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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

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Wenn er dann atemlos nach Hause gerannt war, 
traf er sein lächelndes Weibchen auf der Schwelle, das 
ihn freudig begrüsste: „Mir war garnichts, mein Herz, 
ich wollte nur wissen, wo Du so lange stecktest.“ 
Wenn diese Manie sie zeitweise verliess, so war sie 
die reizendste, beste Frau, sanft wie eine Taube, folg 
sam wie ein Lamm und anschmiegend wie ein junges 
Kätzchen. Dann setzte sie sich zärtlich auf seine Knie, 
glättete sein Haar, streichelte seinen Bart und blickte 
ihm tief und liebevoll in die Augen aus denen ihr 
so warme Liebe entgegenleuchtete. Konstantin fühlte 
sich so glücklich, wenn er sein kleines, schönes, zier 
liches Weibchen in seinen Armen hielt, dass er alle 
überstandene Qual schnell vergass. 
Dann ein Blick — wie ein Blitz aus heiterem 
Himmel — Kornelia hatte eine Schramme am Halse 
ihres Gatten bemerkt. — 
„Konstantin, was ist das? Wer hat Dich gekratzt? 
Gestern war doch noch nichts zu sehen!“ 
„Aber ich bin ja seit gestern noch garnicht fort 
gewesen.“ 
„Ja, aber woher ist es gekommen? Sag’ mir, wer 
Dich gekralzt hat?“ 
Und von Neuem war die arkadische Harmonie ver 
nichtet und das eheliche Unwetter begann und endete 
mit der Revision aller Taschen, Schubladen und Geheim 
fächer des gequälten Gatten. 
Da die arme Kornelia niemals faktische Beweise 
für die Untreue ihres Gatten finden konnte, schuf sie 
sich künstliche, und ihre Eifersucht wuchs und gedieh 
wie eine üppige Giftpflanze. 
Man sagt zwar, die Eifersucht sei das Salz der 
Liebe — aber dann soll man auch nicht vergessen, dass 
zu scharfes Salzen den Geschmack verdirbt. 
Eines Tages kam Konstantin nach Hause und traf 
vor seiner Haustür einen Dienstmann, der ihm ein von 
Frauenhand adressiertes Päckchen überreichte, als er 
verwundert die Papierhülle zerriss, strömte ihm süsser 
Veilchenduft entgegen. Zwischen den Blumen lag ein 
Kärtchen, auf dem nichts weiter stand, als ein geheimnis 
volles „von K “. Ehe er sich noch recht be 
sinnen konnte, war der Dienstmann verschwunden. 
Von wem konnte die anonyme Sendung herrühren? 
Wer konnte ihm Blumen schicken? — 
Er wurde nachdenklich. — Freilich — gestern hatte 
er eine Dame getroffen, die ihn einstmals ausgezeichnet 
hatte, man sagte damals sogar, dass sie sich ernsthaft 
für ihn interessiert habe — er hatte sie aber seit seiner 
Hochzeit nicht wiedergesehen. Ein Hauch von er 
storbenen Erinnerungen strömte ihm aus dem Blumen 
duft entgegen — er erschrak vor seinen eigenen Ge 
danken. Wenn Kornelia etwas merken sollte — es 
wäre die Hölle im eigenen Hause. 
Wie ein ertappter Schüler versteckte er die geheim 
nisvollen Blumen schnell in der Tasche und rannte die 
Treppen hinauf — aber er wagte nicht, sie in seine 
Wohnung zu bringen, ohne sich auch nur an ihrem 
süssen Duft zu laben, zerdrückte er sie und warf sie 
durch ein Flurfenster auf den Hof hinab. Nun fühlte 
er sich wieder leichter und konnte ruhig seiner kleinen 
Otellina entgegentreten, die stets schon auf eine halbe 
Meile Verrat witterte. 
Ehe er aber die Tür öffnete, beroch er aber noch 
vorsichtig seine Finger, um zu sehen, ob sie nicht nach 
Veilchen dufteten. 
In seinem Kabinet traf er seine Frau, die ihn augen 
scheinlich schon erwartete; er bemerkte nicht, dass sie 
ihn von oben bis unten forschend anblickte. 
„Wo warst Du, Konstantin?“ 
So fing die Sache gewöhnlich an. 
„Bei meinem Rechtsanwalt.“ 
„Sonst nirgends?“ 
„Nirgends — wo hätte ich denn sein sollen?“ 
„Hast Du Jemanden getroffen?“ 
„Keinen Bekannten.“ 
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„Keinen? Wirklich nicht? 
Kornelia’s Augen schossen bereits die ersten unheil 
verkündenden Blitze. 
