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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

erlaube ich mir, unseren hitzköpfigen Argonauten einen 
Rat zu erteilen: wenn die Begeisterung grösser ist, 
als die Ueberlegung, dann mögen sie in die Mand 
schurei ziehen, aber allein, ohne Familie; sie sollen 
die Unschuldigen nicht leiden lassen und deren mora 
lische und physische Gesundheit nicht auf’s Spiel setzen. 
Unsere Bilder. 
Der Weihemonat! In der Welt der Provinz, der 
schneestarrenden, der religiös resignierten, ein Stück saison 
morte, in der Metropole, der Alles in gesellschaftliche 
Werte ummünzenden, ein Wirbeltanz des sozialen, des künst 
lerischen. des bürgerlichen und des religiösen Lebens. Ein 
Wirbeltanz, ein nicht zur Ruhe kommendes Schattenspiel — 
und dennoch in seinen Einzelstücken nicht eindruckslos, 
in seinen Teilscenen zuweilen von der kräftigsten Eigenart 
und der geweihtesten Grösse. 
Und so werden sich als Rellexe des Berliner Lebens 
lausend Empfindungen in unserer Seele auslösen, wenn wir 
etwas von den aus der Masse sich abhebenden Gestalten 
erzählen, die wir hier fixiert haben und von den aus dem 
Alltag des Grossstadtlebens herauswachsenden Bildern, die 
hier naturwahr wiedergegeben sind. 
Den Vorzug, an erster Stelle genannt zu werden, 
verdient Hans von Hopfen. Noch inmitten der 
erfreulichsten und beneidenswertesten Schaffensfreudigkeit, 
kurz vor dem Jubiläum seines siebzigsten Geburtstages 
wurde er von jenem Ritter der andern Falkultät, der’ nicht 
der Seele des Leibes gebietet, aber um so grosshtrrheher 
dem Leibe der Seele, in die Schranken gerufen und seiner 
brutalen Sense erlag der Ritter der Feder. 
Hans Hopfen gehört zu den Dichtern, denen die Muse 
nicht nur den Kuss auf die Stirne“, 'druckt und die Feder 
in die Hand, sondern die auch von dem göttlichen Weibe 
der Dichtkunst an die Hand genommen und in das Reich 
der Poesie geführt werden. Noch waren seine Verse Geh 
versuche seines Talentes und schon fand der junge 
Historiker und bis dahinder Themis Ergebener in Emanuel 
Geibel einen mächtigen Beschützer. Von einer allzu 
grossen literarischen Bedeutung war sein erster Roman 
Verdorben zu Paris, nicht, aber die deutsche Tiefe 
seines Dichtergemüts machte sich auch darin schon in 
manchem Goldhauch der Empfindungen bemerkbar und 
man zählte bald nach dem Erscheinen dieses Romanes trotz 
der Sensationsnatur der Handlungen ITopfen zu den ersten 
Dichtern. Die Anerkennung, die man damals dem Dichter 
zu viel zollte, löste er indess mit seinen späteren Werken 
redlich ein. Nun ist der Dichter tot, seine Feder ist zer 
brochen, aber von seinen Gesängen wird die Welt noch 
lange singen und sagen. 
Es ist stets eine unangenehme Pflicht, Nekrologe zu 
schreiben, selbst wenn auch dem Verstorbenen nur Gutes 
nachgesagt weiden kann; weit angenehmer dünkt es mich 
da schon nach Goethes Wort: „Das Leben gehört den 
Lebendigen“, sich an die .Lebenden zu halten Dei bekannte 
Kunstreferent der „Voss. Ztg.,“ Professor Ludwig Pietsch 
feiert am 25. Dezember d. J. seinen achtzigsten Geburts 
tag Professor Pietsch hat mit Erfolg auf allen Gebieten 
des literarischen und künstlerischen Lebens gewirkt und 
besonders in seinen durch Gedankenfülle und Formschönheit 
sich auszeichnenden Essays prachtvolle Monumente be 
kannten Meistern gesetzt. Unser Bild zeigt den Professor in 
seinem vornehmen Heim charakteristisch stehend, 
während seine Tochter, sicherlich über ein hingeworfenes 
Wort des Vaters reflektierend, auf dem Stuhle sitzt und 
dabei durch das Pincenez den Schäferhund betrachtet. 
Die Rechte des Professors hält das Blatt eines Buches; vor 
dem Buche steht das Weinglas. — Sagt dieses Bild nicht 
mehr, als die längsten Tiraden über seine jugendliche Natur, 
über seine Geistesfrische in diesem Alter? — Dieses ernst 
freundliche Lächeln — spiegelt es nicht lebendig das Glück 
und die Erfahrung wieder, die ihn zur künstlerischen Höhe 
emporgehoben haben? Und möchte man nicht das Glas er 
greifen und dieser ehrwürdigen Gestalt zurufen; „Glück auf! 
