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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Zwischen Tag und Nacht. 
Von Heinrich Tiaden. 
(Nachdruck verboten.) 
Mr. Jonathan Jefferson wartete. 
Das will nicht etwa heissen, dass er auf sein Früh 
stück wartete, oder auf seinen Diener, oder vielleicht 
auf die Post oder auf irgend ein anderes nebensächliches, 
alltägliches Ding. O nein! Das, was er erwartete, be 
schäftigte ihn in ganz ausserordentlichem Masse, wenn 
gleich keiner seiner Bekannten etwas von der in ihm 
zitternden Erwartung bemerkt hätte. Augenscheinlich 
ganz ruhig und gleichmiithig blies er die blauen Ringel 
seiner Zigarre in die Luft. Dabei lag er weit zurück 
gelehnt in seinem bequemen Lehnstuhl, hatte die Beine 
über einander geschlagen und wippte mit der Fuss- 
spitze den Takt irgend einer Melodie. 
In dieser Stellung hatte er schon eine längere Zeit 
zugebracht, — seitdem die Comptoiristen das Haus 
verlassen hatten—,und nur von Zeit zu Zeit richtete ersieh 
ein wenig aus seiner nachlässigen Stellung empor, um 
aus zwei dicht neben ihm auf dem Tische stehenden 
Karaffen Rotwein mit Sodawasser zu mischen und das 
Getränk langsam und mit nachdenklicher Miene zu 
schlürfen. 
Bei einer solchen Gelegenheit drückte er auf den 
Knopf einer Klingel. Aus irgend einer Richtung schlurfte 
ein Individuum heran. Irgendwo öffnete sich eine 
Türe — unsichtbar, da die elektrische Lampe bis auf 
die Tischplatte hinabgezogen war und nur diese und 
einen winzigen Teil des Fussbodens beleuchtete, wäh 
rend der übrige Teil des Zimmers in einem halben 
Dunkel lag. «Was befehlen Sie, Mr. Jefferson?» fragte 
eine monotone Stimme, der man nicht anhören konnte, 
ob sie einem Manne oder einer weiblichen Person 
angehörte. 
»Hat Mr. Marley noch nicht telegraphiert?« 
»Nein, Mr. Jefferson.« 
»Wie spät ist es?« 
»Es schlägt eben 9 Uhr.« 
»So, so — dann habe ich also noch eine halbe Stunde 
Zeit.« 
Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fragte 
dieselbe monotone Stimme: »Werden Sie heute Abend 
noch ausgehen?« 
»Ausgehen —? Nein — warum?« 
»Sie sagten, Sie hätten noch eine halbe Stunde Zeit.« 
»Ach so — — ich meinte damit etwas anderes.« 
Und wieder war es einen Augenblick still, so still, 
dass man das leise träumerische Surren einer Fliege 
vernahm, die um die Birne der elektrischen Lampe kreiste. 
Dann begann die Stimme des Unsichtbaren abermals: 
»Sie haben noch nicht zur Nacht gespeist, Mr. 
Jeffersons.« 
»Nein. Johnny. Ich glaube, ich werde heute über 
haupt nicht zur Nacht speisen.« 
Bei diesen Worten klang die Stimme Jeffersons ein 
klein wenig belegt und unsicher. 
»Haben Sie dann noch Befehle für heute Abend, 
Mr. Jefferson?« 
»Nein Johnny, Sie können nach Hause gehen. 
Oder — warten Sie — es wäre mir doch lieb, wenn 
Sie noch eine halbe Stunde hier bleiben wollten.« 
«Sehr wohl, Mr. Jefferson. Darf ich dann um 1 / 2 \0 
Uhr noch einmal nach ihren Wünschen fragen?« 
»Nein nein, das ist nicht nötig. Wenn ich Sie bis 
dahin nicht gerufen habe, können Sie schliessen und 
heimgehen.« 
Die Türe wurde leise ins Schloss gezogen und die 
Schritte des geheimnissvollen Johnny schlurften nach 
irgend einer undefinirbaren Richtung davon. 
Und wieder senkte sich das schwere, erdrückende 
Schweigen auf das düstere Zimmer und das finstere 
* 
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alte Haus, das schon am Tage im hellsten Sonnenstrahl 
einen so grämlich, verschlafenen Eindruck machte und 
zwischen die freundliche lustige Villenkolonie so wenig 
passte, wie eine griesgrämige Nachteule zwischen ein 
lustiges Finkenvolk. 
