Path:

Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

leicht man mich nervös macht. Wenn ich nur schon 
zu Hause wäre! 
Aber je mehr sie lief, desto mehr beeilte sich auch 
der Jüngling. Fünf Schritte hinter ihr keuchte er heran. 
Endlich hatte sie ihr Haustor erreicht und sauste in 
den Flur. Er sammelte seine letzten Kräfte. Diesmal 
durfte sie ihm nicht entwischen. 
Mein Fräulein«, begann er atemlos, mein Fräulein«. 
Sie läutete Sturm an ihrer Wohnungstür, natürlich 
hatte sie die Schlüssel vergessen. Die Hunde bellten 
und wiesen dem Jüngling knurrend die Zähne, soweit 
das die Maulkörbe gestatteten. 
Gehen sie fort, gehen sie fort, was wollen Sie, ich 
werde Sie verhaften lassen, Sie sind ein Unverschämter!« 
Mein Fräulein er brachte nichts heraus in 
seiner Atemlosigkeit, sagen Sie Ihren Hunden . . . . 
dass ich Sie liebe, dass ich verrückt bin . . . toll vor 
Liebe . . . ruiniert ... Sie sollen mir nichts tun, ich 
tue Ihnen auch nichts . . . ich bin der, Sie müssen 
doch wissen, meine Briefe, die Veilchen, ich beschwöre 
Sie.« 
Er warf sich vor ihr auf die Knie inmitten der 
heulenden Hunde und rang seine Hünde. 
Die Tür war geöffnet worden, Carmen war samt 
ihren Hunden verschwunden, krachend war die Tür 
hinter ihr zugeflogen und er war draussen ge 
blieben. Am Guckloch glänzten ein paar Augen, aber 
er wusste nicht, war das sie oder eines ihrer Haus 
mädchen. Langsam erhob er sich, klopfte sich mit den 
gelben Handschuhen den Staub von den Knieen, und 
kam sich auf einmal ungeheuer dumm vor, so vor der 
Türe draussen, nicht einen Schritt weiter als vorher, 
und in seinem Jammer vergass er gänzlich, wo er 
eigentlich war, setzte sich auf die Treppenstufe, und 
begann bitterlich zu weinen. 
Dann ging er nach Hause und schrieb ihr einen 
Brief, sehr lang, sehr ergreifend und sehr ernst und 
erklärte ihr alles und teilte ihr mit, dass er sie am 
nächsten Tage aufsuchen werde. Sein Lebensglück und 
Unglück zugleich läge in ihrer Hand, sie möge ihn um 
Gotteswillen diesmal empfangen. So wie er sie liebe, 
hätte sie noch nie ein Mann geliebt. 
Aber statt Carmen empfing den Jüngling am andern 
Tage bloss das Stubenmädchen und teilte ihm mit, er 
möge sich nicht weiter bemühen und sich seine Liebe 
freundlichst abgewöhnen, es hätte gar keinen Sinn, 
liess ihm die Gnädige sagen, sie wäre schon versorgt 
mit diesem Gefühl seit längerer Zeit. Und aus eigner 
Erfahrung fügte das freundliche Mädchen hinzu: Schau’n 
Sie, Sie sind doch viel zu jung für unsere Gnädige; 
in der Früh’, wenn sie noch nicht ganz beisammen ist, 
da ist sie garnicht mehr so schön. Sie passten viel 
besser zu Unsereinem. Aber der Jüngling wollte nur 
die Taube, und hatte für den freundlichen Spatzen kein 
Verständnis. 
Tiefbetrübt schlich er von dannen, und dichtete und 
war unglücklich, umschlich die Oper, wenn er glaubte, 
dass die Probe zu Ende gehen könnte. Alle seine 
Spaziergänge endigten im Cottage. Sein Bilderschatz 
hingegen wuchs noch immer: Was er auftreiben konnte 
an Bildern von ihr , stapelte er bei sich auf. 
