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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Der exotische Gast. 
(Nachdruck verboten). 
Kennen Sie Herrn Dr. Fassbinder? — Aber doch 
sicherlich! Bei irgend einer Gelegenheit wird er sich 
Ihnen wohl schon vorgestellt haben. Vielleicht haben 
Sie die flüchtige Begegnung nur wieder vergessen. Es 
müsste denn sein, dass Sie äusserst zurückgezogen 
gelebt haben oder noch nicht sehr lange auf der Welt 
sind — dann werden Sie aber noch in der allernächsten 
Zeit seine persönliche Bekanntschaft machen. Darauf 
geh’ ich jede Wette ein. 
Dr. Fassbinder ist ein rüstiger Vierziger, hat mal 
Kunstgeschichte studiert und in absentia promoviert 
mit einer Dissertation über die Spuren frühchristlicher 
Kunst in den Klöstern des südlichen Kaukasus. Dieses 
wissenschaftliche Werk ist in ungeheurer Auflage ver 
breitet, da der Verfasser jedem seiner Bekannten ein 
Exemplar mit eigenhändiger Widmung zu dedizieren 
pflegt. 
Er hat es keineswegs leicht. Zwar ermöglichen ihm 
zwanzigtausend Mark jährlicher Rente, dies Dasein zu 
fristen. Aber wir wissen ja alle, dass Zinsgenuss allein 
nicht glücklich macht. Zum Leben gehören denn doch 
ganz andere Werte, und Dr. Fassbinder z. B. fühlte 
eine grosse Leere in sich, wenn er nicht täglich acht 
bis zehn neue Bekanntschaften geschlossen hatte. Darum 
eben hatte er es so schwer. Denn es lag ihm durch 
aus nichts daran, seinen Bekanntenkreis um jeden 
beliebigen Herrn So und so zu erweitern. Das wäre 
auch für andere nicht weiter schwer gewesen. Und 
um Damenbekanntschaften war es ihm ebenfalls nicht 
zu tun. Dazu bieten sich ja in einer so grossen und 
liebenswürdigen Stadt wie Berlin relativ noch viel 
günstigere Anknüpfungspunkte. In dieser Hinsicht 
war es überhaupt — das muss man ihm lassen — von 
einer grossen Zurückhaltung. Seine besten Bekannten 
wissen nur von einer einzigen Freundin, von der allgemein 
angenommen wurde, sie sei seine Amme. 
Worauf Dr. Fassbinder beim Anknüpfen neuer 
Beziehungen Gewicht legte, war, dass die betreffenden 
Persönlichkeiten durch irgend etwas sich auszeichneten, 
sei es durch ihre Beschäftigung mit Kunst und Wissen 
schaft, sei es durch ihre gesellschaftliche Stellung über 
haupt und vor allem dadurch, dass sie dem Auslande 
entstammten. 
Trotzdem er sich seinen Bestrebungen ganz aus 
schliesslich widmen konnte, wurden doch allmählich 
die Schwierigkeiten, das Tagespensum einzuhalten, 
naturgemäss immer grösser. Schliesslich musste der 
Moment eintreten, wo ihm in Berlin nichts Menschliches 
mehr fremd war. Längere Zeit lunchte und dinnerte 
er nun schon durch sämtliche Boardinghäuser im 
Potsdamer Viertel, aber zuletzt vermochte doch der 
Fremdenzuzug nicht mehr seinen Bedarf zu decken. 
Eines Tages blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich 
zu einer Reise um die Welt zu entschliessen. 
Vorher machte er die Runde bei seinen Bekannten; 
nicht bei allen natürlich, sonst wäre er nicht fertig ge 
worden, sondern nur bei denjenigen, wo er auswärtige 
Beziehungen voraussetzte. Auf anderthalb Minuten war 
er auch bei mir oben. 
Nachdem er draussen das grosse Dienstmädchen 
über den Haufen gerannt hatte, kam er mit dem Klingel 
griff in der Hand hereingestürmt: 
n’ Morgen! Können Sie mich an Jemanden in 
Honolulu empfehlen?» 
Wo?» fragte ich zu Tode erschrocken. 
Mein Gott in Honolulu! schrie er mich an. Oder 
in Yokohama vielleicht? 
Ich sammelte mich und sagte: „Ich glaube kaum. 
« Aber wo denn sonst, Mensch? Wo? schnell, wo?» 
« Warten Sie mal in Shanghai sitzt ein alter 
Schulkamerad von mir als Dragoman. 
« Brauch’ ich nicht, habe schon die ganzen Konsulate. 
Ja, nun dann . Aber wenn Sie vielleicht nach 
der Stadt Mexiko kommen » 
«Gut, kann ja hingehen, her damit.» 
