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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

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Französische Präsidentenfrauen. 
Aus dem P'olnischen. 
Von Henny Bock-Neumann. 
(Nachdruck verboten). 
Es ist eine bekannte Tatsache, dass seit Bestehen 
der dritten Republik in Frankreich, die Gattin des 
Präsidenten zum ersten Mal offiziell als Wirtin von Paris 
vor der Oeffentlichkeit beim Empfang des italienischen 
Königspaares erschien, und zwar geschah das auf 
Initiative der Königin Helena, die ausdrücklich den 
Wunsch aussprach, dass Frau Loubet die Repräsentations 
pflichten übernehmen und mit ihr den Ehrenplatz teilen 
solle. Und so wurde mit der Tradition gebrochen, die 
die Gattinnen der französichen Präsidenten in den 
Schatten des Privatlebens stellte. Nicht Frau Loubet, 
sondern die Präsidentin Frankreichs bewillkommnete 
die Königlichen Gäste. 
Die ganze Pariser Presse begrüsste diese Reform 
mit lebhafter Befriedigung. Die republikanischen Blätter 
hatten schon längstdagegen protestiert, die Präsidentinnen 
als Privatpersonen zu behandeln; diese Damen, die 
eine Masse philantropischer Pflichten zu erfüllen hatten, 
die Unsummen für wohltätige Zwecke opfern, die oft 
infolge ihrer Stellung bedeutende Opfer bringen 
mussten, — vom Glanze, der ihre Gatten umgab, waren 
sie so gut wie ausgeschlossen. Sie teilten zwar die un 
angenehmen Seiten der ehrenvollen Carriere ihrer Gatten, 
aber die stolzen, angenehmen Momente derselben teilten 
sie nicht. Das Verlangen der Presse blieb den 
traditionellen Formeln gegenüber machtlos. Der 
Präsident der Republik blieb der Vertreter Frankreichs, 
also eine Amtsperson, aber seine Frau galt nur als 
Privatperson. Erst die Königin Helena musste durch 
ihre Intervention die Franzosen lehren, dass solch’ ein 
Vorgehen weder den republikanischen Grundsätzen noch 
den Rechten der Galanterie entspräche. Im Hinblick 
auf diese Reform im Ceremoniell der französischen 
Republik dürfte es von Interesse sein, von den Gattinnen 
der früheren Präsidenten zu sprechen — von denen 
Keine eine politische Rolle gespielt hat. 
Frau Thiers, die Gattin des ersten Präsidenten, be 
gann die Dynastie der wohltätigen Frauen an der Seite 
»des ersten Bürgers« Frankreichs. Sie war eine ausser 
ordentlich bescheidene Frau, mied alles öffentliche Leben 
und suchte ihr Glück nur im engsten Familienkreise; 
sie war die Tochter des Generalsteuereinnehmers Dosne 
und brachte ihrem Gatten ein Mittgift von mehreren 
Millionen, sodass sie mit dem Gelde nicht zu kargen 
brauchte. Als Thiers starb, wollte man ihn auf Staats 
kosten beerdigen. Da aber das derzeitige Kabinet 
einen antirepublikanischen Charakter trug, und der Präsi 
dent desselben, Fürst Broglie, am meisten zu Thiers 
Rücktritt beigetragen hatte, wollte die trauernde Witwe 
keineswegs darauf eingehen, und sie erklärte kategorisch, 
dass »ihr Mann als Republikaner gelebt habe, als 
Republikaner gestorben sei und als Republikaner be 
graben würde.« 
Nach Frau Thiers überschritt die Marschallin Mac- 
Mahon die Schwelle des Elysee-Palastes, nach der 
Tochter des Steuereinnehmers, die Tochter der alten 
aristokratischen Familie de la Croix de Castries. Auch 
sie war sehr wohltätig, aber den Traditionen ihres 
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La belle Lucia 
Beaute italienne, 
z. Zt. am Apollo-Theater in Berlin. 
Hauses getreu, liebte sie Luxus und Pracht. Zwanzig 
jährig heiratete sie den General Mac-,Viahon, der damals 
schon 46 Jahre alt war. Sie begleitete ihn nach Algier 
und Italien, teilte seinen Triumph und seine Ehren 
nach der Schlacht von Magenta, und als ihr Gatte 
Präsident von Frankreich wurde, erfüllte sie in wahr 
haft königlicher Weise die Repräsentationspflichten. 
Sie war eigentlich keine republikanische Präsidentin 
in des Wortes engster Bedeutung. In ihrem Salon, 
einst das Kabinet der Kaiserin Eugenie, versammelte 
sie die ganze Aristokratie Frankreichs, mit der sie später 
neue Familienbande, durch die Heirat ihres Sohnes 
mit der Fürstin Marguerite von Orleans, verknüpften. 
