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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

»Karl reiste Donnerstag vor Tiscli ab. Er 
sollte eigentlich erst nach Tisch reisen, aber iin 
letzten Moment kam ein Telegramm unseres Ver 
walters, das ihn augenblicklich auf unser Out berief. 
Er trank also nur ein Gläschen Wein und ass ein 
Stückchen Pastete. Das kam mir recht ungelegen, 
denn ich hatte grade ein feines, reichliches Mittagessen 
disponiert. So entging mir ein Triumph, auf den ich 
schon sicher gerechnet hatte. Obgleich mein Mann 
nur der Notwendigkeit folgte, war ich doch empfind 
lich. Du weisst, Cäcilie, wie schmerzlich eine solche 
Enttäuschung ist! Denn erstens die Pastete, die mir 
wie noch nie gelungen war. Sie war fest, hatte die 
Form behalten und zerging doch im Munde. Ausser 
dem hatte ich Rebhühner, aber was für Rebhühner! 
Halb gebraten, halb gedämpft. Scheinbar Unsinn! 
Aber ich sage Dir, — ganz köstlich . . . .« — 
Frau Cäcilie konnte sich eines Lächelns nicht er 
wehren, als sie die Freundin so minutiös und naiv 
Alles schildern hörte, was dem Drama vorangegangen 
war. Aber ihre eigene Oourmandise Hess sie doch 
auf Details eingehen. Wie lässt Du diese Rebhühner 
also bereiten, Jenny?« fragte sie scheinbar glei.ch- 
giltig. — »Ich brate sie zuerst auf dem Rost halbgar, 
dann schneide ich sie in Hälften und lege sie in eine 
Kasserolle, dann begiesse ich sie mit ihrem eigenen 
Saft und mit saurer Sahne.« — Saurer?« —• »Natür 
lich. Mais ce qu’il y a d’essentiel, das sind einige 
Wachholderbeeren —« Die man zuletzt hin 
zutut?« — »Jawohl.« 
Beide Frauen schwiegen einen Moment und sannen 
nach. Plötzlich rief Jenny klagenden Tones: »Nach 
Karl’s Abreise wanderte Alles nach dem Buffet, denn 
jch hatte vor Kummer und Ärger ganz den Appetit 
verloren! Den nächsten Tag ....« — »Nun, 
was war am nächsten Tage?« — »Am nächsten Tage 
kam Walter um die Mittagsstunde, richtig gesagt, 
hereingestürmt . . . .« — Frau Cäcilie, die wohl 
fühlte, dass nun der interessanteste Teil der Erzählung 
begann, setzte sich recht bequem zurecht. 
»Er stürmte also herein,« fuhr Jenny fort, und rief 
von der Schwelle aus: »Rette mich holdestes Kusinchen! 
ich sterbe vor Hunger und Durst! « Der wilde 
Bursche nennt mich nämlich Kusinchen, obgleich wir 
kaum verwandt sind. Er braucht aber gern diesen 
Titel, es macht ihm sicherlich ein grosses Vergnügen ...« 
— »Und gibt Privilegien « — Die er dieses 
Mal missbrauchte, um mich zu verderben. Aber dort 
(sie streckte ihr zierliches Zeigefingerchen nach oben) 
wird ihm das nicht geschenkt werden « — 
Als Walter also rief: »Ich sterbe vor Hunger und 
Durst! . . . . .« Musste ich laut auflachen und liess 
schnell eine Flasche Wein, die Pastete und die kalten 
Rebhühner auftragen. — »Es fehlen nur Krebse, un 
buisson d’ecrevisses, so wäre es wie — im Kabine! 
bei Dressei« — sagte die Witwe beiläufig. — Meik- 
würd'ig, dieselbe Bemerkung machte auch Walter. Als 
Alles da stand, beredete mich dieser Till Eulenspiegel, 
ein G äschen Wein nach dem andern zu trinken. Aber 
was hat er auch angestellt und geschnattert. Es fehlt 
ihm nie an Humor, aber diesmal übertraf er sich selbst. 
Es war zum totlachen. Ich war so ausgelassen, dass 
ich wirklich fast vergass, ihm durch meine Würde als 
verheiratete Frau zu imponieren. Ich hätte Katze und 
Maus« oder Blindekuh spielen können. Und während 
ich vom Weine halb berauscht und lustig wie ein kleines 
Pensionsmädchen war, verlor ich vollends den Kopf, 
und . . . .« Lautes Schluchzen liess sie nicht vollenden. 
Sie weinte lange und schmerzlich und konnte sich nicht 
beruhigen. Frau Cäcilie zog sie an sich, bedeckte sie 
mit Küssen und sprach mit fast mütterlicher Würde: 
»Beruhige Dich, Jennychen, wie gross auch Deine 
Schuld sein mag, Deine Reue und Deine Tränen haben 
sie zum Teil gesühnt. Ich habe gesagt c’est grave, 
und ich ziehe das nicht zurück; ich muss aber aner 
kennen, dass mildernde Umstände vorhanden sind. 
