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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

aus dem halben Dunkel die schwarzen Qefächer eines 
Skripturenregals hervorgähnten. 
Und ihm schien, als wenn alle die wogenden Schleier 
rings umher sich verkörperten — ihm war, als nähmen 
die grauen Dunstgebilde Leben an — er sah Köpfe, 
Hände. Und die Köpfe mit hohlen schwarzen Augen 
grinsten ihn an und die Hände griffen nach ihm. Und 
in jedem Fache des Regals schien ein Kobold zu sitzen, 
der mit höhnender Fratze nach ihm hinblickte. Wie 
sie die Zähne bleckten! Wie sie nach ihm wiesen! 
Das ganze Zimmer war voll von Augen und Fingern, 
und alle blickten auf ihn und wiesen nach ihm. 
»Da, seht ihn, den Halsabschneider!« 
Und die Lampe über dem Tische zitterte plözlich 
in ihren Schnüren und eine Menge zitternder, flatternder 
Irrlichter huschte über den Boden, über den Teppich, 
in den die Phantasie irgend eines persischen Heiden 
ein krötenhaftes Ungeheuer hinein gewebt hatte. Und 
dieses Ungeheuer, das viele Jahre regungslos gelegen, 
zappelte plötzlich ,wie erwachend und wand den Kopf 
mit den glotzenden Augen nach ihm um, dem Manne 
im Lehnstuhl. Und der Kopf an dem Leopardenfell 
vor dem Schreibtisch — drehte er sich nicht ganz deut 
lich nach ihm um — mit listigem, katzigem Ausdruck? 
»Da, seht ihn, den Halsabschneider! 
Mr. Jefferson war es sehr unheimlich in dieser Gesell 
schaft. Die Gestalten, die er sah, waren ihm alle so 
merkwürdig bekannt, die Gesichter so unheimlich deut 
lich. Das Gespenst, das dort so unruhig umher flatterte 
um das Gesims des Aktenschrankes, — trug es nicht 
deutlich das Gesicht des James Broke, der sich erschoss, 
nachdem er fallirte? Und Marley und Jefferson hatten 
bei seinem Fallissement ein glänzendes Geschäft ge 
macht. Und das graue blaue Wesen, das da, gerade 
über seinem Haupte, immer auf und ab sich bewegte, 
war es nicht der leibhaftige Joe Spencer, der ebenfalls 
eines schnellen Todes starb, nachdem er fallirt und 
Jefferson verflucht hatte? Und alle diese schemenhaften 
und doch so unheimlich deutlichen Gestalten, auch das 
krötige Geschöpf zu seinen Füssen, das mit den dumra- 
glotzigen Augen ihn plötzlich an den armen Teufel von 
Bauern erinnerte, den er, Mr. Jefferson, bei der Terrain 
erwerbung um seine paar Pfunde geprellt, — auch der 
listig-boshaft blickende Panterkopf mit den Zügen des 
Advokaten Sheffield, den Mr. Jefferson nach dem Tower 
gebracht hatte, nachdem jener ihm sehr viele »Gefällig 
keiten« erwiesen, sie alle, alle starrten auf ihn — 
»Seht, seht ihn, den Halsabschneider!« 
Mr. Jefferson wurde plözlich an so manchen Tric 
aus seinem geschäftlichen Leben erinnert. Ja ja, die 
Geschäftsverbindungen mit ihm waren Manchem zum 
Verderben geworden und mancher Fluch war auf ihn 
geschleudert worden. Mr. Jefferson blickte finster vor 
sich hin und sein Unterkiefer schob sich etwas vor, wo 
durch sein Gesicht einen sehrgrausamen Ausdruck bekam. 
Ah bah, was ging ihn das alles an! 
Freilich, er war ein sehr energischer Geschäftsmann 
und ging in seinen geschäftlichen Angelegenheiten 
immer sehr konsequent zu Werke. Die Rüstkammer 
seiner Manipulationen war äusserst reichhaltig — aber 
was ging es ihn an, wenn er über Mittel verfügte, die 
andere aus kleinlichen, humanitätsduseligen Gründen 
verschmähten! Die Konkurrenz ist eben ein Kampf 
bis aufs Messer — und auf jedem Schlachtfeld gibts 
Leichen. War es nicht sein gutes Recht, danach zu 
streben, nicht zu den Leichen, sondern zu den Siegern 
zu gehören? — Konnte man es ihm verdenken, wenn 
er vorzog, über die Existenzen Anderer hinweg empor 
zusteigen, anstatt von anderen als Stufe benutzt und 
hinabgestossen zu werden in den Ruin? 
