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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Die enttäuschte Circe. 
Von Ugo Ojetti. 
'Autorisierte Uebersetznng ron Elise Münzer. 
Im Fenicetheater schob sich von beiden Seiten der 
schwere, grüngoldene Vorhang nach der letzten Scene 
des «Troubadour« zusammen, und die dicke, schwarz 
gekleidete Leonore fiel im Gefängnis um wie ein aus 
geleerter Ballon oder wie der Schlauch eines ver 
stummenden Dudelsacks. 
Aus den Logen verschwanden die schönen Vene 
zianerinnen, verbargen ihre nackten Schultern unter 
weissen, roten, grauen oder braunen Mänteln, und die 
Herren halfen ihnen dabei mit einer Miene, als sähen 
sie wieder einmal die Sonne untergehen. In der plötz 
lichen Stille nach dem Lärm des Orchesters wurde 
nicht viel gesprochen, denn in Venedig, ebenso wie 
in Mailand, Neapel und Rom, reden wohlerzogene Leute 
nur, wenn der Vorhang aufgezogen ist und die Künstler 
singen. In der Loge der Gräfin di Loana stand nur 
noch der alte, kurzsichtige Graf, der nachsah, ob seine 
Damen etwa ein Opernglasetui, einen Handschuh oder 
ein Taschentuch vergessen hatten, als man einen jungen 
Mann sich durch die Menge drängen sah, die- durch 
den Korridor flutete. Er stürzte bis zum Eingang der 
Loge, schob den blauweissen Gondoliere zur Seite 
und nahm sich nicht einmal Zeit, den Hut zu lüften, 
sondern sagte zur Gräfin, ihrer Tochter und der kleinen 
Sarti, die mit ihnen im Theater gewesen waren, die 
vier merkwürdigen Worte: 
»Er trägt seinen Bart!« 
»Er trägt seinen Bart! Er trägt seinen Bart«, 
wiederholten fröhlich und neugierig die drei Damen. 
»Er trägt seinen Bart«, riefen sie dem alten Grafen zu, 
der eine Stecknadel gefunden hatte und sie vorsichtig 
am Revers seines Ueberziehers feststeckte. Und auch 
er wiederholte: »Er trägt seinen Bart?« 
Nun kam noch ein hagerer, eleganter junger Mann, 
der heute Abend für alle eleganten Venezianer den 
Sommer eingeführt hatte, denn er trug zum Abend 
anzug den Strohhut. Ruhiger, wie es sich für Jemand 
schickt, der seine Kleidung aus London bezieht, liess 
auch er die vier geheimnisvollen Worte vernehmen: 
»Er trägt seinen Bart!« 
Casarsa, der es zuerst verkündigt hatte, blickte 
Manin mitleidig an: 
Betty Nording 
Operettensängerin 
Mitglied des > Apollo-Theaters-. 
»Ich habe es schon gesagt.* 
Und die Gruppe begab sich zu dem Ausgang, wo 
die Gondeln lagen. Man hörte draussen die Rufe 
der Gondolieri von Barke zu Barke über das dunkle 
Wasser hin: 
»Morosini! Grimani! Papadopoli! Albrizzi!« 
Die ganze venezianische Geschichte wurde mit 
lauter Stimme in die Nacht hinausgerufen bis in die 
engen Nebenkanäle, und die Gondolieri, die auf den 
Kissen unter dem Filzdach eingeschlafen waren, reckten 
sich, zündeten schnell die Messinglaterne an, zogen 
sich die flatternden Schärpenenden zurecht, stemmten 
die Ruder ein und wetteiferten darin, zuerst anzu 
kommen. 
Die Schönen schritten aus dem erleuchteten Gang 
die drei Stufen hinunter, stützten die weisse Hand auf 
den Arm des Gondoliere und verschwanden im Dunkel. 
Die Damen der Familie Loana standen, ihre Gondel 
erwartend, neugierig im Hintergründe, während der 
Graf in einiger Entfernung davon, mit den Fingern 
schnippend, ein paar unsichtbare Stäubchen von seinem 
steifen Hut entfernte. Zwei, drei, vier junge Leute 
waren mit Casarsa und Manin herbeigeeilt und um 
ringten sie. Alle warteten der Dinge, die da kommen 
sollten. 
»Da ist sie! Da ist er!« 
Der Bart erschien. Er war wundervoll, braun, 
etwas rötlich, gebürstet und gekämmt wie eine kost 
bare Franse, glänzend vor Salben und Essenzen, unter 
dem roten Schnurrbart noch brauner erscheinend, gab 
er seinen Eigentümer, der gross und schlank war, 
eine priesterliche Würde selbst im weltlichen Kleide. 
Darunter erglänzte das Oberhemd blendend weiss wie 
Schnee in Waldesnacht. Im Profil war er assyrisch 
von vorn russisch und im Dreiviertelprofil mönchisch. 
Bei jeder Wendung des vollendet schönen Bartes 
änderte sich der Eindruck, den der Mann machte. Er 
war nur Bart. Man fühlte, dass der Bart sein eigent 
licher Gebieter war, und dass er sich Beschränkungen 
auferlegte und Vergnügungen versagte, um ihn nicht 
zu beschädigen oder zu verwirren. Sein Haar war 
kurz geschnitten, seine Augen bemühten sich, finster 
und streng zu blicken, und die Brust blähte sich, um 
ihn zu stützen, ihm Halt zu verleiten, ihn zur Geltung 
zu bringen. Der Bart hielt den Kopf und Alles, was 
darin war. 
Alberto Orrei, der Besitzer dieses Bartes, ein Marine 
leutnant, war also ein schöner Mann. Die neidischen 
Männer verglichen ihn mit einem Friseurkopf, während 
er für jede Dame, auch die reinste und keuscheste, 
ein Muster an Männlichkeit und Kraft war. 
Er erschien also, feierlich, streng und schweigsam, 
und an seinem Arm die Herzogin von Dario, deren 
allzu blondes Haar unter dem elektrischen Licht auf 
flammte, als sie beim ersten Luftzug vom Kanal her 
mit der Linken den weissen Mantel mit blauem Besatz 
über den schönen Busen zusammenfasste. 
Darina Dario war dreissig oder vierzig Jahre alt, 
je nach Denen, die man danach fragte. Die Dankbaren 
verjüngten sie, und die Undankbaren oder Abge 
wiesenen machten sie älter. Und da die meisten 
dankbar waren, so war Darina Dario meistens jung.
        
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