Vor allem rechtfertigt Dich Deine grosse Jugend und 
Dein gänzlicher Mangel an Erfahrung. Dann ist zu 
bedenken, dass Du im Augenblick Deines Falles fast 
unzurechnungsfähig warst. Du warst von der unge 
sunden Atmosphäre eines Rausches umgeben, wie ge 
wisse Männer ihn zum Verderben unseres schwachen 
Geschlechtes so oft künstlich hervorzubringen pflegen. 
Solche künstliche Fröhlichkeit pflegt für uns sehr ge 
fährlich zu sein; obgleich eine romantische, elegische 
Traurigkeit mitunter noch gefährlicher ist, denn dieser 
verfallen wir Frauen wie die Fliegen dem vergifteten 
Zucker « — Sie schwieg ein Weilchen, dann 
fuhr sie seufzend fort: Auf solche Weise bin ich einst 
verführt worden « 
Dieses Bekenntnis kam so unverhofft, dass Jenny 
ihre Tränen vergass, und ihr Tüchlein senkend, die 
Sprecherin mit grossen Augen anstarrte. Was sagst 
Du, Cäcilie? — — Du verführt?« Die Witwe 
seufzte tief auf und wies mit dem rosigen Finger auf 
das Miniaturbild des bleichen Brünetten mit den 
träumerischen Augen, das bescheiden neben dem 
riesigen Konterfei des seligen Herrn Senators hing. 
Sie hielt den Finger ein Weilchen in dieser Richtung 
und sagte: »Das .... ist meine Sünde. Dann zeigte 
sie, den Finger höher hebend, auf das gelbe, knochige 
Gesicht über dem gestickten Stehkragen und sprach 
leise: »Und das .... ist meine Rechtfertigung.« 
Die glänzenden Augen Jenny’s wurden immer 
grösser vor Verwunderung und Unruhe. Sie flüsterte 
kaum hörbar: »Und ist das schon lange her? 
»Es sind vier Jahre verflossen.« — Was denn? ... zu 
Deines Mannes Lebzeiten?« — Ja, als der Senator 
noch lebte.! Die kleine Frau sah tötlich erschrocken 
aus und schwieg. Eine kleine Pause entstand. Ich lernte 
ihn im Ausland kennen, in den Bädern« - sagte die 
Witwe, das Miniaturbild betrachtend. — Er war Künstler. 
Das Violoncello weinte unter seinen Händen wie ein 
Mensch. Dieses Weinen entsprang nicht den Saiten 
des Instruments, sondern der Seele des Künstlers. 
Man hätte ein Herz von Stein haben müssen, um 
nicht von dieser Trauer ergriffen zu werden < 
— Sie liess seufzend den schönen Kopf auf die Brust 
sinken. 
»Du hast mir nie davon erzählt,« flüsterte Jenny 
mit bewegter Stimme. — »Und würde es nie getan 
haben, wenn nicht . . .« — Was wenn nicht?« — 
»Wenn wir nicht heute . . .« — »Was heute?« — 
»Wenn wir heute nicht wüssten, dass wir vor einander 
die Augen nicht niederzuschlagen brauchen.« — Warum 
denn?« — »Weil wir heute einander gleich sind. 
Jenny liess sie nicht ausreden, sie sprang auf und rief 
voller Angst: »Was sagst Du da, Cäcilie? Ich kann 
es nicht glauben. Ist denn meine Sünde wirklich so 
gross, wie die Deinige?« — »Sogar grösser.« — »Aber 
ich habe doch keinen Schwur gebrochen, kein Ver 
trauen missbraucht, die Ehre nicht verletzt! . . . .« — 
Frau Cäcilie wurde bleich: »Wie denn?« sagte sie 
stammelnd — »Du sagtest doch selbst: »Vom Weine 
berauscht und lustig wie ein kleines Pensiönsmädchen 
verlor ich vollends den Kopf, und « — »Und 
ass ein Rehkeulchen, garnicht daran denkend, dass wir 
Freitag doch stets fasten müssen.« Frau Cäcilie’s 
bleiches Gesicht wurde dunkelrot; sie nahm ihr feines 
Taschentuch und fing schweigend an, es mit ihren 
kleinen scharfen Zähnen zu zerbeissen. — »Das ist 
unwürdig . . .« schluchzte sie mit ganz veränderter 
Stimme,» Du hast mich hintergangen.« — Jenny eilte 
zu ihr und ergriff ihre beiden Hände. »Verzeih’ 
mir! . . . .« sagte sie mitleidig, »ich bin nicht 
schuldig . . . .« — «Warum bekanntest Du Dich zu 
einer Todsünde?« — Ich bin im Kloster erzogen 
worden dort sagten sie, dass Höllenstrafe auf 
Verletzung der Fasttage stände, selbst Vergesslichkeit 
schütze nicht davor . . .« 
Cäcilie lächelte wehmütig und senkte den Blick zur 
Erde, als könne sie der Freundin nicht in’s Antlitz 
sehen. Plötzlich zeigten sich Tränen an ihren Wimpern, 
die wie glänzende, kleine Perlen vom Kleide auf den 
Teppich fielen. Und einige Augenblicke später sassen 
beide Frauen in dem freundlichen, hellen Boudoir 
friedlich beisammen, schlürften aus kleinen Gläsern 
süssen Wein und knabberten kleine Kuchchen dazu. 
Beide lachten wie zwei Backfische!
        
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