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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Unsere Bilder. 
Einst charakterisierte Ludwig' BörneParis: „Nicht einem 
Strome, einem Wasserfalle gleicht hier das Leben, es fliesst 
nicht, es stürzt mit bedeutendem Geräusch.“ Das sagte 
der Grossvater der Journalistik im Gegensatz zur Mono 
tonie der Ereignisse in deutschen Landen. Viel Wasser 
ist inzwischen die Spree und die Seine hinabgeflossen und 
die Zeiten haben sich geändert. Ich glaube, ein Börne von 
heute würde Deutschland nicht mehr als wirksame Staf 
fage benutzen und gewiss nicht die Plaupritadt Berlin, um 
das mächtige Grossstadtleben der Pariser zu charakterisieren. 
Paris hat in Berlin seine konkurrenzfähige Rivalin bekommen. 
Welch ein Leben hierselbst in der Saison morte, welch ein 
Leben, wenn die Saison, wie jetzt im Monat September, 
ihren Anfang genommen. — 
Von den Persönlichkeiten, die die Stromwellen der bunten 
Ereignisse gewissermassen an die Oberfläche der Zeit ge 
schwemmt haben, bringen wir an erster Stelle Fräulein 
Hedwig von Bismarck. Diese in Berlin wohlbekannte 
Dame beging vor kurzem unter Anteilnahme höchster Kreise 
ihren 90. Geburtstag. Wenige Monate jünger als ihr Vetter 
Otto von Bismarck, war sie eine Spielgefährtin des späteren 
Kanzlers und stand mit ihm bis zu dessen Tode in freund 
schaftlichem Verkehre. — Wir hab^n das Vergnügen, 
unseren Lesern heute den Direktor des „Neuen Theaters“ 
und den neuen Direktor des „Deutschen Theaters“ Max 
Reinhardt im Bilde vorzuführen. Ich glaube, die Aufnahme 
ist für die Bedeutung Reinhardts in der Theaterwelt und im 
Reiche der Literatur sehr charakteristisch. Ein dunkler, 
farbloser Hintergrund — aber Reinhardt sitzt am Schreib 
tisch, bie Feder in der Hand und sein Auge leuchtet . . 
Und der Glanz des leuchtenden Auges erhellt die Umgebung. 
Das ist das naturalistische Dunkel, das über den Theatern 
liegt, das ist die leuchtende Kraft seiner Sonnennatur, die 
den neuen Kunstfrühling in die Writ, welche die Bretter 
bedeuten, hervorgezaubert. Selten waren einem jungen 
Theaterleiter diese glänzenden Erfolge beschieden, noch 
seltener waren sie dem Verdienste so angemessen, als der 
Reinhardt’schen Theaterleitung. — Dii nächste Seite bringt 
uns eine Reihe Persönlichkeiten, deren erfolgreiche Berufs 
tätigkeit und bedeutungsvolles Leben in den letzten Tagen 
Feste und Jubiläumsfeierlichkeiten markierten. Sein fünfzig 
jähriges Dienstjubiläum feierte am 2. September der Ober 
staatsanwalt am Kammergericht, Geheimer Oberjuslizrat 
Ludwig Wachler. Der Jubilar vertrat in den Jahren 
1870/78 den Wahlkreis Schweidnitz-Striegau im preussischen 
Abgeordnetenhause; er gehörte der national-liberalen Partei 
an. Bei den Arbeiten der Kommission zur Reform des Straf 
gesetzbuches hat der Jubilar als Mitglied eifrig gewirkt; seit 
zwei Jahren ist er auch Präsident des Vereines zur Besserung 
entlassener Strafgefangenen. — Der Altmeister der Ohren 
heilkunde, ordentlicher Honorarprofessor und Direktor der 
Klinik der Ohrenkrankheilen an der Berliner Universität, 
Geheimer Medizinalrat Di. August Lucae, beging vor 
kurzem seinen 70. Geburtstag. Das gelehrte Geburts 
tagskind entstammt einer alteingesessenen Berliner 
Familie. Seine Ausbildung erhielt Lucae in Berlin und 
Bonn. — Als Gebuitstagskind und als Jubilar zu 
gleich wurde in diesen Tagen auch der Kgl. Musikdirektor 
Ferdinand Hummel, eine erste Kapazität auf musika 
lischem Gebiete, ge-hrt und gefeiert. Hummel beging die 
Doppelfeier seines fünfzigsten Geburtstags und seines vierzig 
jährigen Künstler-Jubiläums. Als zehnjähriger Knabe trat 
Hummel bereits mit grossem Erfolge in die Oeffentlichkeit 
und was er als Wunderkind versprochen, das hielt er sich 
ausreifend, in gereifteren Jahren. Er bewährte sich be 
sonders als fruchtbarer Tonsetzer. Er schreibt modern, 
jedoch nicht nach Art der Hypermodernen „subjektiv-patho 
logisch". Eines seiner Werke, das „Halleluja“ ist Kaiser 