Am 15. Juni trat sie ihren Urlaub an; natürlich 
erfuhr er, wohin sie ging. So furchtbar weit weg 
ging sie nach St. Moriz in Engadin. Wenn sie 
wenigstens nach Heringsdorf oder Ostende gegangen 
wäre, dahin kann man doch zufällig kommen, aber 
gleich nach St. Moriz. O, er fürchtete sich so vor 
diesem Sommer. Mama wird fragen und alles be 
merken, sie wird sehen, wie schlecht er aussieht. 
Immer schlechter wird er aussehen. Er will schlecht 
aussehen, miserabel elend will er werden. Er will 
beinahe sterben. Und wenn er beinahe tot ist, wird 
er seiner Mama alles beichten, und Mama wird ihr 
schreiben und sie bitten, sie möge um Gotteswillen 
kommen das Kind stirbt an seiner Liebe. Mitleid 
wird sie doch wenigstens für ihn empfinden können. 
So verträumte er seine Tage und wartete erstens 
auf den Schluss der Vorlesungen, zweitens auf den 
Tag, wo er so krank sein würde, dass er seiner Mama 
und ihr telegraphieren kann. 
Eines Tages aber las er plötzlich in den Blättern: 
Carmen, unsere gefeierte Opernsängerin, ist in St. Moriz 
bedenklich erkrankt. 
Jetzt gab es für ihn kein Halten. Er wusste, was 
er tun musste. Testierung hin, Testierung her — jetzt 
war alles gleichgültig. Vorlesungen, Rücksichten, Mama, 
sie war krank, und er war nicht bei ihr. Er konnte 
nicht fragen, nicht pflegen, nichts nichts er hier 
sie so weit jetzt war der Moment gekommen, 
wo sie seine Liebe kennen lernen sollte. Er versetzte 
seine Uhr, er versetzte die persischen Teppiche seines 
Zimmers, und noch am selben Abend fuhr er aus 
Berlin hinaus. 
Natürlich war Carmen bereits vollkommen gesund, 
als er nach langer Zeit in St. Moriz eintraf. Ihr Un 
wohlsein war gerade gross genug gewesen, dass es zu 
einer Reklamenotiz für die Blätter ausgereicht hatte. 
Wer es etwa bisher nicht gewusst hat, dass Carmen in 
St. Moriz war, der wusste das jetzt. Als der Jüngling 
in das Hotel kam, wo sie wohnte, weilte sie eben auf 
einem Ausflug zum Morteratschgletscher, was sein be 
wegtes Gemüt einigermassen beruhigte: andererseits 
stimmte ihn das wieder traurig, denn wenn sie gesund 
war, dann war es doch wieder nichts mit der Pflege. 
Immerhin, vielleicht rührte sie die Tatsache, dass er auf 
die blosse Nachricht ihrer Erkankung herbeigeeilt war. 
Jedenfalls bat er den Hotelsekretär, ihm den Platz bei 
der Table d’höte an ihrer Seite zu geben, er wäre ein 
alter Bekannter der Dame aus Berlin, und die Dame 
würde sich freuen. Der Sekretär erfüllte seine Bitte. 
Leider erschien Carmen nicht beim Diner, denn der 
Gletscher hatte sie müde gemacht. Der Jüngling blieb 
allein und hatte Zeit nachzudenken. Bei dieser Ge 
legenheit wurde ihm etwas schwül, und er erinnerte 
sich plötzlich ati Mama, und er sendete eiligst ein 
langesTelegramm nach Karlsbad. 
Er erwachte spät, denn er war müde von der Fahrt. 
Hastig zog er sich an und eilte zum Kurhaus zur Musik. 
Er hatte die Ueberzeugung, dort muss ich sie treffen. 
