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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Die goldene Freiheit. 
Humoreske von Paul Bliss. 
(Nachdruck verboten.) 
Es ist eine alte Geschichte: wenn die Frau verreist ist, 
kommt der Mann auf böse Gedanken. Und das gilt um 
somehr für eine Ehe, in der die Frau nicht nur die bessere 
Hälfte, sondern auch die willensstärkere Partei ist. Muss 
in einem solchen Fall die Hausfrau mal einige Wochen, 
fern vom heimischen Herd, in irgend einem Seebad oder 
sonstwo zubringen, so darf man zehn gegen eins wetten, 
dass der Gatte, an die goldene Freiheit nicht mehr gewöhnt, 
Gedanken zur ehelichen Wilddieberei bekommt und sich 
auf ein Gebiet begibt, das er im Beisein seiner energischen 
Gattin streng meiden würde . . . 
Also zur Sache. 
Herr Waldemar, Rittergutsbesitzer auf Karolinental, 
war seit drei Jahren glücklicher Ehemann, das heisst, mehr 
Ehemann, als glücklich. Er hatte eine Frau bekommen, 
die ebenso reich als energisch war — und sie war sehr 
reich. Von dem Reichtum hatte Herr Waldemar gewusst, 
von der unheimlichen tnergie nicht. Als Braut war seine 
Karoline das duldsamste liebevollste Wesen, das er je ge 
sehen, als Frau wurde sie das Gegenteil. Aber das ist ja 
immer so: will man eine Frau ganz kennen lernen, muss 
man sie erst heiraten. Die meisten Männer wissen das und 
deshalb wollen sie auch die Frauen niemals ganz kennen 
lernen. 
Herrn Waldemars Ehe blieb kinderlos. Er war darüber 
erstaunt, sie entrüstet. Und seit der Zeit lebten beide Ehe 
gatten beständig auf Kriegsfuss. Er mochte tun, was er 
wollte, sie war stets anderer Meinung. Sie dagegen tat, 
was ihr gefiel, und darüber durfte er nie ein missbilligen 
des Wort äussern. 
Man wird sich ein Bild machen können von dem Ehe 
leben der beiden. Schön ist anders. 
Da eines Tages fiel ein Sonnenstrahl in das Gefängnis 
des Mannes. Der Arzt verordnete der Frau eine Bade 
kur, — ich glaube: Schlangenbad. 
Natürlich war der glückliche Ehemann einverstanden 
mit dem Rat des Arztes, und Frau Karoline, so ungern sie 
ihren Mann auch allein liess, bequemte sich zu der ver- 
ordneten Reise. Da ihr Mann der Ernte wegen nicht mit 
fahren konnte, reiste sie mit einer bekannten Familie. 
Natürlich warnte sie ihren Gatten durch einen nicht miss 
zuverstehenden Blick, dass er sich in ihrer Abwesenheit 
nur ja nicht erlauben solle u. s. w. — und natür 
lich versprach Herr Waldemar Alles; er hätte noch mehr 
versprochen, denn vor ihm prangte eine vierwöchentliche 
Erholung, eine Welt voll Sonnenglanz, eine Welt voll 
Freude: voll Genuss, von Liebe, von Sekt und tausend 
süssen Tollheiten — — o, man muss erst drei Jahre in 
kinderloser Ehe gelebt haben, — und so wie der arme 
Waldemar gelebt haben! — um zu wissen, was es heisst, 
ohne Frau vier Wochen allein zu leben; also wie gesagt, 
er versprach alles, und sie dampfte ab. 
Kaum war Frau Karoline fort, so ritt Herr Waldemar 
hinüber zu einem Gutsnachbar, einem flotten Dreissiger, 
der ehemals bei den Garde-Ulanen in Berlin gestanden 
hatte, und besprach mit diesem das Programm der vier 
ehefreien Wochen. 
Natürlich wollte er nach Berlin und dort sich ent 
schädigen für seine dreijährige Kerkerzeit. Um seine Wirt 
schaft brauchte er sich keine Sorgen zu machen, denn er 
hatte einen zuverlässigen Inspektor. Und so beriet er denn 
mit dem Nachbar, der Berlin durch und durch kannte, 
wie er, ohne sonderlich viel Mammon zu opfern, möglichst 
viel Liebesfreuden gemessen könne. 
