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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

und ich 
und mussten. stehend zusehen, wie um uns herum gespeist, 
getrunken, geraucht, gescherzt und gelacht wurde. Aber 
das hatte das Gute, dass wir wieder Appetit bekamen, 
wenn wir die guten und schönen Dinge da vor uns ver 
tilgen sahen. Und als wir endlich unsere Plätze einnehmen 
durften, da hatten wir solche Esslust, dass meine Frau, 
indem sie sich auf den Stuhl niederliess, ausrief: „Männchen, 
jetzt esse ich die Speisekarte von oben herunter! Kellner, 
zwei Dutzend Austern!“ 
Ich kriegte einen Schreck, denn erstens hatte ich ja 
nicht übermässig viel Geld bei mir und zweitens fürchtete 
ich, wir würden, ehe wir etwas Rechtes in den Magen be 
kämen, aufstehen müssen. Aber als ich meiner Frau einen 
Vorwurf machte, tröstete sie mich über den ersten Punkt 
meiner Befürchtung. Sie hatte beim ersten Blick auf die 
Speisekarte, die Ankündigung der Firma Kempinski gelesen: 
„Seitdem wir auf einem Teile des Daches unseres Etablisse 
ments eigene künstliche Austernbänke angerichtet haben, 
sind wir in der Lage, unseren werten Gästen das Dutzend 
Austern für 20 Pfennige zu offerieren!“ 
Donnerwetter das war fein! Und was für Riesenaustern 
auf diesen künstlichen Austernbänken gezüchtet werden! 
Na, es schmeckte uns vorzüglich, und das Hochgefühl des 
Genusses war erreicht, als wir beim dritten Gange durch 
den Herrn Oberkellner 783 erfuhren, er habe soeben die 
frohe Kunde empfangen, beim Kaufmann Schulze, der nach 
uns die Plätze einnehmen wollte, sei vor einer Stunde der 
Storch angekommen, wir könnten sitzen bleiben so lange 
wir wollten. 
„Kellner“, rief meine Frau, die schon etwas zu viel 
getrunken hatte, „eine Flasche Sect, aber vom besten, dem 
zu 1 Mk. 50 Pfennige.“ 
„Pardon, gnädige Frau“, sagte der Kellner, „ist das 
auf der Weinkarte noch nicht geändert? der kostet seit 
heute nur noch 1 Mk. Kempinski hat gestern einen Teil 
der Champagne angekauft, und lässt den auf eigenen Grund 
und Boden gewonnenen Wein durch eigene Luftballons 
hier herbefördern! “ 
„So, so“, sagte ich, „also bringen Sie uns von diesem 
Sect! Wir müssen doch den kleinen Schulze beim Champagner 
würdig leben lassen!“ 
Was wir noch alles bei Kempinski an jenem Abend 
verzehrten, weiss ich nicht mehr genau. Ich weiss nur 
soviel, dass meine Rechnung 4 Mk. 95 Pfennige betrug, 
die ich mit Grandezza und mit einem Trinkgeld von 10 Mk. 
in die Hände des Herrn Oberkellners 783 niederlegte. 
Meine Frau machte mir Vorwürfe, nicht noch etwas mehr 
verzehrt zu haben, denn wer eine Zeche von 5 Mk. macht, 
wird in den Wagen der Firma Kempinski nach Hause ge 
fahren und erhält eine grosse Düte Süssigkeiten für die 
Kinder und ein Packet Küchenabfälle für den Hund mit 
auf den. Weg. Freilich 5 Mk. können zwei Personen bei 
Kempinski im Jahre 2000 kaum verjubeln! 
Inka von Linprun 
Geigenvirtuosin 
Addio. 
Aquarell von Eugen Stangen. 
Ein vveisses Säulenhaus am blauen Meer — fern 
im Süden. 
Der Garten, der sich von der Veranda terassen- 
artig zum Meer herniederstuft eine Wildnis von blassen 
Rosen. 
Silberfunken sprühen über die weissmähnigen 
Wogen, die ultraviolett zum Strande rollen, Silberfunken 
sprühen über das lichte, blonde Haupt einer bleichen, 
wunderschönen Frau, die in der Veranda sitzt, gebeugt 
über eine Mandoline. . . . 
Töne lösen sich von den Saiten, — schluchzen auf 
und verklingen, — die schlanken Frauenfinger mühen 
sich und suchen, — und suchen, — jetzt reihen sich 
die Töne aneinander, noch zitternd und ungefügig, aber 
doch eine Melodie. 
Es klingt wie ein Weinen: 
„L’addio mia bella Napoli, addio, addio . . 
