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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

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Liebe! 
Ein Märchen von M. Korn. 
(Nachdruck verboten). 
Es war ein armer Mensch, ein Dichter, der hatte 
nur noch einen Tag zu leben, denn eine gar kluge Frau 
hatte ihm gesagt, dass er ein krankes Heiz hätte und 
dass es ihm eines Tages brechen würde. Nun stand 
der Tag, den ihm die kluge Frau bestimmt hatte, be 
vor und der arme Dichter sann nach. «Ei», sprach er, 
«ist dies nicht der wichtigste Tag meines Leben? 
Klar kommt es mir zum Bewusstsein: morgen werde 
ich nicht mehr sein, darum empfinde ich es jetzt um 
so mehr, dass ich noch bin, dass ich lebe, dass jeder 
Augenblick unwiederbringlich ist. Klar kommt es mir 
zum Bewusstsein, dass die kluge Frau wahr sprach, 
denn all mein Leben lang brannte mein Herz in tiefem 
Weh, jetzt aber werden die Schmerzen fürwahr uner 
träglich und ich sehne den Tod herbei. Der Tag aber, 
der gegenwärtige, ist noch mein und ich will mich seiner 
freuen, so gut es ein armer Mensch vermag; — ich 
will mich auf den Weg machen und durch Felder und 
Gärten gehen, damit meine Augen alle Schönheit trinken, 
die sie nur erschauen können und ein letztes Lied will 
ich dichten, wie mir noch keines gelang, das soll den 
Menschen Jubel und Freude bringen nach meinem Tod.» 
Der arme Dichter sah auf, nachdem er also zu sich ge 
sprochen und sah draussen am blauen Himmel die 
Sonne glühen und lachen — in sein ärmliches Kämmer 
lein jedoch fiel kein einziger Strahl, da war es dunkel 
und einsam. 
Drauf eilte er hinaus, um sich des Sonnenlichtes zu 
freuen, aber unversehens hatte sich der Himmel ver 
finstert und schwere Regenwolken zogen auf; dicke 
Tropfen fielen zur Erde, erst langsam und schwerfällig, 
dann immer schneller — unaufhörlich. Traurig blickte 
der Dichter zu den Wolken auf und sprach: Der 
Regen rinnt wohl bis zum Abend und verhüllt den 
blauen Himmel, ich werde das Licht der Sonne nicht 
mehr sehen.» Plötzlich sprach ein Freund ihn an 
«Was stehst Du hier und lässt Dich vom Regen durch 
weichen, hast Du vergessen, dass ich Dich heut zu 
einem Freudenmahle lud? Schon vor langer Zeit 
sagtest Du mir, heut sei ein wichtiger Tag für Dich — 
zwar weiss ich nicht, was Dein Herz bewegt, doch 
wollen wir diesen Tag miteinander feiern; komm mit!» 
Und der Dichter folgte dem Freunde willenlos, denn 
die Sehnsucht in seinem Herzen wuchs und wuchs — 
die Sehnsucht nach der Freude. 
Doch wie er an festlicher Tafel sass und der gast 
liche Freund den funkelnden Champagner in die Kelche 
goss, als er den Arm ausstrekte, um zu trinken, zwang 
ein Unsichtbarer mit eisernem Griff seine beiden Hände 
herunter. — 
Marie Dracli 
Verfasserin unserer Novelle »Veilchen 
«Ich werde nimmer trinken», sprach leise der Dichter, 
— der Tod hatte ihn angefasst. 
Dennoch stand er auf und lachte dem betroffenen 
Freunde ins Gesicht: «Noch lebe ich und noch lebt 
meine Sehnsucht nach der Freude und nach der Liebe 
ungestillt, denn das neidische Schicksal vergönnte mir 
nicht Freude, nicht Liebe; aber ich spotte sein und 
will jetzt am Ende das Lied singen, das den Menschen 
Freude bringen soll; — was aber sing ich an solch 
schlimmen Tag?» 
Da tat die Tür sich auf und auf goldenem Thron 
sah der Dichter eine wunderherrliche Frau in strahlen- 
weissem Kleide sitzen, die lächelte und sprach: «Sieh 
mich recht an, armer Dichter, denn Du kennst mich 
nicht, obwohl Du Dich ein Leben lang sonach mirgesehnt 
hast, dass Dein Herz schier zerbricht; ich bin die Liebe. 
