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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Umgang mit Brautleuten, 
Von /\oda /jWa. 
ie landläufigen Ratgeber des guten Tones 
lassen uns sofort im Stich, wenn wir uns 
in eine ungewöhnliche Situation begeben. 
Der verzwicktesten eine ist der Verkehr mit Braut 
leuten. Keine Gelegenheit im Leben erfordert so 
viel Takt und Verstand, wie gerade diese. Mit dem 
angeborenen Anstandsgefühl sitzt man da jämmer 
lich auf, versichern mir Leute, die über dergleichen 
verfügen. 
Denn jedes wie immer geartete Verhältnis eines 
Dritten zu einem Brautpaar hat Folgen — und oft 
die peinlichsten! Der scheele Blick, mit dem das 
Paar den Störenfried ansieht, bestätigt unwiderleglich 
den besonders im Süden verbreiteten Glauben an 
das mal occhio. 
Absichtlich als Gesellschafter (Elefant) beigegeben 
zu werden, ist der weitaus seltenste und mildeste 
Fall des Zusammentreffens mit einem Brautpaar. 
Der Elefant ist ein kluges Tier mit hypertropisch 
entwickelten Riechwerkzeugen. Er merkt die Absicht 
und ist daher in der Lage, einer Verstimmung vor 
zubeugen, indem er alle seine Sinite ausser Dienst 
stellt, immer vorauseilt, ohne sich umzusehen und 
sich überhaupt, wo immer es der Wille der Braut 
leute erfordern mag, zu Wasser und zu Land, in 
Stürmen und Unternehmungen jeder Art, zu allen 
Zeiten und Gelegenheiten — unsichtbar macht. 
Damit ist die Rolle des Elefanten vollkommen er 
schöpft. Sie ist so einfach, dass sie selbst Tanten 
und andere minder begabte Naturen zur Zufrieden 
heit der Nächstbeteiligten spielen können. Es ist 
aber meistens ebenso leicht, die Rolle mit der An 
gabe zurück zu schicken, dass sie der Individualität 
des gewählten Trägers nicht entspreche. Kein 
Mensch kann gezwungen werden, einem Paare 
dauernd und bewusst Gesellschaft zu leisten. 
Ganz anders, unendlich schwieriger nämlich, steht 
die Sache, wenn uns ein Brautpaar, vereint oder 
getrennt, zufällig begegnet. Ist die Kunde der 
Verlobung schon früher zu uns gedrungen, dann 
vermögen wir uns vielleicht noch zu fassen und 
ohne arge Verletzung der gesellschaftlichen Regeln 
rechtzeitig auszukneifen. Dadurch gewinnen wir 
mindestens eine Galgenfrist zur Ueberlegung und 
treten das nächstemal gewappnet auf. Erfahren wir 
aber von der Verlobung erst an Ort und Stelle, 
dann heisst es, gleichgiltig, ob nur der männliche, 
nur der weibliche Teil, oder beide Teile Aug’ in 
Auge vor uns stehen, sich mit Aufwand aller Geistes 
kräfte aus der schwierigen Situation zu befreien, 
und zwar ohne allzu empfindlichen Verlust an An 
sehen und ohne Aufgabe alter Ueberzeugungen. 
Auch dieses unvorhergesehene Zusammentreffen 
kann zweierlei Art sein. Die schwierigere ist eine 
Begegnung mit dem Bräutigam. Angenommen, ein 
bisher unbescholtener Freund oder doch guter 
Bekannter teile uns plötzlich, statt auf unsere höfliche 
Frage nach seinem Wohlbefinden zu antworten, 
seine Verlobung mit Fräulein Steffi mit. Wie haben 
wir uns nun zu benehmen? — Vor allem heisst es 
Oekonomie mit Sekunden treiben. Das geschieht 
am besten durch einen länger währenden warmen 
Händedruck und freudig überraschtes Augenleuchten. 
