Path:

Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

„Mehr, mehr!“ 
Und wiederum verstrich, ich weiss nicht, wieviel Zeit. 
Dann kam ein Augenblick, in dem ich bemerkte, dass 
ich mich nicht bewegen konnte. Ich hatte Durst. Ich 
konnte kein Wort herausbringen, hörte aber immer noch 
das eintönige Geräusch des Blutes, das in den Kessel strömte. 
Mein Auge war gut, ausserordentlich gut; eine ungewöhnliche 
Schärfe des Sehens hatte sich eingestellt. Der Doktor fühlte 
wieder meinen Puls. 
„Gut — ein wenig noch und dann genug,“ sagte er. 
Und er blieb stehen und sah mich eine Weile an. Dann 
verband er meine Wunde, legte mir lächelend die Hand 
aufs Herz und nahm ein wassergetränktes Stück Watte, das 
er mir in den Mund bis in die Kehle schob und mit dem 
Stiel eines Holzlöffels festdrückte. Die Nase verstopfte er 
mir mit Stücken feuchter Charpie. 
„So,“ sagte er, „so ist es gut. Jetzt wenig atmen, sehr 
wenig, fast nicht; das Plerz darf sich kaum bewegen, wir 
werden um' einen Schritt dem Tode nahe sein, aber ihn 
nicht erleiden.“ 
Ich befand mich in einem unbeschreiblichen Zustande. 
Schmerz fühlte ich nicht. Es kam mir vor, als hätte ich 
keinen Körper, da ich nur im Kopfe Wärme und Leben 
bemerkte, und ich fühlte einen Druck in der Brust, als ob 
man mir die Rippen zerbrochen und alle Glieder verrenkt 
hätte, wenn ich alle fünf Minuten ein wenig Luft durch die 
feuchte Watte atmete. Mein Kopf glühte, und die spärlichen 
Pulse des Herzens machten sich an meinen Schläfen und in 
meinen Ohren wie Plammerschläge bemerkbar 
Nachdem Johann Emanuel' mich angesehen, nahm er aus 
einem Krug Apfelwein einen kräftigen Schluck. 
;,Das ist nötig,“ meinte er dabei, „damit mein Puls nicht 
zittert. Ah, mein Lieber! Wie Hel zweihundertjährige 
Eichen wirst Du noch ins Feuer werfen, nachdem Du selbst 
sie gepflanzt hast.“ 
Und er sah in alle Winkel des Zimmers, öffnete und 
schloss sorgfältig die Fenster und legte mir wieder die Pland 
auf das Herz. 
„Jetzt fehlt Dir zum Tode nur eine Haarbreite, aber 
diese Grenze werden wir nicht überschreiten.“ 
Der Doktor ging aus dem Zimmer und kam nach einer 
Weile mit einem seiner Enkel, einem Knaben von vier 
Jahren, im Arm zurück. Der hübsche Junge schien fest 
zu schlafen, Er legte ihn neben mich, bekreuzte sieh und 
bedeckte mir die Augen mit einem Tuche. Dann setzte er 
sich auf den Rand des Bettes und sprach, während er uns 
betrachtete, mit näselnder, unterdrückter Stimme: 
„Das geht gut! Es ist klar: das Gerüst meines Freundes 
ist alt, von der Zeit morsch geworden, es stirbt ab; nicht 
die Knochen, die Jahrhunderte überdauern können, sondern 
das Blut, das vollständig verbraucht ist. Also erneuern wir 
das Gerüst mit einem anderen, gut genährten, lebensfähigen. 
Guter Saft und gute Kraft gibt gute Bäume. Das Leben 
bleibt nicht in einem engen, zerbrochenen, vertrockneten 
Körper. Du wirst leben, mein Lieber! Ich bin ein sehr 
grosser Mann. Es ist wahr, ich habe kein Buch gelesen, 
bei Niemandem studiert, aber — fort mit dem Aber! Das 
Blut in der Bewegung ist wie der erzeugende Same, an der 
Luft wird er unfruchtbar; es ist wie der Fisch, an der Luit 
stirbt er. Das ist die Hauptsache: die Luft darf das 
wiedererzeugende Blut nicht berühren. Es muss rein, warm 
vom Herz des Knaben in das des Alten, dem Tode Nahen 
übergehen. Der Alte verliert sein Blut. Da ist es im 
Kessel, es sieht schmutzig aus. Da sind 85 Jahre, das ist 
das verfaulte Gerüst. Der Knabe gibt ihm das seine, mehr 
ist nicht nötig. Er wird acht Tage schwach bleiben und 
nach dieser Zeit kräftig weiterleben. 
Das Blut ist Feuer: ein Tropfen genügt, um ein neues 
Leben, dieses, um eine ganze Generation hervorzurufen. 
Was sind wir mehr als ein Tropfen verwandelten Blutes! 
