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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Ihre Zeitgenossinnen übrigens stellten die Rechnung 
mit unerbitterlicher Genauigkeit fest, schon weil sie 
sich beeilte, dem Volke jeden neuen Sklaven vorzu 
führen. Nicht extra, dass sie ihn mit dürren Worten 
so bezeichnet hätte, oder dass die gnädig aufgenommene 
Beharrlichkeit eines Jünglings genügte, ihn in den 
holden Bund einzureihen. Aber sie war eine Nach- 
Kommin jenes berühmten Pietro Dario, der im vierten 
Kreuzzug, als er in die Gefangenschaft der Ungläubigen 
geraten war, sich mit eigener Hand den Hals abschnitt 
und röchelnd sagte, als man ihn nach dem Grunde 
dieses grausigen Todes fragte: »Um nicht zu dienen.« 
Sie hatte die vielleicht ihr selbst unbewusste Gewohn 
heit, auf das Gesicht jeden offiziellen Verehrers ein 
Zeichen ihrer Herrschaft zu drücken. 
Sie ging zum Beispiel folgendermassen vor: Von 
Antonio Artesi, der kahl und glattrasiert war, hatte 
sie verlangt, er solle sich den Schnurrbart stehen 
lassen, einen borstigen Schnurrbart, den keine Brillan 
tine und keine Pomade geschmeidig machen konnte; 
dem Kommandanten Termiglio, der eine Brille trug, 
hatte sie befohlen ein Monocle zu tragen; dem Grafen 
Lampiero, dessen langes, glänzendes Haar nach ame 
rikanischer Art in der Mitte gescheitelt war, hatte sie 
auferlegt, es sich scheren zu lassen und es aufrecht 
wie eine Bürste zu tragen; dem Professor Müller, 
einem jungen deutschen Archäologen, der hergekommen 
war, um eine Monographie über Canaletto zu schreiben, 
hatte sie geraten, sich bei dem Londoner Schneider 
und Wäschehändler von Manin einzukleiden, sodass 
man ihn fortan in hohe Kragen und gestärkte Hemden 
eingeschnürt sah und in Taillenröcke, die wie Uniform 
joppen geschnitten waren. Den berühmten Gynäkologen 
Doktor Fieri hatte sie überredet, sich den dichten, 
schwarzen Schnurrbart abnehmen zu lassen und zwei 
dünne, perverse Lippen zu enthüllen; dem klerikalen, 
konservativen Marchese Antoncini hattt sie dekretiert, 
nur noch rote Kravatten und rote Nelken im Knopfloch 
zu tragen. 
Und solche Ratschläge pflegte sie öffentlich in 
ihrem Salon zu erteilen, vor zwanzig Gästen, Vor 
gängern, Nachfolgern, Prätendenten, Freundinnen, 
Feindinnen und Verwandten. 
«Artesi, ohne Schnurrbart sind Sie ein Monstrum, Sie 
sehen ja aus wie ein Totenschädel!» Termiglio, mit 
Ihrer Brille sehen Sie aus wie ein Hauslehrer!» Fieri, 
mit dem Bart sehen Sie aus wie eine Robbe, welche 
sprechen kann!« »Antoncini, Sie sind nicht anzusehen 
ohne eine rote Kravatte, Sie sehen ja wie ein Abate 
aus!« Und als Orrei, dessen Torpedoboot No. 109 B 
im Hafen vor Anker lag, als Kandidat aufgetaucht war, 
hatte sie eines Abends beim Essen unter allgemeinem 
Stillschweigen gesagt: Mit Ihrem Bart, Orrei, erinnern 
Sie mich immer an den Ritter Blaubart!« 
Seit damals hatte das Urteil Rechtskraft erlangt, 
und die ganze bessere Gesellschaft von Venedig lebte 
nur noch für das Leben oder Sterben dieses Bartes. 
Wenn Orrei nachgab, so bedeutete das, dass die Dario 
nachgegeben hatte. — Wer würde zuerst fallen, der 
Bart oder die Frau? 
Wirklich hatte man noch heute morgen gesehen, 
dass die Dario, als sie mit vier Freunden spazieren 
gegangen war — zwei Offiziere und zwei Civilisten, 
wie recht und billig — niemals das Wort an Orrei 
gerichtet hatte. Und man wusste auch, dass der ge 
peinigte Orrei nach Tisch zu einem früheren Collegen 
gesagt hatte: »Wenn sie mich nicht von Venedig fort 
schicken, bringe ich mich um!« 
Wohlmeinende hatten das sojaufgefasst, als meinte 
er mit »Umbringen« das Abschneiden des Bartes. Die 
nahebevorstehende Tragödie verlieh der Majestät dieser 
Barthaare einen erhöhten Glanz. 
Während also Orrei mit der Dario am Arm weiter 
schritt, zogen Alle rasch und stillschweigend den 
Schluss: Wenn sie ihm den Arm gibt, so ist das ein 
Beweis, dass er es ihr versprochen hat! 