So argumentirte Mr.Jefferson; doch sonderbar, das 
Gefühl, als umklammere irgend eine unsichtbare Faust 
seine Kehle, wollte nicht von ihm weichen. 
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Und wieder noch umwogte ihn der lautlose, ge 
spenstische Reigen aer grauen Schattengestalten — und 
je mehr sie sich drehten, um so stärker hatte er das 
Gefühl, als wenn sie einen dünnen, aber entsetzlich 
festen Schleier um seinen Hals schlängen — immer 
dichter und immer fester — zum Ersticken. 
Und er wundeite sich, dass die in der grünseidenen 
Kordel hängende Lampe so zitterte. Hatte sie das 
schon immer getan — fiel ihm das erst jetzt auf? Aber 
wie konnte die Lampe zittern, wenn nicht dort über 
ihm irgend jemand ging, der mit seinen leisen, unhör 
baren Tritten den Boden erzittern machte? Wer ging 
dort oben? War es auch ein Feind, der ihn mit heim 
tückischen Augen beobachtete? 
DerMann im Lehnstuhl waif einen si heuen,verstörten 
Blick empor zu der dunklen Decke, doch er sah nichts — 
natürlich; warum blickte er auch hinauf! 
Er kam sich plötzlich so furchtbar einsam vor in 
dem grossen alten Hause, in dem das Schweigen 
herrschte, so ein unheimliches tückisches Schweigen, 
dass er hätte laut hinaus schreien mögen, nur um diese 
entsetzliche Stille zu verscheuchen. Und er tat cs. 
Er stiess einen lauten lachenden Ton aus. Es war ein 
rauhes, forzirtes Lachen, ein gezwungenes, gequältes. 
Und die Stimme, die so grell das Schweigen zerriss, 
kam dem einsamen Manne so fremd vor, dass er 
erschreckt zusammenfuhr. Und siehe da — alles lachte 
mit. Das ganze Zimmer lachte; es lachte das ganze, 
alte windschiefe Haus und schien sich zu schütteln; 
und die Gespenster, die in den Winkeln umherkrochen, 
wogten mit (ollem Gelächter wild durcheinander; und 
die Kobolde in dem Regal reckten die Hälse aus den 
dunklen Gefächern hervor und kicherten heiser, indem 
sie ihn schadenfroh anstarrten; und die Lampe lachte 
und schüttelte sich, und ein unsicheres, charakterloses 
Geflimmer glitt über den Teppich, wo sich das glotz 
äugige Ungetüm wand vor krampfhaftem Lachen; und 
einige der flackernden In lichter huschten bis zu dem 
Kopf des Panterfelles, der ihn so heimtückisch anlachte; 
und der Kopf schien sich zu recken, und das ganze 
Fell hob sich, dehnte sich und wuchs an zu einem 
buckelnden, wilden Ungeheuer — sprungbereit — - 
In diesem Moment ertönte der scharfe, metallische 
Schlag einer nahen Kirchenuhr, die die erste Hälfte 
der zehnten Stunde der Vergangenheit übergab. 
Mr. Jefferson tastete mit unsicherer Hand nach der 
Zugschnur der Lampe — und diese sprang empor. 
Und das sprungbereite Ungetüm mit den schillernden 
Katzenaugen und den buckelnden Rücken sank plötzlich 
zusammen zu einem simplen Panterfell, und die Kobolde 
in dem Regal prallten zurück vor dem Lichtstrahl und 
verkrochen sich in den Winkeln der Gefächer; und die 
grauen Gespenster mit den wallenden Schleiergewändern 
Sprangen zurück bis in die fernsten und finstersten 
Winkel und die Herren Joe Spencer und James Broke, 
die vorher am dreistesten sich gebärdet hatten, hockten 
oben unter der Decke über dem Aktenschrank, wo sie 
sich schaukelten nach demselben Tempo, wie sich die 
Lampe hin und herschaukelte. 
Mr. Jefferson richtete sich langsam auf. Sein Gesicht 
wurde plözlich sehr rot — und gleich darauf sehr bleich. 
Und sein Gang war schwer und schwankend, als er 
zu seinem Sekretär trat und irgend ein Etwas aus einer 
geheimen Schublade hervor holte. 
Es war ein sehr zierliches mit Silber und Elfenbein 
eingelegtes Ding und sah so harmlos aus wie ein 
hübsches, glitzerndes Kinderspielzeug. Doch sls Mr. 
