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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

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machen und blieb eine Viertelstunde lang in stane 
Betrachtung meiner Person versunken. Schliesslich sagte 
er zu mir: „Kommen Sie morgen wieder!“ 
Ich kam wieder und fand in seinem Arbeitszimmer zwei 
andere Doktoren, die, als ich eintrat, ihre Blicke auf mich 
hefteten und mich durch ihre goldenen Btillen ansahen. 
Ich erzählte von neuem meine Geschichte, während einer 
von ihnen Notizen machte, und als ich fertig war, sahen 
sie sich gegenseitig an und machten Geberden aussei- 
ordentlicher Bewunderung. Die Zeichnung des Apparates 
Johann Emanuels bildete den Hauptgegenstand ihrer 
Unterhaltung. Der ehrenwerte Clerk-Maxwell wünschte, dass 
ich in diesem Hause bleiben solle, damit er Beobachtungen 
und Versuche mit meinem Zustande vornehmen könne. 
Diese dauerten 15 oder 20 Tage. Er liess dreimal aus 
meinem Arme starke Mengen Blut ab und unterwarf das 
selbe einer Unmenge von Proben und Analysen. 
Jeden Tag besuchten mich fünf oder sechs Doktoren. 
Clerk hatte in seiner Wohnung einen richtigen Cirkus, in 
dem er mich am Ende der 20 Tage vorführte, und ich 
fand dort einen medizinischen Kongress, dem ein alter, 
ansehnlicher Mister präsidierte. 
Ich musste ihnen gegenüber wie ein Angeklagter vor 
Gericht Platz nehmen, und Clerk verlas eine wissenschaftliche 
Abhandlung, worin es hiess, dass mein Dasein tatsächlich 
ein Geheimnis wäre, und ich mich zum Heile der Wissen 
schaft einer Beobachtung von fünf bis sechs Jahren unter 
ziehen möchte. Ein verworrenes Murmeln begleitete seine 
letzten Worte. Darauf erhob sich der angesehene Sir 
Down-Sehouard und verlas eine Gegenabhandlung, die darin 
gipfelte; dass ich verrückt sei, von einer Art Veirückter, 
die noch nicht genügend erforscht wäre, und dass meine 
Erinnerungen Produkte einer aufgeregten, unglücklichen 
Einbildung seien. 
Mehrere Aerzte wiedersprachen. Der Vorsitzende unter 
stützte des Letzteren Gutachten. Zwei Stunden Jang de 
battierten sie, und nach einem unbeschreiblichen ITöJlenlärm 
wurde das Ergebnis verkündet und ich sowie der Doktor 
Clerk mit acht gegen fünf Stimmen für — verrückt erklärt. 
Als ich nach Hause kam, fand ich die Doktorreclinung 
vor. Seine Untersuchungen, Behandlung, Verpflegung und 
Gutachten waren mit 8000 Dollars berechnet. Die Besuche, 
Ratschläge und Gutachten der Herren Kollegen, ob sie für 
oder gegen oder gar nicht gestimmt hatten (in dieser Hin 
sicht waren sie einstimmig), betrugen zusammen 20,000 
Dollars. 
Ich hatte leider Mr. Clerk erzählt, dass ich Millionär sei. 
Ich bezahlte ihn gewissenhaft und befand mich schlechter 
als vor der Konsultation, in sehr gedrückter Stimmung mit 
meinem unnormalen Dasein, ohne Mittel dagegen und einer 
geschmälerten Börse. 
Auf einem Schiff nahm ich Ueberfahrt nach Spanien, 
überzeugt, dass der arme Doktor Johann Emanuel mehr 
gewusst hatte als alle diese Doktoren zusammen, und jetzt 
dachte ich an nichts mehr, als den Traum meines Lebens 
zu verwirklichen: in meinem Vaterlande, in meinem Hause 
in Gusurrandi zu sterben. 
* * 
* 
Als ich im Hafen von G. ans Land trat, umringten mich 
Geheimpolizisten und führten mich ins Gefängnis. 
Warum? 
Ein Reisegefährte, dem ich während der Ueberfahrt etwas 
Geld geliehen hatte, hatte mich beim Kapitän des Schiffes 
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denunziert, dass ich ein berüchtigter Verbrecher sei, der mit 
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dem Vermögen einer grossen amerikanischen F'abrik nach 
Spanien käme. Ich erhob vor Gericht Widerspruch, aber 
da ich keine Zeugen stellen konnte und man viel Geld bei 
mir fand, machte die Gerechtigkeit die Augen zu oder zu 
weit auf, und ich geriet in den Verdacht, ein grosser Spitz 
bube zu sein, worauf ich in eine Zelle gesperrt wurde. Hier 
blieb ich für eine lange, sehr lange Zeit begraben. 
Ich dachte mehrmals daran, nach meiner Heimat zu 
schreiben, damit einige Leute, die sich meiner erinnerten, 
mich rekognoszieren sollten; aber wer würde von Denen, 
die ich gekannt hatte, noch leben? Und wenn Jemand lebte, 
wie sollte er mich erkennen! Der Gefängniswärter sah mich 
immer sehr misstrauisch an, und nur mit vieler Mühe er 
hielt , ich von ihm Papier und Schreibmaterial, um meine 
Memoiren niederzuschreiben. . Er brachte die ersten Bogen 
dem Gericht,, und da sie in Baskisch verfasst waren, konnte 
sie niemand lesen; man gab sie mir wieder und sagte meinem 
strengen Kerkermeister: das bedeute weiter nichts und sei 
und sei das Werk eines Verrückten. Darauf verdoppelte er 
seine Vorsicht, schloss meine Zelle mit doppelten Türen 
und bediente mich durch ein Loch am Boden. 
