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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

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»Aber nein! Höchstens fünfunddreissig,« verbesserte 
Manin, der noch jung und hoffnungsfreudig war. 
»Ja sie kann erst fünfunddreissig sein! — Es ist 
schrecklich. Ich fühle es, wenn ich nicht aus Venedig 
fliehe, begehe ich eine Torheit. Ich schwöre Euch, ich 
lebe nicht mehr. An Bord ersticke ich, in meinem 
Zimmer ersticke ich, selbst hier ersticke ich. Ich habe 
keine Ruhe, wenn ich sie nicht sehe. Und wenn ich 
von ihr fortgehe, möchte ich weinen wie ein Kind.« 
Von der Aufrichtigkeit der Leidenschaft, die hier 
zu Tage trat, blieben die Beiden sprachlos, sie em 
pfanden anständigerweise sogar Gewissensbisse, weil 
sie ihn ausgelacht hatten. 
»Dann begeh’ doch die Torheit. Wenn man liebt, 
nützt es ja doch nichts mehr.« 
»Ich weiss ja, — — wenn ich nur könnte.« 
»Wie wenn Du könntest? Was bindet Dich denn? 
Ein Schnitt mit der Schere« — — 
»Ja Du hast gut reden. Uebrigens, entschuldigt! 
Gute Nacht. Auf morgen! Was ich gesagt habe, 
bleibt unter uns. Gute Nacht!« 
»Morgen ist die Tennis-Versammlung bei der Dario.« 
»Ich weiss.« 
»Kommst Du?« 
Einen Moment blieb es still. 
»Ich komme,« sagte Orrei mit einem tiefen Seufzer 
und ging rasch zur Merceria hinunter nach Hause. 
Casarsa und Manin gingen in den Palazzo Foce, 
wo sie die ganze Gesellschaft noch zu finden hofften, 
um alles haarklein erzählen zu können. 
Man war beim Essen, aber ehe sie reden konnten, 
hörten sie die kleine Laona mitten im allgemeinen 
Schweigen laut verkünden: 
»Ich habe ihn gesehen, wie ich in die Gondel stieg. 
Der Bart stand gegen das elektrische Licht, und wie 
ich aufblickte, um ihm guten Abend zu sagen, sah ich 
durch den durchscheinenden Bart, dass er kein Kinn hat.« 
»Aber nein!« 
»Er hat kein Kinn! Wenn ich etwas sage, dann ist 
es so!« 
So kam es, dass am Tage darauf um vier Uhr, als 
sich das Comite zur Gründung ,des Tennis-Clubs ver 
sammelte, statt zehn, zwanzig neuigkeitslüsterne Per 
sonen anwesend waren. Um halb fünf war Orrei noch 
nicht da, und wie auf Verabredung schlug niemand 
vor, die Diskussion zu eröffnen. Die Loana verteilte 
hinter dem Theetischchen Tassen, heisses Wasser und 
Lächeln. 
Plötzlich hörte jemand die Klingel läuten. 
»Orrei!« 
Alle schwiegen und sahen zur Türe. 
Und der Selbstmörder erschien. 
Harry Waiden. 
Das war nicht Orrei, obgleich der Diener ihn an 
gemeldet hatte, und obgleich alle wussten, dass er es 
sein musste. Die ganze obere Partie des blassen 
Gesichtes sprang vor, um die Wette mit der roten 
Nase; die Augen waren enorm gross wie bei einem 
chinesischen Hunde und von der Unterlippe ging eine 
gerade Linie direkt in den Kragen wie eine Amputation. 
Noch schlimmer, auf der Stelle des plötzlichen Absturzes, 
wo das Kinn hätte vorspringen sollen, wuchs wie eine 
Kirsche eine kleine Geschwulst, von einer Haütfalte 
umgeben. Ein grausames Mal! Und der Unglückliche 
schritt geradeaus, auf seinem langen, dünnen Halse 
das unförmige Gesicht zu einem Lächeln verzerrend, 
wie der Verurteilte, der die Guillotine grüsst. Die 
gute Erziehung der Anwesenden verschärfte noch sein 
Martyrium. 
Nach dem ersten Moment schweigenden Schreckens, 
der sogar den entsetzensbleichen Diener auf die 
Schwelle gebannt hielt, begrüssten ihn alle äusserst 
liebenswürdig, durch ihre gemachte Unbefangenheit 
die Todesqual noch vergrössernd. 
»Orrei!« »Lieber Orrei!« »Guten Tag!« »Sieh mal 
an, Orrei!« »Wie geht’s denn? Ein bischen verspätet, 
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was?« »Nimm doch einen Stuhl! Jetzt kann man ja 
mit der Besprechung der Statuten beginnen!« 
»Orrei, setzen Sie sich hierher, gegen das Licht,« 
sagte die kleine Loana, die mitleidlos war, weil sie an 
ihre prophetische Entdeckung von gestern Abend 
erinnern wollte. 
Die Herzogin Darina Dario strengte sich an, zu 
Worte zu kommen, besiegte aber, angesichts ihrer 
Feinde schnell ihre Erregung: 
»Casarsa setzen Sie sich an meinen Schreibtisch. 
Nehmen Sie die Feder und schreiben Sie die bereits 
angenommenen Parapraphen auf. Lesen Sie vor: 
Artikel eins: Mit diesem Statut wird ein Tennis-Verein 
gegründet.« 
»Tennis-Club,« sagte Manin, der seine Kleidung 
aus London bezog. 
»Wir sind aber Italiener,« sagte eine Dame. 
»Artikel zwei: Die Mitglieder verpflichten sich, sich 
nachstehenden Bedingungen zu unterwerfen.« 
„Einerlässt sich den Bart scheren,« erläuterte die 
kleine Loana. 
Nun brach die Heiterkeit los, dass sogar die Saiten 
des geöffneten Klaviers klirrten. Alle lachten, lachten, 
lachten, bis ihre tränenden Augen selbst Orrei nicht 
mehr sehen konnten. 
»Etwas mehr Ernst, wenn ich bitten darf,« gebot 
die Dario als Vorsitzende. »Casarsa. schreiben Sie!« 
»Aber wo ist Orrei?« fragte die Sarti. 
»Wo ist er? Wo ist er?« 
Orrei war hinausgestürzt, geflohen, verschwunden. 
Und nun fühlten Alle, dass nur noch die Heldin der 
Tragödie geblieben war, und dass diese Heldin die 
Hausherrin war. ln stillschweigender Uebereinstim- 
mung wurden sie ruhig und gesittet. Und schliesslich 
sprach niemand mehr von Orrei und seinem mora 
lischen Selbstmord ausser der Loana, die beim Hin 
ausgehen durchaus das letzte Wort haben wollte: 
»Mama, sag’ mal, ich habe doch niemals mit dem 
Bart geflirtet?« 
»Du würdest es vielleicht auch getan haben,« — 
sagte Darina Dario mit guter Miene, obgleich sie 
einen bittern Geschmack im Munde hatte. 
»Vielleicht. Aber erst hätte ich ihn gegen das Licht 
gehalten. 
Und die enttäuschte Circe fühlte die ganze Klug 
heit der jungen Generation heraus, die ihr in der 
Herrschaft über die Männer folgen sollte. 
Orrei war nach Rom abgereist, ohne dass ihn noch 
Jemand zu Gesicht bekommen hatte, und dort erreichte 
er es beim Ministerium, dass man ihn nach China 
schickte.
        
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