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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

«Zugegeben, mein Herr! Vielleicht ist es der Geruch! 
Aber ich wollte Ihnen auch eigentlich nicht von Hunden 
erzählen. Mir schwebte, als ich vorhin Ihre abfällige 
Kritik über das tierische Gedächtnis gehört habe, eine 
kleine Episode aus meiner eigenen Piaxis vor. Es 
handelt sich da allerdings um einen Vierhänder, einen 
Affen. 
Ach, bitte, erzählen Sie! tönte es von allen Seiten. 
Gern! — Nicht grösser, als ein Meerschweinchen 
war sie, als ich sie damals in der Rocktasche heim 
brachte. Meine gute Frau schlug die Hände über dem 
Kopf zusammen, als sie hörte, dass ich für das schwäch 
liche, halbtote Ding noch Geld ausgegeben. Und — 
offen gestanden, meine Herren! —als ich das winzige 
Tierchen so hülflos zusammen gekrümmt dasitzen sah, 
da taten mir doch meine anderthalb Dollars — die 
Sache hat sich nämlich drüben abgespielt, — recht 
in der Seele leid. 
Aber vielleicht gerade darum, um mich vor meiner 
guten Alten nicht zu blamieren, Hess ich dem hin 
fälligen Geschöpf eine doppelt aufmerksame Pflege an- 
gedeihn, und siehe da! Es hatte sich gelohnt! Denn 
schon nach einem halben Jahr war die Jenny, so hatten 
wir unser Aefflein genannt, soweit, dass ich sie in 
leichte Dressur nehmen konnte. 
Na, nach einem Jahr waren denn ihre Muskeln auch 
so prompt entwickelt, dass einem der Atem verging, 
wenn sie liebkosend ihre langen Arme uns um den 
Hals legte. 
Damals reiste ich noch mit einer ganzen Menagerie; 
darunter waren auch junge Foxterrier. Einen von 
diesen lebhaften Gesellen hatte die Jenny nun besonders 
ins Herz geschlossen, und es war geradezu rührend 
anzusehen, wie sie während der Überfahrt nach Europa, 
obgleich sie greulich seekrank war, den guten Freund 
fast nicht aus ihren Armen Hess. 
In Halle bekam ich dann durch Zufall noch einen 
Affen; ein junges, nicht allzu starkes Tier, aber be 
deutend kleiner. Und nun hätten Sie einmal sehen 
sollen, welche abgöttische Liebe Jenny zu diesem Kleinen 
entwickelte. 
Selbst meine Frau, gegen die sie sich sonst noch 
nie bösartig gezeigt hatte, durfte nicht wagen, den 
Kleinen — Tommy hatten wir ihn getauft — auch nur 
schief anzusehen. 
Jenny frass nicht eher, bevor sie nicht ihren Schützling 
gefüttert hatte; sie schlief nicht, ehe der Kleine in 
ihren Armen nicht sanft entschlummert war. 
Bei jeder Dressur ihres Lieblings war Jenny zu 
gegen, verständnisvoll den Übungen folgend, und bald 
hier, bald da durch verhaltenes Grunzen Beifall oder 
Tadel auszudrücken. 
Ebenso verlangte sie aber auch Tommy’s Anwesen 
heit bei ihren eigenen, täglichen Proben, und oft musste 
ich mit schwerem Arger die bittere Erfahrung machen, 
dass mit Jenny, wenn sich der kleine Springinsfeld mal 
versteckt hatte, absolut nichts anzufangen war. 
So ging das zwei Jahre hin. 
Da begann Tommy, nachdem er uns eines Abends 
entvvischt war, und eine ziemlich kalte Nacht auf dem 
Dach des Hauses verbracht hatte, zu kränkeln. 
Er hustete heftig und magerte zusehends ab! 
Von dem Moment hatte ich meine schwere Not 
mit der Jenny. 
Sie machte ihre Arbeit, die sie gelernt, vor dem 
Publikum — o ja! 
Aber so lässig, so widerwillig! 
Sie, die sonst bei dem nie ausbleibenden Applaus 
des Publikums förmlich stolz sich emporrichtete,— eine 
Eitelkeit, die übrigens alle dressierte Tiere gemeinsam 
haben! — sie riss mich beinahe mit sich hinter die 
Koulissen, um nur so schnell, wie möglich, zu ihrem 
kleinen Freund zu kommen, der da, vom Fieberfrost 
geschüttelt, hustend und wimmernd, in Decken ein 
gepackt, ruhte. 
Glauben Sie mir, meine Herren, eine menschliche 
Mutter kann ihr Kindchen kaum so lieben, so hegen 
und pflegen. 
