Path:

Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

[| Die kleine Handschuhmacherin. 
Eine deutsch-amerikanische „Episode“. 
Die vereinigten Handschuhmacher von Tippelskirch feierten heut, 
am dreizehnten Juli, ihr Stiftungsfest — und es schien, als ob der 
Himmel es mitfeiern wollte: er lachte so wolkenlos blau auf Tippels 
kirch herab, dass alle Befürchtungen, welche die Frauen und Töchter 
der Vereinsmitglieder von Jahr zu Jahr an die ominöse Zahl „Drei 
zehn“ zu knüpfen pflegten, diesmal in allgemeines Wohlgefallen sich 
auflösen mussten. Selbst Fräulein Amanda Müller, die annoch ledige 
Schwester des Vorsitzenden, eine der gefiirchtetsten alten Jungfern im 
Städtchen, gestand widerwillig zu, dass der Tag „nicht übel“ sei und 
legte sogar, dieser Tatsache zuliebe, ihr duftigstes Mousselinefähnchen 
und ihr goldnes Einsegnungskreuz am goldnen Kettchen an. Denn 
heut, das wusste sie, würde es hoch hergehen draussen beim Förster, 
wo im Beisein der Damen ein solennes Kaffeekränzchen mit später sich 
anschliessendem Festkommers und Ball im Freien stattfinden - eilte; 
und wer weiss, ob nicht einem der wenigen Hagestolze des Vereins 
Gott Bacchus den tollkühnen Streich spielte, ihn im Rausch an die 
zwar nicht schöne, aber dafür mit Glücksgütern und Moral desto reicher 
gesegnete, schier vierzigjährige Maid zu verkuppeln. 
Auch Gottlieb, ihr Bruder, der begütertste Handschuhmacher am 
Ort, dem seine Mittel es erlaubten, das ehrenvolle Nebenamt eines 
unbesoldeten Stadtrats zu bekleiden, rieb sich ein um das andere mal 
vergnüglich die Hände und sein Vollmondgesicht strahlte förmlich vor 
Wonne. Erhielt doch das heutige Fest seine besondere Weihe durch 
die Anwesenheit eines pikanten „exotischen“ Ehrengasts, der im Fluge 
sich alle Herzen erobert hatte. Dieser Ehrengast war Mister Brown 
aus New-York. 
Was hatte es mit Mister Brown für eine Bewandnis? 
Mister Brown, oder vielmehr sein Vater, hiess eigentlich schlecht 
weg Braun, mit Vornamen Johann, welcher Vorname bei Braun dem 
Jüngeren, und vermutlich desgleichen bei Braun dem Aelteren, im 
Lande der Freiheit ganz naturgemäss in das dort klangvollere „John“ 
sich umgewandelt zu haben schien. 
Braun Vat r war vor vielen, vielen Jahren, wie Stadtrat Müller, 
Handschuhmacher in Tippelskirch gewesen. Aber das hatte seinem 
brennenden Ehrgeiz nicht annähernd genügt; und da über die Mög 
lichkeit, auf dem Wege der Handschuhmacherei die erste Thaler- 
million zu erwerben, sich mindestens streiten liess, so war er rasch ent 
schlossen unter die Börsenspekulanten gegangen und hatte auch richtig 
mit unbändigem Glück in Kürze den gewagten, recht beträchtlichen 
Einsatz vertausendfacht. Vielleicht wäre ihm schon in Deutschland 
der grosse Wurf endgiltig gelungen, hätte nicht plötzlich sein Berliner 
Bankier mit dem anvertrauten Gelde und allem so rasch erzielten Ge 
winn Reissaus nach Amerika genommen, wohin ihm Braun Vater bei 
Nacht und Nebel mit Braun Mutter und Sohn, unter Zurücklassung einer 
enormen Schuldenlast, bald danach folgten. Die Flüche einer statt 
lichen Reihe ehrenwerter Mitbürger, die er mehr oder minder hoch 
an seinem Börsenhandel beteiligt hatte gellten ihm nach. 
