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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

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die Registratur der Aufnahme mit der Antworterteilung 
vergleichend, »das ist ja beinahe, wie »mit dem uralten 
Schlendrian der Telegraphie«, als man noch ganze 
Stunden auf eine Antwort warten musste!« 
In diesem Augenblick erschien auf der Platte die 
Anfrage aus der Küche, wie der soeben unbeschädigt 
eingetroffene Fisch zubereitet werden solle? 
Nur einen Moment war Herr Lehmann unent 
schlossen; denn er hatte allmählich, da soviel unnütze 
Zeit vertrödelt war, Hunger bekommen. Er liebte 
aber die Abwechslung bei Tisch; so Hess er denn 
einen Teil braten, einen anderen kochen, und einen 
dritten als Pannfisch (Labskau) verarbeiten. 
Dass er sich dann sogleich die Serviette umband 
und seinen elektrischen Tranchier-Apparat, durch einen 
Druck auf die Tischplatte, neben sich erscheinen Hess, 
war sehr vernünftig; denn gleich darauf öffnete sich 
die Platte nochmals und die verschiedenen bestellten 
Gerichte schoben sich aus der Versenkung heraus. 
Mit grösstem Appetit begann Herr Lehmann zu essen, 
in diesem Augenblick fiel aus einer kleinen Röhre, 
welche auf seinen Schreibtisch herunterhing, ein 
kurzer dünner Streifen Blech. 
»Ah!« machte Herr Lehmann befriedigt, »endlich 
eine längere Nachricht von meiner Braut!« Erdrückte 
wieder auf einen kleinen Kasten, der vor ihm stand, 
und schob den Blechstreifen hinein. 
Ein kurzes Schnarren! 
Dann erklang eine liebliche Stimme! »Guten Morgen, 
mein Schatz! Wie hast Du geruht? Im Wachen und 
im Traume, im wesenlosen Raume, denk’ ich allein — 
nur Dein!« 
»Ah!«< — Herr Lehmann freute sich gewaltig, 
»Sieh’ mal an, der »pneumatische Gedichtsteller«, den 
ich Laura zum Geburtstag geschenkt habe, arbeitet 
doch tadellos! — Nun ja! Ich habe ihn ja auch aus 
drücklich »für empfindsame Seelen« einstellen lassen!« 
Dann griff er nach seinem eigenen Apparat, stellte 
ihn auf »herzlich befriedigt« ein, und Hess ihn — na 
türlich wieder auf einen kurzen Blechstreifen — dichten: 
»Ich bin beglückt — entzückt! 
Hab’s Brieflein heiss gedrückt! 
Noch mehr wiird’s mich beglücken, 
Dein Bild ans Herz zu drücken!« 
Hierbei war ihm doch warm geworden; denn 
schliesslich ist »Dichten« — selbst »mit Apparat«, — 
auch jetzt noch, in der durchaus vorgeschrittenen Zeit! — 
kein Kinderspiel! 
Allerdings werden ja 6—8-bändige Romane und 
abendiiberfiillende Theaterstücke tadellos auf diesem 
maschinellen Wege hergestellt, und Freunden und 
Bekannten sofort übermittelt; für die Oeffentlich- 
keit ist aber immer noch die Ueberarbeitung eines 
der vielen Tintenkuli-Automaten (Einwurf 20 Mark) 
nötig; so dass — um ein richtiges Stück zu schreiben, 
es von den Schauspieler-Automaten darstellen, und 
es gleichzeitig in Amerika und Australien gegen 
»unerlaubte Aufführung« schützen zu lassen, 
immerhin ein und ein halber Tag vergehen können. 
Und das ist schlimm? 
Denn die Spitzbuben sind heute noch mehr auf 
den Posten als früher. 
Noch schlimmer, d. h. zeitraubender, ist die 
Sache mit dem Opern-Komponieren. 
Paul Lincke 
der populärste Komponist Berlins. 
Melodien sind nämlich bei der Massenproduktion 
so rar geworden, dass man auf die verstaubtesten 
»ollen Sachen«, wie sogar »Nibelungen, Götterdämme 
rung etc«, zurückgreifen muss, um die lästig-anspruchs 
volle Kritik zu befriedigen; die halsstarrig, noch 
immer in den ausgetretenen Kinderschuhen beharrend, 
von dem Schaffenden »Eigenes« verlangt. 
Eigenes? — ln unserer Zeit der unbegrenzten 
Gedanken-Transmission!?! 
