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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Die neueren Denkmäler haben natürlich auch alle 
mehr oder weniger freundlich-verspottende Auslegungen 
erdulden müssen. Das liegt nun mal im Berliner drin, 
und er würde ersticken, wenn er seine „Bonmots“ 
nicht breiteren Schichten „versetzen“ könnte. 
Soll doch sogar der Kaiser recht herzlich über die 
lustigen Einfälle gelacht haben. 
Nun, böse sind sie in keinem Fall gemeint. 
An den Grenzen der 
Mandschurei. 
Nach dem Polnischen bearbeitet von Henny Bock-Neuinann. 
Es gibt wohl kaum ein aussereuropäisches Land, 
das in jüngster Zeit so stark im politischen Vorder 
gründe steht wie die Mandschurei. Man spricht und 
schreibt viel darüber, und dennoch weiss man kaum 
mehr davon, als im Anfang der »mandschurischen Frage«; 
die geographischen Bedingungen veranlassen, dass wir 
keine »Nation« von Reisenden sind, sogar das geogra 
phische Wissen ist bei uns oft wenig entwickelt, sofern 
es nicht aus dem roteingebundenen Baedecker ge 
schöpft wird. 
In der Vorstellung der überwiegenden Majorität 
unserer »Intelligenz« stellt sich die Mandschurei als 
ein einzig von chinesischer Civilisation durchsetztes 
Land dar — aber in Wirklichkeit ist es anders. Wenn 
wir mit der Eisenbahn die Mandschurei von Westen 
nach Osten bis Charbin durchfahren und von hier 
nördlich nach Inkou reisen, so fliegt an unseren 
Waggonfenstern die ganze Stufenleiter menschlischer 
Kultur vorüber, angefangen von den wilden Nomaden 
bis zu den altersverknöcherten traditionell abge 
schlossenen chinesischen Zeitgenossen. Ebenso ver 
schieden sind Natur und Klima; gigantische Berge von 
Wäldern gekrönt, finstere, wilde Steppen, die so hohes 
Oras tragen, dass sie Ross und Reiter verbergen 
können, korntragende kultivierte Niederungen inmitten 
stark bevölkerter Flecken an den Flussufern. Ein Teil 
des Westens hat ein trockenes kontinentales Klima, 
während der Osten eine feuchte Seeluft hat: das erstere 
ruft leicht Lungenkrankheiten hervor, das letztere zeigt 
zwei Spielarten der furchtbarsten »egyptischen Plagen« 
die in der Wissenschaft unter dem Namen »Entomo 
logie« toleriert werden. Die Feuchtigkeit begünstigt 
die Entwickelung der »Hummel« und »Mücke«. Erstere 
ist eine Art Bremse und so blutgierig, dass sie einen 
Ochsen oder ein Pferd anfällt und totbeisst, wenn sich 
das arme Tier nicht im Wasser oder Schmutz', ver 
stecken kann; die zweite ist ein anscheinend unschuldiges 
kleines Miickchen, das dem blossen Auge nicht sichtbar 
ist, dafür fühlt man seine Gegenwart umso deutlicher, 
denn sein Biss brennt wie Nesseln und verursacht 
eine schme-zhafte Geschwulst. Wenn der Wind weht, 
verbirgt sich das angenehme Wesen im Grase; wenn 
es windstill ist, kann nur ein dichter Schleier, der den 
ganzen Kopf einhüllend unter den Annen fest zuge 
bunden wird, das Gesicht schützen. 
Durch dieses Land läuft ein ganz schmaler Weg — 
aber von Stahl; er lenkt die Augen Europas hierher, 
hier sammeln sich die Reihen der aus dem Osten 
Kommenden. 
Was sie hierherzieht, ist leicht zu erklären; sie suchen 
keine weissen Pfauen, aber wie der Jason des Alter 
tums — das goldene Vliess; die Legende behauptet, 
dass die alten Argonauten ihr Ziel nicht erreichten, 
ebenso unerreichbar scheint die »goldene Versuchung« 
auch noch für die heutigen Eroberer des sogenannten 
»Edelmetalles« zu sein. 
Den Haufen dieser Goldsucher kann man, je nach 
der Art wie sie ihr Ziel zu erreichen suchen, in einige 
Kategorien teilen: den ersten Platz behaupten die 
Ingenieure und die Balmbeamten im Allgemeinen, 
die durch die Eisenbahn ihre Existenz haben, dann 
kommen die Kaufleute oder deren Agenten, dann Leute, 
die ohne bestimmte Fachkenntnis iJirBrot suchen, dann 
die Goldgräber und schliesslich die »Falken.« 
Die erste Kategorie oder wenigstens ihr technischer 
Bestandteil machte und macht grossartige Geschäfte, 
aber nur deshalb, weil das Gold ohne jedes Risiko in 
ihre Taschen fliesst, und zwar kein chinesisches, sondern 
das kernige russische Gold. Die Kaufleute haben 
bisher keine grossen Geschäfte gemacht, denn der 
Handel kann sich nur dort gut entwickeln, wo die 
Existenzbedingungen ihm Gefahrlosigkeit sichern. Die 
Handelswelt befindet sich also in unmittelbarer Nähe 
der Eisenbahnlinie, im Schutze der Bajonette des 
russischen Grenzheeres, und sie tut Recht daran, denn 
die Chinesen würden wohl die Waren nehmen, aber 
überwiegend mit — Blei bezahlen. Und wenn es auch 
nicht so wäre, so bliebe doch der Rassenhass der 
Chinesen gegen die »überseeischen Teufel«, die gren 
zenlose Bestechlichkeit der Chinesischen Macht und der 
riesige Unterschied in der Kultur, der sich im inneren 
China am deutlichsten auf dem Felde der Arbeit zeigt. 