Das kühne Hoffen, dem ungetreuen Bankier die ergaunerten Kapi 
talien in Amerika wieder abzuluchsen, sollte sich für Braun Vater 
nicht erfüllen. Aber nachdem er drüben die Firma geändert und unter 
der Flagge „John Brown & Co.“ in New-York einen Lederhandel 
begründet hatte, mochte Fortuna ihn für die erlittene Unbill ander 
weitig aufs üppigste entschädigt haben. Denn nach rund zwanzig 
jähriger Trennung von der deutschen Heimat, die er damals unfreiwillig 
als Knirps verlassen musste, war Braun Sohn unerwartet in Tippels 
kirch wieder aufgetaucht, hatte im „Goldenen Schwan“, dem ersten 
Hotel am Ort, die Beletage gemietet und in echt New-Yorker Manier 
durch riesige Zeitungsanzeigen und Mauer-Plakate die sämtlichen Tippels- 
kircher Familien, denen sein Vater von früher her Geld schuldig sei, 
höflich gebeten, ihre Forderungen bei ihm geltend zu machen und die 
angemeldeten Summen mit Zins und Zinseszins baar in Empfang zu 
nehmen. Im „Goldenen Schwan“ ging es am nächsten Morgen wie 
auf der Kirmes zu: unaufhörlich klappte die Tür zum Vorzimmer 
Mister Browns und auf Gängen und Treppen harrte eine neugierige 
Menschenmenge der ansehnlichen Schaar, die sich in seinen Gemächern 
ein Stelldichein gab. Und als der Eine nach dem Andern erschien 
und freudebebend erzählte, dass Mister Brown der zwei Dezennien um- 
J fassenden Zinsberechnung den horrenden Satz von fünfzig Prozent zu 
Grunde gelegt habe, so dass also die von Braun Vater erhobenen An- 
■ I leihen für seine Gläubiger zu wahren Goldgruben sich gewandelt hatten, 
da war des Frohlockens’ im Städtchen ^kein EndeJund wenig fehlte, 
dass die fünfzehntausend Einwohner mit Kind und Kegel dem jungen 
Krösus einen regelrechten Fackelzug brachten. 
Am meisten von dem New-Yorker Dukatenmännlein entzückt 
zeigte sich Gottlieb Müller, der beim Konkurs des ehemaligen Freundes 
Hauptleidtragender gewesen war und jetzt zwölftausend Thaler, zwar 
nicht in Silbermünze, doch in funkelnagelneuen Tausendmarkscheinen, 
ausgezahlt erhielt. Er bestimmte diesen Betrag, wie er männiglich nicht 
ohne tiefere Absicht kund tat, zur Mitgift für sein einziges, leider noch 
unverlobtes Töchterchen Anna, die einerseits ihrer niedlichen Schön 
heit, andrerseits ihrer Geschäftstüchtigkeit halber, bei Alt und Jung nur 
„die kleine ITandschuhmacherin“ hiess. Dann warf der Herr Stadtrat 
sichinFrack und weisse Glacees, schnitt bei John Brown offiziell Visite 
und lud den Spross seines alten Duzbruders Johann in aller Form zum 
Stiftungsfest der vereinigten Handschuhmacher ein. 
John junior bildete selbstverständlich am Festtage, wie manimSeim- 
bericht sagen würde, den „Favorit“. Er fuhr in der elegantesten 
Equipage, die aufzutreiben war, mit Familie Müller an der Spitze der 
bandwui martig die Laudstrasse sich hinschlängelnden Wae enreihe zum 
Förster hinaus und nahm an der imposanten, auf einer Waldlichtung 
errichteten Festtafel neben dem reservierten Stuhl des regierenden 
Bürgermeisters den Ehrenplatz ein. Das Stadtoberhaupt hatte nämlich, 
um nicht die guten Beziehungen des Reichs zu den Yankees politisch 
zu schwächen, ausnahmsweise sein Erscheinen zum Abendessen zuge 
sagt. Ueberhaupt: das war mal ein Stiftungsfest, wie es im Buche 
steht! Jeder, der amtlichen oder privaten Einfluss in Tippelskirch 
übte, nahm gierig die Gastlichkeit der vereinigten Handschuhmacher 
in Anspruch. Tausend schöne und unschöne Augen, hundert in Gold, 
Stahl und Horn gefasste Brillen und Kneifer, Lorgnetten an dicken 
und schlanken Schildpatt- und Elfenbeinstielen, waren unaufhörlich 
auf Mister John Brown gerichtet, der mit korrekter Grandezza die 
Honneurs machte und kein unbedachtes Wort dem Gehege seiner 
breiten Zähne entschlüpfen liess, das die Eintracht zweier so grossen 
Kulturnationen durch einen Misston getrübt hätte. Im flotten Wett 
streit wirkte er mit den Uebrigen vereint am Friedensw'erke des Kaffee- 
Irinkens und Kuchenvertilgens. 
