Path:

Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

noch einen Augenblick Halt zu machen. Unter 
den dieser Abteilung zugehörigen Bildern fällt uns 
als erstes Joan Manen in Folge der hochinteressanten 
Physiognomie ins Auge. Herr Manen wird als Geigen 
virtuose zu den allerersten gezählt und auch als Kom 
ponist einiger Opern hat er grosse Erfolge aufzuweisen. 
Einen nicht üblen Ruf geniesst auch das Petersburger 
Quartett als ein besonders gut eingespieltes; — die Ge 
schwister Christmanns die sich sehr ähnlich sehen, 
sind bedeutende Koloratursängerinnen an der Moskauer 
Oper; — Fr. Irma Senger-Sethe und Moritz Mayer- 
Mahr gastieren gewöhnlich zusammen; sie schätzt man als 
eine bedeutende Violinistin, ihren Accompagnon als einen 
trefflichen Klavierpädagogen; Fräulein Antonie Dolores 
besitzt eine wunderbare Altstimme und geniesst den Ruf 
einer allerersten Grösse. 
Als eine sehr interessante Abteilung in dem Cyklus 
unserer Bilder können entschieden „Alte Bilder bekannter 
Bühnengrössen“ gelten. Welche Erinnerungen steigen da 
nicht bei stiller Betrachtung aus unserer Seele empor und 
lassen den Zauber vergangener Zeiten vor uns lebendig 
werden? Wie viele dieser Künstler sind nicht mehr bei 
den Brettern, die ihnen die Welt bedeuteten, „weil das Alter 
mit dem schleichenden Tritt“ hcrantrat—? und wie alt sind 
auch einige Künstler davon geworden, trotzdem sie noch 
spielen —wie alt gegenüber den alten Bildern ihrer Jugend? — 
Und von welch' einer Fülle vergangener Kunst sprechen 
die Bilder des verstorbenen Carl Helmerding, der am 
20. Dezember 1899 die Schaubühne des irdischen Lebens 
überhaupt verlassen? Und doch, es ist unrecht, bei 
Helmerding von vergangener Kunst zu sprechen — besitzen 
wir dieselbe Kunst nicht noch immer? —■ Hat der Vater sie 1 
nicht auf seinen Sohn übertragen und beschenkt uns nicht 
täglich der Sohn Helmerding am Thaliatheater mit dieser 
Kunst — also seiner Kunst und doch der Kunst des 
Vaters? — 
Von der Kunst Thaliens machen wir den etwas weiten 
Sprung zu den circensisrhen Künsten und wir werfen 
einen Blick auf die interessanten zur Abbildung gebrachten 
Vorstellungen der Mtinstedt’s Liliputaner und der 
übrigen Mitwirkenden tierischer und menschlicher Gestalt 
in dem Circus Schumann. Es imponiert hier besonders 
Consul II. durch Haltung, Geschick und Würde und die 
Pferdepantomime „Im Marstall der Grafen X“ lässt die 
Vermutung aufkommen, dass es eine ganze Anzahl kluger 
Hanse gibt, wenn sie auch nicht rechnen können und interviewt 
werden. In der Pantomime, die uns schildert, wie Pferde sich 
von den Halftern lösen und Hafer naschen, sobald der Stall 
bursche weggegangen, ist ein Pony das menschenwitzige 
und menschentreue Geschöpf, das durch Glockenläuten 
seine disziplinlosen Stallgenossen verrät. — Zum Schluss 
sei noch auf die Schifferkirche hingewiesen, deren Ein 
weihung kürzlich in Gegenwart der Kaiserin und des 
Prinz Eitel Friedrich stattgefunden hat — auf die Probe 
fahrt des gleislosen Renard’schen Automobilzuges, dem in 
unserem Jahrhundert des „Auto“ eine Zukunft kaum abzu 
sprechen ist und endlich noch auf das neue „Märkische 
Museum“ an der Waisenbrücke. Die Stilarten dieses Ge 
bäudes einzeln betrachtet wirken herrlich, ob sie aber 
zusammen genommen ein einheitliches Ganze bilden, be 
zweifle ich, doch darüber mögen sirh die Sachverständigen 
ihre Köpfe zerbrechen. Bern sie in-Sawersky. 
In Heft IX unserer Zeitschrift brachten wir die Bilder 
des Personals des „Lessing-Theater“. Unser damaliger 
Redakteur, Herr Reppert, hatte sich zu diesem Zwecke an 
die einzelnen Mitglieder gewandt und von sämtlichen, mit 
Ausnahme des Herrn Albert Bassermann, die zur Repro 
duktion nötigen Photographien erhalten. Um das Tableau 
nicht unvollständig zu lass'n, benutzte Herr Reppert ein 
zufällig in unserem Besitz befindliches älteres Bild des Herrn 
Bassermann. Dieser war darüber sehr ungehalten. Wir 
sehen uns daher genötigt, Plerrn Albert Bassermann vom 
Lessing-Theater zu bestätigen, dass die Veröffentlichung 
seines Bildes in ITeft IX dieser Zeitschrift gegen seinen aus 
drücklichen Wunsch und Willen erfolgt ist. 
