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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Die Hasenheide im Jahre 1804. 
Caspar Fleck. 
Eine Geschichte aus Berlins Vergangenheit. 
Von Ali. 
Am 27. September hatte sich in dem kleinen Kruge, der vor dem 
Halleschen Thore am Ende der damaligen Pionierstrasse lag, eine gar 
lustige Gesellschaft zusammengefunden. Es war der Orden der „Kreuzel 
brüder“, die jeden Dienstag Abend hier draussen zusammenkamen und 
deren Ordenszweck auf die Vertilgung des Alkohols gerichtet war, wie 
er in Gestalt von Wein von den Weinbergen am Tempelhofer Berg ver 
zapft wurde. Dem Orden gehörten trinkfeste Männer an; rnass doch 
der Krug, der in Gestalt eines kolossalen Bären die Runde am Tisch 
machte, seine drei Quart, und wer in den Orden aufgenommen werden 
wollte, musste ihn auf einen Zug leeren können! Was 
Wunder, dass dann die Kreuzelbrüder erst Mittwochs nach 
Berlin zurückkommen konnten, denn der Magistrat von 
Berlin hielt streng Regiment und punkt zehn Uhr Abends 
wurden die Tore geschlossen. 
Der Lustigste war heute wieder Caspar Fleck, den sie 
den „Tränkeimer“ nannten, weil er so unglaublich viel 
schlucken konnte. Sie sagten damals, er habe einen Pact 
mit dem Teufel, der ihn trinkfest gemacht habe, also dass 
ihm der Weingeist nichts schaden könne; konnte sich doch 
niemand erinnern, ihn je trunken gesehen zu haben, was 
aber wohl daran liegen mochte, dass die andern wohledlen 
Herren alle vor ihm unterm Tische lagen! 
„Hollah, Küfer, die Kanne frisch gefüllt, heut’ ist die 
Zeche mein!“ , rief Caspar dem Schenken zu und hieb die 
zinnerne Kanne wuchtig auf den Tisch, während lauter 
Beifall ob der Spende den Zechgenossen lohnte. 
„Ei, Ei! Herr Gevatter!“ liub darauf der dicke 
Haberkamp an — er war seines Zeichens ein Gerber 
meister, sass aber im Rat der Zünfte und war ein wohl 
angesehener Mann — „hat Euch der Magistrat die Ziese 
erlassen, dass Ihr so aufgelegt zum Spendieren seid?“ 
„Das wäre!“ entgegnete Caspar lachend. „Hab aller 
dings schon manchen Strauss mit des Rates Kämmerer 
durchfechten müssen, weil sie mich gar zu hoch haben 
schrauben wollen im Census; aber die und was schenken!“ 
„Ich weiss!“ wandte Balthasar Rudewoldt ein, „er hat 
die grosse Ladung spanischen Pfeffers verkauft, die ihm so 
lange bei der Schleuse gelegen hat! Gelt, es stimmt, Casperle?“ 
„Den Teufel stimmts! und der Pfeffer kann meinetwegen dahin 
schwimmen, wo er hergekommen ist!“ war Caspars Antwort. 
„Quousque tandem, Caspar, abutere patientia nostra?“ begann da 
salbungsvoll der Magister Bebcrlein. „Warum spannst Du uns auf die 
Folter. Schütte Dein Herz aus und lass uns teilnehmen am Grunde 
Deiner Lustigkeit“. 
„So ist's recht, Magister; lest ihm ordentlich den Text. Er soll 
reden, der Caspar,“ so scholl es beifällig vom Zechtisch. Aber Caspar 
schien auch darauf nicht eingehen zu wollen. Seine ganze Antwort war 
nur ein Anheben des Kruges ein „Prosit, ich bring’ es Euch“ und dann 
versenkte sich das rote, feiste Antlitz Caspars für eine Weile in den 
grossen Krug und man hörte nur das Glucksen des Weines, der seiner 
Bestimmung zugeführt wurde. Während der Krug mit dem Rest seines 
Inhalts die Runde machte und wieder gefüllt wurde, blieb es still am 
Tisch. Dann aber löste sich die Spannung in einem allgemeinen Gespräch 
über die verschiedensten Dinge auf und die Fragen an Caspar schienen 
vergessen. 
Nur Beberlein hatte sich nahe an Fleck herangesetzt und tuschelte 
eifrig in ihn hinein. 
„Sagt mir, Gevatter, ist’s wahr, was man sich in der Stadt erzählt?“ 
„Was erzählt man,“ fragte Caspar gegen. ' 
„Nun, nichts geringeres, als dass Ihr einen Pact mit Meister Urian 
haben sollt!“ 
„Und wenn es wahr wäre?“ 
„Caspar, Ihr scherzt!“ 
„Ich scherze nicht!“ 
„Sprecht leiser, Caspar, man wird schon aufmerksam am Tisch!“ 
„Mögen sie es hören. Ja, sie sollen es hören! Wohl denn, Ihr 
werdet das Gerede auch gehört haben! So sagt denen, die es Euch 
hinterbracht haben, es hat seine Richtigkeit damit. Auf zehn Jahre habe 
ich mich dem Teufel verpflichtet; er gab mir das Recept, die Freuden 
des Weines zu gemessen, ohne den Beschwerden des Rausches ausgesetzt 
zu sein. Und d ar um lasst uns heute noch einmal die Freuden des Lebens 
auskosten, lasst uns zechen bis zum Hahnenschrei, denn wisst, heute sind 
meine Jahre um und in dieser Nacht . . “ 
Ein furchtbarer Donnerschlag machte in diesem Augenblick das Haus 
erbeben. Urplötzlich verloschen alle Lichter, Caspar sah noch im 
Dunkel alles um sich her versinken, dann fiel er wie leblos auf seinen 
Stuhl zurück. 
