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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

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Der Talisman. 
Der Jubel des Publikums, das den Dichter nach dem Schlussakt seines 
erschütternden Dramas wohl zwanzigmal stürmisch an die Rampe gerufen 
hatte, war verrauscht. Die Kritiker fuhren in Automobildroschken den Zeitungs 
redaktionen zu, um den Aufgang des neuen Gestirns begeistert der Mitwelt 
zu künden, lebhaft plaudernde Gruppen verliessen das Theater, und nur 
wenige verspätete Nachzügler legten noch in den Garderoberäumen gemäch 
lich Hut und Mantel an, von mürrischen Hausbeamten, die eine Glühbirne 
nach der andern zum Erlöschen brachten, barsch zur Eile gemahnt. 
Am Hinterpförtchen der Bühne aber, dem Ein- und Ausgang der mehr 
oder minder bekannten Helden der Kulissenwelt, hatte sich eine neugierige 
Menge angesammelt, die den im Verlauf von drei kurzen Stunden berühmt 
gewordenen Dichter noch einmal begaffen wollte. 
Auch ich stand dort im Schatten einer Laterne und harrte, trotz der 
nasskalten Novemberluft, geduldig wie die Uebrigen; denn der plötzlich so 
hell von der Glücksonne bestrahlte Poet war mein liebster Freund. 
Allerhand trübe Gedanken wirbelten mir durch das Hirn. 
Würde er von heut ab für mich verloren sein oder nicht? Ich kannte 
sein treues, ehrliches Herz, wie kein zweiter. Alle seine oft harten Kämpfe ums 
Dasein hatte ich brüderlich mitgekämpft, ihn nach Kräften in bangen Stunden! 
des Zweifels eimuthigt. Er war geistig der Gebende, ich der Empfangende 
gewesen; dafür war unser Verhältnis in materieller Beziehung, besonders 
seitdem ich eine feste Stellung als Gymnasiallehrer gefunden hatte, das um 
gekehrte gewesen. Aber der Ruhm ist ein gar betäubender Trank. Würde 
er mir jetzt, wo das Schicksal ihn anscheinend so himmelhoch über mich 
erhob, meine aufopfernde Selbstlosigkeit danken? Sich von dem schlichten, 
im Verborgenen blühenden Ordinarius der Sexta nicht andern, ungleich be 
gabtem Gefährten zu wenden? 
Ein anwachsendes Stimmengewirr schreckte mich auf. Er war eben, 
von dem dringlich auf ihn einredenden Direktor und den nahezu ehrfurchts 
voll dreinschauenden Plauptdarstellern seiner Dichtung begleitet, auf die 
Strasse getreten. Auch ein bekannter Agent, der die neu auftauchenden 
Talente in Pacht zu nehmen und geschäftlich zu berathen pflegte, heftete sich 
eng an seine Fersen. 
Ich drückte mich tiefer in den Schatten meiner Laterne. Aber der 
Freund, der mit scharfem Auge umherspähte, entdeckte mich gleich, und 
nachdem er verabschiedend Allen, die ihn umstanden, die Hand gedrückt 
und gegen die herandrängende Menge höflich den Flut gelüftet hatte, st.uerte 
er rasch auf mich zu und fiel mir um den Hals. „Komm’!“ sagte er hastig 
und zog mich fort. 
„Sie wollten mich durchaus zum Kneipen verleiten“, berichtete er unter 
wegs. .Nun bin ich ja, wie Du weisst, kein Abstinent und für Sekt, den 
sie vorschlugen, schwärme ich um so mehr, als ich dies vielgepriesene Götter 
getränk im ganzen erst zweimal, als ITochzeitsgast und als ICindtaufpathe, ge 
schlürft habe. Aber ich meine, wir trinken’s lieber auf meiner Bude, als 
anderswo. Und für grosse Gesellschaft ist da nicht genügend Platz. Auch 
scheere ich mich den Kukuk um Leute, die mich seit Wochen wie einen 
Verbrecher traktierten und heut vor mir katzbuckeln. Dieser famose Direktor 
zum Beispiel hat mir noch gestern nach der Generalprobe kategorisch einen 
kläglichen Durchfall prophezeit. Und die biedere Mimenschaft beiderlei Ge 
schlechts, die nur hohnvolle Geringschätzung für mich hatte, kann mir 
vollends gestohlen bleiben“. 