Ich weiss nicht, wer den Einfall hatte, die Gefängnisse zu 
besuchen. Als sie an meine Zelle kamen, tat der Gefängnis 
wärter einen Schrei des Erstaunens und fuhr entsetzt zurück. 
Er hatte einen Mann von'ungefähr 30 Jahren eingeschlossen, 
der gross, gebräunt und bärtig war, und fand jetzt einen 
Jungen von kaum 18 oder 20 Jahren, ohne ein Haar im 
Gesicht, und in den Lumpen meines alten Anzuges, der mir 
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viel zu weit geworden waf. 
Ich wurde aufs neue vor den Richter gebracht und er 
fuhr dadurch, dass ich mehr als 10 Jahre eingeschlossen ge 
wesen, und von meinem Gelde aus Ameiika nicht ein Pfennig 
übrig geblieben sei. Die „Gerechtigkeit“ hatte alles zur 
„Ermittelung des Tatbestandes“ verbraucht. Das Endergebnis 
dieser neuen Untersuchung war, dass ich nicht ich wäre, 
und dass der Millionendieb entwischt und mich an seiner 
Stelle gelassen hätte. Der Gefängniswärter wurde als Mit 
schuldiger eingesperrt, während ich gehen durfte, da sie nicht 
ermitteln konnten, wer der neue Ich, den sie in mir gefunden 
hatten, wäre. Den andern entwischten Ich suchten sie 
überall durch Steckbriefe und konnten ihn nicht finden. 
Wo sollten sie ihn auch finden? 
Zu Fuss, gleichsam bettelnd, erreichte ich meine Heimat. 
Ich fragte, ohne zu sagen, wer ich sei, nach Denen, die 
meice Nachkommen sein mussten, und man wies mich an 
meine bereits verheirateten Enkel. Ich suchte mein Haus 
und meinen Garten wieder auf und küsste hundertmal jene 
Steine, die vor einem Jahrhundert Zeugen meiner Freuden 
gewesen waren. 
Voll tiefer Trauer und beschämt floh ich. Wenn ich ge 
sagt und bewiesen hätte, wer hätte es geglaubt? Sicher 
wäre ich. von meinen Verwandten verfolgt, aufs neue ins 
Gefängnis oder gar ins Irrenhaus gekommen. 
Ich kehrte nach Madrid zurück, wo ich in einem Zeit 
raum von 12 Jahren Diener, Klosterbruder, Strcichholzhändier, 
Zeitungsverkäufer, Stiefelputzer, Sandkärrner und Gott weiss 
was noch alles war. Inzwischen fuhr ich fort, meine 
Memoiren zu schreiben und meine Tonpfeife zu rauchen. 
Mein Gedächtnis hatte sich erhalbm und erhält sich noch 
deutlich, aber meine Handschrift wird jeden Tag schlechter, 
und schliesslich werde ich natürlich nicht mehr schi eiben 
können und nichts wissen. 
1803 war ich 7 oder 103 Jahre alt. Heute bin ich 5 
Jahre alt und auf einen kleinen Teil meiner ursprünglichen 
Grösse zusammengeschrumpft. Meine Manneszähne sind mir 
ausgefallen und meine Kindeszähne wiedergekommen. 
Hübsche blonde Haare bedecken meinen Kopf und meine 
Fassung geht mit meinen Kräften und kindlichen Ansichten 
zu Grunde. Wandernd, wandernd und vieles erduldend bin 
ich in meine Heimat zurückgekehrt. Ich sage, dass ich 
eine arme Waise bin, und in allen Häusern gibt man mir 
Almosen. Aber obgleich Bettler, bin ich doch zufrieden; 
denn wie tröstend ist es, in der Nähe des Hauses zu leben, 
in dem man geboren ist.“ 
(Hier wurde das Manuskript undeutlich, und weiter unten 
stand in fast unleserlicher Schrift: 
„Es ist mir nicht mehr möglich, die Feder zu halten 
und einen Buchstaben neben den andern zu setzen. Ich 
weiss nicht, was mit mir werden wird. Nur bitte ich Den, 
der mich eines Tages finden wird, wenn ich nicht mehr 
sprechen und essen kann, dass er mich, wenn er diese 
Blätter liest, nimmt und in das Haus von Gusurrandi bringt, 
da ich dort zu sterben wünsche. Joseph Anton. 
Während ich las, hatten sich die Frauen um mich her 
um wie Bildsäulen aufgerichtet uud sich mit Zeichen des 
Erstaunens oftmals bekreuzigt. Als ich endete, riefen sie 
im Chor aus: 
„Jesus, Jesus! Heilige Mutter Barbara! Unglaublich 
ist das! Unglaublich!“ 
Die Hausfrau lag ohnmächtig in den Armen ihres 
Gatten. 
„Satan war dieses Geschöpf, Herr!“ sagte Gusurrandi 
in seinem halb baskischen Dialekt. 
„Nein, mein Lieber,“ entgegnete ich, „es war Ihr Ur- 
grossvater, dem Ihre Frau Milch gegeben hat . .
        
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