Jefferson dieses blitzende Ding in die Hand nahm und 
seine fieberheissen Finger das kalte Metall umschlossen 
und seine Augen in das unschuldig aussehende Röhr 
chen hineinblickten, in dem der Tod wohnte, da zuckte 
er sehr heftig zusammen. Schnell legte er die Waffe 
hin und trat abermals an seinen Sekretär. Ein kleines 
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Samtetui war es, was er diesmal mitbrachte, zierlich 
und weich wie ein Damenportemonnaie. Und doch ent 
hielt es hundertfachen Tod. Mr. Jefferson wählte lange 
zwischen den winzigen Phiolen mit der wasserklaren 
Flüssigkeit und nahm endlich eine heraus. Dann füllte 
er ein Glas zur Hälfte mit Wasser und liess langsam 
Tropfen um Tropfen des tötlichen Giftes in das Wasser 
fallen. Dabei beobachtete er mit gespannten Blicken, 
wie sich in dem Wasser leichte Wölkchen bildeten. 
Er glaubte einen süsslichen, betäubenden Duft wahr 
zunehmen und wunderte sich, dass sich das Wasser 
milchweiss fäibte. 
Er war plötzlich gar nicht mehr aufgeregt. Stirn und 
Hände waren ganz kühl. Er setzte sich wieder in seinen 
Lehnstuhl, nahm das Glas in die Hand und hielt es 
gegen das Licht, doch der helle Strahl drang durch die 
triib-weissliche Flüssigkeit nur schwach hindurch. 
Mr. Jefferson schüttelte sich und setzte das Glas wieder 
auf den Tisch — er empfand plötzlich einen lebhaften 
Widerwillen gegen den trüben Trank. Es war in diesem 
Gefühl nichts von Todesfurcht enthalten das war nun 
vorüber. Nur das Wie! 
Ah, bah, als ob das nicht gleich wäre, Kugel oder 
Gift! Her mit dem Revolver! Eine Kugel ins Hirn 
ist doch immer anständiger, als ein Gifttrank. 
Mit langsamer ruhiger Hand setzte er die Mündung 
der Waffe an seine Schläfe. Was war nun Sterben? 
Ein Nichts, ein Bruchteil eines Willens, eine lächerlich 
winzige Bewegung mit dem Finger, und es war ge 
schehen das, woraus die Menschen solch ein Wesen 
machten. 
Doch Mr. Jefferson machte diese Bewegung nicht. 
Irgendwo in dem grossen stillen Hause entstand ein 
Geräusch. Man hätte nicht zu sagen vermocht, ob es 
auf dem Speicher, auf den Treppen oder auf dem Gange 
seinen Ursprung hatte. Aber es war da und es kam 
näher. Und die Hand Jeffersons mit dem Revolver 
sank. Er sprang aus seinem Stuhle empor und blickte 
starr nach einem Winkel des Zimmers, wo man jetzt 
bei hochgezogener Lampe eine Türe gewahrte. 
Und das rollende Geräusch kam näher — und nun 
konnte man die Art desselben erkennen: es waren 
schnelle, wuchtige Schritte, die einen widerhallenden 
Gang entlang stampften, in dem das Echo eines jeden 
Schrittes das des vorhergehenden verschlang. 
Und dann wurde die Türe aufgestossen, mit einer 
harten, abrupten Bewegung — ein Mann trat ins 
Zimmer — 
»Ah — Marley —!« 
Der Mann warf seinen Hut auf den Tisch, setzte 
sich auf einen Stuhl und wischte sich den Schweiss 
und eine Menge schwärzlichen Staubes aus dem Gesicht. 
Dann blickte er auf Jefferson. 
»Good evening, Jonatan!« 
»Nun?« 
»Alles all right.« 
»Gewonnen?« 
»Yes.« 
»Hm — war die höchste Zeit, dass Du kamst.« 
Damit legte Mr. Jefferson den Revolver in die Lade 
des Schreibtisches. 
Marley blickte seinen Genossen prüfend an. 
»Hat Dich das so alterirt?« Damit deutete er auf 
die Waffe. 
»Alterirt — wieso?« 
»Nun, Du siehst zehn Jahre älter aus als heute 
Mittag.« 
Jefferson lachte gezwungen. 
»O, das tat die Gesellschaft, die ich hatte?« 
»Gesellschaft —? Verstehe ich nicht.« 
»Das glaube ich. Doch lass uns zur Nacht speisen,. 
Ich habe starken Hunger.«
        
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