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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Unsere Bilder. 
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Die Welt legte das mit blutigen Lettern geschriebene ■ 
Buch der Weltgeschichte bei Seite, sie vergass den weit- ■ 
geschichtlichen Spuck, der sich in den asiatischen Gewässern ; 
formte, sie vergass das blutige Ringen der Prozessbeteiligten 
in der „Plötzenseer Schlacht“ zu Moabit, das der Ver- j 
teidiger Dr. Halpert, unser Rechtsanwalt der Zukunft, zeit- ■ 
charakteristisch mit dem monumental wirkenden Worte ■ 
„Gegen?“ markierte — und sie wandte sich einem fried- ■ 
licheren, aber ebenso wirkungsvollem Schauspiel, der Hoch- j 
zeitsfeier des Kronprinzen, zu. Wir eröffnen den Bilder- ; 
cyklus der Plohenzollerntage mit einem Bilde des Krön- ; 
prinzen, der seine Kompagnie zum Ehrendienst ; 
nach dem Kgl. Schlosse führt. Es folgt hierauf der feier- ; 
liehe Einzug der fürstlichen Braut, der Herzogin Cecilie. j 
Herr Oberbürgermeister Kirschner begrüsst die Tron- ; 
erbin auf dem Pariser Platz, während dessen Tochter in ■ 
zarter Symbolik einen Rosenstrauss überreicht. Es reihen ■ 
sich 27 Bilder fürstlicher Persönlichkeiten an, die als j 
Hochztitsgäste aus den vier Himmelsrichtungen Deutschlands ■ 
und der übrigen Welt hierher geeilt waren. Es hatten sich ; 
eingestelltdieFürstlichkeitenaus Mecklenburg-Schwerin ; 
neben den erlauchten Vertretern Dänemarks, der Gross- j 
lierzog von Baden nebst Gemahlin, der König von ; 
Württemberg und Frau neben dem Grossherzog ; 
von Mecklenburg-Strelitz. Sachsen, Bayern, • 
Niederlande entsandten ihre Prinzen. Grossfürst ; 
Nicolaus Michailowitsch von Russland durfte hier j 
auf dem neutralen Boden der Hochzeitsfeier mit japanischen j 
Prinzen in bestem Frieden leben; — der Erbprinz von j 
Sachsen-Meiningen und Frau Gemahlin, die Schwester j ■ 
des Kaisers, verherrlichten das Fest ihres Neffen und der ; I 
Kronprinz von Schweden partizipierte an der Festes- ■ I 
freude, während sich zu Hause die Hälfte des Königreiches „ M1111 
von seines Vaters Besitztum loslöste. — Auf Seite 8 
wenden wir uns dem Sportleben und den Sportfreuden zu. 5 
Voilä! Die Trabrennbahn Westend. Wir sehen Prinz > . 
