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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

erhofft, sollte nun Wahrheit werden. Sie liebte und wurde 
wieder geliebt. — 
So kam der Sommer in’s Land. 
An einem Spätnachmittag machte Sophie einen Spazier 
gang in den Wald. Sie hoffte dort den Förster zu treffen. 
Es war zwischen ihnen nichts verabredet, aber sie fühlte, 
dass er kommen würde. Sie wollte mit ihm allein sein, 
zum erstenmal seit jener ersten flüchtigen Begegnung. 
Und sie täuschte sich nicht. Nach einer Viertelstunde 
schon kam er ihr entgegen. 
Er reichte ihr die Hand, und als sie seinen Qntss 
erwiderte, nahm er ihre Hand und küsste sie. 
Schweigend duldete sie es. Ihr Herz pochte zum 
Zerspringen. Das Blut stieg ihr ins Gesicht, und sie fühlte, 
wie sie purpurrot wurde. 
So, Arm in Arm, gingen sie durch den blühenden, 
singenden Wald. Und er sprach kosende Liebesworte zu 
ihr, drückte bald ihren Arm, bald ihre Hand. 
Sie liess alles geschehen, sie ging wie in einem seligen 
Traum. Alles rings um sie her sang und jubelte ihr zu. 
Sie war die Königin. Ihr gehörte das Glück der Welt. 
Unter einem blühenden Fliederbaum war ein lauschig 
verstecktes Plätzchen. Dorthin führte er sie. Und willig 
folgte sie ihm. Sie wäre ihm bis ans Ende der Welt ge 
folgt. So gross war die Seligkeit der ersten Liebe — 
berauschend duftete der Flieder, fast betäubend. 
Als sie auf der Bank sassen, schlang er seinen Arm 
um sie, zog ihren bebenden Körper an sich und küsste 
sie zum erstenmal. 
Wortlos in stummer Glückseligkeit ruhte sie an seiner 
Brust. Verwischt war Zeit und Raum, eins nur galt ihr 
noch: das ungeteilte Glück ihrer ersten heissen Liebe 
mit einmal aber mahnte sie eine innere Stimme, wie eine 
Warnung kamen ihr die Worte des alten Vaters in’s Ge 
dächtnis: „Reinheit allein gibt Seelenfrieden!“ 
Sie war wie umgewandelt. Klar sah sie auf einmal. 
Der Traum war aus. 
Mit einem Ruck war sie frei, los aus seiner festen 
Umarmung, und nun stand sie vor ihm und sah ihm fest 
ins Gesicht. 
Einen Augenblick war er erstaunt über diese plötz 
liche Wandlung; denn er glaubte, leichtes Spiel zu haben, 
dann aber sah er sie an, mit cynischem, halb höhnischem 
Lächeln, als wollte er sagen: Du kommst mir ja doch 
wieder . 
Und diesen Blick verstand sie. Nun erst sah sie ganz 
klar, wohin sie geraten wäre, wenn nicht die Worte ihres 
Vaters sie geweckt hätten, — und jetzt floh sie, voll von 
Ekel, Aerger, Angst und Scham, floh in wilder Hast, so 
schnell sie nur konnte. 
Und hinter ihr her erklang sein rohes, brutales Lachen. 
Daheim angekommen, schloss sie sich in ihr Zimmer, 
warf sich aufs Bett, vergrub das glühende Gesicht in die 
Kissen und schluchzte laut auf — alles, alles war 
zu Ende. 
Die ersten Blätter fielen ab. Der Sommer ging zu 
Ende. 
Und sie hat alles ertragen. 
Ihn hat sie nicht mehr wiedergesehen. Er durfte 
nicht mehr ins Pfarrhaus kommen. Das hatte sie ihm 
geschrieben. Er blieb auch von selbst weg, denn er ging 
jetzt auf Freiersfüssen. Eine reiche Bauerntochter war 
ihm verlobt. 
Als der Pfarrer seiner Tochter die Verlobungskarte 
zeigte, lächelte sie nur und sagte: Viel Glück! 
Sie konnte lächeln. Der Sturm in ihr war vorüber. 
Kein Mensch hat geahnt, was sie durchgemacht hatte. 
