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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

BERLINER LEBEN 
Unsere Bilder. 
Der Reichsausschuss für Olympische 
Spiele auf der Welt-Ausstellung in St. Louis 
veranstaltete im Cirkus Husch mehrere 
Vorstellungen, um aus den Einnahmen 
Mittel zu gewinnen, deutsche Mannschaften 
nach St. Louis schicken zu können. Unter 
den mannigfachen Darbietungen war das 
Barrenturnen, von dem wir nebenstehend 
eine Abbildung bringen, die weitaus beste 
und abgerundetste. Ringkämpfe durften bei 
der nenerdings mit elementarer Gewalt 
erwachten Leidenschaft der Berliner für 
diese Leibesübung selbstverständlich nicht 
fehlen. 
Der Beginn der Sportsaison brachte 
das Friedenauer „Goldene Rad“, das 
sich bei den Freunden des Radsports 
einer grossen Beliebtheit erfreut. Un 
zählige Menschen, die die Friedenauer 
Bahn wie ein dichtes Band umgaben, 
verfolgten mit lebhafter Befriedigung den 
Wettkampf, in dem schliesslich Robl, 
allerdings nur mit grosser Mühe, gegen 
den Amerikaner Walthour gewann. 
Wiederum hat die Kronik des Monats 
den Heimgang einer bekannten Berliner 
Schauspielerin zu verzeichnen. Am 8. Mai 
starb nach längerem Leiden Jenny Gross, 
die fast zwei Jahrzehnte ein Liebling des 
Berliner Theaterpublikums gewesen ist. 
Jenny Gross ist Ende der 50 er Jahre in 
Abany Szanto in Ungarn geboren. Unter 
Sonnenthals Leitung begann sie 1878 ihre 
Laufbahn am Wiener Carl-Theater. Sieben 
Jahre später kam sie nach Berlin ans 
Königliche Schauspielhaus und trat 1888 
in das Ensemble des Lessingtheaters ein, 
dem sie bis vor einem Jahre angehörte. 
Ihren letzten grossen Erfolg feierte sie 
als Maria Theresia in Schönthans gleich 
namigem Ausstattungsstück. Jenny Gross 
war eine sympathische und gewandte 
Schauspielerin im Salonstück, für das sie 
infolge ihrer vorteilhaften Erscheinung, 
ihrer Bühnengewandtheit und ihrer ge 
schmackvollen Art sich zu kleiden wie 
geschaffen erschien. 
Der bekannte Dichter Detlev Freiherr 
von Liliencron feiert am 3. Juni seinen 
sechzigsten Geburtstag. Er wurde 1814 
in Kiel geboren und trat in die preussische 
Armee ein, machte als Offizier die Feld 
züge gegen Oesterreich und Frankreich 
mit, wurde in beiden verwundet und nahm 
dann seinen Abschied. Er trat in den 
Verwaltungsdienst über, schied aber 1887 
auch aus diesem und ging nach München; 
jetzt wohnt Liliencron in Altona. In 
seinen Gedichten und Skizzen tritt er 
als ein echter Lyriker und Stimmungs 
bildner von urwüchsiger Kraft und 
Frische hervor, dem alle Süsslichkeit 
fern liegt und der die Herzen im Sturm 
erobert. Seine Romane und Dramen leiden 
an einer gewissen Zerfahrenheit der Kom 
position und zerfallen in Einzelbilder, sind 
aber dennoch stets interessante Dokumente 
eines durchaus originellen Dichters. 
Gleichfalls ihren 60. Geburtstag feierte 
am 27. April die berühmte Münchener 
Tragödin Clara Ziegler. Sic begann ihre 
Laufbahn 1802 als Jungfrau von Orleans 
in Bamberg; 1808 kam sie ans Münchener 
Hoftheater, dem sie bis 1874 angehörte. 
Seitdem entwickelte sie eine ausgebreitete 
Tätigkeit als Gast an fast allen namhaften 
Bühnen. Als Ludwig Barnay 1888 das 
Berliner Theater begründete, spielte sie bei 
der Eröffnungsvorstellung die Rolle der 
Marfa im Schillerschen Demetrius und 
wirkte an dieser Bühne den ersten Winter 
hindurch. Auch später war sie noch 
oftmals ein gern gesehener Gast in der 
preussischen Hauptstadt. 
Dr. Martin Zickel, der bekannte Leiter 
des Sezessions- und Bunten Theaters, 
übernimmt von nächster Saison ab die 
Direktion des neu begründeten „Lustspiel 
theaters“, an dem auch seine Gattin 
Marie Mallinger, bisher Mitglied des 
Schillertheaters wirken wird. 
Als jüngster Leutnant gastiert mit 
grossemErfolgeAnnie Dirkens in Jacobsons 
gleichnamiger Posse im Berliner Theater. 
Eine launige Soubrette von frischem 
Talent und starker Begabung für karika 
turistische Zeichnung ist Helene Land, 
die sich immer mehr zu einem Liebling 
des Berliner Publikums entwickelt. 
Die „Elf Scharfrichter“, das bekannte 
Münchener Cabaret, werden unter ihrem 
Leiter M. Henry mit ihren Ilauptkräften 
am 20. Mai im Kiinslerhaus ein Gastspiel 
eröffnen. Der Star der Gesellschaft, 
Mary Delvard, ist eine Erscheinung von 
ganz eigenartiger Prägung. 
Von den Olympischen Spielen im Zirkus Busch.
        
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