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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Bei Kempinski im Jahre 2000. 
Vision von Eugen Isolani. 
Es war von jeher mein und meiner Frau sehnlichster 
Wunsch gewesen, einmal im Weinrestaurant von Kempinski 
in der Leipzigerstrasse zum Abend zu speisen. Wir hatten 
schon in alten Memoirien-Werken, die aus dem Anfänge 
dieses Jahrhunderts stammen, oftmals gelesen, , wie gut man 
dort speist, freilich aber auch, mit welchen Schwierigkeiten 
es schon vor hundert Jahren verknüpft war, dort einen 
Platz zu bekommen. Diese Schwierigkeiten hatten sich 
nun im Laufe des Jahrhunderts, obwohl das Lokal, seitdem 
an die Stelle des alten Baus ein dreissigstöckiges Gebäude 
gekommen war, viel geräumiger wurde, trotzdem sehr ver 
mehrt, denn trotz der Bemühungen des Inhabers, eines 
Ur-Ur-Enkels vom Begründer des Restaurants, hatte die 
■ Grösse des Etablissements niemals mit dem Wachstum 
Berlins und der Beliebtheit der Kempinskischen Küche 
unter. den Berlinern mitkommen können. 
Und wenn wir von Bekannten erfuhren, wie selten es 
glückte, bei Kempinski einen Platz zu bekommen, wie schon 
Plätze, die man erst die Stunden nach Schluss der Theater 
einnehmen dürfe, an der Börse mit hundert Mark bezahlt 
würden, ganze Tische mit vier und mehr Plätzen aber mit 
600—1000 Mark, dann stieg unsere Sehnsucht, auch einmal 
dort ein Filet ä la Nelson speisen zu können und nachher 
uns durch Eisfrüchte und Champagner oder einer Scheibe 
Ananas mit Pfirsich und Erdbeermark erfrischen zu dürfen. 
Seitdem aber unsere guten Freunde, Meyers aus der ersten 
Etage, fortwährend damit protzten, dass sie bei Kempinski 
gewesen, — sechs 'Mann hoch, wovon sie nicht oft genug 
erzählen konnten, — seitdem war unsere Sehnsucht, auch 
einmal dort zu speisen, zum heissesten Lebenswunsche 
meiner Frau geworden, und nicht einmal der uns bekannt 
gewordene Umstand, dass Meyers aus der ersten Etage 
zwar sechs Mann hoch bei Kempinski gewesen, aber nur 
einen Platz ergattert hatten, auf dem sie nacheinander von 
elf bis drei Uhr ihre Abendmahlzeit eingenommen hatten, 
konnte das Verlangen meiner Frau von jetzt ab ver 
scheuchen. 
Sie träumte Nachts unaufhörlich davon, und wenn ich 
sie bei furchtbarem Alpdrücken im Schlafe schreien und 
stöhnen hörte und sie dann aufweckte, gestand sie mir, sie 
habe sich im Traum eben um einen Stuhl bei Kempinski 
gerauft, den man ihr habe rauben wollen. Und ich selbst 
wurde von diesem Kempinski-Fieber meiner Frau so an 
gesteckt, dass ich auch schon anling, in meinen Träumen 
von dieser furchtbaren Platzangst befallen zu werden. Ich 
setzte mich auf den Schooss von Leuten, die bei Kempinski 
ihre Mahlzeit cinnähmen, — natürlich nur im Traum, — 
zettelte allerlei Intriguen an, um dort Plätze zu erhalten, 
und wie ich von Kempinski träumte, so dachte ich auch 
nur noch im Wachen daran, wie dieses heisse Sehnen von 
meiner Frau und mir gestillt werden könnte. 
Endlich sagte ich zu meiner Frau: „Das geht nicht 
länger so! Wir müssen Ruhe haben! Wir müssen auch 
zu Ivempinski gehen! Für sechs Mark können wir dort 
üppig schwelgen. Das könnten wir ja auch erübrigen! 
Aber das Geld für die Plätze! Du weisst, liebes Kind, so 
lange kann kein Mensch dort warten, bis er einen Platz 
bekommt! Das ist unmöglich! Wir müssen uns ein Paar 
Stühle sichern! Mir an der Börse die Berechtigung zum 
Einnehmen zweier Plätze sichern, das kostet mindestens 
zweihundert Mark. Selbst wenn ich meine sämtlichen 
Taschen umkehre, kommt nicht soviel heraus! Da die 
Sache mir sehr wichtig ist und ich mir kaum eine not 
wendigere denken kann, als diese, so würde ich mir 
schliesslich auch gern das Geld dazu pumpen. Aber zum 
Pumpen gehören bekanntlich zwei und ich finde den Andern 
nicht!“ 
Wir überlegten nun alles Mögliche hin und her; ich 
machte den Vorschlag, wir wollten uns des Morgens, beim 
Oeffnen des Lokals an der Tür desselben aufstellen, dann 
würden wir wohl sicher, nachdem die Leute zu Mittag 
fertig gespeist hatten, Platz zum Abend bekommen. Davon 
wollte aber meine Frau nichts wissen, das war ihr etwas 
zu anstrengend. Doch hatte sie eine andere Jdee; der 
Maschinenmeister, welcher den elektrischen, täglich fünf 
hunderttausend Stück öffnenden Austern-Oeffner bei Kem 
pinski leitet, — der Herr ist übrigens sehr gut gestellt; er 
bezieht ein Gehalt von 25 000 Mark jährlich, — hat einen 
Kammerdiener, der mit unserem Dienstmädchen ein Liebes 
verhältnis hat. Da der Kammerdiener schon viele Jahre 
in seiner Stellung und sehr beliebt bei seinem Herrn ist, 
könnte es uns, so meinte meine Frau, vielleicht auf diesem 
Wege gelingen, durch diplomatische Verhandlungen ein 
paar Stühle bei Kempinski, wenn auch nur für eine halbe 
Stunde, und sei es auch in später Nacht, zu erhalten. Meine 
Frau rief sogleich unsere Auguste herein, versprach ihr 
zu Weihnachten eine goldene Remontoire-Uhr und eine 
schwarzseidene Toilette, — beides Sachen, die übrigens 
unsere Auguste sowieso bekommen hätte, da sie schon 
über ein Jahr bei uns diente, — und das liebe, bescheidene 
Mädchen versprach uns, alles zu tun, was in ihrer Macht 
stünde. 