Sein fröhliches Lachen bewies, dass er die ausgestandenen Kränkungen 
nicht zu bitter nahm. Heiter holte er, da wir inzwischen vor der diistern 
Mietskaserne angelangt waren, in deren viertem Stock er ein Stübchen be 
wohnte, den Hausschlüssel aus der Tasche und schloss auf. 
„Aber der Sekt?“ fragte ich mahnend, als die Tür in den schlecht ge 
ölten Angeln knarrte. „Du sprachst doch von Sekt! Oder war das blos Spass?“ 
Ein eigentümliches, ich möchte sagen, feierliches Lächeln spielte um 
seine Lippen. „Nur Geduld!“ beschied er mich lakonisch und entzündete 
ein Wachslicht, um uns die ausgetretenen Stufen bis unters Dachgeschoss 
emporzuleuchten. 
Seine Dichterwerkstatt, die bei aller kärglichen Einrichtung durch die 
malerisch herumliegenden Bücher und die mit Reissbrettnägeln an den Wänden 
befestigten lllustrationeu einen anheimelnden Eindruck machte, war behaglich 
durchwärmt; auf dem Tische lud ein einfaches Abendessen, aus Brot, Butter 
und kaltem Aufschnitt bestehend, zu bescheidenem Geniessen ein. Ich ent 
deckte zwei Flaschen Bier und zwei Biergläser, doch keine Spur von Sekt, 
hütete mich aber vor weiteren Fragen und langte, da ich herzhaft hungrig 
war, tapfer zu. Schweigend, und nachdenklich beendeten wir unser Mahl und 
tranken die Flaschen leer. 
Der Dichter förderte aus der Tiefe seiner Rocktasche eine Cigarrentüte 
hervor und hielt sie mir hin. „Zwanzig Pfennig das Stück, zur Feier des 
Tages, also mit Verstand zu rauchen“, lächelte er gutmüthig. 
Wir brannten uns Jeder eine gute Havanna an und er blieb eine Weile 
rauchend am warmen Ofen. Dann schritt er auf den Winkel zu, wo das 
morsche, mit einem verblichenen Tuchfetzen verhangene Waschgestell stand, 
hob den Vorhang hoch und schleppte einen dahinter versteckten Eimer 
herbei, der bis zum Rande mit Eisstücken vollgepfropft war. Inmitten der 
Eisstücke aber ruhte, kühl gebettet, eine Flasche, die er mit flinkem Griff 
um den Hals packte und mir triumphierend unter die Nase hielt. 
Kein Zweifel: Diese schwarz-grüne Flasche da, deren gediegenen Ver 
schluss starke Drähte umspannten, war eine Sektflasche. Das erkannte selbst 
ein Laie, wie ich, auf den ersten Blick. 
„Mein Talisman!“ flüsterte der Dichter fast zärtlich und legte die Flasche 
wieder sorgsam auf Eis. 
Gespannt horchte ich auf. „Dein Talisman?“ wiederholte ich unwillkür 
lich. „Wieso?“ 
Wieder lächelte er feierlich vor sich hin und warf sich aufs Sofa. „Da 
von weisst Du freilich noch nichts. So höre. Pleut sollst Du’s erfahren.“ 
Und träumerisch den duftigen Rauchwölkcben seiner Zigarre nachblickend, 
erzählte er in gedämpftem, geheimnisvollem Ton: 
„Du erinnerst Dich, wie grausam schlecht es mir oftmals ging. Ein 
moderner Poet, mittellos, ohne Eltern und wohlhabende Gönner, ist ja übel 
dran. Einmal — Du warst grade verreist, ich glaube, zum Doktorexamen 
— drückten mich die Sorgen besonders schwer, Da gab ein Bekannter, den 
ich vergeblich anzupumpen versuchte, mir die Adresse eines sogenannten 
Mäcens. Name tut nichts zur Sache, alter Freund. Ich fasste mir also 
stiefelte hin. 
ohne viel Um- 
lassen. 
stattlicher 
Vierzig mit 
Mephisto 
energischem 
trotz aller 
nahbarkeit, 
flössend. 
meinAnliegen 
Gemülhsruhe 
legenes Stok- 
sassen in sei- 
send Kostbar 
schmückten 
einem riesigen 
tisch auf blut- 
sesseln einan- 
iiber. Wäh- 
sprach, musste 
weiss nicht 
Böcklins 
schielen, mei- 
bild, das in 
liehen Kopie 
Schreibtisch 
meinem Ser- 
war, stand er 
ter Schatten 
mir schien, 
dichten, bu 
schigen Brauen auf. 
