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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

aber bald heraus, dass die Kiefernjkeinen genügenden 
Schutz bieten vor heisser Sonne und schwüler Luft. 
Die blitzende Wasserfläche im Tal zog uns an und 
wir beschlossen, nach Schildhorn zu rudern. Auf 
dem Weg zur Havel wollte ich die Bälle in den 
Wagen legen. 
Im Garten sah ich unseren Kutscher beim vollen 
Glase im Schatten einer Esche sitzen, nicht weit 
von der Halle. Nachdem ich die Bälle verwahrt 
hatte, ging ich durch den Garten zum Ufer hin. 
Dicht bei der Esche hielt ich überrascht an, denn 
unser Kutscher, der mich nicht gewahrte, sprang 
plötzlich vom Stuhle auf und rief, mit allen Zeichen 
grosser Erregung den Namen „Lotte!“ in den von 
Menschen gefüllten Garten hinein. Der Richtung 
seiner Blicke folgend, sah ich ein hübsches Mädchen 
mit dunklem Haar, das sich, an den Arm eines 
Jägers geschmiegt, eben in die Halle begeben 
wollte, aus der eine wiegende Tanzmelodie hervor 
tönte. Bei dem Anruf fuhr sie erschrocken herum 
und starrte entgeistert in das Gesicht unseres 
Kutschers,derihr hastig gegenübertrat. „Du ... hier?“ 
stotterte sie: „Ick dachte. Du solltest nach Treptow...“ 
„Un ick jlobte Dir mit Deine Tante hier zu 
finden — nee, da heert doch Aliens uff! Weil Du 
jloobtest ick müsse nach Treptow, haste mir be 
logen un bist nicli mit de Tante, sondern mit dem 
Sandhasen hierher jekommen. Ei, Du bist ja . . . 
Nee, so’n Schwindel lebt nich! Ick will Dir freudig 
überraschen, derweil hinterjehst Du Deinen Bräut- 
jam un willst Dir mal mit'n Infanteristen losbinden? 
Aber det jibt's nich. Wenn Du danzen willst, denn 
jeschieht’s mit mir, un nich mit dem jrienen Herrn 
da. Verstanden?“ 
Die dunklen Augen des Mädchens blitzten auf 
und den Kopf trotzig zurückwerfend, antwortete sie: 
„Den Unteroffizierston verbitt’ ick mir! Ick kann 
danzen mit wem ick will, un da Herr Schulz mir 
zu dem Walzer engagiert hat, so werd’ ick’n ooeli 
niit’m danzen — nu jrade! Kommandieren lass 
ick mir nich. Noch bin ick Deine Frau nich —“ 
Sie drehte sich kurz um und zog ihren Begleiter, 
der dem Kutscher höhnisch ins zorngerötete Gesicht 
hineinlachte, über die Schwelle des Tanzsaals. Der 
schwer enttäuschte Liebhaber ging an mir vor 
über, ohne mich zu bemerken, trat an den Tisch, 
blickte in seinen Bierkrug und da er diesen leer 
fand, schrie er: „Kellner — noch’n Seidel!“ 
Mir sagte eine dunkle Ahnung, dass der Ver 
schmähte noch manches Seidel leeren würde, um 
die aufsteigenden Zornesflammen hinabzuspülen. 
Als ich im Ruderboot meinen Gefährten die 
schnurrige Tatsache enthüllte, dass der Gicero auf 
dem Kutschbock uns nur zu der Fahrt nach Pichels 
berg überredet habe, weil er seinem Schatz eine 
freudige Ueberraschung bereiten wollte, waren diese 
völlig verblüfft und mit Schadenfreude nahmen sie 
die Mitteilung auf, dass der Ueberraschungspfeil 
auf den Schützen zurücksresprungen sei und ihm 
eine schmerzliche Herzverletzung beigebracht habe. 