Ich weiss, dass die Doktoren in Salamanca über mich lachen 
würden. Wenn mein Freund 2000 Jahr alt sein wird, wo 
werden die Doktoren von Salamanca sein? Dann werden 
wir über sie lachen“. 
Wiederum legte er die Hand auf meine Brust. Mein 
Herz schlug kaum noch, der Lärm in meinen Ohren war 
schwächer geworden. 
„Es ist Zeit,“ rief er aus, „er wird nichts mehr fühlen!“ 
Dabei nahm er das Tuch von meinen Augen, ergriff den 
sonderbaren Apparat, der auf den Tisch stand, und band 
mir den Plals mit seinen Binden fest; das Gleiche tat er mit 
dem Knaben, der unbeweglich an meiner Seite blieb. Aus 
einem Topfe nahm er eine schwarze Schmiere, mit der er 
alle Schrauben einsalbte, ehe er sie mir an den Hals legte, 
bis auf eine Stelle, an der er mit einer Mutter eine Falte 
in meine Plaut legte. Unter deu Drähten, die den Apparat 
bildeten, waren zwei sehr dicke, lange, veistärkte, die der 
Doktor mit beiden Enden ergriff. Schliesslich zerrte er 
daran, als ob er sie trennen wollte, und ich fühlte am 
Plalse, da, wo die Falte war, einen stechenden Schmerz, 
als ob man mich tief verwundet hätte. Der Knabe zeigte 
gleichzeitig einen gewaltigen Schreck. 
Dann sah ich nichts mehr. Eine Wolke legte sich auf 
meine Augen. Ich hörte nur, dass Johann Emanuel sich 
die Hände rieb und sagte: „Es schlägt schon, es schlägt 
schon! Zwanzig Jahre Nachdenkens und Arbeitens darüber! 
Die Luft kommt nicht heran, die Luft ist bezwungen. Es 
schlägt schon! Hier sind zwei Körper in einen vereinigt; 
ein jugendliches Leben, das ein altes, hinfälliges auffrischt. 
Diese Wonne! Line Stunde und fünf Minuten genügen.“ 
Als er schwieg, merkte ich, dass er den Krug nahm und 
wieder trank. 
Am nächsten Tagg fand ich mich in demselben Belte 
sorgsam zugedeckt, Ich schlug die Augen auf und sah den 
Doktor vor mir, der lachte. Ich wollte sprechen, konnte 
aber nicht Der Doktor legte den Zeigefinger an die Lippen 
und schüttelte den Kopf, um mir anzudeuten, dass ich kein 
Wort sprechen dürfe. Dann sagte er: 
„Wir sind zufrieden. Du hast bereits die wiedererzeugende 
Kraft in Dir und fängst jetzt an zu leben, als ob Du vier 
Jahre alt wärest.“ 
Er untersuchte sorgfältig meinen Puls und fuhr fort: 
„Schreckliche Flitze! Das neue Blut schlägt in diesem Körper 
wie ein Giessbach in einem verfallenen Mühlgraben. Hundert 
achtzig Pulsschläge! Fla, dieses Leben! Das Fieber wird 
vierzehn Tage dauern. Während dieser Zeit wirst Du nur 
Milch trinken, die ich Dir von übermorgen an geben werde. 
Mein Apparat ist ein Wunder und meine Wissenschaft ein 
noch grösseres. Mein armer Enkel wird auch ausruhen 
und in sechs Tagen seine Gesundheit und Kraft wiedei- 
erlangen.“ 
* * 
* 
Er ging, seine Besuche zu machen, und kam noch mehrere 
Tage stündlich, meinen Puls zu fühlen, mit mir zu sprechen 
oder mir Milch zu geben. Mein Zustand war ein ganz 
sonderbarer. Ich fühlte starke Hitze im ganzen Körper, 
mich ergriff Zittern, wenn ich einatmete, mit leichten Stichen 
in der Brust, den Seiten und der Schulter, und ich fühlte 
mich wohl und zufrieden, wenn ich ausatmete. Allmälig 
konnte ich sprechen und mich im Bette aufrichten. Nach 
zwanzig Tagen kehrte ich, begleitet von Johann Emanuel, 
nach Flause zurück. Unterwegs sagte er zu mir: 
„Ich glaube, dass dein Leben nun für eine neue Zeit 
gesichert ist, aber sieh’ Dich vor, es nicht zu vernichten! 
Denn auch jetzt bist Du wie früher jeder Krankheit und 
jedem Unfall ausgesetzt, die Dich töten können. Ich habe 
nur deine Tage verlängert, indem ich die Ursache und die 
Quelle Deines Lebens erneuert habe. Jetzt ziemt uns, ruhig 
abzuwarten.“ 
Einige Zeit verstrich. Meine Kraft und Gesundheit waren 
beneidenswert, bis auf dieses sonderbare Gefühl in der Brust, 
das sich beim Atmen wiederholte. Ich war noch nicht von 
der Gewissheit der Pläne Johann Emanuels überzeugt, be 
trachtete die ganze Operation als eine im Rausche begangene 
Dummheit, und erwartete mein Ende in dem Alter, in dem 
Greise sterben. 