„Lieber junger Freund“, sagte er mit seltsam umflorter Stimme, die ich 
nie vergessen werde, „Sie kommen leider heute zu spät. Aber Sie sollen 
nicht ohne ein Andenken an diese Stunde von mir scheiden.“ Und er fasste 
in einen silberner Eiskübel, den ich erst jetzt auf seinem Schreiblisch be 
merkte, und reichte mir die Flasche Sekt, die da vor uns steht. 
Ich muss wohl ein fabelhaft dummes Gesicht beim Empfang dieser Gabe 
geschnitten haben, denn seine Miene hellte sich etwas auf und mit ernster 
Gelassenheit fuhr er fort: 
„Es ist das Letzte, was ich noch geben kann. Morgen werden Sie mich 
besser verstehen. Trinken Sie dann neuen Lebensmut aus dem schäumenden 
Saft, der Ihnen ein segenspendender Talisman sein möge. Dieses flüssige 
Gold ist nicht feige und falsch, wie das feste“ . . . 
Und ehe ich noch recht wusste, wie mir geschah, stand ich mit meiner 
Flasche auf den Treppenflur des Millionärpalastes, den mein Mäcen bewohnte, 
und stolperte die teppichbelegten Stufen hinab. Zwei Minuten später schlug 
die schwere, kunstvoll geschmiedete eiserne Haustür hinter mir zu und ich 
kam, wie aus einer dumpfen Betäubung, langsam wieder zu mir. 
Courage und 
Wurde auch 
stände vorge- 
Ein hoher, 
Herr in den 
intelligentem 
gesicht und 
Kinn. Dabei, 
markirtenUn- 
Vertrauen ein 
Ich trug 
denn auch mit 
und ohne ver- 
ken vor. Wir 
nem mit tau- 
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roten Sammt- 
der gegen- 
rend ich 
ich ständig,ich 
warum, nach 
Toteninsel 
nem Lieblings 
einer herr- 
über dem 
hing. 
Als ich mit 
inon fertig 
auf. Ein leich 
tauchte, wie 
zwischen den 
Ehrlich gestanden: ich hätte mit der Flasche, deren Hals ich krampfhaft 
mit den Fingern der Linken umschloss, dem gütigen Geber am liebsten seine 
schönste Fensterspiegelscheibe eingeschmissen. Denn ich hielt mich zunächst 
für schmählich genarrt. Aber ein rätselhaftes inneres Gefühl besänftigte meine 
Wut und ich trollte mich in merkwürdiger Unruhe nach Haus. Erst dort 
prüfte ich näher das Etikett der Sektflasche, auf dem ich in goldigen Lettern 
den Namen „Rheingold“ und darunter Bezeichnung und Ort der Firma 
_„Söhnlein & Co, Schierstein im Rheingau“, las. „Rheingold!" Nun 
wurde mir auch der dunkle Sinn seiner Rede vom „flüssigen Golde“ klar . . . 
Aber ich trank mir nicht gleich aus dem schäumenden Saft neuen 
Lebensmut, weil ich zuvor den kommenden Tag abwarten wollte. „Morgen 
werden Sie mich besser verstehen.“ Diese Worte spukten mir unaufhörlich 
im Schädel herum!“ 
Der Dichter hielt in seiner Erzählung inne und starrte wie gebannt auf 
die immer noch volle Rheingoldflasche. Dann strich er sich eine herab 
hängende Locke von den Schläfen und nahm wieder das Wort: 
„Am nächsten Tag brachten die Zeitungen mir die Lösung des Rätsels: 
der atme Krösus hatte sich unmittelbar nach meinem Besuch eine Kugel 
durchs Herz geschossen. Vielleicht wollte er sich in dem edlen Sekt, den 
er mir stiftete, Todesmut trinken; es war aber auch so gegangen. Von 
seinem Vermögen gehörte ihm kein Pfennig mehr: eine gewagte Börsen 
spekulation, die damals viel Aufsehen erregte, hatte Alles verschlungen. 
