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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Nun standen sie beide in der Loge. Er Hess 
ihren Arm los — dann atmete er tief auf — nahm 
ihren Kopf zwischen seine beiden Hände und drückte 
einen kurzen, heissen Kuss auf ihren Mund. — 
Ihr Herzblut erstarrte in jähem Schreck — wie 
betäubt stand sie vor ihm. — 
„Ich werde den Kellner bestellen, er soll uns 
Sekt bringen! Auf Dein Wohl müssen wir trinken, 
süsses, holdes Mädchen!“ 
Mit übermütigem Gruss verliess er die Loge 
und eilte dem Buffet zu. Idchen war allein — die 
Kehle war ihr wie zugeschnürt — ihre ganze Fröh 
lichkeit war verflogen und etwas Angstvolles, Qual 
volles schlich sich in ihr Herz hinein. — 
Es war auch so unerträglich heiss hier oben! 
Wie gebannt starrte sie vor sich hin 
dann fiel ihr Blick auf seinen Hut, auf seine Hand 
schuhe die da auf einem Stuhle lagen, auf die 
weisse Tuberose, die aus seinem Knopfloch herunter 
gefallen war — als er sie vorhin küsste. — 
„Mutter, Mutter!“ schluchzte sie da plötzlich auf. 
„Ein heisses Sehnen und Drängen erfüllte ihr 
Herz: „Nur fort, fort von hier! Nach Hause!“ 
Einen Moment noch kniete sie nieder und drückte 
hastig einen Kuss auf die Tuberose, noch einmal 
glitt sie mit der Hand liebkosend über seinen Hut, 
seine Handschuhe hin — dann stiess sie die halb 
angelegte Logentür auf. — 
Herr Gott! Tauchte „er“ dort nicht in der Ferne 
aus dem Menschengewühl auf? Nein! Sie hatte 
sich getäuscht. Wie ein gehetztes Wild flog sie 
die Treppe hinunter, stürzte durch die langen Korri 
dore mit rasender Hast! 
Nur vorwärts, vorwärts! 
Manch erstaunter Blick folgte ihren aufgeregten 
Bewegungen. 
Endlich war sie in der Garderobe. Halb abwesend 
liess sie sich Mantel und Kapuze reichen. 
Sie hüllte sich hinein — ein Schritt noch — und 
eisige Nachtluft umfing sie draussen. 
Von der nahen Kirche schlug es zwei Uhr! 
Langsam fuhr eine leere Droschke vorüber. 
Hastig trat das Mädchen an die nächste Laterne 
heran, zog ihr kleines Portemonnaie hervor und 
prüfte den Inhalt, ob es noch für die Droschke 
genug sein würde. Ja, es reichte gerade! Sie rief 
dem Kutscher zu — seltsam fremd kam ihr ihre 
eigene Stimme vor — sie sagte ihm ihre Adresse 
und sprang in die Droschke hinein. 
Tief hatte sie sich in eine Ecke gedrückt und der 
junge Körper erschütterte in heissem, leidenschaft 
lichem Schluchzen. 
Müde schlich sie die Treppe hinauf und öffnete 
sachte die Korridortür, einen Augenblick stand sie 
lauschend — aber alles blieb still. 
Drinnen in der traulichen Schlafstube brannte 
trübe ein Nachtlämpchen, die Mutter schlief fest, 
nächtlicher Friede ruhte überall. 
Leise kniete Idchen an dem Bette der Mutter 
nieder, leise — und getröstet — drückte sie einen 
Kuss auf die Hand derselben. 
Mit blassen Bäckchen zwar, aber eifriger denn 
je sass Idchen am nächsten Morgen wieder im 
Blumengeschäft über ihre Arbeit gebückt. 
Sie liess heute die anderen plaudern, denn ein 
bisschen wehmütig war ihr doch zu Mute. 
Blüte an Blüte fügte sich unter ihren zierlichen 
Händen zum kunstvollen Strausse, nur hin und 
wieder tropfte ein Tränchen dazwischen. 
Eine elegante Equipage hielt draussen mit 
schneidigem Ruck still. 
Gespannt schauten die jungen Blumenverkäufer 
innen von ihrer Arbeit auf. Ein Diener in glänzender 
Livree sprang vom Bock und nachdem er die 
Wagentür aufgemacht, beeilte er sich dienstbeflissen 
mit tiefer Verneigung, um auch die Glastür des 
Blumengeschäfts seiner Herrschaft zu öffnen. 
Eine junge, schöne Dame von schlanker, vor 
nehmer Gestalt in dunkelblauem Sammetkleide mit 
Pelz besetzt, einen mit kostbaren Federn ge 
schmückten, hellgrauen Hut auf dem goldblonden 
Lockenköpfchen, trat in den Laden ein, gefolgt von 
einem hochgewachsenen, stattlichen Kavalier, dessen 
schneidige Eleganz und vollendete Vornehmheit 
sofort sämtliche Blumenverkäuferinnen elektrisierte. 
Mit zärtlichster Galanterie bemühte sich der 
junge Herr unaufhörlich um die reizende Dame, 
welche er begleitete. Nun trat das schöne Paar an 
den Ladentisch heran. Auch Idchen sah interessiert 
von ihrer Arbeit auf — aber — war es denn möglich? 
