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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

Berliner Ccibcirefs. 
I. Das Poetenbänkel „Im siebenten Himmel“. 
in Brettl ist ein kleines Brett, nicht eins von 
jenen grossen, die die Welt bedeuten. Dass 
er sich im Massstab geirrt hatte, musste 
Herr von Wolzogen' merken, als er aus seinem 
„Ueberbrettl“ ein „Buntes Theater“ machte. Es 
gingen nicht so viel Menschen in diesen preziös 
geputzten Saal, als hineingegangen wären, und der 
Epoche gemacht habende Baron hing seinen braunen 
Frack mit den blanken Knöpfen an den Nagel. Denn 
die Ansprüche des Publikums wachsen mit der Grösse 
und Ausstattung des Lokals. Eine Nummer, die im 
Salon oder in einem Vereinszimmer innigstes 
Schmunzeln und Murmeln ringsumher erregt, kann, 
von demselben Künstler mit denselben Feinheiten 
vorgetragen, in einem Raume, der noch längst nicht 
die Dimensionen des Wintergartens zu haben braucht, 
auf allgemeinste, allerkühlste Verständnislosigkeit 
stossen. — Und das Geräusch unter den Tisch fallen 
der Nuancen ist peinlich, zumal bei einer Kunstsache, 
die lediglich aus Nuancen besteht. 
Also das Ueberbrettl brach mitten durch, als man 
zu viel Gewicht drauflegte, aber das Cabaret, das 
so vergnügt primitiv wie vorher blieb, hat sich 
dauerhaft erwiesen. Kein Tempel, vor dessen Vor 
hang man sich mit kritischer Reserviertheit oder 
auch mit dem an der Kasse erworbenen Rechts 
anspruch auf dreistündiges Amüsement in den 
nummerierten Fauteuil niederlässt, sondern — wie 
es der Name besagt — eine Schenke, ein eng ge 
mütlicher Raum, dick voll von Leuten, die ihre gute 
Laune schon von Hause oder von unterwegs mit 
gebracht haben, aus deren Mitte dann jemand auf 
ein kleines Podium klettert, um etwas, das vielleicht 
erst am Morgen von ihm selbst ganz frisch ge 
dichtet worden ist, etwas aktuell Politisches, sozial 
Satyrisches oder persönlich Erotisches zu rezitieren 
oder auch zu singen, wobei ihn der betreffende 
Komponist am Klavier begleitet und der Chorus, 
wenn der Refrain behagt, vergnüglich einstimmt. 
Denn das Mitsingen ist nicht verboten. Die Obrigkeit 
hat hier nicht die Gewalt, wie an den Orten, wo sie 
die grosse oder die kleine Theaterkonzession erteilt 
hat. Und sollte mal ein Vertreter der Zensurbehörde 
den Vorführungen beiwohnen, so könnte es nur auf 
grund einer persönlichen Einladung sein. Aber zu 
einem reinen Genüsse käme er doch wohl nicht, 
weil sich mitunter nervöse Zuckungen in der Hand, 
die sonst den Rotstift hält, einstellen würden, und 
er müsste wünschen, lieber Eintrittsgeld erlegt zu 
haben, anstatt eines „Beitrages zu den Kosten“. 
Jedoch ist damit keineswegs gesagt, dass die Poesie, 
die man so unverschnitten aus dem Sprudel ge 
schöpft bekommt, allzukräftige Beimischungen ent 
hielten. Denn das Empfinden eines Zensors ist be 
kanntlich zarter, als das eines jungen deutschen 
Normalmädchens. 
Von den Cabarets, die sich nach pariserischem 
Vorbild in Berlin auftaten und wöchentlich an einem 
bestimmten Tage ihren Kreis versammeln, erfreuen 
sich einige nun schon im dritten Jahre ungeminderten 
Zuspruchs. Das meiste hat Geore David Schulz 
mit seiner vielseitigen Talentiertheit, wozu auch 
ein Managergeschick gehört, aus seinem Poeten 
bänkel „Im siebenten Himmel“ gemacht. Er hat 
die Berliner Boheme, von deren Existenz man sonst 
kaum wusste, in den hübschen Hinterzimmern des 
Theaterrestaurants des Westens konzentriert. Dort 
kann man nun die interessant oder garnicht frisierten 
Köpfe beisammen sehen: solche, die dichten und 
solche, die malen, solche, die vertonen und solche, 
die singen oder ein Instrument spielen und sogar 
solche, die das alles zusammen können. Einige 
davon sind schon berühmt, andere möchten es noch 
werden. An den Wänden hängen amüsante Karri- 
katuren von Edel und Griebel, die am wenigsten 
davor zurückschrecken, sich selbst zu verulken. 
