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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Wie der Seppl zu Sekt kam. 
Eine Dorfgeschichte mit feuchtfröhlichem Ausgang. 
Eigentlich hiess er Josef Drinkgern, aber im Dorfe nannte man ihn 
schlechtweg den Seppl. Mit der Zeit erweiterte man dieses kurze Wort zu 
dem Spitznamen „Spar-Seppl“. Und er verdiente solchen Spitznamen mehr 
als genug: denn er scharrte den schnöden Mammon zusammen und geizte und 
knickerte, wo er nur konnte; kaum dass er sich und den Seinen, trotzdem 
er der reichste Bauer auf zehn Meilen in der Runde war, die Butter zum 
Brot gönnte. Seinem Vatersnamen „Drinkgern“ machte er schon gar 
keine Ehre; selbst an Sonn- und Festtagen mied er einen stärkenden Schoppen 
in der Schänke wie die Pest — und hätte das Wasser Geld gekostet, so 
wäre er wahrlich lieber halb verdurstet, statt einen frischen Trunk aus den 
Brunnen seines Hofes zu schöpfen; und gewaschen hätte er sich überhaupt 
nicht mehr. 
Am meisten betrübt über den schmutzigen, von Alt und Jung bespöttelten 
Geiz des Seppl war Annemarie, seine ehrsame Ehehälfte, die, als sie vor 
Jahren dem nur um ein Weniges ältern und damals recht stattlichen Burschen 
die Hand zum Bunde fürs Leben gereicht hatte, wohl Bessers erträumt 
haben mochte, als ein Dasein in Dürftigkeit und in ewigem Kampf um das 
Allernothwendigste. Sie galt weit über die Grenzen des Dorfes hinaus für 
eine Schönheit, die nur, wie die Perle im Ring, der goldenen Fassung be 
durfte, um köstlich zu glänzen: aber der Seppl in seiner unersättlichen Hab 
gier hielt sie wie das Aschenputtel im Hause und kränkte, als sie ihm kurz 
nacheinander zwei Kinder, einen Knaben und ein Mägdlein, gebar, ihr 
Mutterherz am schwersten, indem er die junge Brut heranwachsen liess, nicht, 
wie es seinen Verhältnissen geziemte, sondern wie die Sprösslinge der arm 
seligsten Tagelöhnerfamilie. Freilich, was blieb ihr übrig, als sich zu fügen ? 
War sie doch vor ihrem Brautstande nichts als eine niedere Magd gewesen, 
die der Seppl in schlauer Berechnung nur deshalb gefreit hatte, weil eine 
reiche Braut, wie er kalkulierte, ganz andre Ansprüche an seine Kasse stellen 
und womöglich voll Hochmuth das Regiment über ihn und sein Hab und 
Gut an sich reissen würde. 
Lief die Annemarie in ihrem verschlissenen, staubgrauen Kittel wie ein 
Aschenputtel herum, so glichen der Seppl und die Kinder aufs Haar drei 
leibhaftigen, nur in der Grösse verschiedenen Vogelscheuchen; denn der 
hartherzige Vater, der seine Röcke und ITosen trug, bis sie in Fetzen 
herunterhingen, duldete nicht, dass den Kleinen äusserlich mehr Sorgfalt 
gewidmet wurde, als er selber sich zuzuwenden für nöthig hielt. Vergeblich 
führte der greise Pfarrherr des Sprengels dem jungen Geizkragen 
zu Gemiith, dass sein Treiben nachgerade öffentliches Aergerniss errege und 
wies ihn von den irdischen Schätzen mahnend auf die himmlischen hin; der 
Seppl erklärte barsch, ein Jeder könne das halten nach Belieben, und labte 
sich, als der Alte kopfschüttelnd gegangen war, heimlich in seinem Kämmer 
lein gieriger denn je am Blinken der Golfiichse, die in der wohlverschlossenen 
und sicher versteckten Truhe sich schon zu höchst respektablen Maulwurfs 
hügeln häuften. 