Der Nachmittag ging heiter hin; es kam der Abend und mi 
ihm der Herr Bürgermeister mit seinem Stabe. Aber noch etwas sehr 
Merkwürdiges kam gleichfalls mit ihnen: ein mit Blumen und 
Guirlanden reich geschmückter Planwagen, von dessen Kutschbock 
eine mächtige Fahne in den deutschen Farben schwarz-rot-gold 
wehte. Quer über das Fahnentuch aber leuchtete in Silberlettern das 
rätselhafte Wort „Rheingold“. Es sollte nicht lange rätselhaft bleib« n: 
denn der Wagen enthielt, wie sich herausstellte, auf hundert weit- 
bauchige Eiskübel gleichmässig verteilt, fünfhundert Sectflascken aus 
der Rheingauer Sektkellerei Söhnlein & Co. zu Schierstem, Marke 
„Rheingold“. Mit begreiflichem Jubel wurde diese höchst sinnvolle 
Gabe des spendablen Amerikaners begrüsst und in ihren vielfältigen 
Exemplaren auf die Festtafel bugsiert. Bald flogen die Pfropfen, 
verwegen knallend, gleich schockweise zu den Wipfeln der Bäume 
empor, und ein lustiges Zechen und Zutrinken hob an, wie es die 
sonst so nüchterne Stadt wohl noch niemals erlebt hatte. 
Natürlich wurden die Toaste nicht vergessen. Als Erster sprach 
John Brown. Sein Hoch galt dem deutschen Kaiserhause: dem 
lebenden, tatkräftigen jungen Kaiser, der drüben die gleiche Verehrung 
geniesse wie daheim — dem hochherzigen, so früh durch ein tückisches 
Leiden dahingerafften Kaiser Friedrich — und last not least der ehr 
furchtgebietenden Greisengestalt Kaiser Wilhelms I., des Reichsbegründers. 
Grade dem verewigten hohen. Herrn zu Ehren, unter dessen glorreicher 
Regierung er geboren sei, habe er heute den besten deutschen Schaum 
wein, das köstliche „Reingold“, zum Festtrank gewählt. Wäre doch dieser 
Sect vom alten Kaiser ein für allemal zur Taufe der deutschen Kriegs 
schiffe bestimmt und dadurch in echt germanischer Art das unberechtigte 
Monopol d e r französischen Secte für ewig gebrochen worden! 
Brausender Beifall dankte dem Redner; der Bürgermeister griff 
klug sein Wort von der Schiffstaufe auf und gab begeistert der 
Hoffnung Ausdruck, dass „Rheingold“ auch bei der Verbrüderung 
Deutschlands mit Amerika noch oft als würdigstes Taufgetränk sich 
erweisen und den innigen Freundschaftsbund immer enger knüpfen 
werde. Die folgenden Herren, die Toaste ausbrachten, verabsäumten 
gleichfalls nicht, die Güte des eilen Rebensaftes, der goldhell im Glase 
vor ihnen perlte, bewundernd zu preisen; und die Stimmung war schon 
einerecht animierte,als plötzlich aufdemPlatze, wo die kleine Handschuh 
macherin sass, laut und anhaltend ans Glas geklopft wurde. 
Eine tiefe Stille trat nach und nach ein, und das Unerhörte 
geschah: Anna Müller, die ehrsame Tochter des Stadtrats und Hand 
schuhmachers Gottlieb Müller, erhob sich zu einem Toast! 
Umsonst zupfte Mama sie ängstlich am Kleide, umsonst warfen 
Papa ihr befehlende und Tante Amanda ihr höhnische hlicke zu; 
lachend und sich energisch alle Hinderungsversuche und Zwischenrufe 
verbietend, begann sie ihr Loblied auf Mister Brown, den sie zum 
allgemeinen Entsetzen den „Mann- aus der Fremde mit dem grossen 
Portemonnaie“ und den „amerikanischen Goldonkel“ nannte. Aber 
sie erklärte, dass die zwanzig Millionen Dollars, auf die ihre lieben 
Mitbürger ihn schätzten, ihr garnicht imponierten, sondern höchstens 
die noble Manier, wie er den schnöden Mammon praktisch verwende. 
Die Idee z. B. mit den 5C0 Flaschen -Rheingold“ heut abend finde 
sie „einfach süss“; das Zeug schmecke „wirklich famos“ und sie 
würde an seiner Stelle noch mehr Kapital darin anlegen; nicht nur 
bei Schiffstaufen, Stiftungsfeiern und Völkervei brüderungsfesten sei 
„Rheingold“ das „einzig Wahre“, es müsse vielmehr direkt -National 
getränk“ werden; und weil er mit diesem vortrefflichen Stoff sie 
bekannt gemacht habe, sei er ein „furchtbar netter Kerl“, so wenig 
sie sonst die „dummen Yankees“ auch leiden möge. Sie komme der 
Familie Brown und speziell ihrem anwesenden Vertreter -göttlich 
fidel“ einen „kräftigen Hochachtungsschluck“. 