So ist man schon in Stimmung, noch ehe die Sache 
losgeht und Schulz vom Podium aus die angenehme 
Mitteilung macht, dass der Freund oder die Freundin, 
Herr Gregor Eisenstädt oder Fräulein Gisela 
Bogenhardt gekommen seien, eigene Dichtungen 
vorzutragen. Dann singt eine wohlgestaltete junge 
Dame aus Hamburg, ohne ihren teuren Hut abzu 
nehmen, hübsche Kouplets von Bogumil Zepler 
und als Zugabe etwas niedlich Französisches. Wenn 
Erich Mühsam, der Typus eines Bohömien, sodann 
sich immer wieder Ruhe ausbitten muss, weil seine 
Trutz- und Schüttelreime vielfaches Schmerzgestöhne 
verursachen, erscheint zur weisen Abwechselung 
eine Blume exotischer Schönheit auf dem Podium: 
Marietta de Rigardo, um spanisch nicht sowohl 
zu singen, als auch zu tanzen. Sie kann, wenn sie 
will, uns aber auch deutsch kommen. Ihrer paro 
dierenden Grazie gelingt sogar ein echter Ländler 
ausgezeichnet, dies Tanzduett, zu dessen vom Sim- 
plizissimus-Schulz und dem anderen Schulz ver 
fassten Text Zepler die Musik mit obligater Klari 
nette geschrieben hat: „Bald grob, bald fein, Mit 
Triller drein.“ Der andere Schlager der Saison 
stammt aber von G. D. Schulz ganz allein und wird 
auch auch von ihm ganz solo vorgetragen. Das 
ist das Walzerlied mit dem innigen Refrain: „Therese, 
Therese, bist Du denn immer noch böse.“ Und 
dann sind alle Anwesenden im Schunkeln einig und 
beschwören unisono die Therese, dass sie nicht 
mehr böse sein möchte. Wenn schliesslich noch 
der „Zupfgeigenvirtuos, Nigger-Minstrel und Maler- 
Karrikaturist“ Ernst Griebel erschüttert hat, kann 
sich zum mindesten niemand, der „zu den Kosten 
beitrug“, über Mangel an Abwechselung beklagen; 
deutsch, französisch, englisch, spanisch, berlinisch 
in Worten und Tönen, ausserdem in rhythmischer 
Plastik: Bolero, Cake-walk, Ländler, Fandango, 
Walzer — schliesslich fangen alle, die sich bis 
dahin passiv verhalten haben, selbst zu tanzen an. 
Und in dies Wohlgefallen löst sich jeder Abend 
programmmässig auf. f. f. 
Unsere Bilder. 
I'amillo Morena gehört heute zu den gesuch 
testen Tanzkomponisten unserer Zeit, denn 
er hat die Literatur Terpsichores im Sinne 
von Strauss und Waldteufel um ein bedeutendes 
und beachtenswertes bereichert. Morenas Walzer 
bewegen sich meist auf exotischem Boden, da der 
Künstler viel im Auslande lebte und in steter 
Fühlung mit ihm ist. Unerschöpflich in neuer Jdee 
und Form weiss uns Morena in jeweilig nationalem 
Tanzrhytmus die prickelndsten Melodien vorzuführen, 
die ihre Wirkung, zumal die Orchestration glänzend 
genannt werden darf, nie verfehlen. Seine belieb 
testen Musenkindersind : „Die Schönen von Valencia“, 
„LebendeLieder“, „Kentucky Belle“ (Amerikanischer 
Kuss-Walzer), „La Gitanella“, „Saharet“ (Valse lente), 
„Bengalische Flammen“, „Fortajada“ Valseespagnole. 
Walzerkomponist Camillo Morena 
(Photographie: Gerschel, Paris, 23, Boulevard des Capucines) 
ln das Haus des evangelischen Oberkirchenrats, 
ist in Berlin soeben ein neuer Präsident einge 
zogen, als Nachfolger des verstorbenen D. Bark 
hausen, der bisherige Präsident des hannoverischen 
Landeskonsistoriums Wirkliche Oberkonsistorialrat 
Bodo Voigts, dessen Porträt wir heute unsern Lesern 
vorzuführen in der Lage sind. Voigts wurde im 
Jahre 1844 zu Lüchow in der Provinz Hannover ge 
boren, widmete sich zuerst der Gerichtskarriere und 
ging später zur Verwaltung über. 1889 wurde er 
Verwaltungsgerichtsdirektor in Minden. Im April 
des Jahres wurde ihm seine bisherige Stellung in 
der Provinz Hannover übertragen, mit der ein ausser 
ordentlicher Einfluss verbunden ist infolge der völlig 
selbständigen und unabhängigen Position, welche 
diehannoverische Landeskirche, eine dersogenannten 
wichtigsten Eigentümlichkeiten, welche 1866 beibe-
        
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