Die Bedürfnisse sind minimale, und die Chinesen 
werden sie noch lange aus ihren eigenen Erzeugnissen 
befriedigen können; der europäische Kaufmann zieht 
also seinen Nutzen nur von denen, die wie er — Zu 
gezogene, und für die einmal im Monat — am ersten 
— der »goldene Regen« fällt. Als die Eisenbahn ge 
baut wurde, schien es den Handelsbrüdern, sie wären 
in Kalifornien; das Gold, das durch die Bahnleute in 
breiten Strömen floss, erweckte heissen Lebensgenuss. 
Damals gab es zu Mittag kein anderes Getränk als 
Champagner; Leckerbissen, Früchte wurden mit Gold 
aufgewogen, die Konkurrenz existierte kaum, jede Auf 
nahme kosiete also' märchenhafte Summen. 
Ich füge hier eine Anekdote ein, die ich selbst in 
Charbin erlebt habe; ich ging in einen Laden um 
Zucker zu kaufen, als ich 10 Pfund verlangte, sah der 
Ladenjüngling mich misstrauisch an, besann sich ein 
wenig und sagte nach einer Weile: 
— Na, meinetwegen also, 10 Pfund. 
Als ich aus dem Laden trat, sprach mich ein Unter 
offizier mit der Bitte an, für ihn zwei Pfund Zucker 
zu nehmen; erstaunt über das orginelle Anliegen fragte 
ich ihn, weshalb er das nicht selber täte, worauf er 
antwortete, dass man ihm keinen verkaufen wolle.. 
Darauf betrat ich mit ihm nochmals den Laden und 
forderte für ihn den Zucker; der Kommis sah mich 
unfreundlich an und brummte: 
— Er hat gestern 5 Pfund genommen, man muss, 
auch für andere etwas übrig lassen. 
Das Pfund dieser Rarität kostete einen halben Rubel. 
So war damals das Verhältnis zwischen Kaufmann 
und Käufer; aber die Zeiten ändern sich schnell, 
Konkurrenten kamen in stattlicher Anzahl, die. 
Goldströme versiegten; die mit dem »verdammten 
Gelde«j begriindeien Handelsfirmen gingen eine nach 
der andern! ein; es blieben nur solide Häuser 
in der universellen Art von Kunst & Albers, Lieferan 
ten aller Art deutscher Waren, die in allen grösseren 
Städten Ost-Sibiriens und der chinesischen Eisenbahn-. 
Stationen Filialen besitzen. Das sehr bekannte Geschäft 
geniesst das allgemeine Vertrauen und prosperiert, ob-, 
gleich die Waren recht mittelmässig und die Preise 
reichlich hoch sind. 
Die dritte Kategorie »die Brotsuchenden« bildet den 
traurigsten Teil der europäischen Kolonie; sie können 
nichts, was dem eben der europäischen Kultur er 
schlossenen Lande zu Nutzen kommen könnte, und sie 
kamen nach der Mandschurei, weil sie gehört hatten, 
dass diese einen goldenen Boden besitze, und so kamen 
sie in ihrem Leichtsinn, mit grosser Familie, ohne Brot,, 
ohne Kleidung. Ihr ganzes Wissen besteht im Schreiben 
mehr oder weniger nützlicher Papiere, ihr ganze Lebens 
klugheit gewannen sie an den Magistratstischen und 
in den Polizei-Bureaus. Natürlich müssen sie sehr 
schwer enttäuscht worden sein, und sie bilden auch 
eine egyptische Plage, die das Leben vergiftet. Sie 
belagern die Schreibstube, lassen einen nicht unbeläs- 
tigt über die Strasse gehen, erwecken oft Mitleid durch 
ihr Elend, aber gleichzeitig Aerger, weil sie nur ge 
kommen sind, um den Hals zu brechen. 
Die interessanteste Gruppe sind vielleicht die Gold 
gräber, die massenhaft von überall herbeigeströmt sind. 
Sie sind sehr misstrauisch und verschlossen- und ver 
bergen sorgfältig die Richtung ihrer Expedition; in 
jeder einzelnen Gruppe von Goldsuchern weiss ausser 
dem Führer und seinem Vertreter Niemand, wohin ihr 
Weg führt. Um sich den zukünftigen Gewinn zu
        
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