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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Das Unikum. 
Theaterhümoreske von Karl Pauli. 
(Nachdruck verboten.) 
Es giebt doch glückliche Menschen, ich gehe 
hier von dem Standpunkt aus, dass Glück kein Zustand 
ist, sondern ein Begriff, und Begriffe sind bekanntlich 
Produkte unseres eigenen Denkens. Es ist daher so 
leicht glücklich zu sein, so leicht allein sind es 
die Menschen, nein! — wenigstens nicht alle, die 
Meisten sogar nicht, — er aber war es, er war aber 
auch ein Unikum, ein Künstler in jeder Kunst, auch 
der des Lebens. — Er war Schauspieler und hiess, ja 
wie hiess er doch gleich - ich glaube Gallert beim 
Theater nannte er sich aber Sülze, aus Rücksicht für 
seine Familie — ich nannte ihn gewöhnlich nur das 
Unikum, eine Bezeichnung, die er selbst auf sich an 
wendete. Ich lernte ihn eines Tages in einem Fünf- 
pfennig-Omnibus kennen, der Kondukteur konnte nicht 
herausgeben und der Künstler wendete sich an mich, 
mit der Frage, ob ich in der Lage sei, ein grosses 
Geldstück wechseln zu können, wobei er mir ein 
Fünfzigpfennigstück entgegenhielt. Damals war ich 
noch in der glücklichen Lage, über solche Summen zu 
verfügen und wechselte, auf diese Weise wurden wir 
bekannt. Er war Schauspieler bei Edurd Heckerlin, 
Direktor der vereinigten Theater für Vorort und Fern 
verkehr, engagiert. Die Gesellschaft gastierte nur um 
Berlin, meist in Städten von weit unter zehntausend 
Einwohnern. Seine Persönlichkeit hatte meine Interesse 
erwekt, ich beschloss, ihn zu besuchen, seine Adresse 
hatte er mir genannt, — Badstrasse 3816, s’ ist ja 
n’ bischen weit. Dort suchte ich ihn auf. 
Gleich der erste Eindruck war ein bedeutender, ich 
sah ihn noch gar nicht, als ich schon etwas hörte, was 
mich seine Ungewöhnlichkeit ahnen Hess, was mir wie 
ein Hauch seines Geistes entgegen nein wehte 
wäre hier nicht der richtige Ausdruck, ich muss schon 
> entgegenklapperte sagen. 
Als ich nämlich die Treppe zu seiner Wohnung 
hinaufstieg, hörte ich in dem Zimmer ein eigentümlich 
klapperndes Geräusch, als wenn jemand in einem Buche 
blättert, dessen Seiten aus Holz bestehen. Doch ich 
hatte zum Nachdenken keine Zeit, klopfte an und trat 
ein. Ich fand den Künstler in einer, für einem Liebling 
der Götter wenig würdigen Umgebung. Zwischen den 
kahlen, graugetünchten Wänden des Zimmers befand 
sich nur eine gehobelte Bettstelle, ein ebensolcher Tisch 
und zwei Stühle, auf einem sass der Schauspieler vor 
dem Tisch, auf dem andern stand eine Schüssel mit 
gebrauchtem Waschwasser. Die buntrot und blau 
karrierten Betten in der Bettstelle waren zerwühlt, oben 
drauf lag ein schmutziges Vorhemdchen. Der Künstler 
trug keinen Rock, selbst die Hemdsärmel waren von 
zweifelhafter Weisse. Der Hauptpunkt unserer Unter 
haltung war schnell erledigt, wir kamen auf die Kunst 
im allgemeinen und auf seine Leistungen im besondern 
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zu sprechen. Er war durchaus nicht stolz und sprach 
über sich mit dem grössten Freimut. 
Sehen Sie, mein werter Freund,« sagte er, einen 
Künstler wie mich finden Sie nicht zum zweitenmale 
in der Welt, ich bin eben ein Unikum! ich spiele alles, 
alles, den Kariös, den Shylock, den Othello, den Schuster 
Weigel, den Lear, den Max Piccolomini, alle drei 
Mööre er wollte weiter sprechen, unterbrach sich 
aber, indem er auf den Tisch deutete und nachlässig 
hinwarf: 
Aber Sie können sich ja selbst überzeugen, bitte 
da liegen meine Recensionen. Ich sah nach dem Tisch, 
erblickte aber nur einen etwa fusshohen Stoss über 
einandergeschichteter Zigarrenkistenbretter. Dieselben 
waren an der einen Längseite durchbohrt und wurden 
von einem durch die Bohrlöcher gezogenen Bindfaden 
zusammengehalten. Ich hatte also recht gehört, es war 
in einem Buch geblättert worden, dessen Seiten aus 
Brettern bestanden. Und dieses Dauerbuch enthielt 
seine Recensionen? Er verstand meinen fragenden 
Blick und sagte: Jawohl, das sind sie, man reisst sich 
so um diese Lektüre, dass ich genötigt war, ihnen 
eine festere Grundlage zu geben, um sie vor der 
Vernichtung zu bewahren; sie sind doch immerhin von 
historischem Wert. — Mit der ihm schuldigen Achtung 
schlug; ich das historische Dokument auf und las. Der 
Künstler ging eine Weile schweigend im Zimmer auf 
und ab, plötzlich rief er, stehen bleibend, sich hoch 
aufrichtend: 
Zuletzt, was hat das zu bedeuten? Sie lesen 
nur darin, was ich kann, aber was ich nicht kann, 
das finden Sie nirgends; das giebt es nämlich nicht! - 
Mich bringt nichts in Verlegenheit! nichts aus der 
Fassung! Nehmen wir an, es wäre in einer Räuber- 
auffiihrung, und vor dem fünften Akt stirbt plötzlich 
der Daniel? Was thnn? überall wo das Stück auch 
gegeben würde, müsste die Vorstellung unterbrochen 
werden, nur nicht an der Bühne, wo ich engagiert bin! 
und wissen Sie warum? weil ich den Franz spielen 
würde! und wissen Sie was ich täte? nein, antworten 
Sie nicht, Sie können es nicht wissen, aber hören Sie! 
