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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

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Der Wiedergeborene. 
Eine unglaubliche Geschichte. 
Von R. Becerro de Bengoa. 
Autorisierte Uebersetzung aus dem Spanischen. 
Eines Nachmittags im August des Jahres 1870 kam ich 
von einem Ausflug über die Berge an die Ortschaft Legutiano, 
gerade in dem Augenblick, als sich ein Zug von Bauern 
gegen den Kirchhof bewegte; sie geleiteten den Leichnam 
eines Kindes, der mit Blumen überdeckt auf Kissen lag 
und nach der Sitte dieses Landes von einer alten Frau in 
einer Wiege auf dem Kopfe getragen wurde. 
„Wessen ist das Kind?“ 
„Niemand weiss es,“ antwortete mir ein Bauer. „Das 
ist eine Sache, die noch nie da war. Wir fanden ihn lebend, 
entblösst, dort im Hohlweg, wie zweijährig aussehend, und 
brachten ihn in das Haus von Gusurrandi. Allmälig 
schrumpfte er zusammen, hörte auf, Nahrung zu nehmen 
und bekam das Aussehen eines Neugeborenen. Merkwürdige 
Sache! Er hat Runzeln im Gesicht wie ein Alter und 
fleckige, verbrannte Finger wie wir, die wir Pfeife rauchen “ 
Da meine Neugier erregt war, schloss ich mich dem 
Gefolge an mit der Absicht, den Leichnam zu sehen. Bevor 
sie ihn in das Grab legten, untersuchte ich ihn, während 
die Frauen beteten und schrieen Der Bauer hatte recht: 
das Geschöpf bot einen unbegreiflichen Anblick. Stellt Euch 
ein neugeborenes Kind vor mit sonnegebräuntem Antlitz 
voll harter, runzeliger Falten, in den halb offenen Augen 
einen kräftigen, intelligenten Zug und an beiden Händen 
braune, rauchgeschwärzte Daumen und Zeigefinger wie ein 
alter Raucher! 
Das Kind wurde begraben, die Frauen machten ihre 
Kreuze, und ich kehrte mit dem Gefolge nach Berunegi 
zurück, um bei Gusurrandi zu übernachten. 
„Woran ist das Kind gestorben?“ fragte ich die Be 
wohner. 
„Ah, Herr Richard,“ antwortete der Hausherr, „das muss 
eine Teufels- oder Hexengeschichte sein, denn so etwas hat 
man noch nicht gesehen. Als wir ihn auf dem Felde 
fanden, ass er Maisbrot, Räucherfleisch und Suppe. Nach 
her verlor er seine vier Zähne, hörte auf, zu essen, erkannte 
uns nicht mehr und keinen anderen, und wir mussten ihn 
päppeln; aber in den letzten Tagen seines Lebens vergass 
er auch das. Erst war er ganz hübsch gross, allmälig 
schrumpfte er auf die Hälfte zusammen. Das Wunderbarste 
dabei war, das er wie ein Mann sah, immer lebhaft war 
und alles, was wir sprachen, zu verstehen schien.“ 
„Und Ihr haut keine Ahnung, woher er ist?“ 
„Nein. Eines Tages, als wir von der Arbeit kamen, 
fanden wir ihn entblösst auf einem Haufen alter Kleider. 
Er dauerte uns, und wir nahmen ihn mit. Unter den 
Kleidern lagen eine Papierrolle und eine Pfeife.“ 
„Wo sind die Sachen?“ 
„In einem Koffer habe ich sie,“ fügte der Hausherr bei. 
„Her damit,“ rief ich ungeduldig. 
„Ich werde sie Ihnen geben. Aber, nicht war, Sie lesen 
sie uns allen vor?“ 
„Gewiss, lieber Gusurrandi!“ 
„Erst werden wir essen“, sagte der Hausherr, von 
seinem Sitz aufstehend. 
Das taten wir während der Dämmerung. Als es dunkel 
war, steckten sie ein Licht an, das sie neben mich stellten, 
und alle setzten sich in engem Kreise um mich, während 
„Die lachenden Madcaps“, 
im Apollo-Theater. 
ich den Stoss Papiere, den mir der Hausherr gab, viele 
Blätter verschiedener Zeitstufen, klein geschrieben, ordnete 
und mit steigender Neugier und zu meinem wie meiner Zu 
hörer Erstaunen das Folgende las: 
„Ich hatte eben, am 20. August 1785, mein 85. Lebens 
jahr vollendet uud sass in der Küche meines hübschen Land 
hauses mit Johann Emanuel de Ursebil dem bekannten 
Arzt des Bezirkes, einem sehr gelehrten Manne, mit dem 
mich seit unserer Jugend innigste Freundschaft verband. 