Wir lachten über den uns gespielten Betrug, 
verliessen das Boot in Picheiswerder, wanderten 
später nach Schildhorn und sahen den rotglühenden 
Sonnenball hinter einer dunklen Wolkenwand ver 
schwinden, die^bald ihre SchattenTüber'die'^goldig 
glänzende Wasserfläche warf. Als wir im Boot 
zurückkehrten und bei der Restauration landeten, 
umbrauste uns ein lauer, aber heftiger Weststurm. 
Wir traten in einen Pavillon, um einen Imbiss zu 
nehmen. Während Werner mit dem Kellner sprach, 
suchte ich den Kutscher und fand ihn in der Halle, 
wo er mit zornfunkelnden Augen auf die, zärtlich 
an den Grünrock geschmiegte und eine Mazurka 
tanzende Geliebte starrte. Meine Aufforderung, er 
möge anspannen, beantwortete er mit einem kurzen 
„gleich“, rührte sich aber nicht von der Stelle. 
Eben wollten wir uns vor dem gedeckten Tisch 
niederlassen, da brach in der Halle die Musik schrill 
ab und wüster Lärm drang ans der Türe und den 
Fensteröffnungen. Werner und ich liefen zur Halle 
hin, um zu sehen, was der Grund dieses Höllen 
spektakels sei. Kaum aber befand ich mich der 
weitgeöffneten Türe gegenüber, so flog über die 
Treppe ein Hinausgeworfener mir entgegen und fiel 
platt zur Erde. Flüche und Drohungen schallten 
hinter ihm her. Ich half dem Gefallenen wieder 
auf die Füsse und erkannte — unsern Kutscher. 
Von wilder Eifersucht getrieben, hatte dieser mit 
seinem Rivalen Streit angefangen. Der Jäger aber ge 
noss die Unterstützung seiner Regimentskameraden 
und so musste der ehemalige Kavallerist der Ueber- 
zahl der Infanteristen, oder — wie er es treffend 
bezeichnete — der F'orsche maschör — unterliegen. 
Seine Lotte aber schien völlig zum Feinde über 
gegangen zu sein, denn sie Hess sich nicht mehr 
sehen. 
Und wie hatte die tobende Rotte den Gefallenen zu 
gerichtet! Seine blauen Augen verschwanden fast ganz 
unter dicken Schwellungen. Geschwollen war auch 
der beredte Mund, und die Backe zeigte eine 
klaffende Wunde. Der Hut war ihm im Kampf- 
gewühl abhanden gekommen und sein Rock zeigte 
lange Risse. Stöhnend und fluchend humpelte er 
dem Stalle zu, und da seine schwankende Haltung 
und schwere Zunge auf einen Zustand starker Be- 
nebelung schliessen Messen, so veranlasste ich den 
Hausknecht, ihm bei der Kühlung des verletzten 
Gesichts und Anschirren des Pferdes behilflich zu 
sein. Dieser tat noch ein Uebriges und half dem 
angesäuselten Wagenlenker später auf den Bock. 
Nachdem wir gegessen, nahm ich nicht ohne 
Besorgnis neben dem Berauschten meinen Platz ein, 
der von seinem hohen Sitz aus Drohrufe und Ver 
wünschungen gegen die ungetreue Liebste ausstiess 
und sich dann in längeren Monologen über die 
Flattersucht des weiblichen Geschlechts, über die 
pöbelhafte Gesellschaft, welche an jedem Sonntage 
Picheiswerder umtobe und über die miserable Ver 
köstigung, die man in dem Ausspann finde, ver 
nehmen Hess. Als wir nun den Berg hinauffuhren, 
belegte er die schuldlose und tapfer ihre schwere 
Last bewältigende Liese mit argen Schmähworten, 
ja, er würde sie gepeitscht haben, wenn er beim 
Ausholen zum Schlagen nicht das Gleichgewicht 
verloren hätte. Ohne mein rechtzeitiges Zugreifen 
wäre er vom Bock heruntergestürzt, und ich warnte 
ihn eindringlich vor der Wiederholung dieses Ver 
suchs. Aergerlich begnügte er sich damit, die 
Fahrt nach Pichelsberg zu verwünschen und jeden 
für blödsinnig zu erklären, der an Sonn- und Feier 
tagen Erholung in den Räuberhöhlen an der Havel 
suche. 