Die Tuillerien wiederhalten zur Zeit Mac-Mahons von 
Musik und Becherklang, und die Frau Präsidentin gab 
derartige »Hoffeste«, dass die Civilliste ihres Gatten 
nicht zur Deckung der Kosten ausreichte, und die Hälfte 
seines Privatvermögens durch dieses wirklich königliche 
Leben verschlungen wurde. 
Den schroffsten Gegensatz zu Frau Mac-Mahon, der 
Fürstin von Magenta, bot ihre Nachfolgerin Frau Grevy, 
ein richtiger Kleinstädtertypus und überaus philiströs. 
Eine brave Frau, von der zu unrecht behauptet wurde, 
sie sei einst Köchin gewesen; sie klagte oft darüber, 
dass sie sich in den Kemenaten des Palastes nicht glück 
lich fühle, und versuchte nach Möglichkeit den Glanz 
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und die Vornehmheit derselben zu mildern. »Mama 
Grevy« hatte ein gutes Herz und stellte sich auch gern 
in den Dienst der Philantropie, aber auf etwas plebe 
jische Art; sie handelte um jeden Groschen und unter 
suchte misstrauisch, ob die Hilfeflehenden auch wirklich 
der Unterstützung wert seien. Durch den Geiz ihres 
Mannes angesteckt, gab sie weder Bälle noch Feste, 
und wenn Grevy, der leidenschaftlich gern Billard 
spielte, sich Abends zu lange mit seinen Freunden da 
mit unterhielt, verabschiedete sie die Gäste sehr artig, 
aber energisch und sagte halb scherzend, halb ernst 
haft: »Um diese Zeit müssen ordentliche Leute 
schon schlafen.« Bei ihrer Präsidentenschaft machten 
Grevy’s 6 Millionen Franken Ersparnisse. 
Eine sehr intelligente Frau, von französischem 
»esprit« erfüllt, war Madame Carnot, Gattin des vierten 
Präsidenten. Sie wurde allgemein ihrer ungewöhnlich 
grossen geistigen Begabung und ihres grossherzigen 
Wesens wegen verehrt, und als der Dolch des Meuchel 
mörders das Herz ihres Gatten traf und sie aus ihrer 
stolzen Höhe in den Abgrund der Verzv/eiflung und 
Trauer sank, da trauerte ganz Frankreich ohne Unter 
schied der politischen Richtungen mit der sympatischen, 
edlen Frau. 
Die schönste der Präsidentenfrauen war Frau Casimir 
Perier, die nur kurze Zeit im Elysee weilte. Um die 
blutigen Schatten der Vergangenheit zu bannen, ver 
änderte sie die ganze Einrichtung. Um die traurigen 
Erinnerungen zu verscheuchen, gab sie Bälle und Ge 
sellschaften, und ganz Paris schwärmte von ihrer 
Schönheit, ihrer Anmut und ihrem Takt. Nach einigen 
Monaten der Präsidentschaft zogen die Herrschaften 
Perier aber vor, auf alle hohen Ehren zu verzichten 
und sich ins Privatleben zurückzuziehen, wo sie zwar 
weniger rauschend, aber recht bequem und glücklich 
von ihrem sehr bedeutenden Privatvermögen leben. 
Frau Felix Faure verdunkelte alle ihre Vorgängerinnen 
durch den Glanz ihrer Wohltätigkeit. Sie war nicht 
nur amtlich eine Philantropin, auch nicht wegen der 
Mode und wegen des guten Tones, sondern aus 
Herzensbedürfnis. In Begleitung ihrer Tochter Lucie, 
der talentvollen Dichterin, verbrachte sie ganze Tage 
in den Spitälern und Volksküchen, und als ihr Gatte 
eines etwas rätselhaften Todes verstarb, und ihre 
Tochter den Litteraten Goyau von der »Revue des 
deux Mondes« heiratete, verdoppelte sie noch ihre 
Mühe und Arbeit das Menschenloos zu erleichtern, 
und suchte so in guten Taten Trost für den Schmerz 
der Vereinsamung. Obgleich Faure, als lustiger Pariser, 
nichts von seiner Civilliste erspart hat, ist das Loos 
seiner Witwe doch gesichert, da seine grosse Gerberei 
jährlich 100000 Fr. Einnahmen abwirft. 
Die jetzige Präsidentin, Frau Loubet, soll eine gute, 
taktvolle Dame sein. Sie liebt ein ruhiges Leben und 
vermeidet nach Möglichkeit alles grosse Ceremoniell, 
aber sie hat wiederholt bewiesen, dass sie auch in 
den schwierigsten gesellschaftlichen Situationen mit 
Würde und Takt aufzutreten weiss. Und so hat sie 
auch die Hoffnungen der Pariser erfüllt, dass Königin 
Helena in Paris eine Gefährtin finden würde, diezwar nicht 
im »Gothaischen« steht, die aber ihre Repräsentations 
pflichten den königlichen Gästen gegenüber tadellos 
erfüllen würde. Die Frau des siebenter Präsidenten 
der dritten Republik hat die Ehre erreicht, - die erste — 
Präsidentin zu sein!
        
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