Nämlich den chilenischen Ministerresidenten dort 
hab’ ich vor zweiJahren an derTable d’höte in Wiesbaden 
kennen gelernt. Ein sehr liebenswürdiger —. 
« Ach was, der Name, der Name! 
<«— ein Herr Karay.» 
Grossartig! Bitte, Ihre Karte. Werde Grüssen von 
Ihnen, n’ Morgen! 
Damit war er schon draussen. Erst nach anderthalb 
Jahren traf ich ihn wieder, ln einer offenen Automobil- 
droschke sauste er an mir vorüber. Aber er hatte 
mich gesehen, winkte aus Leibeskräften und liess halten. 
Soll Ihnen Griisse bestellen aus Mechiko — und was 
ich noch sagen wollte: Frühstücken Sie morgen bei mir. 
Werden hochinteressante Bekanntschaft machen, Herrn 
aus Borneo. Kommt direkt von dort. Hab’ ihn im 
Grand-Hötel auf Ceylon kennen gelernt. Wollte mich 
in Berlin besuchen. Wort gehalten. Feiner Kerl, hat 
Elefantenjagden mitgemacht. Do you speak english?» 
«Nein. Aber ich könnte es ja versuchen? meinte 
ich bescheiden. 
«Please, at one o’clock to morrow! Und schon 
war der Weltreisende wieder ausser Sicht. Am anderen 
Tage leistete ich der Einladung Folge. Man bekommt 
nicht immer einen Elefantenjäger vorgesetzt, auch nicht 
überall einen wirklich hervorragenden Rauenthaler Berg. 
Dass der Gastgeber bei einer so ausserordentlichen 
Gelegenheit mit dem Besten, was er auf Lager hatte, 
nicht zurückgehalten würde, war mit Sicherheit an 
zunehmen. 
Dr. Fassbinder hatte denn auch nichts unterlassen und 
sich in Aufmerksamkeiten, durch die sein fremdländischer 
Gast sich angenehm berührt fühlen musste, geradezu 
erschöpft. Er empfing ihn in einer weissen Flanelljacke, 
zu der statt der Weste ein buntseidener Shawl gehörte. 
Was er aus Ostindien als Andenken mitgebracht hatte, 
bronzene Aschbecher, gestickte Tischdeckchen, ein 
gelegte Dolche und andere Gebrauchsgegenstände, 
waren augenfällig angeordnet. In der Mitte der Tafel 
stand ein Elefant aus Ebenholz mit Augen- und Zähnen 
aus Elfenbein. Aber damit nicht genug, hatte der 
Wirt auch für einen Herrn gesorgt, der als Vizekonsul 
einstmals im Bombay, das ebenfalls da unten liegt, 
beglaubigt gewesen sein sollte. 
Der Herr aus Borneo, ein Mr. Fred Brownmiller, 
der noch keine fünfundzwanzig sein konnte, machte 
auf mich einen recht angenehmen Eindruck. Sein 
Benehmen hatte die Ruhe und Gesetztheit derer, die 
unter dem Eindruck der grossen Natur der Urwälder 
und Ozeane gestanden haben; doch haftete an ihm 
nichts von der stillschweigenden Anmassung, mit der 
uns sonst die Engländer zu imponieren pflegen. Im 
Gegenteil kam es mir vor, als wenn Mr. Fred von den 
Ehrungen, die seiner Person zu teil wurden, eher sich 
etwas geniert gefühlt hätte. 
Gesprochen wurde überhaupt wenig; es ging mit 
der Feierlichkeit zu, wie sie von englischer Sitte bei 
Mahlzeiten vorgeschrieben ist. Der Hausherr, der im 
gewöhnlichen Leben anderen Leuten die Gelegenheit 
zu Meinungsäusserung dadurch erschwerte, dass er 
sie nicht ausreden liess, zwang sich heute aus besonderer 
Rücksicht zu taktvoller Gemessenheit. Da auch der 
Vizekonsul noch zu denen gehörte, die als Weitgereiste 
von den Dingen nicht viel Aufhebens machen, so 
beschäftigte er sich desto ausschliesslicher mit den 
mutton-chops, die selbstverständlich, ebenso wie der 
Hummer, vom Grill waren. Auch der Curry spielte 
eine Rolle. 
Ich meinerseits hätte nun meine Wissbegierde 
zwar gern durch eine Reihe von Fragen befriedigt, 
sowohl nach den pensönlichen Schicksalen des Freind- 
länders, als nach der Flora und Fauna der grossen 
Sunda-lnseln, insbesondere nach dem berühmten Elefanten 
von Borneo. Da aber, wie gesagt, mein englischer 
Wortschatz kein reichhaltiger ist, fürchtete ich, nicht 
nur beschwerlich zu werden, sondern auch mir eine
        
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