Joachim Albrecht von Preussen zum Concours- ; I ; 
hippique die Preise vert.ilen, wir sehen Herzog Ernst 
Günther von Schleswig-Holstein im Gespräch mit 
Graf Alvensleben, ebenso unseren Kronprinzen in 
überaus heiterer Gesellschaft und wir erfreuen uns nach 
Würdigung einiger charakteristischen Stimmungsbilder auf 
dem Sattelplatz der Rennbahn Karlshorst des Anblickes 
der Dampfyacht „Alexandria“, auf der der Kaiser, dem 
Wassersport huldigend, eine Spazierfahrt nach der Oberspree 
unternimmt. — Nicht nur die Familienfeste und die ver 
schiedenen Sportarten trieben in diesem Monat ihre Blüten, ; ; 
auch das soziale Leben und das Leben mancher Persönlich- ; ; 
keit war reich an bedeutungsvoller Abwechslung. Nach ; ; 
kurzer Frist ist das durch die Ernennung des Oberpräsidenten J • 
v. Bethmann-Hollweg zum preussischen Minister des Innern ; ; 
frei gewordene Oberpräsidium der Provinz Brandenburg durch ; ; 
den bisherigen Regierungspräsidenten v.Trott zu Sol'z ; ; 
in Kassel besetzt worden August v.Trott, welcheram2ö.De- | j 
zember 1855 in Kassel geboren wurde, trat 1879 als Referendar ; • 
beidemOberlandsgerichtzuFrankfurt a.M.indenJus'izdienst ; ; 
und wurde 1884 zum Regi erungsassor ernannt. ; ; 
1880 begleitete er als Reisebegleiter den später im ; ; 
Indischen Ozean umgekommenen Landgrafen von ; ; 
Hessen auf dessen Orientfahrten. — Pihren volle Huldigungen ; ■ 
konnten in diesem Monate dem Gelehrten und Professor “ jj 
der Berliner Universität, Dr. Adolf Tobler, gelegentlich ; ; 
seines 70. Geburtstages von Seiten der Vertreter der | j 
romanischen Philologie aller Herren Länder dargebracht ; j 
werden. Tobler gilt als der Bedeutendste im Reiche der J ; 
romanischen Philologie und seinen Ansichten über die ' J 
Aufgabe der Philologie, von dem geistigen Leben der in ; ; 
Völker gesonderten Menschheit eine wissenschaftlich gerecht- l ; 
fertigte Anschauung zu geben, ist er wie kein Zweiter 
sowohl in seinen sprachwissenschaftlichen Werken, als auch 
in denen der Völkerpsychologie gerecht geworden. Adolf 
Tobler war am 23. Mai 1835 als Sohn des auch literarisch 
bekannten Pfarrers Salomon Tobler zu Hirzel im 
Kanton Zürich geboren worden. — Ein Kollege Toblers, 
jedoch einer anderen Fakultät angehörig, ist Professor 
Bernhard Hübler, welcher ebenfalls vor wenigen Tagen 
in bewundet ns weiter Frische des Geistes und des Körpers 
seinen 70. Geburtstag feierte. Hübler ist nicht nur einer 
der angesehensten, sondern auch einer der beliebtesten 
Lehrer des Rechts an unserer alma mater. ln den be 
wegtesten Zeiten des Kulturkampfes stand er seinen Mann 
und von ihm stammt das Wort: „Der uralte Kampf zwischen 
Königtum und Priestertum wird niemals aufhören“. — 
An die Geburtstage der auf wissenschaftlichem Gebiete her 
vorragenden Herren reiht sich der Geburtstag eines Arztes 
an, der aber nicht als solcher, sondern in seiner Eigen 
schaft als Sozialpolitiker der Theorie und der Praxis das 
hohe Ansehen der Metropole geniesst. Ich spreche von 
dem Stadtverordneten-Vorsteher P. Langer haus und der 
Feier seines[85. Geburtstages. — WennBerlin wirklich verdient, 
die schönste Stadt, vielleicht auch die gesundeste der Welt 