Wie man schenkt. 
Eine lustige Weilinachtsgeschichte von Paul Bliss. 
Der Maler Herwald war recht sehr in Verlegenheit; 
es war am Weihnachtsheiligabend und er hatte keinen 
Pfennig Geld; — im Allgemeinen war ihm ja das 
nichts Neues, so dass er deshalb nicht sonderlich 
traurig gestimmt zu sein brauchte, — heute aber 
berührte es ihn doppelt peinlich: erstens, weil morgen 
Weihnachten war — und da will doch Niemand gern 
fasten, — dann aber auch deshalb, weil er heute bei 
den reichen Tettenborns zur Bescheerung geladen 
war, — und dorthin durfte er mit ganz leeren Händen 
nicht kommen, mindestens ein paar Blumen musste er 
der Hausfrau und der schönen Tochter Linda mit 
bringen, — und der Tochter ganz besonders, denn die 
liebte er mit der ganzen Schwärmerei seiner 25 Jahre. 
Zwar war es ja eine Torheit, das wusste er, — 
dennoch aber unterdrückte er das Gefühl nicht, sondern 
tat alles, um sich die Gunst des schönen reichen 
Mädchens zu erwerben und zu erhalten, und gerade 
weil sie La France-Rosen so gern hatte, wollte er ihr 
damit heute eine kleine Weihnachtsfreude bereiten. 
Aber die schönen Rosen sind um diese Jahreszeit sehr 
teuer — 2 Mark sollte das Stück kosten! — Und 
deshalb eben war der arme Maler Herwald in pein 
licher Sorge, wo er das Geld hernehmen sollte. 
Nachdenklich schlenderte er durch die Strassen, in 
denen das weihnachtliche Treiben auf- und nieder 
wogte; alle Augenblicke rannte ihn jemand an, der 
mit Paketen beladen war; und aus zahllosen Kehlen 
ertönten die Angebote der verschiedensten Sachen, die 
den Weihnachtstisch schmücken sollten. 
Missmutig wanderte er weiter durch die Flut des 
vorwärts drängenden Menschenstromes, und schleppte 
immer nur den einen Gedanken mit sich herum: wie 
schaffst Du Geld an! 
Da plötzlich, blitzschnell, durchschoss ihn eine 
Idee: den alten Humpen musste er verkaufen! — 
Zwar war es ein Prachtstück an Seltenheit, das ihm 
ausserordentlich lieb und wert war, — aber was half 
es, er brauchte um jeden Preis Geld, — also fort mit 
dem Humpen! 
Und schnell entschlossen rannte er nach Hause 
in sein kaltes Atelier, riss den lieben alten Silberpokal 
herunter von der Konsole, und lief damit zum Trödler, 
der ihm rund 30 Mark dafür auszahlte. 
Hei! — Nun glänzte sein Gesicht, — Geld! 
30 Mark! Ein Vermögen für ihn! Was kostet die Welt! 
Und nun sah' er auch die Menschen, die sich da 
auf der Strasse drängten, mit ganz anderen Augen 
an, — nun lebte in ihm ja auch diese echte Weih 
nachtsstimmung auf, denn nun konnte er ja auch daran 
denken, seine Einkäufe zu besorgen, um anderen eine 
Freude zu bereiten. 
* * 
* 
Inzwischen prangte der antike Humpen in der 
Schaufensterauslage beim Trödler und lenkte die Auf 
merksamkeit eines vorübergehenden Herrn auf sich. 
Der Herr war der Professor der Kunstgeschichte, 
Doktor Wellstein, der gerade dabei war, seine letzten 
Weihnachtseinkäufe zu machen. 
»Sieh da,« sagte er sich, »das ist ja ein prächtiger 
alter Pokal, den könnte man — wenn er nicht zu teuer 
wäre — Heren Kommerzienrat Lindenberg schenken!« 
Und der Herr Professor ging in den Raritäten 
laden, und feilschte und handelte, bis er den Humpen 
für 50 Mark erstand. 
Dann brachte er ihn nach Hause, packte ihn fein 
säuberlich ein, legte eine bunte Karte, mit Weihnachts 
rosen geschmückt, als Festgruss bei, und schickte das 
Paket an den Herrn Kommerzienrat Lindenberg. 
» * 
* 
Dort kam es um vier Uhr, eine Stunde vor der 
Bescherung, an. 
Als die Frau Kommerzienrätin das Paket öffnete, 
zog sie ein langes und entäuschtes Gesicht und sagte: 
»Noch einen Humpen! Wir haben ja auch noch nicht 
genug von dem elenden Kram herumstehen!« 
Der Mann aber zuckte gleichmütig die Schultern 
und sagte: »Was kann ein Professor der Kunstge 
schichte wohl anders schenken, als irgend so’ne alte
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.