Komm und küsse mich, dann ist Dein Sehnen gestillt, 
auch die Freude brauchst Du dann nicht mehr zu suchen, 
weder im Sonnenschein, noch beim Festmahl — ist sie 
doch nur meine Kammerfrau, die mir die Schuhbänder 
knüpft; stets weilt sie bei mir.» Und der Dichter eilte 
zu der schönen Frau mit seinem armen kranken Herzen, 
noch einmal hoffend, in den Armen der Liebe ganz zu 
genesen, doch an den Stufen des Thrones stürzte er 
zusammen und vermochte sich nicht zu erheben. — 
«Ich habe Dich so oft gerufen», flüsterte er mit wehem 
Blick, «warum kamst Du nicht? Mein Herzblut hätte 
ich für Dich vergossen, tausend Lieder hätte ich Dir 
gesungen — warum kamst Du nicht? 
Lächelnd sprach die Liebe: «Ich habe Launen; 
bin ich nicht eine Frau?» — Und des armen Dichters 
Herz brach bei ihrem Lachen. 
Q?°n M. 3. 
(nad^rurf perboten). 
3 n einem Cafe etn ungfetcßce (paar: 
«Sin würStger Elfter mit fcßncewetßcm J^aar, 
(üor Sen .Rügen Sen fcßwarjumranSefen Kneifer, 
(UnS neßen tßm etn ßfufjungce (Beftcßf, 
©te ;§rau (Bcmaßfin, — faßt gfaußf man te ntcßf, — 
©ao Köpfcßcn fo fein unS fo tnfereffanf, 
Js>te fäcßeff unS tieft im Journal amüsant. 
.Hm marmornen Ctfcßcßcn gfeieß neßenan, 
©a fityt ein etnjefner junger (Wann. 
(Br ßaf ein frtfcßeo unS fteeftee (Beftcßf, 
®afs fiept er Sie ,,jjugcn6'\ ßafS fieff er fie ntcßf. 
(Uno fieff er nießf, gfeifet ein ffücßftger Qgficft 
Jum Köpfcßen Saneßen unS wte&cr jurüeft. 
ßic ßaf te nafürfieß feßon fange gefeß’n 
(UnS gießt Sae Surcß fäcßefnSen ®ftcft 5U vcrffeß’n, 
feßießf er Sen jfu(3 ganj verffoßfen ßin 
?um wtppcnScn J’iifjeßen Ser QXacßßarin, 
3«^f ßaf er Sae |=>ößfcßen gan^ feife ßerüßrf 
(UnS ßaf aueß Sen (BcgenSrucft Seufficß gefpüvf. 
©er QYlenfcß tm Cafe naeß einiger $rtff, 
CrßunStgf fieß, wenn er ein JjfremSer Sorf iff: 
„Jlcß, Keffner, fagen ßie, wo iff Senn ßter“ .... 
„Jcß ßtffe, mein Jßcrr, ftnRo ßerum, fcfjfc Cür“. 
<Br war noeß nießf von Sem Qpege juriieß, 
©a ereiffe QTlaSame ein gan3 gfeicßeo (Bcfcßtcfi. 
©a ftnS fie fieß unferwege Begegnet, 
©a ßaf er Siefen „Jufaff“ gefegnef. 
©a ßaf fie von tßm feßr ßafS vernommen, 
(Br möcßfe mtf ißr gern jufammenftommen. 
©a ßaf fie gefragt, wao er von ißr Säcßfe 
(UnS — wo er mtf tßr jufammen fetn möcßfe. 
3«ß tnerftf’ auf Steo kreißen Sie ganje 'Jett, 
(UnS mir faf Ser eßrwürStge (Baffe fetS. 
jifcß fagfe Sao aueß einem jfrcunSe am £tfcßc, 
©er aßer enfgegnefe: ,,jfaufe jftfeße“! 
©u Senftff woßf noeß gar, mein fteßer J^oßn, 
©er affe ®uc&ermann wetfj ntcßfa Savon, 
fowae von feinem l&cßafj ntcßf erwartet? 
©u jäcßäfcßen, Sie jäaeße tff aßgeftarfef".
        
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