„Hast Du nichts mitgebracht?“ 
Konstantin wurde etwas verlegen, sagte aber mit 
scheinbarer Gleichgültigkeit: 
„Nichts, mein Kind.“ 
Kornelia’s Gesichtchen erglühte über und über vor 
Empörung, sie fühlte ihre Selbstbeherrschung weichen. 
Aha! — er hatte sie also schändlich betrogen. — 
„Wirklich nichts?“ sagte sie mit schlecht verhehltem 
Aerger, „verstelle Dicht nicht, Konstantin — erinnere 
Dich!“ 
„Aber, ich versichere — —“ 
Sie liess ihn vor Ungeduld nicht weiterreden. 
„Du lügst“, brauste sie auf, „Du hast von einer 
Dame Blumen erhalten — gewiss von DeinerGeliebten?“ 
„Ich? — Blumen? — Aber Kornelia, was phantasierst 
Du! Ich weiss nichts von Blumen.“ 
Er fühlte, dass er bei dieser Lüge heftig errötete, 
aber der Selbsterhaltungstrieb zwang ihn instinktiv 
fast wider Willen zu diesem Mannöver. 
Kornelia’s Köpfchen glich jetzt fast einem Gorgonen 
haupt. 
„Also Du bleibst dabei? — Du hast keine Blumen 
erhalten? — also Du betrügst mich, Du verbirgst mir 
etwas, Du hast ein böses Gewissen? — Wie kannst 
Du leugnen, dass Du eben vor der Tür unseres Hauses 
einen Veilchenstrauss erhalten hast? — Siehst Du 
Du bist selber in die Falle gegangen! — Du hast ein 
Verhältnis und darum wagst Du nicht, mir frei in die 
Augen zu sehen, darum leugnest Du! — Ich wusste, 
dass ich Dich fangen würde, wenn ich Dir die Veilchen 
schickte.“ 
„Also Du, Du selbst?“ 
„Ich, ja, ja — ich! — Ich wollte sehen, ob Du auf 
richtig bist, ob Du mir die Wahrheit sagst, ob Du 
mich nicht betrügst, jetzt weiss ich alles ich habe 
eine Rivalin — oh! meine Ahnung hatmich nichtbetrogen. 
Konstantin lachte verzweifelt auf. 
„Lach’ nur, lache! — schluchzte die aufgebrachte 
Kornelia. — Ich überlebe das nicht, das giebt mir den 
Tod — ich habe genug gelitten, ich bin Deiner Untreue 
müde! Gott! wie bin ich unglücklich, was leide ich 
durch Dich nicht alles!“ 
Zwei Wochen waren nötig, um Kornelia zu über 
zeugen, dass sie sich lediglich selber diese Aufregung 
danke, dass keinerlei Grund zum Selbstmord noch zur 
Vergiftung ihres Gatten vorliege, und dass sie eine 
rein erträumte Rivalin doch unmöglich mit Vitriol be- 
giessen könne. 
Konstantin aber war seit jener letzten Attacke sehr 
nachdenklich geworden, er beobachtete seine Frau mit 
grosser Aufmerksamkeit und glaubte eine gewisse 
Verlegenheit an ihr zu bemerken, was ihn in eine sehr 
gute Stimmung versetzte. — 
Unter der Korrespondenz, die von der Post abge 
liefert wurde, fand sich von Zeit zu Zeit ein an 
Frau Kornelia adressiertes, geheimnisvoll duftendes 
Briefchen, mit irgend einem sinnigen Emblem, dieses 
wurde ihr anscheinend ohne Wissen ihres Gatten stets 
persönlich eingehändigt. 
Eines schönen Tages trat Herr Konstantin mit 
ernstem, strengen Gesicht in das Boudoir seiner Frau, 
legte ein rosa Briefchen mit einem Vergissmeinnicht 
auf ihren Schreibtisch und fragte mit trockener, tiefer 
Stimme: 
„Was bedeutet das, Kornelia?“ — 
Kornelia zitterte; sie war verlegener als ihr Gatte 
es jemals vor ihr gewesen war. 
„Wer wagt es, Dir auf solche Art und Weise zu 
schreiben?“ fragte Konstantin, der sich als Beherrscher 
der Situation fühlte. — „Gnädige Frau, ich bin vielleicht 
wahnsinnig, dass ich von neuem an sie schreibe, aber 
ihr Blick scheint den Worten zu widerstehen, mit denen 
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Sie mir verboten haben, Ihnen zu schreiben! — Ich 
sah Sie gestern auf der Strasse. Sie gingen an mir 
vorüber und lächelten. — Oh, sprechen Sie nichts, be 
haupten Sie nicht, dass Sie mich nicht kennen und 
dass Sie nicht einmal ahnen, wer der Verwegene ist, 
den Ihre herrlichen Augen in einem Grade entflammten, 
dass er ... . 
