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Full text: Berliner Leben Issue 8.1905

Der Störenfried. 
Eine lustige Geschichte von Paul 1111 s. 
(Nachdruck verboten). 
Doktor Wolfram war seit einem halben Jahr ver 
heiratet, und die jungen Eheleute lebten glücklich und 
zufrieden. Er tat, was er seinem kleinen Frauchen nur 
an den Augen absehen konnte, und sie war ihm dafür 
in dankbarer Liebe zugethan. 
Da kam eines Tages der Störenfried, Tante Ottilie, 
ins Haus, und von diesem Tage an, war es um das 
junge Eheglück geschehen. 
Tante Oltilie war ein Fräulein von fünfzig Jahren, 
sie war misstrauisch, leicht erregbar und sehr anspruchs 
voll, aber sie war sehr reich, und da Frau Erna Wolf 
ram die einzige Verwandte war, so zog die Erbtante 
zu den jungen Leuten ins Haus, wofür sie diesen ver 
sprach, sie als einzige Erben einzusetzen. 
Nur mit schwerem Herzen willigte Doktor Wolfram 
ein, denn er kannte die Eigenarten des alten Fräuleins, 
da aber Erna bat und bat und man schliesslich auch 
an die zu erwartende Erbschaft dachte, gab er endlich 
nach. 
Nach kaum achttägigem Zusammenwohnen kam die 
liebe Tante eines Morgens zum Doktor und brachte 
ihm ein dickes Manuskript. 
«Hier, lieber Doktor, bringe ich Ihnen ein Drama, 
das ich geschrieben habe», und dabei blickte sie stolz 
und triumphierend auf ihr Werk. 
Dem Doktor wurde es schwarz vor den Augen, aber 
er bezwang sich und fragte lächelnd: «Aber, Tantchen, 
Sie dichten auch?» 
Und siegessicher antwortete sie: «Lesen Sie nur — 
Sie werden sehen, dass es ein Theaterstück ist, wie 
seit Jahren keins dagewesen ist, es wird einen Riesen 
erfolg haben.» 
«Aufführen lassen wollen Sie es auch?» fragte er 
bestürzt. 
«Aber wozu schreibt mandennsonstTheaterstücke?!» 
entgegnete sie beleidigt. «Gewiss soll es aufgeführt 
werden, und Sie sollen es anbringen, Sie haben ja Be 
ziehungen zu allen Bühnen.» 
Er ahnte Fürchterliches,aberer schwiegund versprach, 
das Stück bald zu lesen. Damit war Tante Ottilie zu 
frieden und ging. 
Und er las es. Natürlich war es eine ganz wert 
lose Arbeit, wie sie jeder halbwegs Gebildete zu Stande 
bringt, die man nie der Oeffentlichkeit übergeben konnte. 
Er hatte ja auch nichts Anderes erwartet. 
Wie aber nun der dichtenden Tante dies schonend 
sagen? Er half sich, indem er seine Frau bat, es ihr so 
nach und nach beizubringen. Es geschah. Aber Tante 
Ottilie war damit nicht zufrieden, sondern kam in sein 
Arbeitszimmer und wollte sein Urteil hören. Natürlich 
sagte er ihr alles so schonend wie möglich und riet ihr, 
nicht weiter zu schreiben, da sie keine Spur von Talent 
habe. 
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0? 
Ida Perry 
Mitglied des „Apollo-Theaters“ 
«Also wollen Sie es nicht einreichen?» fragte 
sie kalt. 
«Es ist unmöglich. Kein Mensch führt es auf.» 
«Nun gut, — so reiche ich es selbst ein.» 
«Aber Sie machen sich lächerlich Tantchen,» entfuhr 
es ihm, denn er konnte sich nicht mehr halten. 
«Das ist ja doch wohl meine Sache,» sagte sie nur, 
und rauschte zur Tür hinaus. 
Er Hess sie gehen, aber er ahnte, dass es von jetzt 
an um den Frieden des Hauses geschehen war. 
Und er hatte nur zu recht. Die Tante war kühl und 
wurde mit jedem Tage kühler, und was noch schlimmer 
war, auch Frau Erna war nicht mehr so lieb, wie sie 
bisher gewesen. 