Meine Kinder und Enkel waren bereits von der E'eier 
meines Geburtstages an diesem Abend nach Hause gegangen, 
und wir befanden uns mit einer alten Dienerin, die mir das 
Haus führte, allein. Es war ein Uhr morgens, und wir 
hatten bereits 84 Pfeifen geraucht und 5 Krüge Sagardua 
(Apfelwein) getrunken. Ich war damals noch kräftig wie 
eine Eiche, lebhaft und von hervorragender Gesundheit; 
trotzdem fingen von soviel Trinken und Rauchen, meine Sinne 
an sich zu drehen. Dem Doktor ging es noch schlechter 
als mir. Ueber eine Stunde schwatzte er ununterbrochen 
von Krankheiten, Schlüsselbeinen, Nervensystemen, Pflastern 
und anderen Dingen, wovon ich nicht ein Wort verstand. 
Ich hörte ihm schweigend zu. 
„Du antwortest mir nicht?“ fragte er. 
„Was soll ich dir antworten?“ 
„Sage etwas, Mensch! Woran denkst Du?“ 
„Daran, dass ich schon sehr alt bin und nicht mehr lange 
zu leben habe.“ 
Der Doktor schlug mit der Faust auf den Tisch, lachte 
auf und rief: 
I 
„Nicht mehr lange! Haha! Nicht mehr lange! Unsinn! 
Du kannst leben, so lange du willst.“ 
„Wirklich?“ 
„In der Tat! Ich habe ein sicheres Mittel, niemals zu 
sterben.“ 
„Johann Emanuel, sprichst Du die Wahrheit? 
„Die volle Wahrheit! O, wenn ich jemand finden 
würde, der nicht sterben will!“ 
„Dn wirst viele finden!“ 
„Du bist im Irrtum. Die Menschen sind in ihrer Denk 
weise sehr sonderbar; sie fürchten den Tod, aher sie fürchten 
noch mehr die Operation, die sie zu bestehen haben, um 
nicht zu sterben; das heisst, selbst wenn sie wissen, dass 
sie nicht sterben, wollen sie lieber sterben, als ein paar 
Tage leiden. Es sind Dummköpfe.“ 
Mein Kopf glühte. Der gelehrte Mann sprach mit solcher 
Ueberzeugung, dass ich mir schon vorstellte, der Tod existiere 
nicht mehr. Ich fühlte in mir eine unbegreifliche Zufrieden 
heit. Wir tranken noch einige Gläser. Der Rauch unserer 
Pfeifen erfüllte den Raum. Das Mädchen schlief auf dem 
Boden zusammengekauert. 
„Warum machst Du nicht einen Versuch an Dir?„ 
fragte ich den Doktor. 
„Komische Frage! Wie soll ich an mir selbst operieren, 
wenn ich den Verlauf meiner Beobachtungen, meiner Ge 
sundheit und Kräfte überwachen muss!“ 
Eine Weile schwiegen wir. Meine 85 Jahre drückten 
mich; ich wusste, dass mir ein neues Leben winkte, und 
war entschlossen. 
„Ich will nicht sterben!“ rief ich, plötzlich aufstehend, 
aus. „Verfüge über mich.“ 
„Topp!“ antwortete Johann Emanuel und rieb sich wohl 
gefällig die Hände. „Von heute über 80 oder 80000 Jahre 
werden wir wieder am 20. August Sagardua trinken.“ 
Darauf erhob er sich schwankend, nahm mich am Arm 
und sagte: „Komm“!“ 
„Wohin?“ 
„Zu mir! Noch diese Nacht soll alles gemacht werden.“ 
„Gehen wir!“ 
Und in Hemdsärmeln, wie wir da gerade waren, reichten 
wir uns die Hände und gingen, hierhin und dorthin 
schwankend, nach seiner Wohnung. 
Er öffnete die Tür mit einem Stoss, schlug Feuer und 
entzündete eine Lampe, die am Treppenpfosten hing, worauf 
wir in seine Wohnung stiegen. Der Doktor hing die Lampe, 
Hut und Jacket an und zog den Tischkasten auf, aus dem 
er einen Apparat mit dicken Drähten, Bändern, Blasen, 
Holzschüsseln und ähnlichen Dingen nahm, streifte sich die 
Aermel auf und zog aus dem Alkoven ein Bett bis in die 
Mitte der Stube. An dessen Seite stellte er einen grossen, 
kupfernen Kessel und sagte lachend zu mir: 
„Strecke Dich auf das Bett und — rühre Dich nicht!“ 
Ich klopfte meine Pfeife aus, lehnte sie au den Balken 
und warf mich so gestreckt wie möglich auf das Bett. Der 
Doktor nahm seine Lanzette, prüfte meinen linken Arm und 
machte mir einen breiten Schnitt in eine Vene. 
Ich hörte das Geräusch des Blutes, das in den Kessel 
zu rieseln anfing. Inzwischen bereitete Johann Emanuel 
seinen sonderbaren Apparat vor. Während dieser Zeit 
musste eine Viertelstunde verstrichen sein; mein Blut 
rieselte weiter, und ich fühlte mich schrecklich schwach. 
Der Weinrausch hatte mich völlig verlassen. Von Zeit zu 
Zeit nahm der Doktor meinen Puls und sagte, in seiner 
Arbeit fortfahrend:
        
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