Jetzt aber war sie frei, und um eine grosse, wenn auch 
bittere Erfahrung war sie reicher. — 
Ende September kam ein jüngerer Amtsbruder ihres 
Vaters auf Besuch. Ein stiller, ruhiger Mann. Sophie 
kannte ihn schon. Der Vater hatte ihr Andeutungen ge 
macht, weshalb er kam. 
Er hielt um ihre Hand an. 
Ist es dein Wunsch, Vater?« 
Mein Kind, ich möchte dich versorgt sehen und in 
guten Händen wissen. Der Heilwig ist ein braver, guter 
Mensch. Du wirst glücklich mit ihm leben, — aber 
drängen will ich dich nicht. 
Sophie überlegte. Der Vater hatte recht. Sie kannte 
den jungen Pfarrer, man durfte ihm vertrauen, er war ein 
einfacher, stiller Mann, aber herzensgut. 
Sie wurde sein Weib. 
Schon im November machten sie Hochzeit. 
Es kam alles, wie sie es vorausgesehen hatte. Ein 
einfaches, stilles Heim, aufregungslos und zufrieden — ein 
Tag wie der andere —, ein guter, weichherziger Mann, 
der sich leiten liess und mit allem einverstanden war, was 
sie tat und anordnete. 
So lebten sie ruhig, einsam und zufrieden, und Sophie 
vergass, was einst geschehen war. 
Da kam die goldene Frühlingszeit wieder heran und 
alles grünte und blühte und duftete in prangender Schönheit. 
Und auch der Flieder blühte wieder und duftete genau 
so süss und betäubend wie im Jahr vorher. 
Sophie sass allein im Garten der Gatte war zu 
einem Kranken gegangen —, und da, berauscht, halb 
betäubt von dem Fliederduft, da war mit einem Schlage 
alles wieder aufgewacht in ihr, was sie so tief begraben 
wähnte. 
Starr, mit weit aufgerissenen Augen, sass sie da und 
schaute in die blaue Luft — alles war wieder da, all die 
Schmerzen und all das wilde, ungestüme Drängen 
und sie sah ihn wieder, den Mann, den sie einst geliebt 
hatte, so wild und so glühend — und sie verglich 
nun den von damals mit ihrem jetzigen Manne — 
und ein Hass, eine wilde Wut packte sie und machte sie 
erbeben — aber dann raffte sie sich auf, schleppte sich 
in ihr Schlafzimmer und warf sich nieder mit wildem 
Weinen es war ja doch alles aus, für sie war 
das Glück ja ewig verloren so schluchzte sie lange. 
Und so fand sie ihr Gatte. 
Zuerst wusste er sich keinen Rat, denn sie antwortete 
auch nichts, endlich aber besann er sich — — — sie 
waren ja sechs Monate verheiratet — oh! — — er 
lächelte heimlich, still und zufrieden, und liess sein Weib 
allein. 
Sie wird es mir schon allein sagen , damit tröstete 
er sich. 
Unsere Bilder. 
D er Kaiser besichtigte am 11. März die 2. Compagnie 
des 1. Garderegiments zu Fuss in Potsdam, dessen 
Hauptmann und Compagniechef der Kronprinz ist. 
Die Besichtigung fiel augenscheinlich befriedigend aus, 
denn die Compagnie durfte einige Tage darauf zur Be 
lohnung für ihr gutes Exerzieren auf Kosten des Kron 
prinzen einen Berliner Zirkus besuchen. 
Dr. Joh. Leva, der Gemahl von Rosa Poppe, der 
Heroine unseres Kgl. Schauspielhauses, dürfte den Besuchern 
des Kurortes Tarasp im Engadin kein Fremder sein, er 
war nämlich -der langjährige Kurarzt dieses für die er 
holungsbedürftige Menschheit mit so mannigfachen Heil 
mitteln ausgerüsteten Bades. Seit seiner Verheiratung setzt 
Dr. Leva seine ärztliche Praxis in Berlin fort. 
Friedrich Spielhagen, der vor kurzem seinem 75. Ge 
burtstag feierte, ist 1829 in Magdeburg als Sohn eines 
Regierungs- und Baurats geboren. Er studierte in Berlin 
und Bonn die Rechte, ging dann zur Philosophie über und 
war einige Zeit in Leipzig als Gymnasiallehrer tätig. Später 
wandte er sich ganz dem schriftstellerischen Beruf zu. 