Es fiel mir so wenig wie seinem geplagten Gaul 
ein, ihm Mangel an Logik vorzuwerfen, aber der 
Himmel schien ihn für seine Heuchelei und seine 
Fahrgäste für ihre Leichtgläubigkeit strafen zu 
wollen, denn er verdunkelte erst durch schwarze 
Wetterwolken unsern Weg und dann ging unter 
Donner und Blitz ein Gewitterregen auf uns nieder. 
Nur widerwillig gab ich dem Drängen meiner Be 
gleiter nach, im Innern des Wagens, dessen Verdeck 
wir geschlossen hatten, vor dem niederströmenden 
Nass Schutz zu suchen. Ich gab in der Hoffnung 
nach, dass die brave Liese ihren Weg besser kenne, 
als ihr Kutscher, der übrigens im strömenden Regen 
vor einer Kneipe Charlottenburgs Halt machte, um 
durch einige Gläser Gilka seinen innern Menschen 
gegen Nässe und Nachtfrost zu schützen. Wir waren 
glücklich bis „zum grossen Stern“ gelangt. Meine 
Besorgnis um die Leitung des Wagens liess mich 
durch das Kutschenfenster blicken und ich konnte 
trotz der Regentropfen an der Aussenseite der 
Scheibe den im Mittelpunkt des Platzes befindlichen 
Riesenkandelaber erkennen, ln der Meinung, dass 
wir uns nun bald dem Brandenburger Tor nähern 
müssten, blickte ich nach etwa zehn Minuten wieder 
durch die Fensterscheiben und erkannte zu meiner 
Bestürzung, dass der, sein Licht über die Wasser 
lachen des Weges versendende Kandelaber noch 
immer in Sicht war. Ich öffnete die Türe, sprang 
aus dem Wagen und sah, dass der Betrunkene uns 
eine Art von Ringelfahrt machen liess, denn er 
lenkte den Wagen im Kreise um den Kandelaber 
herum. Nun war es an der Zeit, ihm die Zügel der 
Regierung zu entreissen. Dies vollzog sich leichter, 
als ich voraussetzen durfte, denn die Müdigkeit 
überwältigte den Berauschten und als ich das Pferd 
auf der breiten Chaussee weiter traben liess, neigte 
er seinen Kopf gegen meine Schulter und entschlief. 
Trotzdem ich darauf zu achten hatte, dass der seine 
Eifersuchtsqualen und seinen Rausch ausschlafende 
Kutscher nicht vom Kutschbock herabfiel, vollzog 
sich der Rest unserer Fahrt ohne Unfall, denn der 
Gaul fand auch im Regen seinen Weg. Unter den 
Linden entstiegen wir dem Wagen, um in einer 
Konditorei eine Tasse Tee zu trinken. Wir weckten 
den Kutscher und drückten ihm in Anbetracht seines 
Missgeschicks das übliche Trinkgeld in die Hand. 
Stumpfsinnig stierte er auf die Silbermünze und 
murmelte: „Det is allens jut un scheene, aber wer 
fährt mir jetzt nach Hause?“ 
Wir lachten hell auf und baten dann einen Schutz 
mann, er möge mit Rücksicht auf den kläglichen 
Zustand des Kutschers meinen Platz einnehmen. 
Dieser entsprach unserm Gesuch, und als das Pferd 
sich wieder in Bewegung setzte, brummte der Cicero 
auf dem Bock: „Der miserabelste Ausflugsort um 
janz Berlin herum is . . . Pichelsberg . . . nischt for 
feine Leite.“
        
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