Und je hinfälliger Tommy wurde, desto zärtlicher, 
hingebender, aber auch desperater wurde die Jenny. 
Schon ihr zu Liebe, hatte ich die ersten Tierärzte 
zu Rate gezogen, und als ob sie gewusst, dass, wenn 
von irgend Jemand, nur von diesen Männern Hülfe für 
ihren Freund kommen könne, litt das kluge Tier, nach 
dem es mir einen deutlich fragenden Blick zu geworfen, 
dass diese den kleinen Patienten anrühren und unter 
suchen durften. 
Das war Instinkt! Aber ich wollte ja vom Gedächtnis 
reden! 
Tommy war unrettbar verloren! 
Ich entsinne mich noch ganz genau des Abends, — 
ich war im Passage-Panopticum in Berlin engagiert, 
und wollte gerade mit einem anderen Affen auftreten, 
— als ein herzzerreissender Laut Jenny’s mich noch 
einmal umkehren Hess. 
Da lag sie, lang hingestreckt über die Leiche des 
Kleinen. 
Mögen Sie nun auch lächeln, meine Herren, aber 
mir wurde ganz weh, ganz weich ums Herz. 
Dann aber rief mich die Pflicht. 
Um meine Frau, welche sonst Jenny zur Produktion 
anzukleiden pflegte, nicht der Gefahr des Zerfleischt 
werdens auszusetzen, nahm ich selbst, immer freundlich 
beruhigend sprechend, den kleinen Leichnam, und trug 
ihn vorläufig in die, dicht neben einer Garberobe be 
findliche Requisitenkammer. 
Dann musste ich hinaus auf die Bühne. 
Als meine Frau, wie gewöhnlich, mir Jenny aus der 
Kulisse zuschob, flüsterte sie angstvoll: 
«Gieb Acht! Sie ist ganz ausser sich!» 
Ich gab auch Acht; aber es schien unnötig zu sein; 
denn Jenny arbeitete anfangs so präzise, so exakt, wie 
noch niemals. 
Allerdings war mir aufgefallen, dass sie ihr Stühlchen, 
auf welchem sie während der kurzen Ruhrpausen Platz 
zu nehmen hatte, scheinbar willkürlich immer hin und 
her rückte, und beständig die Augen in einer bestimmten 
Richtung hielt. 
Jetzt kam ihr Haupttrik. 
Das freie Saltomortale auf Kommando. 
Ein Mal — .zwei Mal 
■ Da ' —' 
Was ist das? 
Ein Wutgebrüll, wie ich es noch nie von ihr gehört, 
entringt sich ihrem zähnefletschenden Munde— 
In mächtigem Ansprung zerreisst sie das; Seil, an dem 
ich sie während der Produktion leite, und schiesst, wie 
ein Pfeil, hinter die Kulissen. 
Ich — nicht minder schnell — hinterher, und komme 
gerade noch zurecht, um den unglücklichen Requisiteur 
aus ihren Zähnen zu retten, die sie tief in das Bein des 
Mannes eingeschlagen. 
Natürlich musste der Vorhang fallen, und meine 
Jenny wurde — zum Glück mit negativem Erfolg — 
auf Tollwut untersucht. 
Dagegen hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, die 
erheblichen Kurkosten des Gebissenen zu. tragen. — 
«Nach drei Jahren, meine Herren —» hier erhob 
Serini seine Stimme, «war ich wieder nach Berlin ge 
kommen, und, da ich keinen anderen Platz zum Probieren 
fand, so hatte ich das Anerbieten des neuen Besitzers 
der früheren Skala angenommen, dort meine Proben 
abzuhalten. 
Schon am ersten Morgen, als wir uns nur dem 
Theater näherten, war meine Jenny sehr unruhig ge 
worden. 
Trotzdem aber hatte sie ihre Evolutionen zu meiner 
vollsten Zufriedenheit ausgeführt. 
Als ich dann, nach der Probe mit anderen Tieren, 
mich nochmals nach Jenny umsehe, ist sie . nirgends zu 
finden. 
Wir suchen und suchen, bis wir endlich auch in die 
halbdunkle Requisitenkammer dringen, deren Tür nur 
angelelmt war. 
Da liegt die Jenny, und zwar genau auf dem Fleck 
wohin ich damals den toten Tommy gebettet hatte. 
Lang hingestreckt lag sie da, wie in fassungslosem 
Schmerz. 
Das war, wie gesagt, nach drei Jahren, meine Herren! 
Das war mehr, als Instinkt, das war — — ein treues 
Gedächtnis!»
        
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