Man liess in drei grossen Berliner Tageszeitungen ein 
» H eiratsgesuch einrücken. 
»Ein Rittergutsbesitzer, sehr reich, vollkommen unab 
hängig, gross, blond, ehemaliger Offizier, gesund und 
kräftig. Lebemann, in den besten Jahren, wünscht, da ihm 
Bekanntschaften fehlen, auf diesem Wege eine elegante, 
liebenswürdige, wenn auch arme Dame kennen zu lernen 
u. s. w.« 
Das, so wusste der kundige Nachbar aus Erfahrung, 
wäre die beste Gelegenheit, Bekanntschaften zu machen, 
denn an eine wirklich ernste Verbindung wurde bei solchen 
Inseraten von beiden Seiten in den meisten Fällen nicht 
gedacht. 
Am dritten Tage war das Inserat in den Zeitungen. 
Am vierten Tage reiste Herr Waldemar nach Berlin, mit 
wenig Gepäck, aber desto mehr blauen Scheinen in der 
Brieftasche. Und am fünften Tage lies er sich die einge 
laufenen Angebote in sein Hotel bringen. 
Einhundertundftinfundfünfzig Briefe waren abgegeben 
worden. Herrn Waldemar lief ein süsser Schauer über 
den Rücken, als er den Berg von Briefen sah. Was nun 
beginnen? Welche war die Beste für ihn? Ein paar Briefe 
las er. Anfangs interessierte es ihn, aber schon beim 
vierten verlor er die Ruhe. Was tun? Endlich griff er aus 
der Mitte ein Briefchen heraus. Die sollte die Erwählte 
sein. Und er hatte Glück. Er las einen Brief, der von 
einer süssen Unschuld geschrieben war, einfach und herz 
lich, ohne Wissen der Eltern geschrieben, von einem Engel 
an Reinheit und liebevoller Unwissenheit — — Herrn 
Waldemar’s Herz pochte in fünfachtel Takt. — Diese sollte 
es sein, diese um jeden Preis! 
Unterzeichnet war der Brief »Die Dame in Schwarz«, 
als Rendezvous hatte sie den Platz vor der französischen 
Botschaft angegeben, und das Erkennungszeichen für ihn 
sollte ihre schwarze Kleidung sein; am nächsten Tage, 
Vormittags elf Uhr wollte sie ihn erwarten. 
Diese sollte es sein. 
Herrn Waldemar’s Blut jagte fiebernd durch die Adern. 
»Die Dame in Schwarz« erfüllte all’ sein Denken. Erstellte 
sich vor, wie sie aussehen musste. Er malte sie sich in 
den rosigsten Farben. Das Wasser im Munde lief ihm 
zusammen, wenn er an den ersten Kuss dachte, o, er war 
ja so hebebedürftig nach diesen drei dürren Jahren seiner 
missratenen Ehe. ln fiebernder Ungeduld verbrachte er 
den Tag und die Nacht und die nächsten Vormittags 
stunden, bis endlich die Zeit der Erwartung heran war. 
Jetzt war der glückliche Augenblick da. Mit strahlenden 
Augen stand er vor dem grossen Spiegel und nahm eine 
letzte Prüfung seiner Toilette vor. Es war alles in Ordnung, 
— er musste Eindruck machen, — sein Erfolg war gewiss. 
Siegessicher nahm er den Weg nach der französischen 
Botschaft. 
Eine Dame fand er dort. Eine Dame in Schwarz. 
Aber diese Dame war weder jung noch schön, sondern 
hatte mindestens ihre fünfzig Lenze zu tragen. Was war 
das? Er stand wie starr und überlegte einen Moment, 
was dabei zu tun war. Das Beste: man ignorierte sie 
vollständig. Aber dazu war es zu spät. Die Dame hatte 
ihn bereits bemerkt. Sie stürzte auf ihn zu und begann 
voll Entrüstung: 
»Sie erwarten meine Tochter!?« 
Er wurde unruhig und sagte: »Ich weiss nicht, ob Ihr 
Fräulein Tochter mir diesen Brief geschrieben hat.« Und 
nun zeigte er der Dame das unschuldvollste Angebot. 
