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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Berend. Sie find ja — na, ich kanns ja gar nich 
sagen, wie Sie sind! Heldenmässig sind Sie! 
Anna. Nein, sparsam bin ich. Ich kauf mir nich 
gleich ’n Revolver, wie’n gewisser Jemand. Schade 
ums Geld! 
(Ein zerlumptes, achtjähriges Mädchen kommt den 
Weg entlang; unter dem Arm ein Körbchen mit Wachs 
streichhölzern. Sie geht auf Berend zu.) 
Das Mädchen (weinerlich). Wachsstreichhölzer! 
Wachsstreichhölzer! Ach mein Herr, ach mein lieber 
Herr, kaufen Se mer doch ’ne Schachtel ab. 
Berend. Wo kommst Du denn her? In die 
Gegend! 
Das Mädchen. Ich komm’ vom Zappalog’schen. 
Da hab’ ich am Eingang gestanden. Aber de feinen 
Herrn ham mir nich eine Schachtel abgekauft. Ach 
kaufen Se mir doch ’ne Schachtel ab, Herr jraf, denn 
wenn ich wieder ohne Geld zu Hause komme, krieg 
ich sone Keile. 
Anna. Ach, Du armes Jöhr! Und wer haut Dich 
denn? 
Das Mädchen. Mutter haut mir immer so. 
Anna. Pfui! Solche Mutter! 
Das Mädchen. Mutter is ja nich so schlecht. 
Früher hat se mir nie jehau’n. Aber seit se bei’s 
Waschen den ganzen Arm verbrüht hat, kann se nich 
mehr arbeiten. Un wenn ich dann kein Jeld zu Hause 
bringe, un wenn se denn Hunger hat — denn haut se 
mir. sonst nich. Nee, früher hat se mir nie jehauen! 
Berend. Und verdient denn dein Vater nichts? 
Das Mädchen. Ich habe ja jar keinen Vater 
nich — Ach, Herr Baron, kaufen Se mir doch ’ne 
Schachtel Wachsstreichhölzer ab; ’s sind so’ne schönen. 
Und so’ne schönen Bilder! Sehn Se mal hier! (Sie 
gibt ihm eine Schachtel.) 
Berend (zieht das Portemonnaie). Hier haste 
was! 
Das Mädchen. Aber das sind ja fufzig Pfennig, 
un ich habe ja nichts zum Rausjeben. Vielleicht kann 
das Fräulein? 
Berend. Behalt nur das Geld! (Das Mädchen 
will ihm die Hand küssen). Lass doch! 
Das Mädchen. Ich danke ihn auch schön! Atjeh! 
Anna. Kleine, wo gehst du denn nu hin? 
Das Mädchen. Zu Hause, jleich zu Hause. — 
Ach, Mutter wird sich freuen! Ich werde man jleich 
’n paar Schrippen mitnehmen und ’n Stück Blutwurscht! 
Anna. Wohnste denn weit, Kleine? 
Das Mädchen, ln der Lietzmannstrasse. 
Berend. Was! So’n Ende noch! 
Anna. Graulst de dich denn nich, jetzt noch so 
allein durch den Tiergarten zu gehen? 
Das Mädchen. Graulen? Nee! Mir tut niemand 
was! 
Anna. Komm mal her! Hier haste noch fünfzig 
Pfennig und nu fährste mit de Elektrische. 
Das Mädchen. Danke schön! Danke schön! 
Ach Jott, müssen Sie aber reich sein! Noch viel reicher 
als die aus dem Zappalog’schen. Von die Leute jibt 
mir nie Einer mehr als zehn Pfennije. — Ich dank’ 
auch nochmals. Un hier hab’n Se ooch noch ’ne 
schöne Schachtel mit ’ne Balleteuse druf. Nu wer’ ick 
aber rennen! 
Anna. Du fährst doch! 
Das Mädchen. I wo wer’ ick denn! For den 
Jroschen zieh ick mir ’ne Tafel Chokolade. Einmal 
muss der Mensch doch Chokolade essen! — Sein Se 
nur nich böse drum! Nee! — Atjeh, Herr Baron! 
