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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

halten wurden, einnimmt. Man nimmt an, dass der 
neue Präsident dazu berufen ist, den Zusammen 
schluss der Landeskirchen, den man bekanntlich 
anstrebt, durchzuführen. 
Die neuen schmucken Helme des Garde-Train- 
Bataillons, die seit der letzten Rekrutenvereidigung 
des Gardekorps eingeführt worden sind, finden beim 
Berliner Publikum lebhafte Beachtung. Besondere 
Freude hat diese Auszeichnung bei den alten 
Berlinern erregt, welche sich der Entstehung des 
Bataillons aus einem Stamm von 6 Trainsoldaten 
auf Veranlassung des damaligen Prinzen Wilhelm 
von Preussen im Jahre 1832, die in der alten 
Artillerie - Kaserne am Kupfergraben stationiert 
waren, noch erinnern. Dank der grossen Reor 
ganisation des preussischen Heeres am Ende der 
fünfziger Jahre konnte sich die Truppe ausser 
ordentlich schnell entwickeln, sodass sie bei einer 
Mobilmachung im Jahre 1856 bereits 5 Proviant 
kolonnen, I Feldbäckereikolonne, 1 Pferdedepot, 
1 Krankenwärterkompagnie, 1 Hauptlazarett, 3 leichte 
Feldlazarette mit einem Stabe von 24 Offizieren und 
1205 Unteroffizieren und Mannschaften formieren 
konnte. Seit 1865 führt das Bataillon die Bezeichnug 
Garde-Train-Bataillon. In den Kriegen 1866 und 
1870/71 hat dieses Berliner Bataillon ausserordent 
liche Anerkennungen erworben. Es wurde 1866 
durch 23 Orden und 40 Ehrenzeichen, 1870/71 durch 
55 Eiserne Kreuze für Offiziere, Unteroffiziere und 
Mannschaften ausgezeichnet. 
Bis zum Jahre 1862 trug der Train Helme mit 
bronzenem Gardeadler, welche die Mannschaften in 
diesem Jahre gegen die schwarzledernen Tschakos 
eintauschen mussten. Die neuen Helme des Garde- 
Train-Bataillons, das jetzt aus 3 Kompagnien be 
steht und seit 1886 in Tempelhof in einer eigenen 
Kaserne, die mit dem Train-Debot des Gardekorps 
verbunden ist, liegt, sind Infanteriehelme mit ge 
wölbten Schuppenketten. 
Mit dem Geh. Kommerzienrat Adolf von Hanse 
mann ist eine der bedeutendsten Persönlichkeiten 
der Berliner Finanzwelt aus dem Leben geschieden. 
Hansemann war 46 Jahre Mitinhaber und Leiter 
der Disconto- Gesellschaft, die 1850 von seinem 
Vater David Hansemann gegründet worden ist. 
Geheimrat Prof. Johannes Orth war Assistent 
Virchows und hat dessen Lehrstuhl für pathologische 
Anatomie an der Berliner Universität übernommen. 
Er gilt als Fachmann ersten Ranges auf dem Gebiete 
der mikroskopischen Gewebeuntersuchung. Bei der 
Operation Kaiser Wilhelms hat er das entfernte 
Gewebestück untersucht. 
Sylvester. 
3ch sciss allein im Zimmer 
Unter dem Weihnachtsbaum 
Und starrt’ in den Kerzenschimmer - 
Umfangen vom Weihnachtstruum. 
Und wie ich sinnend sitze 
Knisfert’s am Baum und zischt; 
Ganz oben an der Spitze 
Das Dichtelein verlischt. 
Ein Fünkchen schwadi nodi glühet — 
[hin ist’s erloschen auch - 
Und nach der Dedie ziehet 
Qualmend ein Wölkchen Raudr. 
Und schwer wie heisse Cränen 
Rollt flüssig Wadis herab 
Und hängt in starren Strähnen 
Wie Eis uom Baum herab. 
Und wieder zischt’s und wieder 
Erlisdit ein Dicht am Baum 
Und Cropfen rollen nieder 
Und dunkler wird’s im Raum - — 
Sch sah die Cropfen rinnen 
Und sah den Glanz uerglüh’n 
Und starrt in trübes Sinnen 
Versunken uor midi hin: 
Den hellen Dichtern allen 
Die ßoffnungen sind gleich 
Die unserm Erdenwallen 
Glühen so stolz und reidi. 
Und wie die erste Kerze 
Hm frohen Weihnachtsbaum 
Erlischt im ersten Schmerze 
Der schönste Boffnungstraum. 
Ein trüber Boffnungsfunken 
Zittert im Berzen nadi; 
Bald ist auch der versunken 
3n Deid und Ungemadi. 
Und unsre Cränen rinnen 
Wie flüssig Wachs, so heiss 
Und’s Berz im Busen drinnen 
Wird starr und kalt wie Eis. 
