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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Wie in »Bajazzi« -- meinst Du? Oh nein, wozu 
wären denn solche Vorgänge, wenn man nicht von 
ihnen lernte! So dumm und unvorsichtig —« 
Sie brach plötzlich ab und horchte auf, da es in 
diesem Augenblick klopfte. Auch ihr Mann war über 
rascht und zögerte kurze Zeit, unsicher, was er tun 
sollte, ehe er nach der Tür schritt und nachsah. 
Es war der Diener, der meldete, dass Besuch da 
wäre, und gleichzeitig eine Karte überreichte. 
Herr von Hosswitz stutzte einen Moment, nachdem 
er einen Blick darauf geworfen hatte. 
Sollte ihm der Zufall so schnell und in solch’ 
günstiger Weise zu Hülfe kommen? 
Baron Warb erg las er langsam mit halblauter 
Stimme, aber eigentümlich fragender Betonung, seine 
Oattin dabei scharf fixierend. Ihm war es so vorge 
kommen, als wäre sie bei der Meldung des Dieners 
leicht zusammengezuckt. Einige Augenblicke stand er 
überlegend, nachsinnend mit finster zusamniengepress- 
tem Gesicht, dann befahl er dem Diener kurz: 
»Führe den Herrn ins blaue Zimmer und sage: die 
gnädige Frau würde gleich kommen. 
Ich kann jetzt niemand empfangen; das ist 
wohl selbstverständlich« sagte seine Gattin, nachdem 
er die Tür geschlossen hatte. 
Du wirst Herrn von Warberg empfangen; ich 
wünsche es« entgegnete er entschlossen und in einem 
Tone, der kaum einen Widerspruch duldete. »Und 
mich« fügte er etwas leiser hinzu, »mich wirst Du 
unter irgend einer Ausrede entschuldigen.« 
»Ah so!« Sie hatte begriffen. Spöttisch, verächt 
lich mass sie ihn von oben bis unten mit den Blicken. 
»Unter dieser Bedingung werde ich es natürlich 
erst recht nicht tun, trotz Deines Befehles nicht!« 
»Fehlt Dir vielleicht doch der Mut dazu? fragte 
er höhnisch. 
Sie fuhr auf. Er liess sich indessen durch ihre 
Blicke nicht beirren, sondern hielt ihnen stand. Auge 
in Auge, wie zu einer Herausforderung auf Leben und 
Tod standen sie sich gegenüber. 
Plötzlich zuckte es kurz, unheimlich, fast dämonisch 
in ihren Augen auf. 
Gut« sagte sie, »Du wünscht es; ich werde ihn 
empfangen <« 
Sie trat vor den Spiegel, ordnete ihr Haar sowie 
ihre Toilette und ging nach dem Zimmer, in dem Baron 
Warberg wartete. Ihr Mann folgte, trat aber nicht mit 
ihr ein, sondern blieb verborgen hinter dein schweren 
Vorhang stehen, von wo aus er durch eine Lücke 
hören und beobachten konnte. 
Mit vollendeter Gewandtheit, liebenswürdig und 
als ob nicht das geringste geschehen wäre, begriisste 
sie Baron Warberg, der ihr galant die Hand küsste, 
und setzte dann sofort hinzu: 
»Leider müssen Sie heute mit mir allein vorlieb 
nehmen, lieber Baron; mein Mann ist verreist 
Das letzte Wort hob sie besonders hervor. 
Der Ausdruck in Baron Warbergs Gesicht schien 
anzudeuten, dass ihm diese Ankündigung nicht gerade 
unangenehm war. Ehe er jedoch etwas erwidern 
oder eine Unterhaltung beginnen konnte, fuhr sie fort: 
»Aber kommen Sie bitte; hier ist’s kalt und unge 
mütlich. Es war eine Torheit von dem Diener, Sie 
hierher zu führen.« 
Damit schritt sie ihm voran nach dem nächsten, 
ihres Mannes Zimmer, dessen Tür sie, nachdem sie 
eingetreten waren, fest und sorgfältig hinter sich 
schloss. 
Herr von Hosswitz knirschte vor Wut mit den 
Zähnen. Dieser offenkundige Hohn überstieg wirklich 
alle Grenzen! 
Doch was sollte er machen? Wenn er ihnen jetzt 
in sein Zimmer folgte, hatten sie sich wahrscheinlich 
längst verständigt, und dann hätte er sich doch auch 
durch die Aussage seiner Gattin, dass er verreist sei, 
einfach lächerlich gemacht. Aber das Bewusstsein, in 
dieser Weise von ihr düpiert worden zu sein, brachte 
ihn fast um den Verstand. 
Leise und vorsichtig schlich er sich bis an die Tür 
seines Zimmers und horchte, vernahm jedoch nichts 
als ein undeutliches Gemurmel. Trotzdem lauschte er 
angespannt. Immer stärker erregte und erhitzte sich 
seine Phantasie; seine Schläfen pochten und das Blut 
raste ihm durch die Adern. Jeden Moment war er 
drauf und dran, die Tür zu öffnen, beherrschte sich 
aber immer noch. 
Da zuckte er plötzlich zusammen; ihm war es, als 
hätte er einen leisen, unterdrückten Aufschrei gehört. 
Gleichzeitig vernahm er ein Rauschen wie von Kleidern. 
Dies war entscheideud für ihn. 