Kornelia liess ihren Mann nicht weiter lesen, sie 
riss ihm den Brief aus der Hand, zerknitterte ihn und 
warf ihn voller Empörung auf die Erde. Sie wollte 
irgend etwas sagen, wusste aber nicht, wie sich ver 
teidigen ! 
„Wie? — Du führst ohne mein Wissen eine ge 
heime Korrespondenz?“, fragte sie Konstantin. „Du 
gestattest, dass irgend ein Laffe Dir seine Liebe ge 
steht, poste restante Briefe von Dir empfängt und um 
ein Rendezvous bittet? — Was soll das Alles bedeuten?“ 
Konstantin’s Stimme klang streng und hart, wie die 
eines Untersuchungsrichters; unter seinen zusammen 
gezogenen Brauen blitzten die Augen, nur um seine 
Lippen huschte ein pfiffiges, boshaftes Lächeln. Othello 
stand in diesem Moment hoch über der verlegenen 
Otellina, die vergebens versuchte, ihrem Gatten offen 
in die Augen zu blicken. Sie fühlte sich gedemiitigt, 
besiegt, zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie vor 
ihrem Konstantin das Uebergewicht verloren. Tränen 
traten in ihre Augen, aber sie wagte nicht zu weinen, um 
sich schuldig zu bekennen, da sie doch unschuldig war. 
„Aber, liebster, bester Konstantin — ich muss Dir 
das erklären — ich weiss wirklich selber nicht“, 
stotterte sie, ich wollte Dir gleich anfangs Alles 
sagen i— denn diese Briefe — siehst Du, ich verstehe 
garnicht, wie Jemand wagen konnte —“ 
Konstantin’s Gesicht blieb unverändert ernst; er tat, 
als höre er gespannt zu, und als ärgere er sich, dass 
sie ihre Bekenntnisse so oft unterbreche, um zu ihrer 
einzigen Verteidigung das folgende Argument in ver 
schiedenen Tonarten vorzubringen: 
„Aber Konstantin — Du kannst doch nicht glauben, 
dass ich Dich betrügen werde!“ — 
Othello blieb unerbittlich, mitleidslos, so sehr 
Otellina auch ihre Unschuld beteuerte. 
Die Angelegenheit blieb unerledigt. 
Eine Woche später kam ein Bouquet, anonym von 
dem geheimnisvollen Verehrer gesendet. Unglücklicher 
weise nahm Konstantin selber die Blumen in Empfang 
und überbrachte sie seiner Frau. Sie warf den Strauss 
empört durch das Fenster. 
„Das ist ein frecher Mensch“, rief sie vor Aerger 
bebend, „wie darf er sich mir so aufdrängen“. — 
„Ja, Du hättest ihn nicht ermutigen sollen, meine 
Liebe“, sagte Konstantin mit einem Ton sanften Vor 
wurfs, der Kornelia fast zur Verzweiflung brachte. 
Der beharrliche Anonymus liess sich nicht abschrecken, 
er schickte immer heissere, leidenschaftlichere Briefe, 
schrieb, dass sein Idol ihn sehr wohl kenne, ihn oft sehe, 
dass sie ihn mit ihren Strahlenaugen ermutige, und sei 
sie auch scheinbar gleichgiltig und kalt, so danke er 
ihr doch für jeden Schatten von Hoffnung, den er in 
ihrem Benehmen bemerkte. 
In der Zeitung standen öfters Gedichte an „die 
Unwürdige“, die Ritter Toggenburg unterschrieben 
waren; wenn Frau Kornelia diese sah, peinigte sie sich 
das Rätsel zu lösen, das beständig einen Schatten auf 
sie werfen und ihren Gatten argwöhnisch machen 
musste. Nur auf die einfache Lösung kam sie nicht, 
dass sie damals mit dem riskanten Experiment mit den 
Veilchen ihrem Gatten ein Beispiel gegeben hatte. Er 
hatte nun seinen Hausfrieden, denn er hatte ein — Schach 
der Königin gefunden. Von Zeit zu Zeit eine Anzeige in 
der Zeitung, ein anonymes Briefchen, ein Bouquet — 
und Kornelia sah ein, dass man unschuldig — schuldig 
erscheinen kann. 
Hymen möge dem geplagten Gatten das Schelmen- 
stiickchen verzeihen. C’est la gtierre!
        
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