Da geschah’s im Frühjahr, als die Zeit der Ackerbestellung sich nahte, 
dass der Spar-Seppl zum ersten Male und völlig unvorbereitet mit einem 
modernen sozialen Machtfaktor bekannt wurde, dessen Vorhandensein er bis 
dahin nur im Dunstkreis städtischer Fabriken für möglich gehalten hatte: 
die gemietheten Knechte, die ihm das F’eld pflügen und den Samen zu 
künftiger Ernte der Furche anvertrauen sollten, setzten gegen ihn einen 
regelrechten Streik in Scene und wussten jeden Ersatz durch willige fremde 
Kräfte geschickt mit der abschreckenden Schilderung seiner berüchtigten 
Sparwuth zu verhindern. Wohl oder übel musste der Bauer schon selbst zu 
I'-gge und Ptlug greifen und seine Scholle damit bearbeiten, wollte er nicht 
das ausgedehnte und fruchtbare Stück Erde, das ihm gehörte, für den Sommer 
brach liegen lassen. 
So sah man ihn denn tagtäglich hinter den schwerfälligen Gäulen her 
traben und bei der ungewohnten Hantierung mit dem Ackergeräth ver 
zweifelt gegen den scharfen Märzwind sich wehren, der ungestüm daherfuhr 
und durch die Löcher seiner Kleidung ihm eiskalt über die Haut fegte. 
Wer ihn nicht kannte, den mochte er dauern; aber die Sippe im Dorf 
gönnte ihm das mühsälige Tagewerk von Herzen und konnte kaum ihre 
Schadenfreude verbergen. 
Selbst dem feisten Krug-Wirth des Dorfs, einem trinkfesten Falstaff von 
behäbig-duldsamer Weltanschauung, zuckte ein leises ironisches Lächeln um 
die Mundwinkel, als er eines schlimmen Morgens den Seppl sich so un 
menschlich abrackern sah. Der bebte ja förmlich vor Frost am ganzen 
Leibe, obwohl ihm vom Scheitel hernieder dicke Schweisstropfen über die 
blaugefrorenen Backen liefen. Dennoch beantwortete er die freundliche Ein 
ladung des Wirths, sich durch einen steifen Grog zu neuer Mühsal' zu 
stärken, nur mit einem mürrisch-verächtlichen Gebrumm. Kopfschüttelnd, 
wie ehedem der Pastor, entfernte sich der wackre Mann und sann pfiffig 
darüber nach, wie wobl der Seppl von seiner schier kindischen Sparsucht 
am besten zu heilen sei ... , 
Tags darauf schien der garstige Märzwind anderweitig von nöthen und 
liess der jungen Lenzsonne freies Spiel. Parteilos, wie Sonnen nun einmal 
sind, glänzte die mild auf das Haupt des bösen Spar-Seppl herab und weckte 
durch ihre erquickende Wärme in seinem Hirn allerhand wunderliche Ge 
danken. So meinte er plötzlich, als er über sich muntres Gezwitscher ver 
nahm, emporblicken zu müssen, um auszulugen, ob gar schon die erste 
Lerche sich melde. Aber gerade, wie er so recht den Kopf ins Genick bog, 
gab es jäh einen derben Ruck und er schlug der Länge lang hin Der 
Pflug war über ein Hinderniss gestolpert und hatte dabei, während die 
Pferde verwundert Stillständen und neugierig rückwärts schauten, den Seppl 
tückischer Weise zur Strecke gebracht. 
„Das ist Rheingold-Sect“, sagte er mit Kennermiene und wischte sich 
schmunzelnd die Lippen. Und von neuem erhob er das Glas zu löb 
lichem Thun. 
„Es ist also nichts Teuflisches dran?“ fragte der Seppl aufathmend und 
wurde ganz grün vor Neid, als er auch das zweite Glas Sect in der Kehle 
des würdigen Pfarrherrn spurlos verschwinden sah. 