genannt zu weiden, so gebührt zweifellos einen nicht ge 
ringen Grad von Anerkennung Herrn Gustav Schlosky, 
dem Direktor der Stadt. Strassenreinigung. Es ist 
durchaus keine Leichtigkeit, bei der Turbulenz einer Gross 
stadt den modernen Ansprüchen der Hygiene und der Aes- 
thetik gerecht zu werden — die Schlussseite des Berliner 
Lebens giebt uns ein anschauliches Bild davon, welche 
Krä te und Hilfsmittel in Bewegung gesetzt werden müssen, 
um den Schmutz zu beseitigen und Madame Berolina täglich 
wie eine saubere, gleich der Aphrodite dem Bade entstiegenen 
Jnngfrau erstehen zu lassen. — Wir treten mit dem 
folgenden Bilde in die Hallen der Kunst ein und erfreuen 
uns an dem Anblick der kleinen, flotten, ausseroidentlich 
begabten Henny Wildner, die mit dem „Wiener En 
semble“ in das Neue Königl. Opernhaus gezogen ist, 
um dort als „Leutnant“ in „Jung-Heidelberg“ allabendlich 
das Publikum zu begeistertem Beifall hinzureissen. Auf Seite 11 
ist uns ein Blick in den Concertsaal der berühmten Klavier 
virtuosin und Lehrerin Etelka Gerster-Gardini gestattet 
und wir sehen die Dame inmitten ihrerzahlreichen Schülerinnen, 
die mit ihrer Kunst die Kunst der Meisterin in die Welt 
tragen und auf Seite 13 gemessen wir mit Andacht in dem 
vornehmen Atelier des Malers N. Sichel die Gemälde 
herrlicher Frauengestalten, deren zarten, schön versinnlichten 
Formen und glühenden Augensterne von der Gestaltungs 
kraft uud Tiefe des Schöpfers Kommentare reden. — Wenn 
wir im Reiche der Kunst Umschau halten, dürfen wir 
Paul Linke nicht vergessen, dessen Bild wir auf einer der 
ersten Seiten des Berliner Lebens den Freunden der Operette 
vorgeführt haben. Paul Linke, der Hauskomponist des Apollo- 
Theaters, hat an dieser Stätte grosse Triumphe gefeiert. Wer 
kennt nicht seine „Frau Luna“, seine „Venus auf Erden“ 
undsein„ImReichederIndra“? — Wirgedenken hier noch an 
der Hand einer photographischen Wiedergabe des nicht lange 
nach seinem achtzigsten Geburtstag verstorbenen Schrift 
stellers und Königl. Bibliothekars Balduin Möllhausen, 
des Sängers der „Tafelrunde von Dreilinden“, des Ver- 
assers „der alten Trapper“, als welcher er selbst in einem 
abenteuerlichen Leben unter den Indianerstämmen seine 
Erfahrungen gesammelt hat. — Die photographische Auf 
nahme der Berliner Frühbörse führt uns in das 
praktische Leben, in das von „Hausse“ und„ Baisse“ beein 
flusste tägliche Dasein, welches im Nu zu Reichtümern 
emporheben und zur beklagenswertesten Armut hinab 
stürzen kann. Aber über die Sorgenden und Hoffenden 
scheint ein guter Tag gekommen zu sein — die 
Frühlingssonne ruht verklärend auf ihren Gesichtern 
und das im Strahle der Sonne silberschimmernde Grün an 
den Bäumen erzählt von künftigen Fruchternten und 
Reichtümern. — Wenn Journalisten — freilich nicht 
nach der Ansicht Oppermanns — im Range der Generale 
stehen, so ist es eine Corona von Feldmarschällen, die 
wir mit den Photographien der „Chefredakteure 
Berliner Tageszeitungen auf Seite 14 und 15 des 
Berliner Lebens bringen. Der Chefredakteur der viel 
gelesenen Berliner Morgenpost ist Conrad Alberti. 