Er hoffte und zitterte. Was wird sie sagen, wie wird 
sie’s aufnehmen? Er sah sie zuerst, er erkannte sie 
von rückwärts. Abermals fand er nicht den Mut, sie 
anzureden, er folgte ihr unbemerkt. Dann entschloss 
er sich, der holden Gefahr die Stirn zu bieten, er 
wechselte die Richtung der Rundpromenade und schritt 
ihr entgegen — und grüsste. -Der Jüngling ist da!« 
schrie sie auf — »hier auch bis nach St. Moritz ver 
folgt er mich, aber jetzt liat’s ein Ende.« Und rasch 
entschlossen trat sie auf ihn zu. »Kommen Sie, gehen 
Sie dort hinüber, den Waldweg, ich folge Ihnen. Nein! 
Sie gehen voraus — hier will ich kein Aufsehen ^vor 
wärts!« 
Schwankend wie ein Rohr im Winde zwischen 
Furcht und Hoffnung, schritt er dem Waldwege ent 
gegen. Sie folgte wirklich. »Nicht umschauen, weiter 
gehen, sag’ ich.« Er folgte wie ein Hunderl. »So, 
jetzt ist es genug, jetzt können Sie stehen bleiben. 
Und jetzt geben Sie mir Antwort. Wieso kommen 
Sie her?« 
Ich habe gelesen, Sie wären krank, und da hab’ 
ich mir — gedacht —« 
Und jetzt werden Sie mir überall nachlaufen und 
mich fortwährend belästigen und ansprechen? 
Aber ich liebe sie ja rasend.« 
»Sie sind entweder sehr jung oder sehr unverschämt 
-— wie alt sind Sie? 
Neunzehn aber bald Zwanzig.« 
»Und ich bin - bald Vierzig — verstanden, mein 
Jüngling?« 
Aber ich liebe sie so rasend.» 
Das haben Sie schon einmal gesagt, aber Sie 
werden sich das abgewöhnen, und zu diesem Zweck 
werden Sie meine Nähe fliehen und noch heute ab- 
reisen.« 
Abreisen?« 
Jawohl, in einer Stunde geht die Post, die werden 
Sie benützen.« 
»Aber —« 
Kein Aber, Sie werden folgen, Sie geben mir 
Ihr Wort, Sie werden reisen, ich will Sie nicht Wieder 
sehen. Sie sind aus einer anständigen Familie, Sie 
schauen so aus. Sie wissen also, dass man so ein 
Wort halten muss. Und somit Gott befohlen.« 
Und damit liess sie ihn stehen, seine göttliche 
Carmen. 
Tiefbetrübt schlich der Jüngling von dannen, zurück 
in sein Hotel und packte seinen Reisekorb und ver 
langte die Rechnung. Als er sie aber bekam, wurde 
er blass und blässer — er zog seine Brieftasche her 
aus, er rechnete hin und rechnete her — er hatte ent 
schieden zu wenig Geld. Er musste nach Hause tele 
graphieren. Ja, aber wenn Mama auch schickte, vor 
Abends oder morgen Früh konnte doch das Geld nicht 
eintreffen. Und er hatte sein Wort gegeben, in einer 
Stunde abzureisen. 
Es wurde ihm schwül und schlecht, und es tanzte 
ihm schwarz vor den Augen. Er hatte so das Gefühl, 
jetzt musst du sterben. Aber er erholte sich. Und 
als er sich erholt hatte, setzte er sich zum Schreibtisch, 
nahm ein Hotelpapier und schrieb: 
Mein gnädiges Fräulein! 
Ich habe Ihnen mein Wort gegeben, dass ich in 
einer Stunde abreise, ich kann mein Wort nur halten 
wenn — ich habe mich verrechnet, und erwarte 
erst morgen — verzeihen —« 
Kurz, er schrieb die nackte Wahrheit. 
Er hatte die heimliche Hoffnung, wenn sie sieht, 
ich kann nicht reisen, vielleicht darf ich noch einen Tag 
bleiben, vielleicht wird noch alles gut . . . 
Carmen aber schrieb nur: 
Mit grösstem Vergnügen; beiliegend 100 Franks. 
Ihre Mama wird sie mir schon bei Gelegehneit retour 
nieren. 
Felix Dir mann.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.