Glück auf— du lieber Alter!“ Glück auf — dieser Wunsch 
dürfte dann auch am 25. d. Mts. oft von Lippe zu L-'ppe 
so mancher seiner Getreuen gehen, wenn sie das Weinglas 
heben, wenn sie es leeren. 
— Unter den Miniaturphotographien befindet sich ein 
Kopf, dessen scharfe Züge und dessen Blick sofort den Ge 
lehrten erkennen lässt. Das ist das Bild des Professors 
Senator, der seinen 71. Geburtstag angetreten hat. Die 
Ehrungen, welche die Professoren in corpore v. Bergmann, 
v. Lej'den, Kraus, Orth, Liebreich, Fraenkel, Excellenz 
v. Leuthold, Generalarzt Schjerning und andere Koryphäen 
der medizinischen Welt dem Geburtstagskinde haben zu 
Teil werden lassen, legen gewiss ein schönes Zeugnis von 
der Achtung zu seiner hohen Wissenschaft und seinem 
edlen Menschentum ab. 
Neben der Photographie des so ausserordentlich geehrten 
und gelehrten Professors befindet sich der Kopf eines 
Herrn, der nicht in dem Reiche der Wissenschaft zu Ruhm 
und Ehren gekommen ist, aber dessen Ruhm gewiss auch 
über die Grenze der Kunst hinaus in das Reich der 
Wissenschaft gedrungen. Ich spreche von Josef Sucher. 
Vom Jahre 1888 bis Ende der neunziger Jahre wirkte Sucher 
an der hiesigen Oper, gleichzeitig mit feiner Gemahlin, der 
vortrefflichen Rosa Sucher: Nach ihrer Pensionierung 
behielten die Gatten Berlin als ihren Wohnsitz inne, 
wo sie noch heute das otium cum dignitate gemessen. •— 
Unter den kleinen Cäbinelbildern fällt ein Kunstlerkopf 
ins Auge, dessen Name in, ;den letzten Tagen bei uns 
vielfach und mit grosser Achtung genannt worden ist. Das 
ist der in Wien geborene und in München an der ITofoper 
seit Jahren wirkende Tenorist Fritz Werner. Werner 
gastiert augenblicklich im Nationaltheater. In München ist 
er als Künstler ausserordentlich beliebt und auch hier wird 
sowohl seine darstellerische als auch gesangliche Leistung 
in der „Millionenbraut“ allerseits anerkannt. — Es befinden 
sich auf dieser Seite noch drei andere charakteristische Köpfe, 
die unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen; zwei davon 
gehören dem französischen Dioskurenpaar der Kunst, Paul 
Bilhaud und Maurice ITennequin an, in deren gemein 
sam verfasstem Schwanke „ Les Dragees d’ Hercul e “, die 
Herkulespillen, der Direktion des Residenzthrater wieder ein 
ausserordentlich flottes Repertoirestück erstanden ist und dem 
Direktor eine „Alexanderrolle“, mit der er den theatralischen 
Winterfeldzug siegreich beenden wird — und der dritte Kopf 
ernem den französichen Schwankdichtern verwandten deutschen 
Schriftsteller, der sonst allerdings auch nur mit dem Bildnis 
eines mehr oder weniger litterarischen Kompagnons abgebildet 
zu sehen ist. Um das Bilderrätsel zu lösen — ich meine 
Gustav Kadelburg. Während Blumenthal sich in den 
Wäldern der Literatur sein Nest baute und einen „toten 
Löwen“ eebar, zog in Kadelburgs Lustspielhause unter der 
Geburtshilfe Zickels die Freude ein und man feierte den 
„Familientag“. Die interessante Schlussszene, welche wir 
unter Blitz und Donner aufgenommen haben, bietet die 
Möglichkeit, sich ein Bild davon zu machen, wie Dichter 
Regisseur und Schauspieler zusammen gearbeitet haben, um 
das Publikum laut auf lachen zu lassen und vielleicht noch 
mehr den Kassierer — ins Fäustchen . . . 
Wir wenden uns auf unserer Wallfahrt durch chs 
wechselreiche Berliner Leben jetzt einige Augenblicke von 
der Kunst ab, um nichtsdestoweniger von einer kunstreichen 
E nrichtuDg zu sprechen, von der Organisation des PIaup t- 
postamtes in der Abfertigung seiner. Geldbrief 
träger. Unser Bild zeigt, welche AufmerksamkeitdieBeamten 
ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit zuwenden müssen, wenn 
sie kurz vor dem Antritt des Hauptbestellganges um 8 Uhr 
vormittags ihre Beträge an der Zahlstelle in Empfang 
nehmen, nachzählen und ordnen, um dann zur festgesetzten 
Minute den Saal zu verlassen. 
Wir kehren zur Kunst zurück, aber zunächst nicht zur 
Tonkunst, sondern zu der marmorplastischen im Tiergarten. 