Beide Symptome inniger Anteilnahme sind bei kulti 
vierten Menschen fast Reflexbewegungen und er 
fordern weder Kunst noch Zeitaufwand. Es folgt 
dann ein herzliches: „Ah! Gratuliere!“, das so oft 
zu wiederholen ist, bis sich die folgende Gedanken 
kette geschlossen hat. Wir haben nämlich unver 
züglich aus den mehr oder weniger veränderten 
Mienen des Freundes und den uns keineswegs un 
bekannten Vermögensumständen der Braut den 
Schluss herzustellen, warum die beiden wohl den 
äussersten Schritt getan haben mögen. Finden wir, 
dass unser Freund leider nicht anders konnte, dann 
kommt der Grundsatz „Heute dir, morgen mir“ zur 
Geltung. Wir behalten unsere liebreichen Züge bei 
und tun so, als wären wir im Begriffe, vor Ver 
gnügen auf einem Bein davonzuhüpfen. Das bereitet 
unserem Freunde eine für uns ganz kostenlose 
Wonne und lässt in ihm den Plan reifen, unser gutes 
Benehmen gegebenenfalls nachzuahmen. Milde Worte, 
die unseren Lippen dabei zu entströmen haben, 
festigen diesen Plan noch, zeugen von unserer un- 
erschüttertlichen Geistesgegenwart und täuschen 
den Freund über manche bittere Minute hinweg. 
Hat er noch mehr so taktvolle Bekannte, wie wir es 
sind, so kann er vielleicht sogar in den süss ein 
schläfernden Wahn versetzt werden, dass er eine 
Liebesheirat eingehe. Bis zu dem öfter hervor 
sprudelnden „Ah! Gratuliere!“ (einschliesslich) bleibt 
unser Verfahren dem eben beschriebenen auch dann 
gleich, wenn unser Freund sozusagen freiwillig, 
das heisst schuldlos heiraten wollte. Ihm davon 
einfach abzuraten, wäre ebenso albern als gefährlich. 
Man bedenke, dass er sich ja im Augenbicke ent 
weder im Stadium VI a eines akuten Magenkatarrhs 
oder in einer schweren Liebesraserei befindet. Jeder 
offene Widerspruch müsste sein Nervensystem zer 
rütten, trotziges Festhalten an der vorgefassten 
Absicht zeitigen und ein Zweikampf auf gezogene 
Pistolen mit den landesüblichen Verschärfungen 
wäre unausweichlich. Solche Vorfälle gefährden 
aber nicht nur unsere teure körperliche Sicherheit, 
sondern auch das Gelingen unserer löblichen Ab 
sichten. Duelle sind nämlich Aphrodisiaca. 
Mit Gewalt und Offenheit ist also nichts zu er 
reichen. Vorsicht, Diplomatie, ein Lächeln über 
Abgründen ist alles. 
In der Schuhmacherei mag es Patentleisten geben, 
auf die man jedes Schuhwerk schlagen kann, bei 
uns Diplomaten muss man spezialisieren. Jede 
Verlobung will anders behandelt, das heisst rück 
gängig gemacht sein. Die Mühe des Nachdenkens, 
die wir uns da geben, wird herrlich belohnt durch 
das später eintretende Gefühl der Genugtuung, 
einen Freund vor dem Sturze in die Ehe bewahrt 
zu haben. Wir können hier natürlich nicht alle 
Möglichkeiten erschöpfen. Genug, wenn wir aus 
der endlosen Reihe die wichtigsten und markantesten 
Typen hervorheben. 
Ist unser Freund zum Beispiel in die Netze einer 
stadtbekannten Kokette geraten, so ist es gut, sich 
unmittelbar nach dem Glückwünsche zur Verlobung 
zu erkundigen: „Na, und was macht denn das 
wundervolle gnädige Fräulein Braut, wenn ich fragen 
darf? Trägt das gnädige Fräulein noch immer ihre 
hübschen himmelblauen Strumpfbändchen?“ Durch 
diese an sich unschuldige Frage wird der glückliche 
Bräutigam zu innerer Einkehr angeeifert. 