Atjeh Freilein von (Eilt fort). 
Anna. Gott, was gibts doch für Elend auf der Welt! 
Berend. Ja, ja! Da leben wir noch wie die 
Könige! Wissen Sie, Fräulein, wenn man so’n Elend 
sieht, da merkt man erst, wie gut unser einer ’s noch 
hat, und was man fürn Esel ist, wenn man unzufrieden 
ist und wunder denkt, wie erbärmlich ’s einem geht. — 
Flerrgott, mir is mit einem Mal wieder so leicht ums 
Herz — ! (Er rückt näher an sie heran.) 
Anna. Wie mich das freut! 
Berend. Wirklich? 
Anna. Na jewiss! Dann haben Sie wenigstens 
nich den dummen Gedanken, sich — (sie macht die 
Gebärde des Erschiessens). Schauderös! — Weg mit 
all die Traurigkeit! 
Berend. Ne, ne, das tu’ ich nich mehr. Ich hab’ 
mir’s überhaupt überlegt; ’s war ’ne Dummheit. Es 
kommt nichts bei raus, wenn man sich totschiesst. 
Anna. Is man jut, dass Sie das endlich einsehen. 
Berend. Ja, und Ihnen, Fräulein, verdank’ ich 
diese Einsicht. 
Anna (abwehrend). Mir nicht, der Kleinen! 
Berend. Und ihnen auch, Fräulein — Fräulein 
O je, ich hab’ mich Ihnen ja noch gar nicht vorgestellt. 
Entschuldigen Sie! Erlauben Sie: mein Name is — 
na, ich will Ihnen gleich den richtigen sagen —, mein 
Name is Paul Berend. 
Anna. Und meiner Anna Krüger. 
Berend (nachsprechend). Anna Krüger. 
Anna. Ja! — Nich wahr, n’ hässlicher Name — 
so gewöhnlich! 
Berend. Ach, aber Fräulein Anna, was tut denn 
der Name. Die Hauptsache is doch die Person, und 
die is (ihr ganz nahe rückend) so nett, so — so — so 
bezaubernd — so — 
Anna (verschämt). Aber Herr Berend! 
Berend. Wissen Sie was, Fräulein Anna, ich hab’ 
’ne Idee — ich trau, mich’s gar nich, Ihnen zu sagen! 
Anna. Traun Se sich nur dreist! 
Berend. Aber denn nich »nein« sagen — bitte! 
Anna. Aber ich muss doch erst hören — 
Berend. Och! 
Anna. Ne, des können Se doch von mir nich ver 
langen. Nee! Wirklich nich! — Wissen Se, das wär’ 
ja gerad’ so, als wenn ich mir ’n neues Kleid kaufte 
und probierts’s nich vorher an. 
Berend. Nun denn, Fräulein Anna — aber hören 
Sie gut zu: wir haben beide schlimme Erfahrungen 
gemacht, Sie und ich. Aber Sie haben recht: nur nich 
den Kopf verlieren! Wie’s uns gegangen is, geht’s 
tausend anderen auch — und noch viel schlimmer. 
Na, und — aber nich »nein« sagen! Nein? 
Anna. Na, so reden Sie doch nur weiter, mitten 
im schönsten hören Sie immer auf! 
Berend. Also, liebes Fräulein Anna, Sie sagen 
mir so zu, wirklich, Sie gefallen mir ausnehmend gut 
— Sie sind so lieb — 
Anna. Ach, Sie fangen schon wieder an zu 
schmeicheln. 
Berend. Nein, nein, Sie können mir’s glauben, 
es is mein wahrhaftiger Ernst. Ich schmeichle über 
haupt nie, nie! nur manchmal: Wollen wir’s nich 
mal miteinander versuchen? Wir sind beide frei: Sie 
haben keinen Schatz, ich habe keinen Schatz, also, ’n 
Hindernis steht nich im Wege. Anstatt uns alleinzu 
langweilen, können wir uns zu zweien amüsieren. 