»Sie erwarten meine Tochter! — Sie sind erkannt, 
mein Herr!« fuhr sie ihn an. 
»Aber, ich bitte sehr —« er wurde immer unruhiger. 
»Ich bin die verwittwete Regierungsrätin Schwarz 
wald«, fuhr sie erregt fort, »Sie haben meine Tochter 
auf schlechte Wege lenken wollen: folgen Sie mir zur 
Polizei, mein Herr, ich muss Ihre Persönlichkeit feststellen 
lassen.« 
Jetzt bekam er einen Ruck. Darauf war er nicht 
gefasst gewesen. Mit Berliner Verhältnissen war er durch 
aus unbekannt und seinen Namen in einen Skandal ver 
wickelt zu sehen, dafür dankte er bestens, — schon seiner 
Frau wegen. 
Also er gab klein bei, sagte um sich aus der Affäre 
zu ziehen, dass sein Gesuch vollständig ernst gemeint sei, 
stellte sich vor als ein Herr Wilde aus Karlshorst und 
versprach alles Mögliche, nur um die empörte Dame zu 
beruhigen. 
Diese aber, als sie seine Angst und Verlegenheit be 
merkte, lenkte sofort ein, wurde zugänglicher und meinte 
endlich — unter diesen Umständen könne er ihre Tochter 
kennen lernen. 
Langsam gingen sie dann die Linden entlang. Unter 
wegs rühmte sie ihm nun all’ die guten Eigenschaften 
ihrer Tochter. Sie sei jung und schön, sei ausserordentlich 
wirtschaftlich, und musikalisch sei sie auch. O, er würde 
sehr zufrieden sein. 
Ihm war nicht sonderlich behaglich, da er für einen 
schlimmen Ausgang der Sache fürchtete, schliesslich aber 
beruhigte er sich, weil er doch ein Abenteuer erleben 
wollte, und er an die schöne Tochter dachte. 
Bei den Schaufenstern von Jules Bister stand sie still. 
Er auch. Eine Robe gefiel ihr. Man ging hinein. Sie 
kaufte die Robe. Er war so galant, das Geld auszulegen. 
Ein Diener trug das Packet ihnen nach. Bei Felsing sah 
sie eine Uhr. Auch die kaufte er. Bei Friedländer stand 
sie vor einem Brillanten-Kollier. Und wieder war er 
nobel genug, die Summe auszulegen, — er dachte an die 
schöne Tochter. 
Endlich waren sie daheim: Friedrichstrassen-Ecke, am 
Schiffbauerdamm. In der ersten Etage wohnte sie, — so 
sagte sie ihm. Da sie aber erst ihr Töchterchen auf seine 
Ankunft vorbereiten wolle, so möge er hier unten im 
Restaurant ein paar Minuten verweilen, bis sie ihn durch 
ihren Diener würde rufen lassen. 
Er war einverstanden, und sie ging mit dem Packet 
die Treppe hinauf. 
Aber er wartete ziemlich lange, ohne dass sich ein 
Diener sehen liess. Nach einer Stunde wurde ihm die Sache 
unheimlich. Er ging hinauf in die erste Etage. Natürlich 
keine Regierungsrätin; so durchsuchte er das ganze Haus 
— umsonst. Endlich entdeckte er aber, dass dieses Haus 
noch einen Ausgang hatte und zwar nach dem Schiffbauer 
damm hinaus. Nun wusste er genug. Er war einer Hoch 
staplerin in die Hände gefallen. 
Verärgert ging er in sein Hotel zurück. Und da er 
wartete ihn bereits ein Telegramm. Seine Gattin war im 
Bade krank geworden, so dass der Arzt, der einsah, dass 
die Kur der Patientin nichts nutzte, sie nach Hause ge 
schickt hatte. Mit der goldenen Freiheit war es aus! 
Der arme Waldemar, — wie gebrochen sank 
er in einen Fauteuil. Der schöne Traum war aus. Und 
nun begann das Nachspiel zu Hause. 
In derselben Stunde noch reiste er ab. 
Was sich aber daheim zwischen Herrn Waldemar und 
der energischen Frau Karoline ereignet, das verschweigt 
des Sängers sprichwörtlich gewordene Höflichkeit.
        
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