Ihr wurde heiss und kalt in namenlosem Schreck — 
entsetzt starrte sie den fremden Herrn an — „er“ 
war es, ihr Tänzer von gestern Abend. — Ihr 
schien, als wenn der ganze Ladenraum sich mit ihr 
drehte, tief beugte sie den Kopf auf ihre Arbeit 
nieder, während ihre Hände die Tischplatte fest 
umklammerten! Der Schreck war zu gross! Der 
Herr da vor ihr hatte die Kleine im grauen Arbeits 
kleidchen garnicht bemerkt, er hatte auch keine 
Zeit dazu, denn seine strahlenden Augen wandten 
keinen Blick von der schönen Dame an seiner 
Seite. — 
„Ich wünsche einen Rosenstrauss für meine Frau!“ 
sagte er dann laut zu einer der Verkäuferinnen. 
Noch tiefer als vorhin beugte sich Idchen auf 
ihre Arbeit nieder. 
Mit flüchtigem Gruss schritt das elegante Paar 
dem Ausgange zu, nachdem die reizende Dame 
lächelnd, freudestrahlend den Strauss von ihrem 
Gatten in Empfang genommen. Wieder öffnete der 
Diener mit tiefer Verneigung seiner Herrschaft die 
Tür des draussen harrenden, eleganten Gefährtes — 
nun hörte man das Rollen des fortfahrenden Wagens 
— auch Idchen hört es —• noch lange — lange 
Zeit 
„Sage mal Idchen“, fragte nachher eine der 
kleinen Blumenverkäuferinnen, „bist Du denn nun 
eigentlich noch gestern auf’m Fastnachtsball ge 
wesen? Du wolltest doch so gern!“ 
Idchen wurde dunkelrot. 
„Ja —• nein —“ stotterte sie verwirrt, „ich erzähle 
Euch das lieber ein andermal —“ 
„Aber Idchen, Du hast ja Tränen in den Augen!“ 
„Ich! I, warum nicht gar!“ rief sie in ihrem 
alten, übermütigen Ton. Dann warf sie das Köpfchen 
mutig zurück. 
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Pli IBIS 1®1 
Orthographie und hiebe. 
Von Julius Knopf. 
(Nachdruck verböte«.) 
ne Stunde vor dem Nachmittagskaffe. Alfred 
Blum räkelte sich unruhig auf der Chaise 
longue; den gewohnten Schlaf vermochte 
er nicht zu finden. Seine Gedanken flogen zu ihr, 
der herzigen, süssen, famosen Aenne, die sich ihm 
in’s Herz geschlichen hatte, langsam, unmerklich 
fast, um sich darin zu verankern mit tausend Wider 
haken. Nur einen einzigen davon herauszureissen, 
hätte ihm schweres Leid verursacht, und nun gar 
alle tausend. Ihn fröstelte. Aber es half nichts, mit 
einem energischen Ruck musste er sich das liebe 
Ding abschütteln. 
Heiraten konnte er das Mädchen doch unmöglich, 
trotzdem Aenne die aufmerksamste, liebevollste Ge 
fährtin, Gattin u. s. w. abgegeben hätte. Auf Mammon 
brauchte er — der Himmel sei gelobt und ge 
priesen! — nicht zu sehen, die teuren Eltern hatten 
ihm ein reichlich Quantum Gold hinterlassen. Vom 
sittlichen Standpunkt sprach auch nichts gegen diese 
Verbindung, denn seine Aenne war ein hochacht 
bares junges Mädchen. Im gefahrdräuenden Getriebe 
der sündigen Grossstadt hatte sie sich ihre Sitten 
reinheit und Herzenseinfalt bewahrt. Ja, sie war 
mit einem natürlichen Taktgefühl begnadet, um 
welches sie die Kaiserin von China hätte beneiden 
können; sie, die kleine Verkäuferin in dem grossen 
Konfektionshaus. Kurz, Aenne war eine von Grund 
auf keusche und brave Natur, gesunden Gemütes 
herrlichen Körpers und guten Charakters. Die 
steifsten, unerbittlichsten Mitglieder des gestrengen 
Vereins der Fürstinnen zur Hebung der Sittlichkeit 
hätten an ihr nicht nur kein Fehl entdecken, sondern 
sie sogar mit Freuden in ihren erhabenen Bund auf 
nehmen können, falls irgend ein exotisches Fürstlein 
sie geehelicht haben würde. 
Also seine Aenne war vollkommen. 
Und doch! O, dieses Aber, dieses ekelhafte, 
peinliche, entsetzliche Aber! 
Blum sprang von seinem Ruhelager auf und griff 
nach dem Patschouli duftenden Brief, den er vor 
einer halben Stunde von ihr erhalten hatte. Noch 
einmal las er das Skriptum, bedächtig, eindringlich, 
gleichsam, wie um das Gift stärker und schmerz 
hafter auf sich einwirken zu lassen. Ein direkt 
physisches Unbehagen empfand er bei der Lektüre.
        
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