Gründen wir also ’n Kompagnie-Geschäft auf gegen 
seitiges Amüsement mit sechswöchentlicher Kündigung 
vor Ablauf des Quartals! Einverstanden? (Er streckt 
ihr seine Hand entgegen.) 
Anna (einschlagend). Einverstanden! Ein Engage 
ment auf Probe, das is hierbei zwar neu und über 
raschend, aber vernünftig, doch ich glaube, wir werden 
von unserem Kündigungsrecht nich so bald Gebrauch 
machen. 
Berend (zärtlich). Hoffentlich nie! 
Anna. Aber nu fort mit dem dummen Revolver. 
Wenn der losjeht! Er macht mir bange. — Schmeissen 
Sie’n doch in den neuen See; da kann er wenigstens 
keinen Schaden anrichten. 
Berend (zieht die Waffe aus der Tasche und wirft 
sie mit kühnem Schwünge in den See). So! Mit dem 
Revolver sei auch die Erinnerung ans Vergangene ver 
senkt. Es lebe die Gegenwart! Und nun . . . wir 
haben keinen Wein, so wollen wir mit den Lippen 
anstossen auf eine angenehme Gegenwart, auf eine 
fröhliche Zukunft, auf eine vergnügte Kameradschaft! 
Wohlan! Es lebe unser Biindniss — es lebe die 
Liebe!! (Er küsst sie.) 
Anna. Und die Treue. — Ach, küsst Du aber süss! 
(Der Vorhang fällt.) 
„Es ist so besser, wie es ist!“ 
W. Turner-Lembcke. 
»Wir schreiben jetzt das Jahr 2004!« schalt der 
ungefähr vierzig Jahre alte, behäbige Besitzer des 
»Berliner Wolkenverschiebungs - Instituts,« (früher: 
G. m. b. H.) Herr Adolf Lehmann, »und sind noch 
kaum weiter, als die total Zurückgebliebenen des 
vorigen Jahrhunderts!« 
Aergerlich drückte er auf einen elektrischen Knopf 
mit der (natürlich stets leuchtenden) Aufschrift: 
»Küche!« und nach kaum zwei Sekunden konnte er 
sich schon in die reichhaltige Speisenkarte des »Diner- 
Club für die oberen Zehntausend« vertiefen. 
Mit dem »Mauerbrecher-Scheinwerfer«, (D. R. P. 
9999999.) wurde ihm nämlich, wie allen Abonnenten, 
die Speisenkarte durch Luftspiegelung in seinen grossen 
Toilette-Spiegel übertragen. 
Missmutig überflog er die vierzig Suppen. 
»Scheusslich! Alle Tage dasselbe!« 
Er »drückte« wieder und sofort wechselte das 
Delikatessen-Angebot. 
Dieses Mal blieb sein Auge aber doch, wie gebannt, 
auf dem Spiegel haften: 
»Hm! — Das wäre am Ende was!« 
Er begab sich wieder an die »Knöpfe«, drückte 
einen augenscheinlich nicht allzu häufig in Benutzung 
gesetzten herunter, und sofort wogte vor ihm auf der 
lichtempfindlichen Platte das Stück Nordsee, welches 
er sich zu seinem ausschliesslichen Privatgebrauch 
gepachtet hatte. 
Nachdem er dann noch einen Knopf gedrückt 
hatte, wurde die ganze Wasserpartie bis auf den Grund 
mit Z-Strahlen durchleuchtet; und nun wartete er, — 
mit dem elektrischen Donnerkeil in der (natürlich 
behandschuhten) Hand, bis ein ihn reizendes Fisch- 
Objekt »auf die Platte« kam. 
Aha! Da sauste ja einer dahin, der ihm gefiel, 
ein leichter Druck mit dem Keil auf die betreffende 
Stelle des Bildes verursachte eine vorübergehende 
Verdunkelung, und als diese sich wieder verzogen, 
stand an derselben Stelle (von der jetzt der Fisch 
verschwunden war) in Flammenschrift: »All right, Sir!« 
Herr Lehmann aber sah unbefriedigtaus: »Wieder 
eine achtundzwanzigstel Sekunde zu spät,« schalt er,
        
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