Die Dario blieb bei den Loanas stehen und war 
äusserst liebenswürdig. Sie bewunderte die weisse 
Toilette der Gräfin, die hellblaue ihrer Tochter, sagte 
der kleinen Sarti ins Ohr, wie nett es sei, dass sie 
sich so hübsch runde, sagte znm Grafen, wie entrüstet 
man allgemein gewesen sei, dass sein berühmter 
Name neulich bei der Senatorenwahl übergangen 
worden sei, klatschte mit Casarsa über seinen Admiral, 
bewunderte die Türkisenknöpfe an Martins weissem 
Oberhemde. Dann ging sie allein weiter. Orrei stürzte 
zum Ausgang. 
»Darf ich Sie nicht begleiten?« 
»Was fällt Ihnen ein? Ich fahre allein, ich bin 
müde.« Und auch sie verschwand. Orrei sah ganz 
versunken der Gondel nach und liebkoste seinen Bart 
mit beiden Händen, wie man einen Sterbenden streichelt. 
Als die Familie Loana einstieg, musste ihn Manin erst 
aufmerksam machen: 
»Die Gräfin griisst Dich!« 
»Ah — Gräfin — guten Abend!« 
»Kommen Sie nicht nachher zur Herzogin di Foce? 
Ein Schlückchen Champagner wird Ihnen gut tun,« 
sagte die Gräfin, ihre Röcke zusammenraffend, um in 
die Gondel zu steigen. 
»Danke, ich fühle mich nicht wohl. Ich gehe nach 
Hause.« 
»Volles Herz, leerer Magen,« bemerkte die kleine 
Loana. »Kommen Sie nur hin!« Sie sprang in die 
Gondel und drehte sich dann noch einmal um, sodass 
sie Orrei von unten herauf betrachten konnte. Darauf 
ging sie mit ihrem gurrenden Lachen unter das Filzdach. 
Orrei blieb mit Casarsa und Manin allein. Diese 
fühlten, dass die Stunde der Bekenntnisse geschlagen 
hatte, nahmen Orrei glückselig in die Mitte und gingen 
mit ihm auf das Campo San Fantin zu. 
Als sie im Freien waren, platzte Orrei los: »Kennst 
Du die Dario schon lange?« fragte er Manin. 
»Sie ist mit meiner Mutter in die Schule gegangen,« 
antwortete Orrei, der die Notwendigkeit richtiger his 
torischer Daten nicht einsah. 
»Als Termiglio in Venedig war, was sagte man da?« 
•»Was sollte man sagen?« parierte Casarsa vorsichtiger. 
»Sagte man nicht, dass — — Termiglio sie oft 
sähe?« «Weisst Du, damals war sie noch nicht blond 
und lebte sehr zurückgezogen,« nahm Manin das Wort, 
der sich, obgleich er jünger war, wohlunterrichtet 
zeigen wollte. »Ausserdem war auch damals ihre 
Tochter noch nicht verheiratet, und sie ging wenig 
aus«, vermittelte Casarsa wieder. 
Der Dialog zog sich in Pausen hin, denn die beiden 
Vertrauten suchten ein Mittel, Orrei zum Sprechen zu 
bringen und Orrei selbst bemühte sich, es hinauszu 
schieben. 
»Im Grunde ist sie sehr gutherzig.« 
»Ausserordentlich«, stimmte Manin zu und fühlte 
sofort, dass diese Uebertreibung die Sache verschlim 
merte. 
»Sie ist intelligent.« 
»Sie spielt Clavier« — sagte Casarsa. 
»wie eine Pianistin,« setzte Manin mit Be 
stimmtheit hinzu. 
»Natürlich ist sie wie alle schönen Frauen ein wenig 
launenhaft,« fing Casarsa an, froh, den Haken ge 
funden zu haben, an dem er den Bart des Freundes 
anfhängen konnte. 
»Das ist wahr.« bestätigte Manin, »sie hat gewisse 
Antipathien.« 
»Gewisse Idiosynkrasien,« — unterstrich Manin, mit 
Behagen die Länge und Schwierigkeit dieses Wortes 
auskostend. 
— »Die ich nicht verstehe. Aber sie ist unerbitter- 
lich. Jetzt, zum Beispiel, hat sie es auf meinen Bart 
abgesehen.« 
Die beiden jungen Leute hatten das Gefühl in ein 
Heiligtum eingetreten zu sein, das profanen Menschen 
verschlossen bleibt und schwiegen voll Mitgefühl und 
Neugierde. 
»Sie will, dass ich ihn mir abnehmen lasse.« 
»Und Du wirst ihn Dir abnehmen lassen.« 
»Aber es ist doch lächerlich! Einer Frau wegen! 
Was werden die Leute sagen! 
»Ich schwöre Dir, dass sie von Dir nur Gutes, und 
von ihr — verzeih’ — Böses reden werden.« 
»Das ist« — 
»Na ja! Unsertwegen brauchst Du kein Geheimnis 
daraus zu machen. Die Dario ist in Dich verliebt.« 
»Glaubst Du?« fragte Orrei schwach. 
»Rasend verliebt! Sie spricht überhaupt nur noch 
von Dir. Mich hat sie gefragt, wie alt Du bist, ob zu 
befürchten ist, dass Du von Venedig fortkommst, ob 
Du niemals eine Leidenschaft gehabt hast.« 
»Wie alt mag sie eigentlich sein?« 
»Vierzig, und vielleicht noch« — urteilte Casarsa, 
der sich, als er eben nach Venedig gekommen war, 
ohne Erfolg in sie verliebt hatte.
        
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