Wer garantiert Eitlem denn dafür, dass der Ge 
danke, den ich eben ausgedacht habe, nicht von einem 
X-beliebigen auf dem erwähnten Wege der Trans 
mission aufgegriffen und in die That umgesetzt wird, 
wird, noch ehe ich ihn mir vom Seelen-Patentamt 
habe gesetzlich schützen lassen? 
Die Leute da auf dem Amt sind ja auch noch so 
grässlich vorsündflutlich; sie verlangen noch immer 
Andeutungen, worin die Erfindung besteht.« 
Das ist doch ein Unfug! 
Denn wir wissen ganz genau, dass einer jener un 
geheuren »Fernseher« von der Anti - Mnsterschutz- 
Compagnie«, jener berüchtigten Spitzbubenbande in 
Amerika, beständig unser Reichs - Patentamt durch 
leuchtet. 
Die schlauen Engländer haben sich ja gegen diesen 
Tric ihrer Vettern geschützt, indem sie eine Art 
Dove’schen Panzer, der selbst für »Y- und Z-Be 
strahlung undurchsichtig ist, um ihr ganzes 
Patentamt herumgeschlungen haben. 
Uns schwerfälligen Deutschen war dieser grandiose 
Musterschutz« natürlich 'mal wieder zu teuer! 
Zehn Millarden Mark zu teuer? Lächerlich. 
Während unsere enormen Besitzungen in dem vor 
kaum zehn Jahren entdeckten unterirdischen Afrika 
jetzt schon täglich fast eine halbe Milliarde Reinver 
dienst abwerfen. 
Und das fast ohne jede Unkosten! 
Denn die paar Dutzend Tausendpferdekraftmaschinen, 
die jede Woche durch die kolossale Arbeitsleistung 
unbrauchbar werden oder die, durch kleine Versehen 
in der Bedienung bersten, explodieren; die rechnen 
doch bei solchem Reingewinn nicht mit! 
Allerdings reissen die »staatlichen Unfallprämien«, 
die den (merkwürdiger Weise trotzdem oft noch 
trauernden) Hinterbliebenen der Verunglückten ge 
zahlt werden, etwas ins Geld. 
Aber immerhin! 
Was sind denn lumpige zehn Milliarden für unser 
so klotzig reiches Land!? 
Wie ein Märchen klingt es, dass früher 'mal ein 
allerdings höchst bedeutender Mensch, der seiner Zeit 
weit vorausgewesen ist, gesagt haben soll: »Es muss 
dahin kommen, dass am Sonntag Jeder auch der 
einfache Mann, sein Hühnchen im Topfe haben kann!« — 
Zehn Hühner könnte Jeder täglich heute ver 
zehren, wenn — er sie bewältigen könnte! 
Aber — — — — !! 
Das ist der springende Punkt! 
Unsere medizinische Wissenschaft ist zu 
rückgeblieben! 
Nicht 'mal ein lumpiges Mittel — das notabene 
Erfolge erzielt! — ist zum Beispiel gegen den Tod 
erfunden worden. 
Kopf gestanden (vor grenzenlosem Staunen!) haben 
neulich wieder 'mal unsere Aerzte, als ein sehr ge 
schickter Operateur, kurz nach der Trauung den beiden 
Neuvermählten »die warm für einander schlagenden 
Herzen« ausgewechselt hat, so dass nun jeder 
von ihnen mit Recht zum Anderen sagen kann: Ich 
hänge mit ganzem Herzen an Dir!« — 
Herr Lehmann hatte sich, um alles dieses mit Ruhe 
durchdenken zu können, auf sein »traumloses« Sofa 
gestreckt, das so eingerichtet war, dass sein Kopf auf 
einem besonders gegen phantastische Einbildun 
gen imprägnierten Kissen zu ruhen kam. 
Aber — — — 
Das Unglück hatte es wohl gewollt, dass er von 
diesem Schutzkissen heruntergerutscht war, und 
dabei die ganze Balance verloren hatte 
Genug — — 
Auf einmal gab es einen ungeheuren Bums — —! 
Und Herr Lehmann war vom Sofa gepurzelt!! — 
Erst fasste er an sein rechtes Bein, das er sich 
bei der Rutschpartie gestossen hatte, — dann betastete 
er seinen glühend-heissen Kopf und krabbelte wieder 
auf das Sofa hinauf: 
»Es ist so besser, wie es ist!« murmelte er mit, 
Hamlet, und dann drehte er sich auf die andere Seite 
herum und — — schnarchte dieses Mal traumlos 
weiter.
        
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