„Nein!“ entschied dieser energisch; „der Teufel hat mit Rheingold-Sect 
nichts zu schaffen. Das ist eine Gottesgabe, wie sie schöner an den Ufern 
unsres herrlichen Rheins nicht zu finden ist. Die könnt Ihr getrost und 
ohne Gewissensbedenken gemessen, selbst wenn Ibr nicht wisst, von wem 
sie kommt“. Und er gab in längerer Rede der Vermuthung Raum, dass 
vielleicht der Vater des Seppl, der wie alle wohlhabenden Bauern seiner 
Seelsorge ein grosser Bacchusverehrer und Feinschmecker gewesen war, den 
Acker für seinen Erben als Weinkeller benutzt und einige hundert oder gar 
tausend solcher Flaschen bei Lebzeiten dort verscharrt habe. „Suchet, so 
werdet Ihr linden!“ schloss er schelmisch den erbaulichen Sermon, goss 
heiter ein drittes Glas Sect hinter die Binde, stellte dann aber den Rest 
Etwas betäubt von dem Fall, raffte er sich hoch und forschte dem 
Grund seines schmerzhaften Sturzes nach. Er entdeckte ihn bald in 
Form einer gewichtigen Flasche mit silbernem Halsschmuck, der zwar das 
aufklärende Etikett fehlte, der man es aber sofort anmerkte, dass ihre 
ochwarzgrüne 
etwa lcommu- 
sondern ein 
leren Stammes 
Nun war frei- 
aus Sparsam- 
kein Trinker; 
er sich des 
Funds, der ihm 
einen lockern 
versprach. Er 
Flasche fort, 
in seiner 
vertrauliche 
mit ihr zu 
Abend kam — 
liegeiter Thür 
liehe Finder 
Drähte, dieden 
klammert 
lautem Knall 
die Decke; 
schäumte es 
hoch auf, dass 
sputen musste, 
Saft im Glase 
Hei, wie das 
Solch eineLab- 
noch niemals 
worden, so 
rückdenken 
sam schlürfte 
schimmern- 
Glashülle nicht , 
nen Fusel, W 
Weinchen ed-jj 
|üu ^umschloss, 
lieh der Seppl 
keitsrücksicht 
dennoch freute 
willkommenen 
völlig umsonst 
Exlragenuss 
steckte also die 
um abends 
Schatzkammer 
Zwiesprache 
pflegen. Der 
und hinterver- 
lösteder gliick- 
behutsam die- 
Kork fest um 
hielten. Mit 
11 og er gegen 
gleichzeitig 
aus dem Halse 
der Seppl sich 
den perlenden 
ei nzu fangen, 
schmeckte! 
sal war ihm 
geboten 
weit er zu 
konnte. Lang 
er den goldig 
den Inhalt 
der Flasche aus und wurde so göttlich lidel, wie ein Geizkragen 
nur sein kann, wenn er ohne Schaden für seinen Beutel zu einem Räuschchen 
gelangt. 
Desto trostloser fand er am nächsten Morgen die wieder vom Märzwind 
durchtobte Welt, obwohl ein geheimes Hoffen ihn diesmal gegen die Nücken 
des widrigen Gesellen nachsichtiger machte. Und o Wunder: diese 
Hoffnung trog nicht; zum zweiten mal holte der Pflug eine gleiche Wein 
flasche aus dem lockern Erdreich herauf, und zum zweiten mal trank sich 
Abends der Seppl kostenlos einen süssen Rausch an. 
Als aber am dritten Tag das seltsame Mirakel sich wiederholte, wurde 
ihm doch recht schwül und schreckhaft zu Muth. Offenbar trieb hier, was 
ihm sehr wahrscheinlich dünkte, der höllische Versucher einen unheimlichen 
Schabernack mit ihm. Er hielt also jeder Anfechtung, die Drähte am Kork 
zu lösen, tapfer stand und sprach in der Dämmerstunde beim Pastor vor, 
dem er das Objekt seines Misstrauens mit der Bitte um seelsorgerischen 
Rath überreichte. 
Der Pastor hörte der Erzählung schweigend zu und drehte die Flasche 
prüfend nach allen Seiten. Dann liess er kunstgerecht den Pfropfen springen 
und füllte ein hohes Kelchglas mit dem schäumenden Saft. 
Und nachdem er noch zur Sicherheit feierlich ein Kreuz darüber ge 
schlagen hatte, that er einen tiefen Trunk, leerte den Kelch bis zur Neige 
und schänkte ihn wieder voll. 
seinem Gaste grossmiithig wieder zurück, der ihn auf dem Heimwege frisch 
aus der Flasche trank, in allerlei seligen Zukunftsträumen schwelgend. 
So eifrig er aber in den nächsten sechs Tagen auch suchte und die 
Schollen aufwühlte: die vierte Flasche blieb hartnäckig aus. Da fasste am 
siebenten Tase der Seppl einen kühnen Entschluss. 