1860—62 war er Feuilletonredakteur der »Zeitung für 
Norddeutschland in Hannover, dann siedelte er nach 
Berlin über und leitete hier von 1878 — 84 »Westermanns 
Monatshefte. Spielhagen lebt heute noch als Altmeister 
des deutschen Romans und in ungeschmälerter Schaffens 
freudigkeit in Berlin. Unsere Literatur verdankt ihm eine 
stattliche Reihe vorzüglich geschriebener, hochinteressanter 
Romane, die wie wenige Werke eines anderen lebenden 
Schriftstellers die Meinungen auf das lebhafteste beschäftigt 
und eine überaus starke Wirkung ausgeübt haben. 
Neuerdings wurde im Kgl. Schauspielhause Otto 
Ernst’s wirksame Komödie Jugend von heute wieder 
auf den Spielplan gesetzt. Der Verfasser, der mit seinem 
wirklichen Namen Otto Ernst Schmidt heisst, wurde 1862 
in Ottensen bei Hamburg als Sohn eines Zigarrenarbeiters 
geboren und sollte Handwerker werden. Mit Hilfe eines 
wohlmeinenden Lehrers gelang es ihm indessen, sich für 
den Lehrerberuf auszubilden. 1883 wurde er in Hamburg 
als Lehrer angestellt. Schmidt debütierte 1888 mit Ge 
dichten, die den Augsburger Schillerpreis gewannen, und 
wandte sich darauf mit Vorliebe dem Gebiete des Essays 
zu, das er bald mit Meisterschaft behandelte. Nach dem 
ausserordentlichen Erfolg seiner dramatischen Arbeiten hat 
der Dichter neuerdings seinen Lehrerberuf aufgegeben und 
lebt, nur seinen literarischen Arbeiten gewidmet, in Gross- 
Flottbek bei Hamburg. 
Das alljährlich widerkehrende Ballfest der Genossen 
schaft Deutscher Bühnenangehöriger nimmt neben dem 
Presseball den ersten Rang in den öffentlichen Fest 
veranstaltungen Berlins ein. Sterne aus den verschieden 
sten Welten, aus der diplomatischen, aus der künstlerischen, 
aus der ßeamtenwelt und nicht zum wenigstens natürlich 
aus der Theaterwelt geben der Veranstaltung ein vor 
nehmes und interessantes Gepräge, wovon unser Bild Im 
Künstlerzimmer beredtes Zeugnis ablegt. 
Richard Skowronneks dreiaktiges Lustspiel Waterkant 
hatte im Berliner Theater einen nachhaltigen Erfolg, als 
dessen Ursprung die treffende Schilderung der in jedem 
Deutschen steckenden Liebe für die See anzusehen ist. 
Unser Bild zeigt die Dekoration des 1. Akts, der an Bord 
der Iltis am Eingang des Suezkanals spielt. 
David Popper, der in diesem Winter zwei Konzerte 
in der Philharmonie gab, gilt als einer der ersten Chello- 
virtuosen der Welt. Er wirkt als Professor am Konserva 
torium in Budapest. 
Ein interessante Aufführung veranstaltete der Verein 
Berliner Künstler im Künstlerhause mit den siegenden 
Bildern, die in dem Zusammenwirken der deutsch-ameri 
kanischen Sängerin Beatrice Melio mit dem Maler Theodor 
Wedepohl, welcher für die Darbietungen der Künstlerin 
eine stimmungsvolle und dekorativ wirkende Umgebung 
schuf, einen starken künstlerischen Eindruck hervorriefen. 
Wiederum ist mit der unaufhaltsam vorwärtsschreitenden 
Entwickelung Berlins ein Stück »Alt-Berlin dem Untergange 
verfallen. Diesmal ist dies jedoch nicht sonderlich zu be 
klagen, denn das »Scheunenviertel« gilt als eine verrufene, 
von allerhand fragwürdigen Existenzen mit Vorliebe zum 
Aufenthaltsort gewählte Gegend. 
Eine der ältesten Brücken ist die Jungfernbrücke , 
eine sogenannte Klappenbrücke, die jedesmal, wenn ein 
Kahn passieren soll, hochgewunden wird und dadurch für 
Passanten und Fnhrwerk die unliebsamsten Störungen ver 
ursacht. 
x.
        
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