Seine starke Individualität, die sich nicht allein auf 
dem Gebiete der Journalistik, sondern auch in hohem 
Masse der Literatur bewährt hat, giebt seinem unterstellten 
Organe ein charakteristisches Gepräge. — Hermann 
Bachmann ist am 21. Dezember 1856 in Elbogen 
geboren, er hat sich seit Jahren als Chefredakteur der 
V^ossischen Zeitung besonders nach der Richtung hin 
bewährt, das Blatt in seinem alten historischen Geiste 
weiterzuführen. — Wilhelm Bruhn, der Chefredakteur 
der Staatsbürger - Zeitung, gehört durch seine 
politische Agitation zu den bekannten Berliner Persönlich 
keiten. — Eine fruchtbare sozialpolitische Thätigkeit 
hat den in Kölln bei Oliva geborenen Schriftsteller 
Arthur Dix auf den Thron der Chefredaktion der 
Nationalliberalen Zeitung gehoben. — Heinrich 
Engel diente einst als Pastor dem Herrn, jetzt steht er 
schon lahrelang als Chefredakteur des Reichsboten im 
Dienste der Oeffentlichkeit. — Dr R. lssberner leitet die 
Freie Deutsche Presse und wird als hervorragender 
Publizist in den seiner politischen Anschauung nahe 
stehenden Kreisen sehr geschätzt. — Nachdem vor 
wenigen Jahren Karl Schneidt seine eigene Zeitung gegründet 
hatte, wurde Dr. Korn Chefredakteur der Welt am 
Montag. Seine politischen Leitartikel erfreuen sich bei 
den Regierungsantagonisten einer grossen Beliebtheit. — 
Der zu Dortmund geborene Schriftsteller Dr. Wilhelm 
Kronsbräu, einst Redakteur des „Rhein. Kurier“, später 
Herausgeber des „Stenogr. Kurier“, in Wiesbaden, ist Chef 
redakteur der Post. Seine schriftstellerischen Arbeiten: 
„Stenographische Streifzügo“, „Parlament u. Stenographie“, 
haben mit Erfolg ihren Weg indieOeffeiülichkeitangetreten. — 
I. Landau, der Che:redakteur des Berliner Börsen- 
Couriers erfreut sich als Theaternferent, als Schriftsteller 
und nicht weniger als überaus liebenswürdiger, hilfsbereiter 
Mensch der allgemeinen und allergrössten Achtung. — Als 
Chefredakteur des Berl. Tageblatt zeichnet Dr. Arthur 
Levysohn. Seine politische Publizistik, die sich ebenso 
frei hält von eiferndem Pathos, als auch von einer ein 
schläfernden, kraft- und saftlosen Reserve, gehört zu der 
tonangebenden, sie lässt es verstehen, wenn sich das B. T. 
im Laufe der Jahre zu einer der gelesensten Zeitungen 
durchgearbeitet hat. — Dem von Scherl vor einigen Jahren 
gegründeten Tag steht als Leiter Paul Marx, früher dem 
Redaktionsstabe des „Lokal-Anzeigers“ zugehörig, vor. Der 
Chefredakteur versteht durch Heranziehung bedeutender Mit 
arbeiter dem Blatt eine vielseitige politisch-literarische 
Physiognomie zu geben. — Georg Oertel, Chefredakteur 
der Deutschen Tageszeitung hat sich neben seiner 
journalistischen Thätigkeit auch als Schriftsteller einen 
bedeutenden Namen erworben. Er ist Verfasser unzähliger 
literarisch bedeutsamer Humoresken, Novellen, Erzählungen. — 
Max Graf Pilati von Tassul ist Chefredakteur der 
Deutschen Warte. Unter seiner Leitung hat sich das 
Blatt auch bei denen Achtung verschafl't, die seiner 
politischen Tendenz ferner stehen. — Der Chefredakteur 
der Täglichen Rundschau ist Dr. Heinrich Rippler. 
In Kempten am 8. November 1866 geboren hat er sich bald 
dem journalistischen Beruf zugewandt. Sein Weg führte 
ihn nach Berlin und seine Erfolge hoben ihn hier auf den 
Sitz einer Chefredaktion..— Die Nordd. Allg. Zeitung, 
das Blatt unseres nicht immer blos redefrohen Reichskanzlers, 
wird von dem bekannten Sozialpolitiker Paul Runge 
erfolgreich geleitet. — An der Spitze des Deutschen 
Reichsanzeigers steht Dr. Tyrol. Dieses offizielle 
Organ der preussischen Regierung weist dank der tüch 
tigen Leitung neben seinen Artikeln.; 1 von staatsgeschäftlichen 
Interessen auch interressante Schriften feuiiletonistischer 
Natur auf. 
Bernstein-Sawersky.
        
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