« Er entnahm seiner Truhe ein blankes Goldstück und erstand beim Krug- 
Wirth, so sauer die theure Ausgabe ihm wurde, eine Flasche Rheingold 
dafür! 
Alle Bauern auf zehn Meilen in der Runde schüttelten ungläubig den 
Kopf, als die Mär dieses Einkaufs von Mund zu Mund flog. 
Aber sie sollten aus dem Staunen nicht mehr herauskommen: denn von 
diesem Tag an ging es mit dem Spar-Seppl beständig aufwärts. Er wurde 
kein Säufer, wie man zunächst höhnisch prophezeiht hatte, sondern das 
edle Schiersteiner Gewächs, der Stolz der Rheingau-Reben, übte eine erziehe 
rische, versittlichende Wirkung auf ihn aus. Es krempelte ihn sozusagen 
vollständig um! 
In den ersten Wochen trank er seinen Sect noch allein; auf die Dauer 
machte ihm aber das einsame Trinken keinen Spass. Er zog also, just am 
Palmsonntag, die Annemarie zu. Seit Jahren waren die Eheleute nicht so 
vergnügt miteinander, gewesen. Die Annemarie schien anfangs über das 
merkwürdig veränderte Wesen des Gatten einfach starr; bald ab;r fasste sie 
Courage und nützte mit dem feinen Spürsinn des Weibes die Gelegenheit 
gründlich aus. Der Seppl hörte die Klagen und Beschwerden seines Aschen 
puttels geduldig an; und bei der dritten Flasche versprach er, was sie wollte. 
Ja, das war ein erfreulicher Tag! Und er sollte nicht der einzige seiner 
Art bleiben .... 
Seitdem sind ein halb Dutzend Jahre ins Land gegangen. Der Spar- 
Seppl ist zwar noch immer ein sparsamer Mann; aber nicht mehr, als andre 
rechtschaffene Hausväter es auch sind. Für das leibliche Wohl der Familie 
und seiner Mägde und Knechte sorgt er aufs beste; Frau und Kinder können 
sich im Alltagsgewand wie im Sonntagsstaat sehn lassen und ein „Streik“ 
ist auf seinem Hofe undenkbar, weil er am Lohne, wenn nur die Leistungen 
danach sind, nicht knausert. Den Namen. „Drinkgern“ führt er mit vollem 
Recht, obwohl er auch hier das Mass des Erlaubten nicht überschreitet. Am 
Stammtisch des Krugs ist er Abends, nach des Tages Arbeit, ein beliebter 
Gast; er trinkt mit Lust seinen Schoppen Bier, am liebsten aber doch an 
Sonntagen und zwei bis drei mal in der Woche seine Flasche Rheingold. 
Im Lobe dieses Sects, den er treu verehrt, scheint er unerschöpflich — und 
jene drei Flaschen, deren Herkunft ihm räthselhaft blieb, haben in seinem 
gemiithlichen Heim den Ehrenplatz. 
Einer hätte ihm des Räthsels Schlüssel zu geben vermocht: der biedre 
Krug-Wirth, der neben dem Pastor sein bester Freund wurde und, wie 
dieser, noch manche gute Flasche Rheingold gemeinsam mit ihm ausstach. 
Aber der Krug-Wirth hat leider unlängst das Zeitliche gesegnet und den 
Bericht, wie er damals, in drei stürmischen Märznächten, eigenhändig die 
Flaschen in Seppls Acker vergrub, mit sich ins Grab genommen. Freilich 
nicht, ohne ihn vorher unter dem Siegel der Verschwiegenheit den Leitern 
der Weinkellerei Söbnlein in Schierstein, von der er sein Rheingold bezog, 
brieflich gebeichtet und die fabelhaften Folgen seiner nächtlichen Buddelei 
beredt geschildert zu haben. Ueber Schierstein ist dann die Kunde von 
dieser wahrhaften Geschichte an den Schreiber dieser Zeilen gelangt, der sie 
zu Nutz und Frommen aller Sectfreunde und solcher, die es werden wollen, 
aufzuzeichnen beschloss. Möge sie nun auf dem nicht mehr ungewöhnlichen 
Wege der Druckerschwärze weiter wandern, von Stadt zu Dorf, bis sie 
endlich auch dem ins Haus flattert, der so eng mit ihr verknüpft ist: näm 
lich — dem Seppl!
        
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