Lachend hatte sie ihren „speach“ gehalten, lachend leerte sie 
zum Schluss, sich anmutig gegen den -dummen Yankee“ verneigend, 
ihr gefülltes Sectglas; lachend kanzelte sie die Versammelten ab, weil 
sie ihren Toast mit eisigem Schweigen entgegennahmen, und forderte 
sie lachend auf, doch einen bessern zu leisten. 
In der Tat waren alle über Annehen Müllers Verhalten starr; 
selbst der Amerikaner schien von der seltsamen Episode bis zur 
Sprachlosigkeit verblüfft, denn er antwortete di r jungen Dame, wie 
es doch seine Anstandspflicht erheischt hätte, keine Silbe und sass 
lange, das Auge wie verglast auf die kleine Handschuhmacherin ge 
richtet, reglos da. 
Gottlieb Müller aber benutzte den. ersten schicklichen Vorwand, 
der sich ihm bot, um mit Frau und Tochter von der Bildfläche zu 
verschwinden. Er packte mit den Empfindungen eines Mannes, der 
bis an sein Lebensende unsterblich blamiert ist, beide in seine Kutsche 
und hielt unterwegs, während seine bessere Hälfte zum Erbarmen 
schluchzte, dem ungerateren Kind eine donnernde Strafpredigt, die 
dahemi von der Mutter aufs gefühlvollste ergänzt wurde. 
Aber lachend hörte Anna die elterlichen Vorwürfe und Lamenta 
tionen an, lachend verwahrte sie sich dagegen und lachend ging sie zu 
Bett. Sie musste, wie der Vater mit düstrer Miene vermutete, schrecklich 
viel „Rheingold“ getrunken haben und schrecklich beschwippst sein! 
Dennoch erschien sie andern Tags in der Frühe mit völlig 
klarem Kopf und durchaus nicht zerknirscht am Kaffeetisch. Die 
Prophezeihung der Eltern, dass sie nun nie und nimmer in Tippelskirch 
einenMann kriegen werde, nahm sie nrit unheimlichem Gleichmutlachend 
hin. Man wurde aus dem Mädel wahrhaftig nicht mehr klug. Was 
doch so ein verwünschter Sect für Unheil anstiften konnte! 
Aber das elterliche Erstaunen sollte noch erheblich gesteigert werden. 
Schlag elf Uhr nämlich trat Mister Brown in full dress bei dem 
gänzlich geknickten Elternpaar an und — bat um die Hand von Miss 
Anna Müller. Und die kleine Handschubmacherin sagte lachend ja! 
Am selben Tage legte Mister Brown einen weiteren Teil seines 
Vermögens in tausend Flaschen „Rheingold“ an und lud, wer da 
kommen wollte, im grössten Saale von Tippelskirch zur Verlobung ein, 
nachdem er zuvor die Kunde von dem frohen Ereignis nach New-York 
gekabelt und per Kabel die väterliche Zustimmung erlangt hatte. 
Noch heute schwärmt, mit Ausnahme Tante Amandas, ganz 
Tippelskirch von dieser Verlobungsfeier, der vier Wochen später die 
fröhliche Hochzeit folgte. 
Freilich darf nicht verschwiegen bleiben, dass sämtliche Mütter 
heiratsfähiger Töchter in der Tiefe ihres Busens den Entschluss 
Mister Browns, ausgerechnet die kleine ITandschuhmacherin heimzu 
führen, noch heute für verfehlt und zum mindesten für „spleenig“ halten. 
Der Konsum von „Rheingold“ ist aber seitdem in Tippelskirch 
bedeutend gestiegen und das Toasten junger Mädchen bei Stiftungs 
festen und ähnlichen Feiern nimmt überhand. Es hat auch schon öfter zu 
schönen Erfolgen geführt: denn es gilt bei vielen jungen Männ n rn 
im Städtchen für „fair“, in all' und jedem genau so zu handeln, wie 
Mister Brown aus New-York. 
Nur Tante Amanda hat sich vergeblich zur Rednerin entwickelt 
und altert in Einsamkeit mehr und mehr. Doch über den Schmerz 
ihrer ständig ins Leere verhallenden Toaste tröstet auch sie der 
Zaubertrank „Rheingold“ hinweg!
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.