Mit einem Ruck die Tür aufreissend trat er auf die 
Schwelle und sah seine Gattin dicht neben Baron 
Warberg stehen. Dies schloss für ihn jeden Zweifel 
aus, dass er nur für eine Sekunde zu spät gekommen 
war, um sie in dessen Armen zu überraschen. 
Ein Ausruf der Wut entrang sich seinen Lippen. 
Auf Baron Warberg losstürzend schlug er ihn mit der 
Faust ins Gesicht. — — 
ln der Frühe des folgenden Morgens wurde Baron 
Warberg von Herrn von Hosswitz im Duell erschossen. 
Als der letztere seiner Gattin hiervon Mitteilung 
machte, blieb ihr Gesicht kalt, finster, wie im Schmerz 
erstarrt; keine Klage, kein Laut kam über ihre Lippen. 
Als sie jedoch dann allein war, hellten ihre Mienen 
sich auf. Ein Bild aus ihrem Busen hervorziehend 
küsste sie dieses inbrünstig und betrachtete es lange 
mit entzückten Blicken. 
Die Gefahr wäre vorüber« sagte sie leise, wie für 
sich. Ein Lächeln umspielte dabei ihre Lippen. 
Das Bild war nicht dasjenige Baron Warbergs. 
Eine anständige Frau. 
Von Maria Holma. 
(Nachdruck verboten. 
Es war wunderhübsch behaglich in dem kleinen 
Frauensalon; eine wohltuende Stimmung: Berlin W. 
5—7 Uhr. — Es standen allerhand feine kleine Lack 
möbel da, ein grosser Divan, der mit gelblich weissen 
Fellen bedeckt war. An den Wänden hingen ein paar 
Jugendstilbilder gemässigter Richtung. Im Kamin 
brannte ein lustiges Feuer, und auf den Etageren 
standen allerhand grün und lila gebundene Lileraturen, 
Marie Madelaine etc. Auf dem niedrigen Tischchen 
dampfte der Samowar und in einem Lackkörbchen 
schlummerten gute wohlhabende Berlin W. - Cakes. 
Ueberhaupt man empfand: Hochherrschaftliche 
Wohnung, 2 Dienstmädchen, 2 3 reingewaschene 
Babies mit nursery jovernen, einen wohlhabenden Haus 
herrn, der früh morgens das Berliner Tageblatt liest 
und gern gut ist. Das lag so in der Luft. 
Ich bin eine sehr glückliche Frau», sagte die junge 
Hausfrau. Sie trug ein Peignoir aus weisser Liberty 
seide und sah nach guter Erziehung und anständiger 
Familie aus. Und sie sagte es in jenem Brustton der 
Überzeugung, den man hat, wenn man lügt. »Eine 
Tasse Thee, Liebste? Das schlanke emanzipierte 
Fräulein mit dem intelligenten hübschen Bubengesicht, 
knabberte Cakes und sagte dann aus einer langen Ge 
dankenreihe heraus: Ist Dein Leben nicht leer, 
Teuerste?« und innerlich dachte sie: «Ein Gäns’chen 
— wie stehen wir da, wir modernen Frauen, wir freien 
Frauen —- wir — wir! aber Alma sagte indigniert: 
»Ich finde mein Leben wunderhübsch, schon das Auf 
wachen. Emanuel ist schon fort, er lässt mich lange 
schlafen, der Gute. — Sie errötete leicht und dann 
kommt die Köchin, so ein Menu ist doch keine Kleinig 
keit. Ich studiere die Markthallenberichte sogar . Sie 
sagte es wie vielleicht ein Gelehrter: ich lese Pali 
im Ürtext, und dann die Toilette, die feine Spitzen 
wäsche voii der Ausstattung mit rosa Schleifen und 
Maiglöckchenparfüm. Natürlich nur für Emanuel — 
aber immerhin das Bewusstsein. — Ein so stolzes Ge 
fühl. Und dann frisiert man sich chik mit dem grossen 
coquetten Bausch in die Stirn, den Chinchilahut, die 
Stola um und geht »chopping«. Und ab und zu läuft 
einem irgend ein frecher entzückender Mensch nach 
und sagt Dummheiten z. B. mein Fräulein, glauben Sie, 
es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei usw. 
Und wenn er es zu toll treibt, dann sagt man: »Mein 
Herr, was erlauben Sie sich, ich bin eine anständige 
deutsche Frau! und geht nach Hause und dann kommt 
Emanuel.« 
»Jawohl,« sagte die Emanzipierte ironisch, dann 
kommt Emanuel — was weiter? 
Und nachmittags geht man mit Meyers aus der 
Kurfürstenstrasse in den Zoologischen oder zu Keller 
& Reiner. Wir sind sehr für Kunst und abends gehe 
ich mit Emanuel ins Theater, sogar in einem Cabaret 
war ich schon. Ja, das Leben einer anständigen Frau 
ist doch sehr reich. 
Das Fräulein Doktor wies mit der Hand auf die 
Photographie eines jungen Gardeoffiziers in silbernem 
Rahmen: »Und die grosse Leidenschaft« sagte sie und 
es zuckte und wetterleuchteie in ihren Worten. Die 
junge Frau sah zu dem Bild herüber, sie wurde rot, 
»so etwas tut man doch nicht , sagte sie indigniert 
mit dem Brustton der Überzeugung, den man hat, 
wenn man lügt. 
»Nein«, sagte die Emanzipierte mit der trauernden 
Miene eines nicht gefallenen Engels, So was tut man 
nicht!« und sie nahm noch ein Cakes.
        
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