Und Mr. Jefferson wartete. Er zündete sich eine 
neue Zigarre an und trank den Rest Wein mit Soda 
wasser. Und sein Gesicht war noch nachdenklicher 
als vorher. 
Er erwartete ein Telegramm seines Freundes und 
Kompagnons Marley. Zwar enthielt dieses Telegramm 
nur ein einziges Wörtchen, das simple Wörtchen »Ja«. 
Und dennoch war dieses Wort für ihn von einer ausser 
ordentlichen Wichtigkeit, — sofern man überhaupt das 
Leben als eine ausserordentliche Wichtigkeit betrachten 
will. 
»Um 9 Uhr hast Du mein Telegramm in Händen«, 
hatte Mr. Marley Mittags zu Jefferson gesagt, als er 
in die City fuhr. »Ich telegraphiere nur das Wort »Ja«, 
wenn wir gewonnen haben. Hast Du um r/jlO Uhr 
diese Depesche nicht erhalten, so haben wir verloren, 
und Du kannst darauf schwören, dass man morgen 
früh meine Leiche aus der Themse fischen wird. Tue 
Du dann, was Dir beliebt.« 
»Du lieber Himmel, da gabs nichts zu überlegen. 
Mr. Jefferson kannte die Armut nicht. Und er wollte 
sie nicht kennen lernen, er fürchtete sie, er verachtete 
sie als das schmutzigste Laster. Er verachtete alle 
Armen und Besitzlosen, und eher würde er sich lachend 
entleiben, als zu ihrer Kategorie hin absteigen. 
Die Firma Marley & Jefferson stand auf wankenden 
Füssen, schon lange. Und heute balanzierte sie auf 
einem verzweifelt wankenden Stege — auf der einen 
Seite ein goldener Berg, auf der anderen ein Abgrund, 
der noch um einige Klafter tiefer stürzen Hess, als zu 
einem harmlosen Bankerott. 
Marley & Jefferson hatten va banque gespielt. Doch 
nicht nur mit ihrem Geld. Mündelgelder, Depots etc. 
hatten sie auf ihre Karte gesetzt — und wenn diese 
verlor 
Nein, nein, da gabs keinen Ausweg. Mit dem 
längsten Bleistift Hess sich aus dem Dilemma kein 
anderes Fazit herausrechnen, als ein ganz abscheulicher 
Krach. 
Eine Eisenbahnlinie sollte gebaut werden. Natürlich 
wurde seitens der unternehmenden Gesellschaft alles 
sehr geheim betrieben. Doch nicht geheim genug, um 
nicht von Mr. Jefferson zu einem guten Teil ausgeforscht 
zu werden. Nachdem dieser rührige Geschäftsmann 
einmal etwas gerochen hatte, Hess er nicht nach, bis 
er seine Nase dicht bei dem Braten hatte. Das kostete 
viel Geld; doch Mr. Jefferson wusste, dass man für 
Geld alles haben kann. Auch einer der Herren Sekretäre 
der Eisenbahn-Gesellschaft konnte sein Herz vor dem 
gewichtigen Argument des goldenen Volapük nicht 
verschliessen. Dieser würdige Mann überlieferte Mr. 
Jefferson eine Kopie der projektirten Bahnlinie. Er 
vergass dabei zu bemerken, dass noch eine andere Linie 
zur Beratung stände, die mindestens ebensoviel Aussicht 
auf Annahme hätte. Das erfuhr der schlaue Mr. Jefferson 
erst, als der würdige Herr Sekretär seine Pfunde in 
Sicherheit gebracht hatte. Marley & Jefferson hatten 
inzwischen einen guten Teil des Terrains, auf dem die 
gedachte Linie gebaut werden sollte, in ihren Besitz 
gebracht. Sie waren damit allerdings Grossgrundbesitzer 
geworden. Wenn nun aber der durchaus nicht un 
mögliche Fall eintrat, dass die Herren Aufsichtsräte 
sich für die andere Linie entschlossen, so hätten ihre 
Grundstücke für sie nicht viel mehr Wert gehabt, als 
wenn sie auf dem Monde gelegen hätten. 