Und bald und wieder weichet 
Ein ander Boffnungslicht, 
Bis dass das fiaar erbleichet, 
Sich furcht das Angesicht — - 
3di fuhr empor — beklommen, 
Wie aus qualvollem Craum — 
Sie waren all’ verglommen, 
Die hichter an dem Baum. 
Sglvesfer 1844. S. R. 
Theater, 
ie Feiertage sind vorüber; sie haben nichts 
Neues gebracht, denn die beiden Weih 
nachtsneuheiten, Halbe’s „Strom“ und 
Schönthan’s „Maria Theresia“ sind nicht mehr neu. 
Sie haben beide in Wien ihre Erstaufführung erlebt 
und ihr Erfolg war gemacht, ehe sie nach Berlin 
kamen. Das ist bezeichnend für Berlin als Premieren 
stadt und bezeichnend besonders für die Berliner; das 
wüste Gebrüll der gestrigen Sylvesternacht tönt 
mir noch in den Ohren. Und das Getobe wird von 
Jahr zu Jahr schlimmer und roher. Man sieht so 
recht, wie unendlich wohl den Teilnehmern der 
Radauszenen ist; wo es ordninär zugeht, da ist der 
Berliner mit ganzem Herzen dabei; wo er seine 
Brutalität und Schnoddrigkeit spazieren führen 
kann und so recht mit Behagen dem lieben Mit 
menschen auf die Zehen treten und ihm hinterher 
noch die Faust unter die Nase halten, da ist er in 
seinem Element. Und so ist es in allen Verhält 
nissen. Die Elerren Autoren wissen ein Lied davon 
zu singen, nicht zuletzt Max Halbe; daher ziehen 
sie vor, zuerst zu gesitteteren und liebenswürdigeren 
Menschen zu gehen und sich dort ein Zeugnis aus 
stellen zu lassen, ehe sie sich nach Berlin wagen, 
denn so grossmäulig der Berliner auch ist und so 
sehr er — man kann fast sagen ausschliesslich — 
sein Bestreben darein setzt, sicli durch Nichts 
imponieren zu lassen; im Grunde beugt er sich 
fremder Autorität mit seltener Urteilslosigkeit. Wie 
viel der Wiener Erfolg der beiden Stücke zu dem 
Berliner beigetragen hat, soll hier nicht untersucht 
werden; Tatsache ist, dass sie beide in ihrer Art 
einen grossen Erfolg hatten; denn man diskutiert 
heftig über die Höhe der Tantieme, welche die 
Sorma dafür bezieht, dass sie „Mitglied“ des Neuen 
Theaters ist und zerbricht sich beharrlich den Kopf 
darüber, wie die Direktion eben dieser Bühne auf 
ihre Kosten kommen kann, wenn die Tantieme 
wirklich so gross ist, wie solche, die es wissen 
können behaupten, dass sie wäre — und in einer 
Dresdener Zeitung habe ich kürzlich gelesen, dass 
die Kostüme der Gross an 100,000 Mark kosteten. 
Sowas muss man doch gesehen haben, wenn man 
mitreden will. Während diese wichtigen Dinge die 
weitesten Kreise im Atem erhalten, hat man es bei 
nahe ganz übersehen, dass das vielgeprüfte Belle- 
Alliance-Theater wieder einmal seine Pforten ge 
öffnet hat. Die Direktion des Thalia-Theaters hat 
das Wagnis unternommen, dieses nun schon so oft 
gestrandete Schiff in das richtige Fahrwasser zu 
bringen. Allem Anscheine nach sind auch die beiden 
erfahrenen und gewiegten Direktionen Kren und 
Schönfeld die geeigneten Leute dazu. Zum wenig 
sten hatte „Der reiche Berliner“, grosse Ausstattungs 
posse mit Gesang und Tanz in drei Akten nach 
Ely und Jacobsohn, neu bearbeitet von Jean Kren 
und Alfred Schönfeld, mit welchem die neuen Direk 
toren zugleich als Autoren debütierten, einen durch 
schlagenden Erfolg. Das schon etwas angejahrte 
Stück war mit witzigen Couplets und einer netten 
Musik aufgefrischt worden und die tüchtige Regie, 
die flotte Darstellung und die prächtige Ausstattung 
halfen über einzelne schwache Stellen hinweg. Um 
den Erfolg machten sich besonders verdient: Fritz 
Helmerding, dem seine Rolle Gelegenheit bot, sich als 
ernsthafter Charakterdarsteller zu zeigen, Heinz 
Gordon und August Reiff in zwei prächtigen Chargen, 
sowie die Damen Gerda Walde, Else Wannovius 
und Else Scholz. — Zu Ehren Hans Pagay’s gab es 
im Residenztheater ein altes rührsames Stück „Crain- 
quebille“ von Anatol France. Der Jubilar spielte den 
alten Gemüsehändler und bot eine Meisterleistung 
seiner Charakteristik in Maske und Darstellung. 
Gustav feppert.
        
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