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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Unsere Bilder. 
Im Alter von 51 Jahren ist Alexander Meyer Cohn, 
Mitinhaber des bekannten alten Berliner Bankhauses 
Meyer Cohn, ani 11. des Monats gestorben. Der Ver 
storbene besass eine der grössten und wertvollsten 
Autographensammlungen der Welt, liebte die Kunst und 
die Bücher und übte im Stillen die Tätigkeit eines 
Mäcens aus, dem manches Talent gutes zu verdanken 
hat. Nicht nur die Geschäftswelt wird dem Dahin 
gegangenen ein ehrenvolles Andenken bewahren, auch 
Literatur und Kunst haben in ihm einen warmherzigen 
und verständnisvollen Förderer verloren. 
Zum Rektor der Universität für das Studienjahr 1904,05 
wurde Geh. Medizinalrat Prof. Dr. nred. et. phil. Oskar 
Hertwig, Direktor des anatomisch-biologischen Instituts 
und Mitglied der Akademie der Wissenschaften gewählt. 
Der Gelehrte, der zu unsern bedeutendsten Forschern 
gehört, ist am 20. April 184S zu Friedberg in Hessen 
geboren. Er machte seine Studien in Jena. Zürich und 
Bonn. Universitätslehrer ist er seit 28Jahren, Ordinarius 
seit 1881, zuerst in Jena, dann in Berlin. Zum Dekan 
der theologischen Fakultät wurde der bekannte Ober- 
konsistorialrat Prof. Dr. Julius Kaftan gewählt; die 
medizinische Fakultät wählte den Nachfolger Virchows, 
den Pathologen Geh. Medizinalrat Prof. Dr.JohannesOrth. 
DerProfessor derAugenheilkunde an der Universität, 
Geh. Medizinalrat Dr. Heinrich Leopold Schoeler begeht 
in diesem Monat das fünfundzwanzigjährige Jubiläum 
als Universitätsprofessor in Berlin und zugleich seinen 
60. Geburtstag. Geboren zu Fellin in Livland, studierte 
Schoeler 1863 bis 1869 zu Dorpat, von 1870 bis zum 
Ausbruch des Krieges in Berlin. Er machte den Krieg 
anfangs als Assistenzarzt, später als ordinierender Arzt 
mit. 1873 erhielt er seine Approbation als praktischer 
Arzt für Deutschland. Im nächsten Jahre habilitierte 
er sich an der hiesigen Universität als Privatdozent. 
Fünf Jahre später wurde er zum ausserordentlichen 
Professor ernannt. 1895 erhielt er den Charakter als 
Geh. Medizinalrat. 
Der Abteilungsdirektor der königl. Bibliothek, Geh. 
Regierungsrat Dr. Valentin Rose, feierte in diesen Tagen 
das goldene Doktorjubiläum. Geh. Rat Rose ist der 
Spross einer angesehenen Gelehrtenfamilie, er ist am 
8. Januar 1829 zu Berlin geboren und trat 1859 als 
Assistent bei der königl. Bibliothek ein. 
Auf ein halbes Jahrhundert reicher wissenschaftlicher 
Arbeit blickt unser weltberühmter Astronom Geheimer 
Regierungsrat Prof. Dr. Wilhelm Förster zurück; am 
5. August 1854 erwarb er zu Bonn den philosophischen 
Doktorgrad. Wilhelm Förster ist am 16. Dezember 1832 
zu Grünberg in Schlesien geboren. Seinen ersten 
Unterricht erhielt er in der Vaterstadt, und von 1817 
bis 1850 besuchte er das Magdalenen-Gynmasium in 
Breslau. Drei Semester studierte er dann zunächst in 
Berlin. Von 1852 — 1854 setzte der junge Musensohn 
in Bonn seine mathematischen und astronomischen 
Studien fort. Bald nach seiner Promotion eröffnete 
sich Förster ein Arbeitsfeld an der Berliner Sternwarte. 
32Jahre alt, wurde er dann an die Spitze dieser Anstalt 
berufen, deren hochverdienter Direktor er bis jetzt 
gewesen ist. Als Meister der Organisation bewährte 
er sich bei der Einführung des Mass- und Gewichts 
wesens, bei der Ausbildung des öffentlichen Zeitdienstes, 
bei der Begründung neuer, zeitgemässer wissenschaft 
licher Anstalten. Mit Hirsch und General Ibanez hat 
er die neue Mass- und Gewichtsorganisation auf eine 
internationale Grundlage gestellt. Er war nach dem 
französischen Kriege einer der ersten Pioniere der Ver 
söhnung auf dem neutralen Boden gemeinsamer Kultur- 
Alexander Meyer Colin f. 
arbeit. 1875 war er Delegierter des deutschen Reiches 
beim Abschluss des sogenannten Pariser Metervertrages, 
und noch jetzt ist er der Präsident des internationalen 
Mass- und Gewichtskomitees. Gleichartige Verdienste 
hat er um zwei andere bedeutsame Schöpfungen: das 
Astrophysikalische Observatorium und die Physikalisch- 
Technische Reichsanstalt. Es ist ein erstaunlich reiches 
Lebenswerk, das Förster unermüdlich und tatkräftig 
geschaffen hat. Aber seine Blicke waren noch weiter 
gerichtet: von jeher vertrat er den Grundsatz, dass 
Wissen und Kunst Gemeingut werde, von jeher wirkte 
er für eine gesunde Aufklärung und sittliche Veredelung 
des Volkes. So schuf er die Urania, die Vereinigung 
von Freunden der Astronomie und der kosmischen 
Physik, das Schiller-Theater in Berlin und die jetzt 
wieder von ihm persönlich geleitete DeutscheGesellschaft 
für ethische Kultur. 