Es ist bekannt, wie die Jagdgrugpen am „Grossen Stern“ 
den Beifall des Kaisers gefunden haben und ihre Schöpfer 
am Einweihungstage mit Orden und An sprachen ausgezeichnet 
worden sind. Von fachmännischer Seite wild vielfach der 
künstlerische Wert der Bilderwerke angezweifelt, wir iiber- 
assen es unseren Lesern sich ein Urteil zu bilden. 
P'ast mehr als auf dem Spekulationsterrain der 
Schauspielkunst zeigt sich in diesem Jahre vor Weihnachten 
die I-Iochsaison in der ausübenden Musik und der 
musikalischen Composition. Leider haben wir in 
Berlin einen grossen Verlust zu beklagen. Hofkapellmeister 
P'elix Weingartner, der uns hier auf dem lautlosen 
Klavier einer stummen Photographie, die aber dennoch viel 
von seiner Kunst redet, etwas vorspielt, verlässt Berlin, um 
fürder nur in München seinem Künstlerberufe zu leben. 
Weingartner, einem adligen Hause entstammend — lichtig 
genannt „Edler v. Weingartner“ kann auf eine grosse und 
sorgenfreie Zukunft zurückschauen; seine ihm stets von den 
Eltern zur Verfügung stehenden Gelder halfen ihm über alles 
Ungemach hinweg — Nicht so leicht hatte < s sein Nachbar 
in unserer Bildergalerie, der Hofkapellmeister ITerr Dr. 
Richard Strauss. Strauss stammt aus ärmlichen 
Verhältnissen. Als Vollender des Orchesterprogrammes 
hat sich Strauss vornehmlich seinen Namen erworben, seine 
musikalischen Lieder durchweht eine sinnliche Glut Auf 
dem Bilde sehen wir ihn mit seiner Frau, einer geborenen 
de Ahna. Als Strauss sie heiratete, kolportierte in Meiningen, 
der Stadt seiner vorübergehenden Tätigkeit, das auf des 
Künstlers Junggesellenleben anspielende scherzhafte Wort: 
„Bios de Ane?“ — Frau de Ahna Strauss ist eine ebenso 
bedeutende Sängerin, als sie ihrem Manne eine treue 
Gattin ist. — Ein gleiches Familienidyll zeigt uns das 
darauf folgende Bild „Ruggiero Leoncavallo und seine 
Gattin“. Die kaiserliche Mission, welche Leoncavallo, den 
italienischen Componisten, schon seit Jahren in den Mittel 
punkt des deutschen Kunstinteresses stellte, ist zu bekannt, um 
hier besonders erwähnt werden zu müssen — Da ich nun 
einmal auf dem Kunstterrain deutsch-italienischer Alliance 
Umschau halte, will ich alsbald auf das Bild 
„Francesco d’ Andrade's“ hinweisen, das den Künstler 
mit seiner schönen Frau bei der häuslichen Hebung zeigt. 
Welch’ Glück lächelt aus den Augen dieses Künstlers. Und 
wahrlich d’ Andrade hat das Recht, glücklich zu sein — 
wo ist noch ein Künstler der bei allen Kunstverständigen im 
fremden Lande ein so dauerndes Verständnis, wie dieser 
Meister fand? Freilich, wer hörte und begeisterte sich nicht 
an seinem vorzüglichen Parlando-Gesang? Wer fühlte nicht, 
dass sich südländisches Temperament mit nordischer Gründ 
lichkeit in diesem Sänger zu einem selten schönen Kunst 
ausdruck vereinte? — 
In einer Umgebung von Fürsten der Musik sehen 
wir — sie selbst eine Königin in ihrem Reiche — Yvette 
Guilbert. Es ist ein Privatkonzert, zu dessen Aus 
führung wir die Künstler bereit finden, die sich aus den 
Mitgliedern der „societe de' concerts d’ instruments 
anciens“ rekrutieren. Y^vetle selbst gedenkt Lieder aus dem 
17. und 18. Jahrhundert zu singen. Unter den Gästen ist 
bemerkbar Professor Joachim, ITumperdink, Professor 
Ochs, E. Wollf, der Besitzer des bekannten Concert- 
bureaus, Frau Luise Wolff. Welch lächelnden Zauber 
Yvette Guilbert aushaucht! — Wahrlich, eine Ueberbrettl- 
königin, mit der es manche leibhaftige Königin nicht auf 
nimmt! — In wenigen Tagen ist das Jahr, das auch auf 
musikalischem Gebiet gar manche Illusion zerstört, aber 
auch manche Hoffnung erfüllt hat, dahin: daher dürfte es 
wohl angebracht sein, zum Schluss unserer musikalischen 
Spaziergänge bei den in der Konzert-Saison .1904 
besonders hervorgetretenen Künstlern und Künstlerinnen,
        
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