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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

dort ragte der neue Dom empor und dunkel hob 
sich das Museum vom klaren Sternenhimmel ab, 
während der Mond sein sanftes Licht über den 
abendlichen Schlossplatz goss. 
„Gute Nacht, Bertchen!“ 
„Gute Nacht, Idchen!! 1 
„Schlaf’ wohl, Aennie!“ 
Ein halb’ Dutzend Namen tönten durch die 
Winterluft. 
„Gute Nacht!“ „Gute Nacht!“ 
Alle stoben auseinander. 
Auch Idchen schritt eilig der heimatlichen Woh 
nung zu, während ihr phantastisches Köpfchen es 
sich unaufhörlich ausmalte, wie köstlich doch solch’ 
ein Fastnachtsball sein müsste! 
Sie seufzte ein bisschen. — 
„Ach, wie wunderbar schön wäre es doch wenn —“ 
flüsterte sie leise. Plötzlich stand sie still — ein 
übermütiges Lächeln flog über ihr hübsches Gesicht. 
Da kam gerade eine „Elektrische“ heran, die nach 
der Friedrichstrasse wollte. Kurz entschlossen, mit 
geschicktem Sprunge, schwang sich Idchen hinauf, 
„’s kann ja kein Unrecht sein“, dachte sie, indem 
sie ihr Zehnpfennigstück dem Schaffner reichte, 
„wenn ich meine Freundin Mieze im Masken-Verleih- 
Geschäft, wo sie Verkäuferin ist, ein Viertelstündchen 
besuche; dort muss sie mir die schönen Kostüme 
zeigen, in denen heute noch so viele glückliche 
Leute lustig sein werden und dann —“ überlegte 
sie weiter, „ziehe ich mir auf fünf Minuten solch ein 
himmlisches Kostüm an, gucke in den Spiegel, 
mache mir einen Knicks und — lache mich aus! 
Dann geht’s wieder in die „Elektrische“ — jetzt 
ist’s noch nicht mal neun Uhr — und um dreiviertel- 
zehn bin ich wieder zu Hause bei Muttern! Und 
habe doch auch meinen Fastnachtsspass gehabt.“ 
Glückselig sprang jetzt die Kleine von der 
„Elektrischen“ hinunter und zwei Minuten später 
schlüpfte sie die Treppe hinauf, die zu dem Masken- 
Verleih-Institut führte. 
„N’ Abend, Mieze! Süsse 1 Was sagst Du zu 
dem späten Besuch?“ 
Idchen schlang beide Arme um den .Hals der 
blassen Freundin. 
Freudig erschrocken wandte Fräulein Mieze ihr 
schmales, abgehärmtes Gesicht der kleinen, munteren 
Freundin zu: 
„Ach, Idchen! Du bist’s! Das ist schön! Setz’ 
Dich doch!“ 
„O, nein, ich will mich nicht setzen, ich möchte 
mir nur Eure schönen Kostüme ein bisschen an- 
sehen! Ach bitte, zeig’ mir doch solch eine Tirolerin 
oder Königin oder Fischerin!“ rief Idchen lebhaft 
und steckte ihr niedliches Spürnäschen bereits in 
den grossen Glasschrank, aus welchem heraus es 
geheimnisvoll flimmerte und leuchtete in herrlichen 
Farben. 
„Mieze, ist das alles echte Seide und wirklicher 
Sammet?“ fragte Idchen begeistert. 
Mieze nickte: „Sieh Dir nur alles ordentlich an, 
Kind, wenn es Dir Spass macht.“ 
„Ach, Mieze, lass mich solch ein Kleid mal an- 
ziehen 1“ 
Mieze hatte nichts dagegen. 
Idchen wählte das Kostüm einer Bäuerin. Eins, 
zwei, drei! Da war sie angezogen! Und nun stand 
sie vor dem Spiegel. Der kurze rote Rock und das 
dunkle Sammetmieder standen der Kleinen zum 
Verlieben hübsch. Betroffen schaute sie sich an 
und zupfte verlegen an dem weissen Spitzen- 
schiirzchen herum: 
„Nee, Mieze, das hätte ich nicht gedacht, dass 
man so nett aussehen kann!“ 
Es klopfte. 
Erschrocken flog Idchen hinter die Schranktür. 
Der Rohrpostbriefträger trat ein: 
„N’Abend! Ein Rohrpostbrief an Fräulein Mieze 
Schulz!“ 
Mieze riss das Kouvert auf und las. 
„Meine Cousine, die Garderobiere aus der Phil 
harmonie schickt mir ein Freibillet zu heute Abend 
zum Fastnachtsball,“ sagte sie mit trübem Lächeln, 
„aber für mich ist das nichts, mein Vater liegt krank 
zu Hause und ich bin auch so elend — weisst Du, 
Idchen, geh’ Du hin, guck’ Dir den Zauber auf ein 
Viertelstündchen durch die Tür an und dann fährst 
Du wieder nach Hause und erzählst Deinem 
Mütterchen den ganzen Spass! Das Kleid kannst 
Du mir morgen bringen und nun geh’, Kleine, mach’ 
schnell!“ 
Idchen hatte bis jetzt stumm und starr dagestan 
den, denn der Rohrpostbrief mit dem Freibillet kam 
ihr als etwas unfassbar Schönes vor! 