Unter unseren Berliner Bildhauern steht mit in erster 
Linie Hans Dammann. Seine Werke zeichnen sich 
durch Symetrie der Formen und Schönheit und vor 
nehme Ruhe der Linienführung aus. Der Künstler ist 
1867 als Sohn des Geh. Regierungs- und Medizinalrats 
Dammann in Hannover geboren. Er besuchte dort 
das Kaiser Wilhelm-Gymnasium und das Lyceum, dann 
als Grundlage für seinen späteren Beruf als Bildhauer 
die technische Hochschule seiner Vaterstadt. Von 
1888—1893 setzte Dammann seine Studien an der 
Berliner Kunstakademie unter Prof. Wolf, Herter und 
Breuer fort, die er mit dem ersten Preis, der silbernen 
Medaille, verliess, um sich in Charlottenburg als Bild 
hauer niederzulassen. Seitdem sind eine ganze Anzahl 
von Werken aus seinen Händen hervorgegangen, die 
seinem Namen einen guten Klang in der Kimstlerwelt 
verschafft haben. 
Während der Badesaison fährt vom Stettiner Bahn 
hof jeden Sonnabend so um 6 Uhr nachmittags herum 
ein Zug ab, der eine ganz besondere Physiognomie 
hat; seine Passagiere gehören nämlich fast ausschliess 
lich dem stärkeren Geschlecht an. Sie rekrutieren sich 
sämtlich aus dem vergnüglichen Stande der Stroh 
witwer und cs ist für den vom gleichen Los nicht 
betroffenen höchst amüsant, die verschiedenen Grade 
von Schnelligkeit und Eifer zu beobachten, mit dem sie 
dem Beförderungsmittel zustreben, das si ( e' ihrer am 
sonnendurehgliihten Ostseestrande weilenden besseren 
Hälfte zuführen soll. Man erblickt da junge Männer, 
die mit einem riesigen Strauss und tausend Schachteln 
und Packeten, die sie fortwährend zählten, bepackt unge 
duldig die Zugverspätung verwünschen, die jeder nor 
male preussische Eisenbahnzug schon auf der Abgangs 
station haben muss, weil sie das Wiedersehen mit dem 
geliebten Weibchen um so viele Minuten verzögert. 
Man sieht auch andere, die sich mürrisch in eine 
Coupeecke werfen und verdriesslich an die lange Nacht 
fahrt im überfüllten Zuge und die Anstrengungen des 
kommenden Tages denken. Plötzlich fahren sie er 
schreckt zusammen und fassen in die linke Westen 
tasche, wo der Symbol ihrer Gefangenschaft seit der 
Abreise der teuren Gattin ein verschwiegenes Dasein 
gefristet hat und mit wehmütigem Seufzer stecken sie 
den Goldreifen an den Finger. Diese Kathegorie ist 
besonders dadurch kenntlich, dass sie über die erste 
Jugend hinaus ist, sich einer beträchtlichen Leibesfülle 
erfreut und in der Kunst, die letzten Ueberreste ihres 
ehemaligen Haupthaares so zu ordnen, dass es aus 
sieht, als ob sie noch mehr hätten, die höchste Voll 
kommenheit erreicht haben. Aber der Zug geht endlich 
ab, nachdem sämtliche Beamte auf geheimnisvolle 
Weise eine zeitlang umhergerannt sind, zusammen 
gekommen und wieder auseinandergelaufen sind. In 
diesem Augenblick will der junge Ehemann, den wir 
schon eine Weile mit Besorgnis beobachtet haben, aus 
dem Coupe stürzen; ihm ist plötzlich eingefallen, dass 
er die Hauptsache, den neuen Hut, den ihm sein ge 
liebtes Weibchen so auf die Seele gebunden, im Warte 
saal hat liegen lassen. Aber seine Mitreisenden reissen 
ihn rechtzeitig zurück und er setzt seine Fahrt fort, 
ebenso niedergeschlagen wie er vorher ungeduldig war, 
während ihm ein älterer listig blinzelnder Herr Rat 
schläge erteilt, wie man eineschmolIendeGattin besänftigt. 
In Westend, in der Nähe der Spandauer Bock- 
Brauerei ist aus Mitteln privater Wohltätigkeit und 
unter Mitwirkung der Charlottenburger Stadtverwaltung 
die erste Waldschule entstanden. Dieses Unternehmen 
stellt einen Versuch dar, der vielleicht berufen ist, eine 
allmähliche Umwälzung auf dem Gebiete der Volks 
schule herbeizuführen. Denn nachdem man schon seit 
längerer Zeit dahinter gekommen ist, dass Lernen allein 
es nicht tut, und noch so viele und fleissig gelernte 
Bibelsprüche einem siechen Körper nichts nützen, 
scheint man auch, allerdings nur zögernd, den Weg 
der dringend nötigen Reform betreten zu wollen. Die 
Schule ist vorläufig für 60 Knaben und 60 Mädchen 
eingerichtet, und bietet gegen ein mässiges Entgelt, bei 
Unbemittelten kostenlos, den Kindern Aufenthalt, Be 
köstigung, Unterricht und Beaufsichtigung während des 
ganzen Tages. Gegessen wird im Freien, wie denn 
überhaupt die Kinder möglichst ununterbrochen in der 
freien Luft sich aufhalten. Der Unterricht wird in 
einer hellen, luftigen Sclmlbaracke erteilt, durch deren 
weit offene Fenster die würzige Waldluft hereinzieht. 
Hoffentlich gelingt es dem Unternehmen unserer Gross 
stadtjugend zum Heil und Segen sich zu entwickeln.
        
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