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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

lebhaftes [Interesse erweckte. Einen Gastspielantrag 
an das Wiener Hofburgtheater, das damals die erste 
deutsche Biihne war, musste er wegen anderweitiger 
Verpflichtungen ablehnen. In Breslau, wo er zugleich 
als Regisseur wirkte, machte er besonders als König 
Lear Aufsehen. Nachdem er in Hamburg thätig war, 
wirkte Kühn mehrere Jahre hindurch am Leipziger 
Stadttheater. Hier hatte er reiche Gelegenheit, seine 
Vielseitigkeit und Gestaltungskraft zu zeigen. Seine 
Rollen wie Franz Moor, Schewa, Elias Krumm, Cajetan, 
Jago, Lindenwirt, Philipp, Sylly, Lamoignon, Friedrich II., 
Herzog Karl fanden den einstimmigen Beifall des 
Publikums und der Presse. Die letztere rühmte seine 
geniale Auffassung, die konsequente Durchführung und 
künstlerische Berechnung seiner Charaktere. Wie bei 
Döring, sei auch seine Sprache, Haltung und Maske 
stets verschieden, seine Plastik stets ideal und bestimmt; 
seine Physiognomie sei sprechend, jedes Ausdrucks 
fähig, und sein Gesicht erinnere unwillkürlich an das 
jenige Ludwig Devrients. Eine glanzvolle Wirksamkeit 
entfaltete er am Hoftheater zu Darmstadt, wo er bald 
der Liebling des Hofes und des Publikums wurde. In 
jene Zeit fällt auch sein Gastspiel in London. Prinz 
Albert, der Gemahl der Königin von England, hatte 
Emil Devrient, Louis Kühn und noch einige andere 
deutsche Künstler eingeladen, um am königlichen Theater 
zu St. James einige Vorstellungen zu geben. Kühn 
errang sich im Sturm den Beifall des Londoner Publikums 
und auch die Königin, der Prinz Gemahl und der Hof 
zeichneten ihn wiederholt durch vielfache Beweise 
wärmster Anerkennung aus. Charles Kean, der be 
rühmte Künstler und Sohn des genialen Schauspielers 
Edmund Kean, sprach sich über seine Darstellungen 
in begeisterter Weise aus und schenkte ihm bei seiner 
Abreise ein grosses Bild, ihn und seine Gattin dar 
stellend, mit der Widmung: »Charles Kean, dem ge 
feierten und berühmten Künstler Louis Kühn.« Be 
kanntlich war Kühn auch jahrelang Mitglied und Ober 
regisseur des Viktoria-Theaters, wo er wahre Kabinet- 
stiicke der Inszenierungskunst schuf. Seit Jahre wirkte er 
am Deutschen Theater und hatjaucln hier sich [als [ ein 
Meister seines Faches erwiesen, dessen unverwüstliche 
Rüstigkeit und Kunstfreudigkeit geradezu bewunderns 
würdig sind. Auch Paul Lindau, der zukünftige Direktor 
des Deutschen* Theaters hat den trefflichen Künstler 
wieder engagiert. Möchte es dem greisen Jubilar noch 
viele Jahre vergönnt sein, seine von ihm so geliebte 
Kunst auszuiiben und möchte ein gütiges Geschick ihm 
einen langen und ungetrübten Lebensabend bescheiden! 
Jenny Rauch f 
Unsere Bilder. 
Mit Adolf Sonnenthal, der sich mit seinem Gastspiel 
im Residenztheater vom Berliner Publikum verabschiedete, 
nahm nicht ein einzelner Schauspieler, sondern eine 
ganze Schauspielkunst, ein Vierteljahrhundert deutscher 
Theatergeschichte Abschied. Als ein Werk der Ge 
schichte steht Sonnenthal vor uns: Der Duft der einst 
von seiner Kunst ausströmte, wird von uns nicht mehr 
unmittelbar verspürt; was die Kinder seiner Zeit ent 
zückte und widerstandslos mit sich riss, das klingt 
kühl an uns vorüber, aber man kann darum nicht von 
einem Besser und Schlechter reden, nicht von einem 
Fortschritt oder einem Rückschritt der Kunst; nur wir 
sind anders geworden, und in diesem Wandel des 
Schauens, Fühlens, Gestaltens fliessen die Quellen der 
neuen Kunst, wie denn eine Kunstleistung niemals die 
Schöpfung eines Einzelnen ist, sondern aus den Be 
ziehungen der Menschen zueinander entsteht. 
