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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Blösse zu geben und beschränkte mich darauf, zu dem, 
was dennoch zwischen den anderen gesprochen wurde, 
verständnisvoll zu lächeln. Man schien sich grössten 
teils über die Vorzüge und Nachteile der verschiedenen 
ostasiatischen Dampferlihien zu unterhalten, woran ich 
mich aus Mangel an persönlicher Erfahrung auch in 
meiner Muttersprache nicht hätte beteiligen können. 
So überliess ich mich den Genüssen der Tafel und 
freute mich ein wenig über die Anstrengungen, die 
dem Hausherrn der konsequente Gebrauch des Engli 
schen machte. 
Der Natur des Dr. Fassbinder widerstrebte es, länger 
als höchstens anderthalb Stunden an einem und dem 
selben Orte zu verweilen. Darum eröffnete er, sobald 
der Mokka gereicht war, seinen Gästen das Programm, 
dass er für den weiteren Verlauf des.Tages aufgestellt 
hatte. Der Besuch aus Borneo sollte natürlich die 
Sehenswürdigkeiten Berlins kennen lernen. Zu diesem 
Zwecke war ein Wagen bestellt. Um sieben Uhr musste 
man dann auf der Terrasse im Hotel Bristol an einem 
bereits reservierten Tische das Dinner einnehmen, 
da nach auf eine halbe Stunde in den Wintergarten 
gehen, wofür auch schon die Loge genommen sei, und 
dann würde man weiter sehen. Mr. Brownmiller ver 
suchte wiederholt in bescheidener Weise, gegen die 
zu grosse Liebenswürdigkeit etwas einzuwenden, aber 
Dr. Fassbinder wollte von dergleichen nichts hören 
und schnitt allen Einspruch kurzer Hand ab. 
Der Vi.zekonsul a. D., der von den Hummern einen 
roten Ausschlag bekommen hatte, entschuldigte sich 
mit dringenden Arbeiten, versprach aber, um sieben 
Uhr zum Essen sich einzufinden, und es war nicht zu 
zweifeln, dass er bis dahin seine Arbeiten erledigt habe 
und pünktlich zur Stelle sein würde. 
Der Wagen wartete bereits unten. Vor dem Fort 
gehen überreichte der Wirt seinem neuen Freunde ein 
Exemplar seiner Abhandlung über „die Spuren früh 
christlicher Kunst in den Klöstern des südlichen 
Kaukasus“. Auch ich ging zur Feier des Tages nicht 
leer aus und erhielt, weil ich doch das andere bereits 
besass, als Festgeschenk ein Paar von der Insel 
hawai mitgebrachte Manschettenknöpfe mit der Auf 
schrift „Alohu“, was auf Deutsch soviel wie „Heil“ 
heissen sollte. 
Nachdem wir im Wagen Platz genommen hatten, 
rief Dr. Fassbinder dem Kutscher ein „Drive on!“ zu, 
und der Mann fuhr los. Ich bin überzeugt, dass sogar 
dieser englisch verstehende Kutscher aus besonderer 
Fürsorge gewählt war. 
Wir fuhren also, und jetzt war die Unermüdlichkeit 
zu bewundern, mit der der Doktor den Cicerone machte. 
«That is the Branderburger Thor!» 
<That is the Parlament!» Und als wir unter den 
■ Linden waren, nannte er sie des besseren Verständ 
nisses wegen: 
«Under the Lime-Trees». 
Mr. Fred schien immer etwas sagen zu wollen. 
Ich merkte, wie er oft unruhig hin und herrückte: 
einige Mal, z. B. als ihm das Brandenburger Thor 
gezeigt wurde, versuchte er die Hinweise und Er 
klärungen rnit einer Bewegung zu unterbrechen. Aber 
bei seiner artigen Bescheidenheit und dem lebhaften 
Eifer des anderen k un er nie dazu, mehr zu sagen 
als: Oh, J see! was ich ausserordentlich charakteristisch 
fand. Es war vielleicht ein kleines Unwohlsein gewesen, 
das ihn vorübergehend angewandelt hatte; denn 
schliesslich sass er ruhig in seiner Wagenecke und nickte 
dankend zu allem, was ihm gezeigt wurde. 
Mit einem so kundigen und aufopfernden Führer 
hatte der junge Ostindier in wenigen Stunden soviel 
von.Berlin gesehen, wie andere Fremde sonst in Wochen 
nicht; mehr noch, als man überhaupt gesehen haben 
muss. Er konnte sich bei Dr. Fassbinder bedanken; 
der verdiente es wahrhaftig. Aber der Tag war ja 
noch nicht einmal zu Ende, es standen noch eine Reihe 
von Nummern auf dem Programm. 
Narh Bristol und Wintergarten war der offizielle 
Teil erledigt, und es bestand nunmehr die Verpflichtung, 
dem Herrn aus Borneo, der sich längst allem still 
schweigend fügte, von dem nächtlichen Berlin einen 
Begriff zu geben. Hiervon wollte sich auch der kaiserliche 
Vizekonsul a. D. nicht ausschliessen. 