Und wirklich, nachdem sie dreimal hintereinander in 
der Woche von 2 Uhr mittags bis nachts 2 Uhr mit 
ihrem Schatz deswegen hatte unterhandeln dürfen, war es 
der Auguste gelungen, unsern Wunsch zu erfüllen. Sie 
brachte uns die Nachricht, der gnädige Herr ihres Liebsten, 
der Kempinski’sche Austern-Maschinenmeister, habe vom 
Oberkellner 783 erfahren, dass in seinem Revier, am 
nächsten Montag nachts um 1 Uhr mindestens eine halbe 
Stunde lang ein Tisch mit zwei Plätzen frei würde, der 
uns, durch Vermittelung unserer lieben bescheidenen Auguste, 
die bei dieser Gelegenheit nicht verfehlte, uns um eine 
monatliche Lohnerhöhung von zehn Mark anzugehen, vom 
Kellner 783 reserviert werden würde. Bei diesem Herrn 
hätten wir uns um 12 Uhr zu melden, andernfalls vergebe 
er den Platz weiter. 
Von dieser Stunde an, da wir die freudige Mitteilung 
vernahmen, war meine Frau ganz aus dem Häuschen vor 
Freude und den ganzen Tag über aus dem Hause, weil sie 
nunmehr daran gehen musste, ihre Toilette für das grosse 
Ereignis würdig vorzubereiten. Und als der grosse Tag 
herankam, da waren wir beide den ganzen Tag über in 
furchtbarer Aufregung, die cs mit sich brachte, dass wir 
vom frühen Morgen bis zum Abend nichts rechtes ge 
messen konnten und schliesslich so schwach waren, dass, 
als meine Frau Toilette für Kempinski gemacht hatte, wir 
zunächst in ein Lokal in unserer Nähe gingen, um uns 
vorläufig satt zu essen, damit wir es bis ein Uhr aushalten 
könnten, wo uns endlich das Filet ä. la Nelson bei 
Kempinski winken würde. Als wir dann um Uhr 
in der Leipzigerstrasse vor dem Riesen-Etablissement an 
kamen, waren alle zwölf Eingänge desselben von grossen 
Menschenmengen besetzt, die dort Einlass begehrten, zum 
Teil so stürmisch, dass sie nur durch ein starkes Aufgebot 
von Schutzleuten im Zaume gehalten werden konnten. 
Ich traf in der Menschenmenge einige Bekannte und 
fragte die Leute, weshalb sie es eigentlich wagten, ohne 
vorher sich Plätze gesichert zu haben, dort auf Einlass zu 
warten, auf den sie doch kaum rechnen könnten. Da 
meinten sie aber, dass es doch hin und wieder vorkomme, 
dass man Plätze bekäme. So hätte zum Beispiel vor 
einigen Jahren ein Herr, der mit seiner sechsköpfigen 
Familie im Lokal eben hatten Platz nehmen wollen, 
plötzlich bemei'kt, dass ihm im Gedränge vor der Tür das 
Portemonnaie gestohlen worden sei; in einem anderen 
Falle sei einmal eine Dame ohnmächtig geworden, auch 
sei es vor über hundert Jahren einmal vorgekommen, dass 
ein paar Damen beim Austemessen erkrankt seien, ein 
Gast sei, als er die geringe Höhe seiner Rechnung vom 
Kellner erfahren, vom Schlage getroffen worden — und 
auf solche und ähnliche Glücksfälle warteten alle Leute 
da draussen, um eventuell um die frei werdenden Plätze 
kämpfen zu können. 
Inzwischen war es Zeit geworden, dass wir uns bei 
dem Herrn Oberkellner 783 meldeten. Wir betraten das 
herrliche Lokal, das entsprechend den Anforderungen 
unserer Zeit vor einigen Jahrzehnten restauriert worden 
war und uns geradezu feenhaft erschien. Nachdem wir in 
herrlichen Vorräumen unsere Uebergarderobe dem Diener 
abgegeben und meine Frau einen prächtigen Blumenslräuss 
empfangen hatte, betraten wir die Speisesäle, die von 
einem herrlichen Duft durchströmt wurden. Obwohl zahl 
reiche Herren, die bereits abgespeist hatten, rauchten, war 
kein Dampfwölkchen zu merken, denn für die fortwährende 
Reinigung der Luft sorgten nicht nur eine ausgezeichnete 
Ventilation, sondern auch alle Viertelstunde sich wieder 
holende Niederschläge des besten Parfüms. Nach mehr 
fachen Fahrten auf elektrischen Bahnen waren wir in das 
Revier des Herrn Oberkellners 783 gelangt, dem wir uns 
durch einen seiner zahlreichen Untergebenen zuführen 
Hessen, und der uns die freudige Mitteilung machen konnte, 
dass wir wahrscheinlich schon zehn Minuten früher auf 
unsere Plätze gelangen könnten, da die Herrschaften, 
welche dieselben zur Zeit einnahmen, keinen Nachtisch 
bestellt hätten und demgemäss früher fertig würden. 
Immerhin hatten wir noch beinahe eine Stunde zu warten
        
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