Heute fand nun die erwähnte Aufsichtsrats-Sitzung 
statt, und Marley, der arme Teufel, steckte in einem 
abscheuliohen Kaminloch, um von hier aus der Beratung 
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beizuwohnen. Durch die Bemühungen des Sekretärs 
war ein Diener gefunden worden, der für Geld eben 
falls gefällig war, und dieser hatte Herrn Marley diesen 
Platz angewiesen, der zwar nicht sehr angenehm war, 
dafür aber den Vorteil hatte, dass Marley das kostbare 
Material aus bester Quelle empfing. 
Und Mr. Jefferson wartete auf das »Ja«, an dem 
Ehre, Reichtum, Glück, Leben hing — aber dieses Ja 
kam nicht. Es hatte, wie Johnny sagte, bereits 9 Uhr 
geschlagenund ein jedes Ticktack der rastlosen, nervösen, 
hastenden Uhr stiess ihn erbarmungslos immer um einige 
Stufen tiefer hinab in den schwarzen Schlund des Nicht 
seins. 
Er hatte zum so und sovielten Male alle Möglichkeiten 
erwogen, die Marley abgehalten haben könnten, zu 
telegraphieren — aber er kannte den Genossen, und 
immer mehr und mehr festigte sich bei ihm das Be 
wusstsein, dass die amüsante Komödie, Leben genannt, 
zu Ende sei. 
Zum Teufel — es wäre doch eigentlich zu albern, 
jetzt zu sterben — im besten Mannesalter; hin wie her — 
das Leben war doch eigentlich nett, für einen Mann, 
der wie er zu leben weiss , und sich da so ohne 
weiteres abzutun, wie einen dummen Hund ver 
flucht —! 
Es kam ihm auf einmal ganz lächerlich vor, dass er 
binnen wenigen Minuten nicht mehr hier sein sollte, 
nicht mehr in diesen Raum, in dem er seit zehn Jahren 
Tag für Tag gelebt — und plötzlich wälzte sich ihm 
etwas auf die Brust, etwas Grauenvolles, Schwarzes, 
Erdrückendes — wie ein Alp. War das Angst — Todes 
angst? 
Ah bah —! er hatte den Tod nie gefürchtet, nie im 
Leben. Was war denn der Tod? 
Er richtete sich mit einem Ruck in die Höhe, ergriff 
einen Bleistift und ein Stück Papier und kritzelte ein 
paar Worte nieder. 
»Wie kann Sterben etwas Grosses oder gar Ausser 
ordentliches sein, da jeder Narr jeder Idiot stirbt? Was 
gehört denn dazu, dieses Grosse zu vollbringen? Nichts 
anderes als ein einfaches Loslassen. Der Mensch klimmt 
sein Lebenlang auf einer steilen Bahn empor. Er 
klammert sich krampfhaft an jeden Halt, um nicht zu 
fallen — denn Fallen ist Tod, Sterben. Er braucht also 
nur aufhören, sich festzuhalten, und dass angeblich 
Grosse und Ausserordentliche geschieht — er fällt gleich 
jedem Vagabunden hinab, um unten neben diesen oder 
jenen Trottel Hegen zu bleiben, ja, ohne sich auch nur 
im Geringsten von jenem zu unterscheiden. Und das 
nennen die Menschen etwas Grosses? Unsinn! Das 
Sterben ist der widerlichste Moment des Menschen 
daseins, weil es alle gleich macht —« 
Er brach ab und legte den Bleistift mit unzufriedener 
Miene zur Seite. 
Er hatte geglaubt, so eine Art Glaubensbekenntnis 
niederzuschreiben, doch die Worte erschienen ihm wie 
eine Herde durcheinander springender Teufel, die mit 
hohngrinsenden Mienen nach ihm starrten und ihm 
Nasen drehten. 
Glaubte er, was er geschrieben hatte? Und wenn 
ja, warum schwand das eigenartige Gefühl nicht von 
seiner Brust, das Gefühl des Erwürgt-werdens? 
Er blickte mit verkniffenen Augen zur Decke empor 
und rauchte nervös. Und er verfolgte mit den Augen, 
wie sich in der dämmerigen warmen Zimmerluft die 
blauen Dampfringe auflösten in lange Streifen, wie sie 
sich hoben und senkten, wie sie sich hier und dort zu 
sammenballten und zu phantastischen Gestalten formten, 
die langsam sein Haupt umkreisten. Er beobachtete 
mit einem nervösen, krankhaften Interesse, wie sich 
graue schemenhafte Gestalten um die scharf hervor 
springenden Simse und Kanten, Schränke und Regale 
herum schoben, besonders an seinem Schreibtisch, wo-
        
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