Angenommen, die Braut habe sich eines magd- 
lichen Vorlebens befleissigt und sich bloss vordem 
einmal daneben verlobt, so ist es gut, an diesen 
geringfügigen Umstand etwa wie folgt anzuknüpfen: 
„So? Verlobt mit Steffi, lieber Freund? Das trifft 
sich ja herrlich! Arthur Harradauer — Du kennst 
ihn doch? — wollte eben gestern ein Dutzend 
Photographien von ihr verbrennen. Vielleicht kann 
ich sie noch für Dich retten, wenn ich eile.“ 
Mitunter genügt schon eine vorübergehende Er 
wähnung der Nase der Braut oder des Namens ihres 
Zahntechnikers, um den gewünschten Erfolg vor 
zubereiten. ln dem zuletzt erwähnten Falle darf 
man nicht vergessen, zu versichern, man erkenne 
das Gebiss Steffis nur aus nächster Nähe als falsch, 
über 75 Meter hinaus nicht mehr. 
Wie ich schon oben bemerkt habe, liegt die 
Sache weit einfacher beim Begegnen der Braut. 
Das Gespenst des Zweikampfes droht hier nur von 
Ferne und verlangt nicht so gebieterisch, den 
besseren Teil unserer Tapferkeit hervorzukehren. 
„Ah — gratuliere!“ ruft man dann nur enthusiasmiert. 
„Mit Gigi verlobt — so — so! Wer hätte ihm zu 
getraut, dass er ein so reizendes Wesen (Ver 
beugung!!) fesseln würde? Dabei hat mir der 
Schwerenöter früher keine Sterbenssilbe davon ver 
raten. — Eine Veränderung an ihm habe ich wohl 
selber bemerkt, ich habe sie aber dem Alimentations 
prozess zugeschrieben, den er unlängst verloren hat.“ 
Oder: „Ah — gratuliere! Mit Gigi — verlobt — 
so — so! Na — es war auch Zeit für ihn — die 
Wellen schlugen ihm schon fast über dem Haupte 
zusammen.“ 
Mit diesen und ähnlichen Mitteln sucht man das 
Schreckliche zu vermeiden. Leute, die „wie für 
einander geschaffen sind“, erfordern freilich viel 
Geduld, denn von einem Streiche fällt keine Eiche. 
Aber gerade sie müssen unbedingt auseinander ge 
bracht werden, das erspart beiden Teilen herbe 
Enttäuschungen und gibt ihnen einen ausreichenden 
Fonds von Romantik fürs ganze Leben mit. „Ja,“ 
sagt Gigi nach zehn Jahren, wenn er an Rosas 
Seite als fünffacher Vater von Weiblichkeit dahin 
wandelt, „ja — Steffi, Du Traum meiner Jugend! 
Wärst Du mein eigen geworden!“ — Und ihn tröstet 
der erhabene Gedanke, auch gelebt und geliebt 
zu haben. 
Wenn wir aber unsere Maschinen vergebens 
spielen gelassen, alle Hebel erfolglos in Bewegung ge 
setzt haben und kein Keil stark genug gewesen ist, 
das liebende Paar zu trennen, dann heisst es, sich in 
guter Manier und zur rechten Stunde ins Unver 
meidliche fügen. Den Freund innig zu bedauern, 
kann uns niemand verwehren. Aber Tränen im 
Auge eines Mannes sind hässlich. 
Wer unsere Lehren sinngemäss anzuwenden 
weiss, sammelt hüben und drüben unbezahlbare Ver 
dienste. Ein solcher Mensch ist mehr als klug, er 
ist auch ein Charakter. Riefe man ihm noch die 
Warnung zu: „Lass nur um Himmelswillen den Kopf 
nicht selber in der Schlinge!“ das wäre ein be 
leidigender Zweifel an seinen Fähigkeiten.
        
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