- ich spräche die Rolle des Daniel zu der des Franz 
zu! Sie staunen? Sie wissen nicht wie das möglich 
ist, nun hören Sie! Also das hier ist die Bühne. Hier 
knie ich als Franz und bete. - Er kniete bei diesen 
Worten nieder, rollte die Auge, schnitt eine grässliche 
Fratze und sprach mit der ganzen Unnatürlichkeit von 
drei Schmierenkomödianten zusammengenommen: Hab 
mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben, mein Herrgott! 
Im gewöhnlichen Tone fuhr er dann fort: Jetzt 
hätte der Daniel zu reden und zu sagen: Gott, 
Gott, auch seine Gebete werden zu Sünden! Da er 
aber nicht da ist, fahre ich ruhig fort: Wenn mich 
Daniel hörte, er würde mein Gebet für Sünde 
halten, aber ich will auch nicht beten, diesen Sieg soll 
der Himmel nicht haben, diesen Spott mir nicht antun 
die Hölle. Jetzt hat wieder Daniel zu reden und zwar 
ruft er: Jesus Maria, helft, rettet, das ganse Schloss 
steht in Flammen«, allein da er nicht da ist, ,kann er 
die Worte nicht sprechen, weshalb ich fortfahre: Daniel! 
Daniel! Das Schloss brennt, o wenn du da wärst, mein 
Daniel, dann würde ich zu dir sagen: Hier nimm diesen 
Degen, hurtig! jage ihn mir von hinten durch den Leib, 
dass nicht diese Buben kommen und treiben ihren 
Spott mit mir!«« Nun hat Daniel zu sagen: Bewahre, 
bewahre, ich mag niemanden zu früh in den Himmel 
fördern, viel weniger zu früh » 
Da aber kein Daniel vorhanden, spreche ich als 
Franz ruhig weiter: 
Aber der feige Lump würde es nicht tun und mir 
womöglich gar antworten, er möge niemanden zu früh 
in den Himmel befördern, geschweige denn in die 
Hölle — nein, in die Hölle würde er nicht zu sagen 
wagen, aberdenken würde er es sich und forteilen und 
mich allein lassen: Ja, in die Hölle denkt er, und wirklich, 
ich wittre so etwas.« 
Er stand auf, wischte sich den Staub vom Knie 
und sagte in überlegenem Tone: Sehen Sie, so mache 
ich’s, ist Ihnen aufgefallen, dass etwas fehlte? So will 
ich jede Rolle zusprechen, der Direktor, der mich hat, 
braucht nur die Hälfte Personal, ich mache alles, ich 
spiele alles, ich kann alles, aber leider kann mich imriier 
nur einer haben, weil ich eben ein Unikum bin. Auch 
in anderer Beziehung bringt mich nichts in Verlegen- 
heit, z. B. ich soll als Posa erschossen werden und der 
Schuss versagt. Jeder andere Schauspieler stände ratlos 
da, ich nicht! wissen Sie, was ich tun würde? ich würde 
einfach ausrufen: O Gott, ich habe mein Taschen 
messer verschluckt, ich muss sterben! und tot Umfallen. 
Jeder kommt nicht drauf, alte Schauspieler nicht, aber 
ich, ich, ja ich bin eben ein Unikum! 
Das war unsre erste Begegnung. 
Mehr als zehn Jahre waren vergangen, als ich ihn 
wiedersah, es war in einer grossen Stadt. Er kannte 
mich noch und als ich fragte, wo er engagiert wäre, 
nannte er mir ein grosses Theater. Ich gratulierte ihm 
zu der Karriere und fragte, was er spiele? — 
Spielen? rief er ja wenn ich blos das brauchte, 
ich nehme ja einen viel, viel wichtigeren Posten ein, 
ich, ich bin ja das Theater! ich mache ja alle Vor 
stellungen! Ja, als Schauspieler da habe ich wohl ge 
wirkt, habe zu dem Gelingen der Vorstellung beigetragen, 
aber mein damaliges Verdienst wiegt mein heutiges 
bei weitem nicht auf. — Ich wollte ja eigentlich nicht, 
mein Gott, wer unterzieht sich gern solcher Anstrengung, 
und vor allem der Ungeheuern Verantwortung! aber sie 
Hessen mir ja keine Ruhe, der Direktor lag beinahe 
vor mir auf den Knieen, die Mitglieder beschworen 
mich, und ich sah ein, die Kunst krankte daran, sie 
drohte zu Grunde zu gehen, sollte ich sie zu Grunde gehen 
lassen? nein, ich setzte jede persönliche Rücksicht bei 
Seite und nahm den Thronsessel im Kasten ein. 
»Ah, Sie sind Souffleur?« sagte ich etwas enttäuscht.
        
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