Fünf Jahre später war mein Gesicht rosiger, mein Puls 
schlag stärker geworden, — sonderbarerweise — der kahle 
Teil meines Hauptes hatte sich wieder mit schönen, weissen 
Flaaren bedeckt. Ich war erstaunt. Meine Kräfte und mein 
Appetit hatten sich verdoppelt, und die Schwielen, die ich 
an den Händen hatte, waren verschwunden. 
Johann Emanuel, der damals siebenzig Jahre alt wurde, 
zeigte sich närrisch vor Freude. Er brachte ganze Stunden 
rauchend bei mir zu und betrachtete mich mit dem ganzen 
Interesse, mit dem ein Künstler sein Lieblingswerk ansieht. 
„Was mich erschreckt,“ sagte ich zu ihm, „ist dieses 
seltsame, anhaltende Drücken in der Brust.“ 
„Mich auch,“ erwiderte er. „Ich denke schon vier Jahre 
darüber nach und kann die Ursache nicht finden. Wenn 
ein Mensch umzieht, kommt ihm die neue Wohnung für 
einige Tage fremd vor, aber schliesslich gewöhnt er sich 
daran und lebt ruhig. Nun, zum Teufel! Nach fünf Jahren 
könnte sich doch das Blut meines Enkels daran gewöhnt 
haben, durch Deinen Körper zu laufen!“ 
Wieder waren drei Jahre verflossen, mein Gesicht noch 
frischer, meine Gesundheit und Kräfte noch stärker geworden. 
An dem Tage, da ich 100 Jahre alt wurde, versammelten 
sich bei mir alle Verwandten, ausgenommen achtzehn von 
ihnen, die gestorben waren, seit ich mein 85. Jahr vollendet 
hatte. Der Doktor war sehr alt geworden. Seine Kraft 
nahm sichtlich ab, und nur seine Augen strahlten in Leb 
haftigkeit und Zufriedenheit. Der Arme trank kaum noch 
Sagardua, ich dagegen goss ungezählte Gläser hinunter. 
Eines Morgens kam er ganz früh in mein Haus, schloss 
die Stubentiir und sagte zu mir: 
„Bist Du jetzt überzeugt?“ 
„Ja mein Lieber, ich bin vollkommen überzeugt." 
„Schön. Wenn wir noch länger warten, kann alles 
misslingen. Ich fühle mich sehr schwach, und es passt mir 
nicht, zu sterben, da ich das Leben in der Fland habe. 
Aber es ist die eine Schwierigkeit: hier können wir nicht 
weiterleben. Man würde uns unausgesetzt verfolgen. Du 
müsstest mir ein grosses Opfer bringen. Lass uns nach 
Frankreich gehen!“ 
„Nach Frankreich?“ 
„Ja. Ich werde Dich in mein Geheimnis einweihen, 
Du wirst die Operation an mir machen, und wenn es gut 
geht, werden wir sie in 100 Jahren veröffentlichen.“ 
„Ich schulde Dir mein zweites Leben und werde Dir 
folgen.“ 
Ich nahm einige Hundert Dukaten, die ich liegen hatte, 
mit, wir kauften zwei junge Maultiere, und unter dem 
Vorwände, ein Gelübde erfüllen zu wollen, wandten wir 
uns nach der Grenze. 
* * 
* 
In Bordeaux begann Johann Emanuel, mich in sein Ge 
heimnis einzuweihen. Mein Gedächtnis schien immer stärker 
zu werden, und mein Blick wurde regelmässig, während 
ich vorher weitsichtig gewesen war. 
Meine Flaare waren allmählich wieder schwarz geworden, 
mein Appetit wuchs täglich mehr. Johann Emanuel war 
völlig verwundert. Ich schien mit meinen 106 Jahren viel 
jünger als er, und sein Erstaunen erreichte den Gipfel, als 
ich ihm gestand, dass mir die Tochter unserer Wirtin, 
Fräulein Bacurt, sehr sympathisch sei, und dass ich sie zu 
heiraten gedächte. 
Da in der Welt nichts verborgen bleibt, geriet die ganze 
Stadt in Aufruhr, als es hiess, ein Mann von ICO Jahren 
wolle heiraten. 
„Deine Torheit kann uns teuer zn stehen kommen“ 
sagte der Doktor traurig zu mir. „Ich muss mich von Dir 
trennen und vor Kummer sterben, wenn Du auf mich 
nicht hörst.“
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.