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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

reise befindet. — Denn der Herr rief und sie fühlte, 
dass sie den Schleier gelüftet hatte . . . 
Sie haben den Eingang passiert — dies »kein 
Durchgang« sieht er nicht mehr und macht ihm wohl 
auch keine Kopfzerbrechen, dem Glücklichen! Aber 
ich sitze noch davor, meine Sinne heflen sich noch 
an die Worte und ich muss über deren Sinn nach- 
denken. Ein Engländer giebt mir Gelegenheit, mich 
von ihnen geradezu wegzuschleichen — er setzt sich 
an meinen Tisch und ich versuche, ihm das Leben der 
Terrasse zu schildern. »Ich möchte,« begann ich, »die 
Besucher der Terrasse und zwar die weiblichen, welche 
doch auch hier wie überall bei dem vielseitigen Reper 
toire ihres Mundes den Ton angeben, durch drei Ab 
schnitte trennen — ich möchte sie einteilen in lyrische 
Backfische, epische Mamas und dramatische Jungfrauen. 
Die lyrischen Backfische haben viel Empfindungen, 
aber keine Figur ä la Gelbstern. Sie gehen Sezession 
ä la Martin Zickel mit einem Band um den oberen 
Leib und tragen kein Corsett. Sie halten sich meist 
in den Laubengängen auf, ziehen Grimassen zur Pauke 
musik der bunten Militaria, lauschen seufzend den 
Tönen des schwarzen Orchesters, während sie schmach 
tenden Blickes über den abendlich leuchtenden See 
hinüber schielen nach dem Badeterrain, wo die Jüng 
linge schwimmen und nur die Köpfe zu sehen sind. 
Sie tragen noch immer Heine im Arm und 
Harry Waiden im Herzen und bewundern die 
Springbrunnen und Fontanellen in dem prisma 
tischen Farbenspiel elektrischer Beleuchtung. Sie 
gehen unter sich allein, essen Eis, wenn sie Bier trinken 
wollen, und kehren immer zum eisernen Sklaven zurück, 
der das Pferd zur Tränke führt. Sie schätzen die Kunst 
an ihm und bewundern besonders das kunstvolle 
Kostüm, das er — nicht trägt. Wenn sie mit etwas 
lyrischem Citronat und etwas papriciertem Tuck ge 
kocht werden, geben sie eine gute Kalbfleischbrühe — 
Die »epischen« Mamas haben sonst mit der Kunst 
nichts zu tun und sind wo anders zu finden. Sie er 
zählen sich ihre Küchenerlebnisse und den dienst 
herrschaftlichen Mädchenklatsch — sind nicht mannlos, 
wenn er auch nicht die Hosen »anhat« und haben sich 
4—5 Kinder stark um die Militärkapelle aufgepflanzt. 
Sie knistern, wenn sie sonst nichts zu sagen haben, 
in schwarzer Seide und ersuchen den Kellner um drei 
Glas Bier zu den unvermeidlichen importierten Stullen. 
Sie gehen wohl ins Schillertheater, aber sie machen 
sich nichts aus Aschingers Würstchen. Sie waren auch 
zum Teil in Kissingen, zum Teil haben sie es zu Hause 
erledigt — das Brunnentrinken — und werfen ihren 
gut bürgerlich empfindenden und sittlich denkenden 
Töchtern einen »liebevollen« Blick zu, wenn sie sich 
von einem vorübergehenden Herrn fixieren lassen. 
Ich nehme an, dass sie auf die Terrasse abonniert sind. 
So dürften es die Kellner gewohnt sein, wenn die Mamas 
mit ihnen und den Ehemännern schon Krach anfangen, 
ehe sie bezahlen und zu den Penaten zurückkehren. 
Professor Ludwig Manzel. 
