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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

sichern, kaufen sie von der chinesischen Regierung 
die Konzession für 10000 Quadratwerst,*) aber laut 
Landkarten, die grundfalsch sind, was bei der mir 
wohlbekannten Unzuverlässigkeit und Habsucht der 
Chinesen nichts Gutes für den zukünftigen Erfolg der 
Goldsucher prophezeien lässt. Ich glaube dass sie 
Gold finden werden, aber sie werden es wohl kaum 
exploitieren, denn die Söhne des Himmels würden 
in Ermangelung gesetzlicher Gründe ihren Gästen schon 
solche »Chunchusiade« bringen, dass sie sich schleu 
nigst in den Schlitz europäischer Bajonette begeben 
müssten. 
Ich komme zur letzten Kategorie, „den Falken“; 
der Name klingt zuerst etwas geheimnisvoll, ist aber 
den Bewohnern der nordwestlichen Küsten des Stillen 
Oceans wohlbekannt. Wir Alle wissen von der Insel 
Sachalin, wohin die schwersten Verbrecher deportiert 
werden; diese tragen den poetischen Namen,,die Falken“. 
Ihr Los auf der Insel ist ein so schweres, dass sie 
nur in der Hoffnung leben, nach dem Festlande zu ent 
fliehen, dazu müssen sie aber die viele Meilen breite, 
stürmische und gefährliche tatarische Meerenge durch 
schwimmen ; und sie tun es auf kleinen Tratten, Planken 
und zuweilen rudert ein Inländer sie im kleinen Boot 
hinüber. Viele gehen unter, die Geborgenen vermehren 
das Heer der „sich nicht erinnernden Iwans“ der Land 
streicher; ihr Instinkt treibt sie nach dem Westen, dem 
Lande; in letzter Zeit hat sich das grösste Kontingent 
der Flüchtlinge nach der Mandschurei gewendet. Sie 
wissen sehr gut, dass man in solchem trübem Wasser 
nicht nur leicht dem Fischnetz entgehen, sondern auch 
noch selber Fischer werden kann. Die Sorgloseren 
siedeln sich in Städtchen und Stationen an, sic werden 
Schuhmacher, Tischler, Goldarbeiter; die Mehrheit 
jedoch, eine Auslese a’ler Gefängnisse Russlands, ergibt 
sich mit Vorliebe sehr nutzbringender, aber mit dem 
Recht in steter Kollision befindlichen Beschäftigungen. 
Die Angenehmsten werden Falschmünzer und Spieler, 
die weniger Kultivierten beschäftigen, sich mit Diebstahl, 
Raub und Mord; oft morden sie ihre Opfer nur aus 
Bequemlichkeit. Der gänzliche Mangel an Personen 
registern erschwert das Suchen derTäter ganz besonders, 
umsomehr, da die örtliche Polizei mit so grossartig 
vorbereiteten Gegnern schwer zu kämpfen vermag. 
Wir wollen sehen, wie sich das Leben in diesen 
fernen Landstrichen an der Eisenbahnstrasse gestaltet 
hat; was es uns für die unvermeidlichen Entbehrungen, 
die verzehrende Sehnsucht und die moralische Un 
ruhe gibt. 
Dem europäischen Leben am nächsten steht die 
Hauptstation Charbin. Hier haben alle Wohnungen 
Fenster, Türen, sogar Oefen; hier kann man die not 
wendigsten täglichen Bedürfnisse befriedigen, aber das 
ist auch Alles. Das was geistige Kulturforderungen 
betrifft, ist hier absolut unmöglich zu finden. Kein 
*) russisches Wegmass 
Buch ist hier zu erhalten, wenn man nicht seine eigenen 
Bücher hat; die wenige Buch-Makulatur von Kunst &Albers 
ist doch nicht ernst zu nehmen. Aesthetische Zer 
streuungen bietet Charbin nur insofern, dass man sie 
sich selber schafft. Es existiert allerdings ein Eisen 
bahnklub, in dem sogar manchmal kleine Tanzfeste 
statlfinden. 
Unvergleichlich schlimmer ist das Los derjenigen, 
die auf den Eisenbahnstationen an irgend einer kleinen 
chinesischen Stadt, oder auf freiem Felde sitzen; Erstere 
interessiert anfangs noch das' Beobachten des städtischen 
Lebens, der originellen Bauten, der abweichenden 
Gewohnheiten, aber die Verschiedenheit dieser Ein 
drücke erschöpft sich schnell. Man kann das chinesische 
Leben in den Städten nur äusserlich beobachten, und 
das beleidigt durch die unerhörte Unsauberkeit der 
Einwohner. Im Sommer, wenn Alles auf den Strassen, 
die ungefegt bleiben, verfault, ist die Luft unerträglich. 
Es passierte mir einige Mal, dass ich dem Winde ent 
gegen zur Stadt fahren musste; je näher ich kam, desto 
übler wurde mir von den städtischen Pestgerüchen, 
sodass ich alle möglichen Seitenwege einschlagen 
musste, um nicht dem Winde entgegen zu fahren. 