Dann aber kam Leben in das hübsche Persönchen: 
„Ich soll auf den Fastnachtsball gehen? Aber das 
ist ja garnicht möglich I“ jubelte sie. Wie ein Kreisel 
drehte sie sich nun hin und her, Mieze half ihr den 
Mantel umbinden und knüpfte ihr sorglich die Kapuze 
unter dem niedlichen Kinn, schob sie endlich samt 
Freibillet zur Tür hinaus und ehe Idchen sich ver 
sah, sass sie wieder in der „Elektrischen“ und fuhr 
dem Leipziger Platz zu. 
„Hm — noch ein Stückchen weiter weg von 
Muttern,“ dachte sie und ihr Herzchen begann doch 
ein bisschen unruhig zu klopfen, „aber ein Unrecht 
kann’s nicht sein und solch’ ein Freibillet kann man 
doch auch nicht wegwerfen? Bah — um 10 Uhr 
bin ich wieder zu Hause!“ — 
Hastig eilte sie nun durch die Köthenerstasse; 
Epuipagen und Droschken rollten an ihr vorüber, 
die Ballgäste nach der Philharmonie bringend. 
„Nein! Das Billet wegwerfen! Das wäre un 
möglich!“ dachte Idchen wieder energisch, und ihren 
ganzen Mut zusammennehmend, schritt sie mit er 
hobenem Köpfchen in die Philharmonie hinein. War 
„das“ ein Stossen und Drängen in der Garderobe! 
Idchen war ganz betäubt von den vielen Menschen. 
Eine der Garderobieren hatte ihr Mantel und 
Kapuze abgenommen und halb geschoben von dem 
phantastisch geputzten Menschenstrom gelangte sie, 
ihr Billet so fest wie möglich in der kleinen Faust 
haltend, bis zum Eingänge, der in den grossen 
Tanzsaal führte. 
Ein Meer von Licht flutete ihr entgegen und 
rauschend umfing sie die Ballmusik. 
Vor ihr kreisten unzählige Paare im rasenden 
Wirbel des Tanzes und überall schillerte und glitzerte 
es von Edelsteinen und seidenen Stoffen. 
Ach, war das alles schön! 
Klein Idchen stand wie bezaubert! Einen Moment 
legte sie ihre Hand auf die Augen, denn sie war 
ganz schwindelig geworden von dem bunten Durch 
einander! Als sie wieder aufschaute, blickte sie in 
zwei lebenslustige, dunkle Augen hinein, die einem 
schneidigen, jungen Herrn gehörten, welcher mit 
vornehmer Nachlässigkeit ihr eine elegante Ver 
beugung machte — hilflos, suchend sah sie um sich, 
denn es schien ihr ganz unmöglich, dass dieser 
Gruss ihr gegolten habe. 
„O je, wie schön und schneidig,“ dachte sie mit 
klopfendem Herzen, während ihr scheuer Blick die 
hohe, breitschultrige Gestalt im tadellosen, schwarzen 
Gesellschaftsanzug, mit der weissen Tuberose im 
Knopfloch und den kleinen, blitzenden Brillant 
knöpfen im schneeigen Chemisett, überflog. Nun 
verneigte er sich noch einmal vor ihr und dann 
tönte es mit tiefein, klangvollem Organ bittend an 
ihr Ohr: 
„Mein gnädiges Fräulein — darf ich um diesen 
Walzer bitten?“ 
Idchen war über das „gnädige Fräulein“ ganz rot 
geworden. 
„Eigentlich habe ich keine Zeit — und meine 
Mutter wartet auf mich!“ sagte sie verwirrt. 
Der junge Herr lächelte ein bisschen und sah 
sie von der Seile an. 
Das ärgerte Idchen! 
Keck warf sie das Köpfchen zurück: 
„Aber nur einmal ’runi!“ sagte sie sehr streng. 
Er legte den Arm um ihre Taille und zog sie an 
sich und dann tanzten sie — weiter und weiter! 
„Ich war erst doch wohl etwas zu hart zu ihm —“ 
dachte Idchen, als sie einmal herumgetanzt hatten 
— und da tanzten sie zweimal herum. Wie graziös 
die Kleine tanzte! O, Idchen kam in Geschmack! 
Wie ihre Füsschen zitterten vor Vergnügen und 
ihre kleine Hand bebte auf der Schulter ihres ele 
ganten Tänzers! 
Lächelnd, strahlend schaute sie ihrem neuen 
Freunde in die lebenslustigen Augen! 
So köstlich hatte sie sich den Tanz doch nimmer 
vorgestellt! 
Bewundernd folgte mancher Blick dem jugend 
schönen Paare, welches an ein Aufhören nicht denken 
mochte. 
Aber endlich stand Idchen still — atemlos, er 
schöpft lehnte sie sich an ihren Tänzer. 
„Wollen wir ausruhen?“ fragte er mit weichem 
Tone. 
Sie nickte und schloss schwindelnd die Augen. 
Er schob ihren Arm durch den seinen mit leisem, 
zärtlichem Druck. Nun stiegen sie die Treppe hinauf, 
die nach den Speisesälen führte und traten in eine 
der jetzt leeren Logen ein, deren Insassen sich in 
einen der Nebensäle begeben hatten, um dort zu 
soupieren. Die Musik hatte aufgehört zu spielen, 
denn die grosse Pause hatte begonnen. — Eine nie 
geahnte Glückseligkeit war über Idchen gekommen, 
ihr Herz war zum Zerspringen voll, und zärtlich 
schaute sie zu ihrem Freunde auf! Es war doch 
auch gar zu hübsch von ihm, dass er so lieb und 
gut zu ihr war!
        
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