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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

er 16 Jahre lang treu blieb, allerdings mit Unter 
brechungen, die er mit Gastspielreisen ausfüllte. In 
seiner Vaterstadt Berlin versuchte er sich 1875-77 als 
Direktor des Woltersdorff-Theaters, ln den 80er Jahren 
der Liebling am Wallnertheater unter Lebrun, hat er die 
Versuche als Theaterleiter auch später noch mehrmals 
unternommen, aber das Glück war ihm nicht hold und 
die finanziellen Nöte, in denen er sich immer wieder 
befand, datierten aus den Zeiten seiner Direktion. Mehr 
mals un'ernahm er Gastreisen nach Amerika; das letzte 
Jahrzehnt verlebte er in Berlin erst am Central-Theater 
dann durch besondere Gunst des Kaisers ausgezeichnet, 
am Königl. Schauspielhaus, später am Thalia- und 
zuletzt am Metropol-Theater. Immer in unermüdlicher 
Theatertätigkeit und Theaterfreude, gefeiert auf der 
Bühne und ein beliebter, ergötzlicher, schnurren- und 
erfindungsreicher Gesellschafter und Erzähler am 
Stammtisch. Seine Komik war von der äussersten 
Schärfe und wurde von einer unaufhörlich wechselnden 
Mimik und grosser Lebendigkeit in allen seinen 
Bewegungen unterstützt. Seine Erscheinung, seine 
Maske, die Art seiner Sprechweise, seines Couplets 
vortrages, die unwiderstehliche Urastik seiner Mienen 
und Gesten machten ihn zu dem beliebtesten und 
populärsten Komiker Berlins. Thomas hat seine Künstler 
laufbahn auch in einem Memoirenwerk geschildert. 
Am 16. September feierte Julius Wolff seinen 
70. Geburtstag. Es wurde ihm bei dieser Gelegenheit 
der Titel eines Kgl. Professors verliehen. 
Julius Wolff wurde 1834 in Quedlinburg als Sohn 
eines Tuchfabrikanten geboren, besuchte dort das 
Gymnasium und studierte in Berlin Philosophie und 
Cameralia. Er widmete sich dann, um das väterliche 
Geschäft übernehmen zu können, technischen Studien, 
arbeitete in verschiedenen Tuchfabriken und erweiterte 
seine Fachkenntnisse durch Reisen im Auslande, 
1869 zog sich Wolff vom Geschäft zurück und 
begründete die Harz-Zeitung, wurde aber durch den 
Ausbruch des Krieges in seiner redaktionellen Tätigkeit 
gestört und machte den ganzen Feldzug als Landwehr- 
Offizier mit Auszeichnung mit. Nach dem Kriege Hess 
er sich, seinen literarischen Schöpfungen gewidmet, 
in Berlin nieder. Gleich mit seinem ersten Epos 
»Till Eulenspiegel Redivivus« begab sich Wolff auf 
ein Gebiet, dass er seitdem mit ganz ausser- 
gewöhnlichem Erfolg kultiviert hat. Sein »Rattenfänger 
von Hameln« erlangte, dem Zeitgeist entsprechend, 
ungeheure Popularität und alle späteren Epen (»Wilde 
Jäger«, »Tannhäuser«, »Lurlei«, »Pappenheimer», 
»Renate«, »Fliegende Holländer« etc.,) fanden ebenso 
freudige Aufnahme. 
Auch sein äusseres Leben war reich vom Glück 
gekrönt; in ungetrübter Gesundheit sieht er mit seiner 
gleich rüstigen Gattin seinen kräftigen Nachwuchs 
schon in dritter Generation blühen und neben dem 
wohlverdienten Lorberkranz des Dichters schmückt sein 
noch jugendlich frisches Haupt der Eichenkranz des 
ruhmvollen Vaterlandsverteidigers. 