Wilhelm II. zugeeignet; im Aufträge des Kaisers hat Plummel 
auch ein Werk für den deutschen Volksgesang „Armee 
märsche in Liedern“, soeben fertig gestellt. — Mit stiller 
Trauer und Wehmut im Herzen gedenken wir der Künstler 
und Gelehrten, die der Tod aus einem erfolgreichen Leben 
abberufen. Von einer mehrere Jahre andauernden und 
lähmenden Krankheit wurde vor einigen Tagen der be 
rühmte Augenarzt, Geheimrat Professor Karl Schweigger 
durch den Tod erlöst. Seit 1877 war Schweigger als 
Nachfolger Gräfe’s, Direktor der Universitätsklinik in Berlin; 
hier hat er Jahrzehnte lang gewirkt und zahllosen Leidenden 
geholfen. — Nach einem kurzen Krankenlager ist auch 
der Nestor der Berliner Künstlerschaft, Professor 
Karl Emil Doepler, der Vater des bekannten 
Malers Emil Doepler, aus dem Leben geschieden. Im März 
1824 in Warschau geboren hat Professor Doepler vor 
anderthalb Jahren n ch in viel beneidester Rüstigkeit und 
Frische seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert. Der statt 
liche, auch im hohen Alter immer noch schöne Mann mit 
dem lang herab wallenden Patriarchenbarte war eine be 
kannte Erscheinung im Berliner Leben und hat im Laufe 
der Jahrzehnte auf die künstlerischen Verhältnisse Berlins 
nach manchen Richtungen hin einen Einfluss gehabt. Die 
historischen Gemälde des Meisters, zumeist Kompositionen, 
an denen der Sinn für das Dekorative und Lebendige, das 
Farbengefühl und das reiche Detailwissen gleichermassen 
Anerkennung fanden, sind viel in Museen und Privat 
galerien verstreut. — Ein ebenso ausgezeichneter Schrift 
steller wie Gelehrter war Professor Dr. Franz Reuleaux, 
der im 76. Jahre seines arbeitsvollen Lebens Abschied von 
diesem Erdendasein nehmen musste Reuleaux war eine 
Zeit lang praktischer Ingenieur, dann Professor der Maschinen 
baukunde in Zürich, schliesslich Professor der Gewerbe 
akademie in Berlin, deren Direktor er 1868 wurde. — Wohl 
eine der berühmtesten Hochschulen der Musik nicht nur 
Berlins, nicht nur Deutschlands, sondern weit über dessen 
Grenzen hinaus ist das Konservatorium Klindworth- 
Scharwenka, die bedeutendsten Meister gehören dem 
Lehrkörper an und hervorragende Virtuosen sind aus dieser 
Anstalt hervorgegangen. Ein anerkannter Violinspieler ist 
der dort als Lehrer wirkende J. Barmas, ebenbürtig und 
gleichgeschätzt als Vortragsmeister ist van Veen; die 
Bedeutung der beiden Professoren Xaver und Philipp 
Scharwenka, deren photographische Aufnahmen inmitten 
der übrigen Lehrkiäfte des Konservatorium Klindworth- 
Scharwenka die letzte Seite des „Berliner Leben“ schmücken, 
bedarf nicht erst einer besonderen Detaillierung, um 
gewürdigt zu werden. — Wir wenden uns jetzt einer Seite 
photographischer Aufnahmen zu, die freundliche Em- 
pfindungenund lichte Bilder in uns wecken. Hier begegnen wir 
ausser einem Darsteller masculini generis meist Künstlerinnen 
der heiteren Muse. Helene Brandt-Schiile, früher eine der 
beliebtesten Schauspielerinnen im hiesigen Residenztheater, 
war in den letzten Jahren in Stuttgart, wo ihr Gatte, 
Theodor Brandt, das dortige Residenztheater leitete, der 
Liebling des Publikums. Da Direktor Brandt die schwä 
bische Residenz verliess, um dem ehrenvollen Rufe als 
Regisseur an das Wiener Burgtheater zu folgen, ist es 
möglich gewesen, Helene Brandt-Schüle, wenn auch vor 
läufig nur auf kurze Zeit, für Berlin wieder zu gewinnen. 
Sie wird am 29. S ptember ihr Gastspiel in Madame Torerca 
von Chaucel, deutsch von Max Schoenau, am Trianon- 
theater beginnen. — Frieda Hempel, welche im Königl. 
Opernhause mit so sensationellem Erfolge gastierte, ist erst 
21 Jahre alt. Sie war zwei Jahre Schülerin des Stern’schen 
Konservatoriums und hat ihre stimmliche Ausbildung bei 
Frau Prof. Selma Nicklas-Kempner, den dramatischen Unter 
richt bei Kammersänger Nicolaus Rothmühl genossen. In 
der vorigen Saison sang sie in den Aufführungen des 
„Sommernachtstraum“ im Neuen Theater allabendlich hinter 
der Szene. Ihre schöue Stimme fiel damals allgemein auf. 