Das Publikum brachte dem Scheidenden die herz 
lichsten Ovationen dar und der Deutsche Biilmenklub, 
die der Repräsentation des deutschen und speziell des 
Berliner Schauspielerstandes mit Glück und Geschick 
übernommen hat, gab dem verehrten Gast in seinen 
gemütlichen Räumen ein Banket, wobei der Verdienste 
Sonnenthals in besonderen um die soziale Hebung des 
Schauspielerstandes gebührend gedacht wurde. 
Fast noch zur gleichen Stunde die die fröhlichen 
Teilnehmer der Feier für den Veteranen der Schau 
spielkunst zusammen hielt, hat der Tod eine junge 
Künstlerin dahingerafft und einem verheissungsvollen 
Leben ein jähes Ende bereitet. Jenny Rauch, eine 
der begabtesten und hoffnungsreichsten unter unseren 
jungen Künstlerinnen, ist im Alter von kaum 24 Jahren 
einer tückischen Krankheit erlegen; sie war seit Jahren 
tuberkulös, eine Nieren-Vereiterung, die in den letzten 
Tagen eintrat, führte schliesslich das Ende herbei. Jenny 
Rauch gehörte dem Berliner Bühnenleben erst seit drei 
Jahren an. In München geboren, wurde sie durch die 
Darstellung der Salome in einer PrivatvorsteiIung vor 
einigen [Jahren mit einem Schlage bekannt und rückte 
in die erste Reihe der Bühnensterne ein. 
Von München engagierte sie der Wiesbadener Inten 
dant von Hülsen,die Eigenart ihres starken Talentes rasch 
erkennend, an das Hoftheater in Wiesbaden. Von da 
kam sie ans Berliner und dann ans Lessingtheater. Von 
nächster Saison an verpflichtet sie ein glänzender 
Kontrakt ans Deutsche Volkstheater in Wien und eine 
grosse Zukunft öffnete sich ihr. — Es hat nicht sein 
sollen; so ist das Leben. 
Dr. Ludwig Wiillner, der ehemalige Meininger Schau 
spieler und bekannte Konzertsänger wird dem Ver 
nehmen nach in nächster Saison im Neuen Theater 
wieder als Schauspieler auftreten. 
Inka von Linprun, welche kürzlich in Berlin ein 
Konzert gab, ist eine Violinspielerin von vorzüglichen 
Qualitäten. Schöner Ton, ausgeglichene Technik und 
geschmackvoller Vortrag zeichnen ihr Spiel vor 
teilhaft aus. 
Der Portraitmaler Bruno Pinkow veranstaltete im 
Hotel Reichshof eine Ausstellung von ihm gemalter 
Portraits, die an Anziehung viel dadurch gewann, dass 
die Bilder einer Reihe von bekannten Berliner Persönlich 
keiten sich unter den Portraits befanden. 
Paula Worin, der Liebling des Berliner Publikums, 
gastiert zur Zeit nach mehrjähriger Abwesenheit im 
Centraltheater. Ihre Popularität hat, trotzdem die 
Berliner doch sonst so leicht vergessen, nichts eingebüsst. 
Im Metropoltheater macht die neue Revue »Ein 
tolles Jahr« Abend für Abend volle Häuser. Es ist 
erstaunlich, mit wie wenig Geist man in Berlin ein 
Haus voll machen kann; man darf allerdings auch 
nicht übersehen, dass so reizende Künstlerinnen wie 
Fräulein Frid Frid und Grete Meyer und so charmante 
Darsteller wie Emil Thomas, Henry Bender und 
Josef Josefi schliesslich den grössten Blödsinn anziehend 
und schmackhaft machen können. 
R.
        
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