Enrico Caruso ist zur Zeit der gefeierteste italienische 
Tenor. Sein Ruf ist vom Auslande her häufig 
genug zu uns gedrungen, ohne dass Berlin bisher 
Gelegenheit gehabt hätte, den Künstler persönlich 
kennen zu lernen. Erst jetzt vermittelte ein Gastspiel 
am Theater des Westens die interessante Bekannt 
schaft. Caruso ist noch einer der immer seltener 
werdenden Vertreter einer typisch italienischen Gesangs- 
luinst. Er sang den Herzog in »Rigoletto« und den 
.Alfred in der »Triviata« mit einem fast beispiellosen 
Erfolge. 
Zum zweiten Mal haben sich in Berlin in der ersten 
Oktoberwoche die besten Lawn-Tennis-Spieler Deutsch 
lands und Oesterreichs in einem Wettkampf gegenüber 
gestanden, um die Frage der Superorität zu entscheiden. 
Im vergangenen Jahre errang Oesterreich mit 8:7 
Punkten einen knappen Sieg und auch diesmal blieb 
es, und zwar mit demselben Resultat an der Spitze. 
Der Wettkampf wird von dem österreichischen 
Lawn-Tennis-Verband und dem deutschen Lawn-Tennis- 
Bunde veranstaltet und hat den Zweck, die sportlichen 
Beziehungen zwischen beiden Ländern zu fördern und 
einen Massstab zu schaffen für die Fortschritte, die 
der Lawn-Tennissport bei uns und in Oesterreich 
gemacht hat. 
Oesterreich hatte die Herren Kinzl, von Wessely, 
Ullmann, Zboril und die Brüder Zemla in den Kampf 
entsandt, während der deutsche I.awn-Tennis-Bund 
durch O. und V. von Müller, Schindler, Beding, 
H. O. Behrens, Froitzheim C. Siemon vertreten wurde. 
Die Stärke Oesterreichs lag wie im Vorjahre in 
Kinzl und Wessely, die wiederum beide in glänzender 
Form waren und unbesiegt blieben. 
Im Laufe des vergangenen Monats fand in Berlin 
der 5. Dermatologen - Kongress unter lebhafter 
Beteiligung in- und ausländischer Aerzte und grosser 
Anteilnahme des Publikums statt. Wir bringen unter 
unseren Illustrationen einige der hervorragendsten 
Mitglieder des Vorstandes zur Abbildung. 
Im Thalia - Theater haben die beiden Direktoren 
Kren und Schönfeld mit ihrer Posse »DerWeiberkönig« 
wieder den Vogel abgeschossen. In dem vornehm 
neugebauten und prächtig renovirten Hause erlebte 
das Stück einen starken Erfolg und damit dürfte die 
Direktion auf lange hinaus aller Novitäten-Sorgen 
enthoben sein. 
Im Belle-Alliance-Theater spielte der bekannte und 
beliebte Kunstdarsteller und Vorleser Augustjunkermann, 
der jetzt sein 50jähriges Jubiläum als Schauspieler feiert, 
seinen typisch gewordenen Onkel Bräsig mit unver 
minderter Frische und wenn möglich noch wachsendem 
Erfolge. 
Unsere Theater haben für die neue Saison eine 
Anzahl von Kräften gewonnen, die zum Teil früher an 
anderer Stätte wirkten, zum Teil von auswärts hierher 
kamen. So finden wir jetzt Bozena Bradsky, die 
frühere Diva des Wolzogen-Ensemble im Belle-Aliiance- 
Theater, Lina Abarbanell irh Thalia-Theater, Elisabeth 
Flruby, die jugendliche Heroine des Berliner Theaters 
unter Barnay, ist vom Wiener Burgtheater wieder an 
ihre frühere Wirkungstätte zurückgekehrt. Auch Ella 
Gabri, zuletzt in Breslau, war früher schon am Residenz- 
Theater, während Viktor Seliger, der beliebte Bonvivant 
des Münchener Schauspielhauses und jetzt in gleicher 
Eigenschaft am Residenz-Theater, als jugendlicher Held 
im Berliner Theater wirkte. Paula Linda am Theater 
des Westens, war ein beliebtes Mitglied des Leipziger 
Stadt-Theaters, Herr Christian Hansen wurde als 
Heldentenor in Magdeburg gefeiert und Dr. Rudolf 
Pröll, ein Liebling der Frankfurter, gefällt auch 
hier als Gast ungemein. Carl Leisner, der jetzt die 
Pansa’schen Rollen am Residenz-Theater spielt, wurde 
als eleganter Bonvivant viele Jahre in Hamburg verehrt. 