Wie lange er so gelegen halte, wusste er nicht. Als er aus seiner 
Betäubung aufwachte, war es heller Tag, die Sonne traf ihm ins Gesicht, 
sodass er sich die Augen rieb und.. ....... ja, was war denn das, 
wo bin ich, was ist mit mir geschehen? das waren Caspars 
Gedanken. 
Er .befand sich in einem Gemach, das er nie zuvor gesehen hatte und 
aus dem Nebenraum tönte Lachfen, lautes Sprechen und Becherklingen, 
sodass er sich erhob, um dem Lärm nachzugehen. Im andern Zimmer 
in dem eine lustige ITerrengesellscha r t um einen grossen Tisch sass und 
wacker Bacchus Gaben zusprach, erregte Caspars Erscheinen einen 
kolossalen Tumult. Man besah ihn von oben bis unten, wie er seiner 
seits die Herren erstaunt ansah, denn ihre Tracht war nicht die seine, 
ihre Sprache eine andere als seine, und das war auch nicht das Zimmer, 
in dem er gestern mit den Kreuzeibrüdern gezecht hatte! 
Wo war er denn aber? 
„Nun, Alter, was steht Ihr da und guckt,“ rief ihm schliesslich einer 
der Zecher zu, „Ihr seht mir nicht aus,, als ob Ihr einen guten Tropfen 
verschmähtet und den hat Meister Müller immer zur Stelle!“ 
„Verzeiht, wie nanntet Ihr den Namen?“ fragte Caspar erstaunt. 
„Müller,“ antwortete der erste Zecher wieder, „Franz August Müller, 
da drüben sitzt er.“ 
„Aber wie, war nicht gestern noch Hannes Breckenwardt hier Küfer? 
und habe ich denn nicht bis Mitternacht mit den Kreuzeibrüdern gezecht?“ 
„Wat forn Ding, Kreuzelbrüder?“ wandte lachend ein dicker Fabrik 
besitzer ein, der am Stammtisch sass, „Mensch, wo kommst Du denn her?“ 
„Aber meine Herren,“ rief ein Dritter zwischen, das 
ist ja hochinteressant! Die Kreuzelbrüder waren ja ein 
alter Trinker verein, der im vorigen Jahrhundert tagte. 
Haben Sie nie des alten Nicolai Chronik gelesen? Ich 
habe die Notizen daraus bei mir, weil ich im Geschichts 
verein darüber Vortrag halten will. Hier, hören Sie : Der 
Orden der Kreuzelbrüder, der sich durch wackeres Zechen 
hervortat, hat bis zum Jahre 1804 vor dem Halleschen 
Tore zu Berlin getagt. Seine Auflösung erfolgte durch 
einen merkwürdigen Vorfall, der nie aufgeklärt worden ist 
und seine Mitglieder sind seit diesem Tage verschollen, 
Das passierte am 27. September 1804!“ 
„1804“ fragte verwundert Caspar Fleck, „und heute?“ 
„Heute schreiben wir 1004!“ 
„Na, also, Mensch, De hast eben hundert Jahre ge 
schlafen 1 “ fiel der Dicke wieder, gutmütig ein. «Na, weesste, 
da haste aber’n jesunden Schlaf jehabt.“ 
„Aber erklären Sie mir doch, meine Herren, . . . . 
dies alles es ist mir so ... . ich weiss nicht . . .“ 
„Nu kommen se man erst her und trinken se ’nen 
Schluck, damit se wieder uf de Beeue kommen. Herr 
Müller, jeb’n se mal ’n Jlas for den jungen Mann aus Cottbus.“ 
Und als Caspar sein erstes Erstaunen überwunden und 
den edlen Stoff, den Franz August Müller verschänkte, 
probiert hatte, erfuhr er stückweise, von dem hellen Ge 
lächter der Tafelrunde oft unterbrochen, die Geschichte der 
hundert Jahre, die er verschlafen hatte. Und er erfuhr, 
dass an dem Platze, wo sich damals der Krug befunden, 
hatte, heute eine gute, gemütliche Weinkneipe entstanden war, in der ein 
überaus jovialer Wirt, Herr Franz August Müller mit Kennermienen ein 
feines Tröpfchen zu soliden Preisen verschänkte und in dem seine Gattin,, 
bekannt unter dem Namen „Tante Mieze“, für einen guten Happen zu 
essen sorgte, weshalb denn alle Gäste, die dort im Lokal verkehrten, 
keine Spuren der Dürre aufwiesen, die im Lande herrschte. Den besten 
Beweis der Vorzüglichkeit von „Tante Miezens“ Küche bilden die .280 
Pfund Körpergewicht ihres Galten. Die Kreuzelbrüder zwar waren ver 
schollen, aber eine gemütliche Gesellschaft bevölkerte die geschmackvoll 
eingerichteten Räume des Lokals und liess den Weinen und Speisen die 
erforderliche Anerkennung zukommen. — — — — ■—• —- — -— — — 
Heute haben sie mich auch herausgerufen, damit ich mir den letzten 
Kreuzelbruder, Caspar Fleck, genannt „Tränkeimer“ anselic. Ich fand ihn 
nicht mehr vor. Aber das schmucke Restaurant, Franz, August Müller, 
Hasenheide 12, fand ich und den dicken, gcmüllichen Wirt, seine Gattin 
und die lustige Gesellschaft, ich fand auch die guten Tropfen und die 
nicht minder guten Bissen und da begriff ich, dass man hier recht gut 
hundert Jahre sitzen und sich’s wohl sein lassen kann!
        
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