Eine Dissonanz, — kurz, grell; das Spiel bricht 
jäh ab . . . 
Zwei Herren, die eben ihre Billardpartie beendet 
haben, treten in die Verandatür, Graf Erhard von 
Düren und Prinz Ivo von Horstmar. 
„Du übst noch immer, Silvia? Verzeih, — Prinz 
Horstmar will sich verabschieden . . .“ 
„O“ — Gräfin Düren hat sich erhoben „verzeihe 
Du, Erhard; — aber ich suche immer den einen 
Klang . . . Ich mag das Lied so gern, — 
möchte es mit mir nehmen“ . . . 
Prinz Horstmars Blicke hängen unverwandt an dem 
lichten Frauenhaupt. So blond und kühl, mit diesem 
unbewegten, bleichen Gesicht, den müden, traurigen 
Augen, hat er Silvia von Düren daheim in Berlin 
kennen gelernt. 
Damals schon hat er sich gemüht, diesen Augen 
ein Leuchten, diesem Munde ein Lächeln abzuringen, 
— vergebens; Gräfin Silvia blieb die „Gletscherfrau“, 
wie er sie nannte. 
Nun war er ihr auf seiner Südlandsfahrt begegnet. 
„Und darf man fragen, Gräfin, was für ein Lied 
das ist?“ 
„O, — ein Volkslied, Prinz Horstmar, — ein nea 
politanisches Volkslied, „addio“ heisst es. Ich finde, 
es gibt in keiner Sprache ein schöneres Wort, 
addio, — das Wort allein klingt schon wie eine 
Melodie“ — — 
„Aber eine so wehe, traurige.“ 
Ueber Silvias Gesicht geht ein müdes Lächeln wie 
ein Schatten hin. 
„Ja“ sagt sie leise. 
Sie trägt in losen fliessenden Falten ein gelblich- 
weisses Spitzengewand über einem Unterkleid von 
mattem, bläulichrosa Atlas. Wahrhaft köstlich hebt 
sich der zarte Spitzenstoff mit den Lilienhäuptern von 
dem schimmernden Untergrund. 
„Wenn es möglich wäre, eine Melodie zu malen, 
so wären Sie eine gemalte Melodie, Gräfin.“ 
Ivo von Horstmar tritt näher zu der blonden Frau 
Silvias Gesicht bleibt unbewegt, ihre Blicke schweifen 
über die Rosenhecken, als sähe sie dort ein Bild auf 
tauchen aus der Blütenwildnis. 
Ein Schloss . . . Ein grosser, steinerner, uralter 
Bau . . . der Epheu ist an den Mauern emporgeklettert 
und überrankt Düsternbrock, — das alte Stammschloss 
der Grafen von Düren-Düsternbrock, — wie eine 
Totengruft. 
Fern liegt ein Dorf . . . Weit um das Schloss dehnt 
sich die Einsamkeit ... In den Hallen und Sälen ist 
es dämmerig und kalt und unheimlich wie in einer 
Totengruft . . . 
Und doch schlägt in diesem Schloss ein Herz. Ein 
blonder Kopf lehnt sich an die Scheiben der alten 
Gotenfenster und zwei müde dunkle Augen blicken 
über die Haide, — jeden Tag, jeden Tag . . . und 
sehen nichts — nichts . . . 
Die Sehnsucht aber hockt in den Winkeln und raunt 
und singt . . . 
„Gräfin Silvia.“ 
Da erwacht sie aus ihrem Traum. 
Ach, — noch ist sie im Süden; noch leuchten 
drunten die Rosenhecken. Ein Trauermantel fliegt vom 
Garten her durch die Verandaöffnung und gaukelt über 
dem lichtblonden Frauenhaupt. Vielleicht wähnt er, 
dass es eine Blüte sei, eine fremde, seltene Blüte, die 
er noch nie erschaut. 
Dunkler, törichter Falter . . . 
„Ihr Weg führt Sie nach Palermo, Prinz? In das 
Wunderland Sizilien?“ 
„Ja, Gräfin . . . Aber im Winter, — darf ich da 
hoffen, Sie in Berlin wiederzusehen?“ 
„Ivo von Horstmars blaue Augen haben wieder 
jenes heisse, metallische Leuchten, dem sonst kein 
Weib widerstehen kann. Aber die blonde Frau bleibt 
kühl und unbewegt und die grauen Augen still und 
dunkel . . . Gletscherfrau . . . 
„Im Winter?“ Ein Schauer rinnt über Silvias Leib. 
Ihre Blicke irren zu Graf Erhard hinüber. „Wenn es 
sein muss, — dass wir wieder einige Wochen nach
        
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