Wir suchten aus dem Gedränge der Menschheit, 
die dem Wintergarten entströmte, herauszukommen; 
der Doktor immer besorgt, dass ihm sein Fremdling 
nicht verloren gehe. Auf einmal, tippt jemand von 
hinten mit seinem Stocke Mr. Brownmiller auf den Hut 
und ruft: «Kille, kille, Pankow! 
Sofort fährt Fassbinder mit einem drohenden Blicke 
herum: «Mein Herr, Sie irren sich! 
«O, ich meinte Sie ja garnicht, sondern den Herrn 
da,» entgegnete der Betreffende und zeigte auf Mr. 
Brownmiller, der sich auch bereits umgewandt hatte. 
Dann setzte er, den Doktor ignorierend, hinzu: Junge, 
komm mit in den Heidelberger! da hockt heut Abend 
die ganze Blase. 
Der Sundainsulaner war durch dieses Renkontre offen 
bar peinlich berührt und schien zu erröten, sodass ihm 
sein Cicerone schon wieder zu Hilfe kommen wollte. 
Da geschah das Wunderbare, dass Mr. Brownmiller 
selbst passende Worte fand, indem er zu dem ver 
traulichen Flerrn sagte: Mensch, so sieh doch, ich bin 
ja in Begleitung! worauf sich dieser, mit einem: Ach 
so, pardon! entfernte. 
Der Doktor stand sprachlos; in dem Bliqk,, auf 
seinen Gast lag eine Serie erstaunter Fragen. 
— Aus dem Gespräch, das sich notwendigerweise 
an diesen Zwischenfall knüpfte, war zu entnehmen, 
dass Herr Alfred Braunmüller eigentlich ein Berliner 
sei, der lediglich auf mehrere Jahre im Aufträge seines 
Hauses, einer Exportfirma in der Heiligengeiststrasse, 
nach Ostindien, speziell Borneo gegangen war, von 
wo er unlängst zurückkehrte. Die rege Liebenswürdig 
keit des Herrn Doktor hatte den bescheidenen jungen 
Kaufmann nicht dazu kommen lassen, diese ausführlichen 
Angaben über seine Person eher zu machen. 
Inwieweit. Dr. Fassbinder durch diese Erklärung 
befriedigt war, bin ich nicht im Stande zu sagen. An 
jenem Abend empfahl er sich plötzlich mit der Ent 
schuldigung, dass er noch jemanden von der Bahn 
abholen müsse. Und seitdem sind wir uns noch nicht 
wieder begegnet. Vielleicht ist es ihm unangenehm, 
dem Herrn aus Borneo in meiner Gegenwart das. 
Brandenburger Tor gezeigt zu haben. 
Friedrich Fuchs. 
Jenny. 
Von W. Turne r-Lernbeke. 
(Nachdruck verboten) 1 .. 
Sie glauben nicht an das Gedächtnis der Tiere,, 
meine Herren? mischte sich ganz plötzlich ein älterer, 
sehr würdig aussehender Herr in unser animiertes 
Gespräch; Nun, mein Name Serini, dürfte auch Ihnen,, 
vielleicht nicht ganz unbekannt sein?» 
Wie? — der bekannte Dompteur?» 
Derselbe, meine Flerren!» 
O bitte! Wollen Sie nicht Platz nehmen? 
Wir stellten uns der Reihe nach vor. Künstler 
Schriftsteller, Kaufleute; alles bunt durcheinander. 
Serini verneigte sich höflich: Sie werden mir es 
nicht verargen, wenn ich Ihnen freimütig erkläre, dass 
mein Gedächtnis zum Behalten so vieler Namen auf 
einmal nicht ausreicht! 
Wir stimmten ihn lachend zu. Hat doch wohl 
schon jeder das unbehagliche Gefühl selbst kennen 
gelernt, auf einmal von solcher Flut fremder Namen 
förmlich erdrückt zu werden. 
Aber Sie sprachen vom Gedächtnis der Tiere, > fuhr 
der alte Herr fort, Und wenn ich mich nicht irre, 
handelte es sich speziell um das der Hunde! Und da 
muss ich Ihnen allerdings widersprechen; denn dasselbe 
ist nicht nur von Natur erstaunlich veranlagt, sondern 
auch ungemein bildungsfähig. Es ist ja eine oft be 
stätigte Tatsche, dass Jagdhunde Knochen, die sie in 
einer Mahlzeit nicht bewältigen konnten oder mochten, 
an meist überaus geschickt gewählten Verstecken tief 
in der Erde zu vergraben pflegen, und dass sie, wenn 
sie auch nach Wochen erst wieder in jene Gegend 
kommen, doch mit unfehlbarer Sicherheit ihr verwartes 
Eigentum wieder ans Tageslicht fördern, und dann mit 
grösstem Appetit verzehren! 
Das liegt beim Hunde im Geruch!» 
Serini wandte sich sofort zu dem vorlauten jungen 
Mann, und wieder spielte das stille, feine Lächeln um 
seine markierten Züge.
        
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