Sein Palast, seine sämtlichen Möbel und Kunstgegenstände wurden zu 
Gunsten der Gläubiger versteigert; sein Geschenk an mich war eigentlich 
ein Teil der Konkursmasse . . . 
Aber das hat mich natürlich nicht gehindert, es als mein recht 
mässiges Eigentum zu betrachten und in Ehren zu halten. Dem ehemaligen 
Millionär war diese Sektflasche nur eine unter vielen, die letzte einer 
unendlich langen Reihe; mir war sie die erste, die eine und einzige. Wie oft, 
wenn ich in meiner Armut verzweifeln wollte, stellte ich sic vor mich auf 
den Tisch und gedachte des Toten. Eine eigene Scheu hieli mich ab, sie 
zu öffnen, so heiss sich auch die Begier nach dem lockenden Labetrunk in 
mir regte; der Genuss ist ja selten so schön wie die Erwartung und ich 
wollte den Zauber, den diese in einem so tragischen Moment mir ge 
widmete Flasche auf mich ausiibte, nicht vorzeitig zerstören. Schon der 
Name „Rheingold“ weckte tausend'phantastische Vorstellungen in mir, die 
meine Seele mit poetischen Schauern füllten. Wie der träumende Faust 
sah ich sprossende Ranken um Rebstöcke sich winden, lastende Trauben in 
drängende Kelter stürzen, in Bäche schäumende Weine fliessen, durch 
reines Gestein rieseln und sich um grünende Hügel zu Seeen breiten. 
Ein ganzer Geisterreigen stieg aus der F'lasche herauf und bevölkerte mein 
dürftiges Stübchen mit reizenden Bildern. Und inmitten des bunten Spiels 
nickte das verklärte Haupt des Toten, von Weinlaub umflochten, mir 
anmutig zu. Halte mich für närrisch oder nicht: aber in diesen Stunden 
stillen Rausches roch ich den würzigen Duft des Sektes nicht nur, ich 
schmeckte ihn auch auf der Zunge — und das süsse Wonnegefühl der 
Lebensfreude durchsti ömte mein Herz und machte mich stark und standhaft 
für die Tage des Kampfes. So ist mir diese Flasche in Wahrheit zum 
segenspendenden Talisman geworden!“ 
Der Dichter schwieg. „Aber heut“, rief er dann hochspringend aus, 
„soll der Traum endlich zur Wirklichkeit werden. Denn die Tage des 
Kampfes sind ja vorbei." Und geschickter, als ich es jemals ihm zugetraut 
hätte, löste er die Drähte am Flaschenhals, liess den Kork zur Decke 
knallen und goss die Biergläser, die ich auf seinen Wink eilig ausgespült 
hatte, voll Sekt. 
Noch nie mag das schimmernde „Rheingold“ hochgestimmten Zechern 
so prächtig gemundet haben, wie uns. Wir kosteten in tiefen, durstigen 
Zügen seine volle, erquickende Würze aus. 
Aber ach: nur zu bald war die Flasche leer. Viel zu früh versiegte 
der Quell, der so lange seinen Beruf verfehlt hatte. 
„Weisst Du was?“ meinte der Dichter vergnügt: „Ich schlage vor, wir 
lassen diesem vorzüglichen ersten Akt noch einige gleichwertige folgen; 
ich kann’s mir ja leisten.“ Und er wies mir lachend fünf Tausendmark 
scheine, mit welcher Anzahlung der geschäftskundige Agent sich die 
pekuniäre Ausbeutung des erfolgreichen Dramas gesichert hatte. 
Eine Nachtdroschke entführte uns rasch ins vornehmste Viertel der 
Stadt und vor eins der besuchtesten Weinlokale. Dem Drama zu Ehren, 
das glücklicherweise fünf Akte zählte, ergänzten wir dort die erste Flasche 
Rheingoldsekt durch vier weitere Flaschen. Die Firma Söhnlein & Co. 
konnte mit ihrem Erfolge zufrieden sein: sie erzielte bei uns denselben 
Effekt, wie das Drama des Dichters beim Publikum,. Und die Wieder 
holungen dieses Erfolgs lassen bis zum heutigen Tage ebenso wenig zu 
wünschen übrig, wie die Wiederholungen des Dramas!
        
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