Herr August Weigert gehörte in München zu den 
ersten Mitgliedern des Schauspielhauses und Fräulein 
Fritzi Massary stammt, wie schon ihr Vornahme besagt 
aus der blauen Donaustadt. Sie wird in der Novität 
des Metropol-Theaters die Hauptrolle creiren. 
In den Ausstellungsräumen von Keller und Reiner 
ist das neueste Werk von Stephan Sinding »Die 
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Anbetung« ausgestellt. Wir haben aus diesem Anlass 
Gelegenheit genommen, auch einige ältere Werke des 
originellen Bildhauers in Erinnerung zu bringen. 
Die Inselbrücke, eines der wenigen Ueberreste von 
Alt-Berlin wird demnächst verschwinden. Brücke und 
Inselspeicher werden weggerissen und eine neue Ufer 
strasse mit imposanter Steinbrücke wird den Verhält 
nisse von Neil-Berlin entsprechen. 
Josef. 
Von Roda Roda. 
(Nachdruck verboten.) 
Der Einjährig - Freiwillige Feuerwerker-Offiziers 
aspirant von Janowski hat sich heute nicht einmal 
rasieren lassen. Denn wozu? In die Oberstadt kann 
er ja doch nicht gehen. Auch sonst nirgends hin. 
Er ist zwei Stunden vor dem Gittertor der Kaserne 
gestanden und hat sich die Zeit damit vertrieben, die 
Leute neidisch zu taxieren: der hat Geld — der hat 
viel Geld — Ueberhaupt — das viele Geld, das in der 
Welt ist. — Da giebt es Marmorpaläste und Equipagen. 
Janowski möchte jetzt nur so viel haben, wie da die 
Turmuhr gekostet hat. Nein, nur der eine Zeiger! 
Uebergenug wär’s für heut Abend! 
»Tschau!« näselt Leutnant Friedl — ein Akademiker 
— der grossartig nach der Oberstadt stelzt. — Auch 
so einer! Nie ein Moos, schon in der ersten Monats 
woche nicht — und doch überall Kredit. Wie der das 
anstellt? 
Aber ein Entschluss muss gefasst werden. Man 
kann doch nicht den ganzen Sonntagnachmittag da 
stehen. 
Janowski steckt die Hände in die Hosentaschen und 
schlendert, den Säbel rasselnd hinter sich, hinüber in 
den Beserlpark. Was er dort will, weiss er selber 
nicht. 
Da sitzt auf der zweiten Bank ein wundernettes 
Dienstmädchen. Janowski geht einmal vorüber 
und denkt sich: ist das ein hübscher Käfer! — Auf 
dem Rückweg blickt er scheu um sich, ob die furcht 
bare Verletzung der Standesehre ganz gewiss keinen 
Zeugen haben werde — — und nimmt dann auch 
Platz — mehr gegen den Rand zu. — »Küss’ die Hand, 
Frjäulein. Sie erljauben schon?« — sagt er mit einem 
leichten Anklang an die Sprache seiner Ahnen, von 
denen einjige wenjige politische Könjige gewesen sind. 
— »So alleinj ? — Am Sonntag?« — 
Sie seufzt. Was soll man machen Es is schon so.« 
»No — manj geht doch gewöhnjlich mit dem 
Schatz aus.« 
»Was glauben Ssie eigentlich von mir?« Und 
sie misst Janowski mit einem Blicke der Bretter 
schneiden könnte.
        
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