nehmen musste. Die Depesche kam zu 
spät, er konnte beim besten Willen keine weissen 
Blumen mehr in unserrn kleinem Städchen auftreiben, 
und nahm darum diese. Es war der Leichendiener, 
der so sprach. Dabei hielt er einen mächtigen Kranz 
blühender Veilchen vor mich hin. Ich starrte den 
Sprecher an und den Kranz und den Toten. Der 
schien jetzt zu lächeln und mir die Hand zu reichen. 
Es war wie ein Gruss aus einer anderen Welt und 
mild und weich löste sich der Bann. Eine Seite, die, 
ach so lange verrostet geschwiegen hatle, fing wieder 
an zu klingen und zu singen von einstigem Glück und 
goldener Jugend. Ich sah mich wieder im weissen 
Kleid am Altar stehen, das Herz voll froher Hoff 
nungen. Ich sah den Vater, seinen Erstgeborenen 
herzen und noch viele andere Bilder tauchten auf an 
lauter schöne, frohe Zeiten, die wir einstmals gemeinsam 
verlebt hatten, und sie verdrängten die Erinnerung an 
Alles Böse. Sie wich, wich immer weiter zurück, bis 
sie ganz verschwunden war. Das Eis in mir schmolz 
und Alles, das zwischen uns gestanden hatte, zerging 
mit ihm. Seit langer Zeit zum ersten mal konnte ich 
wieder weinen und jede Träne reihte sich einer Perle 
gleich zur Kette, die mich aufs neue an den Toten 
band. Ich berührte die Hand, die er mir zu reichen 
schien. Wir waren versöhnt. Veilchen bis zuletzt! — 
Jetzt begriff ich wieder, dass ich seine Frau gewesen 
war, dass mein Kind auch das seine ist, und begriff 
noch manches andere und ehrlich und aufrichtig habe 
ich ihm nachgetrauert. Das schwarze Kleid war keine 
Maskerade mehr und ich weiss bestimmt, dass, wenn 
Verstorbene wirklich herab sehen können, er gern den 
Veilchenkranz genommen hat, den ich in seinen Sarg 
gelegt. — 
Von der Stunde an ist wieder vieles lebendig in 
mir geworden. Ich empfand wieder Freud und Leid 
und die Zeit hat mir seither mancherlei gebracht. Auch 
Blumen sind mir hier und da bescheert worden, aber 
e? waren niemals mehr Veilchen, bis jetzt, bis heute.« 
Eine lange Pause trat ein. Keiner von Beiden wagte 
das Schweigen zu brechen. Endlich nahm sie die 
Blüten vom Tisch und noch einmal sinnend darauf 
blickend sprach sie leise: »Nein, nein, ich bin nicht 
abergläubisch und ich will es auch garnicht leugnen, 
dass ich dir von Herzen gut bin. Aber die Schatten 
der Vergangenheit, die diese Veilchen heraufbeschworen 
haben, sind zu mächtig. Sie verdunkeln die Sonnen 
strahlen der Gegenwart so, dass ich den Weg in diesem 
Augenblick nicht sehen kann. Und nun, mein Freund, 
nun geh’ für heute, und morgen sprechen wir weiter.« 
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