Auch dem General-Intendanten des Schweriner Hoftheater, 
Excellenz von Ledebur, der die junge Sängerin sofort auf 
drei Jahre für Schwerin verpflichtete. So haben es die 
Schweriner ihrem kunstsinnigen Intendanten zu verdanken, 
wenn sie eine glänzende Koloratursängerin bekommen. — 
Thekla Hanig, eine geborere Berlinerin, erhielt ihren 
ersten Gesangsunterricht bei der bekannten Gesangsmeisterin 
Louise Rest. Seit dem 1. September d. J. gehört die 
Künstlerin als erste jugendlich dramatische Sängerin dem 
Verband des „Theater des Westens“ an; sie hat hier mit 
grossem Erfolge als „Undine“ debütiert. — Harry Waiden, 
der so oft Verlobte, hat diesmal Ernst gemacht und sich 
mit Frieda Wagen vom Josefstädter Theater in Wien, 
mit der er zusammen im Lustspielhaus gastierte, wirklich 
verheiratet. Frieda Wagen, welche in früherer Zeit am 
Lessing- und darauf am Neuen Theater engagiert war, ging 
dann von der Bühne ab, um in der Wilhelmstrasse Ecke 
Unter den Linden ein Geschäft für Damenhüte usw. zu er 
öffnen, doch kehrte sie nach einigen Jahren wieder zur 
Bühne zurück, um ein Engagement bei Josef Jarno in Wien 
anzunehmen, welches jetzt durch ihre Pleirat gelöst wurde. 
In der Zwischenzeit war sie übrigens mit dem Grafen 
ITohenthal verheiratet, die Ehe wurde aber geschieden. — 
Auf derselben Seite befinden sich noch die Photographieen 
der am Residenztheater mit Erfolg spielenden Künstlerin 
Martha Clemens und der beliebten Darstellerinnen des 
Centraltheaters Frl. Hanna Simon, Ottilie Dvorak und 
Elise Gieger. — Unsere Bilderserie „Berliner Ansichten“ 
setzten wir fort mit der photographischen Wiedergabe des 
„ITausvoigtei-Platz“. Das Charakteristische dieses belebten, 
imHerzenBerlins gelegenen Platzessind die Waarenpaläste, von 
deren Fassaden die Firmenschilder der bedeutendsten Gross 
kauf leute Berlins leuchten. Auch die zahlreichen kleinen, mit 
Waren beladenen Handwagen deuten das Industrieviertel an. — 
Noch einen Monat später und Berlin ist offiziell wieder um 
eine Kunststätte reicher. Am 20. Oktober wird die 
Komische Oprr am Schiffbauerdamm eröffnet werden. 
Wir bringen hier im Bild den Direktor Hans Gregor und 
seinen Stab. Selten hat man einer Theaterdirektion vor Beginn 
ein gleich günstiges Prognostikon gestellt, als der Direktion 
Gregors am Schiffbauerdamm, es ist anzunehmen, dass das 
künstlerische Zusammenarbeiten so vieler tüchtiger Männer, 
wie wir sie hier vor uns sehen, die Hoffnungen nicht 
trügen werden. — „Auf ins Metropol“ ist der neuste 
Schlager des Metropoltheaters. Vor wenigen Tagen hat er 
seine Prüfung abgelegt und vor dem Premierenpublikum 
wohl bestanden. Das Publikum hat gelacht, Direktor 
Schulz hat gelacht und nicht am wenigsten haben Julius 
Freund, der Librettist und der Komponist Viktor 
Holländer gelacht, die wieder auf zwei Jährchen hinaus 
für sich und ihre Mitmenschen ausgesorgt haben dürften. 
Eine der schönsten Scenen im Stück bildet die Terrassen am 
„Halensee“. — Bei dieser Gelegenheit will ich auf die 
Premiere im Deutsch-Amerikanischen Thrater „Aber Herr 
Pierzog“ hinweisen, deren Erfolg nicht nur auf die farben 
reiche, plastische Schilderung aus dem deutsch-amerika 
nischen Leben zurückztiführen ist, sondern auch auf die 
künstlerische Darstellung des Direktors Adolf Philipp und 
gleichzeitig wollen wir der lachenden Medicaps im 
„Apollo-Theater“ gedenken, der berühmten englischen 
Tänzerinnen, die alljährlich hier gastieren! — Einen seltenen 
Genuss gewährt die Besichtigung der Gemäldegalerie in dem 
Atelier der hervorragenden Malerin Selma Friedländer. 
Die Menschen, wie wir sie vor uns sehen, sind wahr, sie 
leben und doch hat sie ein individueller Kunsthauch der 
Künstlerin verklärt und die Porträts lösen in uns tiefe 
Empfindungen und poetische Stimmungen aus . . Auf Seite 
13 und 15 bringen wir Scenen und Milieus, die dem 
Kriegsgotte Mars geweiht sind; es sind Momentbilder, die 
die Herbstparade zeitigte und es sind Bilder auf der 
Oberspree, die uns die Garde-Pioniere beim Brücken 
aufschlag zeigen. Dass bei den Paradebildern der 
Berliner I-Iumor zu seinem Rechte kommt und beim Brücken 
aufschlag der preussische Schneid, das braucht nicht erst 
besonders hervorgehoben zu werden. 
Hernsic in-Samersky.
        
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