Dies alles wurde ihm auf die Dauer unerträglich, 
und oft schon dachte er daran, der Tante zu sagen, 
dass es doch wohl besser wäre, wenn sie wieder allein 
zöge, aber Frau Erna war ganz und gar dagegen, da 
sie sich von der Erbtante nicht trennen wollte. So 
blieb ihm denn nichts Anderes übrig, als sich in sein 
Schicksal zu fügen, wenn er schon durchaus nicht ein 
sah, weshalb seine Frau so plötzlich für die Tante 
Partei nahm. 
Der Grund aber dafür war: Tante Ottilie hatte die 
junge Frau eifersüchtig gemacht. 
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Nämlich der Zufall wollte es, dass um die gleiche 
Zeit eine junge Dame zu dem Doktor kam, die ihm 
auch ein Drama brachte und um seine Empfehlung bat. 
Diesmal aber war es eine sehr talentvolle Arbeit, welche 
er sehr gern empfahl, und die denn auch sofort an 
genommen wurde. 
Das hatte die Tante erlauscht und erspäht 
und nun aus Aerger und Neid blies sie der jungen 
Frau ins Ohr: «Es ist eine bildhübsche Dame, die er 
fast täglich empfängt, mit der er oft stundenlang 
plaudert, mit der er zusammen zum Theaterdirektor 
gegangen ist und deren Stück er sofort zur Annahme 
gebracht hat.» 
Anfangs zwar lächelte Frau Erna dazu, als aber die 
Tante immer von Neuem wieder anfing, die Eifersucht 
zu wecken, wurde sie doch aufmerksamer, und als sie 
eines Tages sah, wie ihr Mann der schönen Dame die 
Hände küsste, da stellte sie ihn nachher zur Rede und 
machte ihm einen Auftritt. 
Er aber lächelte nur. Sofort erkannte er ihre Eifer 
sucht und daraus schloss er, dass sie ihn wirklich 
liebte, — ein aufklärendes Wort aber sagte er nicht, 
denn nun wollte er doch einmal erproben, wie weit sie 
in ihrer blinden Liebe wohl gehen würde. 
Seufzend und weinend klagte Frau Erna der Tante 
ihr Leid. 
«Siehst Du, — wie recht ich hatte mein Kind», be 
kräftigte Tante Ottilie, «er betrügt Dich sicher! Ach, 
alle Männer sind ja gleich — aber lass nur, ich werde 
ihm auf die Finger sehen, und so wie wir den Beweis 
seiner Untreue haben, machen wir Ernst, dann heisst 
es: Scheidung! — und dann kommst Du zu mir!» 
Aber daran dachte die junge Frau mit Grausen und 
darum weinte und schluchzte sie bitterlich. 
Von nun an wurde das Zusammenleben der drei 
fast unerträglich, die beiden Damen hüllten sich in 
eisige Kälte und der Doktor tat, als sehe er es nicht; 
bei ihm stand es fest, jetzt nicht nachzugeben, bis die 
Tante aus der Wohnung war, wenn anders er nicht 
ewig die Null im Hause bleiben woltte. 
So lebten sie denn nebeneinander hin — scheinbar 
ohne jedes Interesse — aber nur scheinbar, denn Tante 
Ottilie spähte mit echt weiblicher Neugierde, ob sie den 
Doktor nicht auf einem Unrechten Pfade ertappen konnte. 
Eines Tages, nachdem der Doktor fortgegangen war, 
hatte sie wieder in seinem Zimmer nachgesucht, und 
da mit einmal glaubte sie, den Beweis gefunden zu 
haben 
Tantchen hatte eine Anzahl Kostümbilder gefunden, 
von denen der Doktor zwei Blätter ausgewählt und 
blau angekreuzt hatte: einen polnischen Edelmann und 
eine Polin. 
Nun war kein Zweifel mehr für die beiden Damen — 
der Ungetreue wollte wohl zu dem Kostümfest, das in 
einigen Tagen stattfand, und dahin wollte er jene schöne 
Dame mitnehmen, die er so übereifrig bevorzugte; 
denn Tantchen hatte durch das Schlüsselloch gesehen,
        
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