Die geistige Seite des chinesischen Lebens wird 
dem Europäer noch lange ein unbekanntes Land bleiben 
Die Unkenntnis der Sprache, der riesengrosse Unter 
schied von Tradition, Religion, Kultur und die Ab 
neigung gegen die „überseeischen Teufel“, die Angst 
vor diesen, der angeborene Mangel an Aufrichtigkeit 
— Alles zusammen richtet eine symbolische chinesische 
Mauer auf, die schwerer einzureissen ist, als die wirk 
lich bestehende chinesische Mauer, die das innere China 
von der Mandschurei trennt, und die der Zahn der 
Zeit schon stark beschädigt hat. 
Die Eisenbahnstalionen liegen natürlich ausserhalb 
des Umkreises der Stadt, was in Hinsicht auf die 
sanitären Bedingungen, die Gewohnheiten und die 
Gefahrlosigkeit unerlässlich ist. Ein grosser Teil von 
Chunchusen wohnt bis zu passender Gelegenheit ruhig 
in denselben Städten und die städtische Macht lebt 
mit ihnen im besten Einvernehmen, denn im tiefsten 
Herzensgründe freuen sie sich, wenn den Zureisenden 
etwas Unangenehmes passiert. 
Jede Station besteht aus einer Reihe von Block 
häusern, die aus grossen Balken gezimmert sind, und 
der besseren Verteidigung wegen auf engen Raum 
dicht bei einander stehen; schwere Türen und Fenster 
laden, die mit Schiessscharten versehen sind, mahnen 
daran, ciass man jeden Moment eines Ueberfalls gewärtig 
sein kann, zu dessen Abwehr ständige Schutzwachen 
auf jeder Station konstituiert und, wenn notwendig, 
durch Reserven verstärkt werden. Ausserdem haben 
alle Stationsbewohner Schusswaffen und Jeder von ihnen 
weiss im Falle des Alarms, wo er seine Famile ver 
bergen kann, und unter wessen Kommando er kämpfen 
muss. 
Für abenteuerlustige Menschen entbehrt dieses Leben 
nicht des Reizes; anders ist es jedoch für Menschen 
mit Familie, die in steter Furcht um diese leben 
müssen. 
Eine kleine Scene, die ich an den Ufern des Sungari 
beobachtete, gibt eine ausgezeichnete Illustration für 
die Ortsverhältnisse. 
Eines schönen Tages traf ich am Fluss einen 
Kosacken, der ein kleines Mädel auf dem Arm trug, 
das zweite trippelte daneben, und hielt sich am Schoos 
des Uniformrockes fest; der Soldat hatte den Säbel 
umgeschnallt, auf dem Rücken den Karabiner, auf der 
Brust die Patronentasche: es war die »Wärterin« des 
Ortes, die mit den Kindern spazieren ging. 
Die grösste Zerstreung ist der Zug, der neue Argo 
nautenmassen nach dem Osten bringt, oder den Strom 
der Resignierten nach dem Westen zurück befördert; 
die einzige Sensation — das Auftauchen einer Bande 
von Chunchusen in der Nähe der Station; dann hört 
man kurze Kommandorufe, Fussstampfen, Pferdewiehern, 
und nach einigen Minuten tritt aus der Station ein be 
waffnetes Streifkorps, das die ungebetenen Gäste ver 
jagt. Nach ihrem Abmarsch wird es noch stiller au 
der Station, alles scheint wie erstorben; die Zurück 
bleibenden sammeln sich vor den Häusern, die Kinder 
werden in den Zimmern eingeschlossen, die Schiess- 
gewelare sind bereit und Alles lauscht unruhvoll. 
Dann vergehen lange Stunden in Erwartung einer 
Nachricht, das dauert manchmal einen Tag, manchmal 
zwei Tage; endlich kommt das Streifkorps zurück: was 
lebt, stürzt ihnen entgegen; wenn der Ausfall glücklich 
war, und es keine Gefallenen oder Schwerverwundeten 
giebt, dann hört man schon von Weitem Gesang und 
Lärm; wenn aber einer der Teilnehmer fehlt, oder sie 
einen Schwerverwundeten bringen, dann bleibt Alles 
still, man hört nicht Lärm und Gelächter und die 
Augen der Zurückgebliebenen zählen voller Unruhe 
die Angekommenen, suchen ihre Nächsten und wenden 
sich den Leidtragenden zu. 
Früher vermieden die Chunchusen den Zusammen- 
stoss mit regulären Truppen, aber jetzt bieten sie ihnen 
kühn die Stirn, wenn es nicht zu grosse Streifkorps 
sind, die sämtlichen letzten Expeditionen beweisen, dass 
die »Falken« es zuletzt immer mit den Räubern 
halten. 
Wenn es gelingt die Chunchusen zu umzingeln, 
dann werfen sie sich ohne Besinnen auf die Seite, die 
das mutige chinesische Heer okkupiert: dann beginnt 
ein wahnsinniger Pulververbrauch, aber zum »Vivat«, 
denn die Chinesen lieben das Schiessen sehr, besonders 
wenn es ungefährlich ist; unterdessen ziehen die Chun 
chusen wie durch ein offenes Tor ab, zuweilen springen 
sie über die Köpfe ihrer loyalen Halbbrüder. 
Es ist kein heiteres Bild, das ich von der Mandschu 
rei gezeichnet habe, es ruht auf dem Grunde eigener 
Erfahrung und glaubwürdiger Dokumente. Zum Schluss
        
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