Somit gehen wir zur dritten Abteilung über, welche 
von solchen dramatischen Jungfrauen besetzt ist, die 
nach links und rechts getraut, verheiratet und unver 
heiratet sind; im Nebenberuf sind sie am Ladentisch 
tätig vielfach als »Tierianische Engel, als englische 
Ladys im Chor des amerikanischen Theaters, als wilde 
Tänzerinnen der Kgl. Oper und bei Mandel. Per Dogcard 
sind sie natürlich mit» ihm« hierhergefahren, in der Wein 
abteilung der Terrasse haben sie sich niedergelassen 
— sind auf Seide und Flalbseide genäht, heben sich 
geschmackvoll von echten Brillanten ab, wenn er sie 
— auch nicht noch darin mit Taitz betrogen hat — 
chi lo sa? Blasen feinen Cigarettendampf in die reichlich 
parfümgeschwängerte Luft und klopfen manchmal 
liebkosend an seine Brust, um zu fühlen, ob das Herz 
heute hart schlägt, oder ob es weich in blauen 
Scheinen ruht. Und immer wieder stösst das lustig an 
und die Chrystallgläser verraten im klingenden und 
leuchtenden Reflex die heimlichen Gedanken der liebe 
durstenden Zecher.« 
Während ich dem Engländer so ein wohl geord 
netes Bild von dem abwechslungsreichen Leben der 
Terrasse gebe, fängt auf einmal wieder mein Herz 
quälendzu schlagen an. Hm — die Gedanken kommen 
mir wieder. Ich sage mir, es ist doch ein Unrecht, dass Du 
Deine Kleine hast zu Hause allein sitzen lassen. — »Das 
arme, einsame Kind! — Hier lebt und liebt alles —. 
Ist Deine Handlungsweise einer echten Liebe würdig? 
Bringst Du ihr die Liebe entgegen, die sie Dir bringt? . t‘ 
Ich werde nervös — ich gerate in Wut ob meiner 
Rücksichtslosigkeit — die abendliche Stimmung, die 
das Buntlicht der Sterne und der elektrischen Lampen 
hervorzaubern, um eine märchenartige Welt meiner 
Seele zu erschliessen, genügt mir nicht mehr — die 
Sehnsucht ruft nach meiner Kleinen — ich vermag 
nicht mehr ruhig auf meinem Platz zu sitzen — meine 
Gedanken beginnen den tollsten Reigen . . . Schliess 
lich, als wenn ein innerer Zusammenhang bestände — 
oder als ob ich in dem merkwürdigen Spiel meiner 
Gedanken geäfft werden sollte — wieder gibt sich 
meine Natur einer Betrachtung hin über die Worte am 
Eingang der Weinabteilung »Kein Eingang!« Eine Un 
heimliche Inklination! Natürlich kommen auch die 
diversen Fragen. Ich frage mich, »welchen Sinn kann 
es haben, bei einem Restaurant den Durchgang ge- 
wissermassen zu verbieten, wo doch Niemand im 
Stande ist zu kontrollieren, wer nur den Raum als 
Passage benutzen will oder wer Jemand suchen oder 
Platz nehmen will? Da lockt mich plötzlich ein eigen 
artiges Gefühl, den für nicht Weintrinkende verbotenen 
Eingang zu betreten . . . Ich wollte die Augen der 
Kellner, der Oberkellner, des Abteilnngschefs studieren, 
sie sollten mir bei meinem ostentativen Durchgang 
die Wahrzeichen erklären, die Frage beantworten — 
warum?, wieso?, weshalb? Wieso der Durchgang in 
der Bierabteilung — und nicht hier — ? Ist das eine 
demokratische Wirtschaft? — Oder welche Bewandnis 
hat es sonst mit dem Unterschied? ... — Haha, mir kam 
das Lachen — noch nicht am vierten Tisch, da musste ich 
laut auflachen, bei all’ meinem Jammer! — War das 
ein Zufall, was ich erlebte, oder kommen solche Dinge 
öfters vor und der Besitzer meinte, mit seiner Inschrift 
eine weise Fürsorge zu treffen, ohne allerdings zu 
ahnen, dass er just das Gegenteil erzielen dürfte —? 
Nun brauchte ich wenigstens nicht erst durch einen 
Verstoss gegen die Worte über dem Eingang die 
Kellner herauszufordern — die Antwort heraufzube 
schwören auf die Frage: »Warum kein Durchgang? — 
Vor dem Sektkübel sass sie, sass Grethel — sass meine 
Kleine — in tollstem Uebermut und sie fiei nicht in 
Ohnmacdaht, sie mich erkannte — ihr Kavalier hielt sie fest 
in seinen Armen . . . 
— Da wusste ich nun, warum über dem Eingang der 
Weinabteilung »Kein Durchgang« steht, aber ich weiss 
auch, dass indirekt diese angemalten Worte mich aus 
meinen Himmeln geworfen haben ....
        
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