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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

„Duschan,“ begann sie unvermittelt, „die Weihnacht 
steht vor der Tür. Wie wär’s, wenn wir uus ver 
lobten?“ 
Er ward um einen Schein blässer. So nahe hatte 
er die Gefahr nicht vermutet. „Hm, verloben! Siehst 
Du, Julka,“ meinte er mit gefurchter Stirn, „daran habe 
ich eigentlich nicht gedacht. Du weisst, ich bin ein 
aufrichtiger Mensch. Na, das weisst Du doch? Da 
muss ich mit Dir geradezu sprechen: Du bist über 
haupt nicht zum Heiraten geschaffen.“ 
Sie fühlte sich tief getroffen, aber auch zum ersten- 
maie im Leben dem jämmerlichen Kerlchen überlegen, 
der ihr da stotternd gegenüber sass. O, der war so 
jämmerlich, dass sie sich selbst in dieser ihrer tiefsten 
Verlegenheit noch an der seinen freuen konnte! O, der 
war so jämmerlich, dass er es garnicht merkte, wenn 
man ihm gebrochenen Stolz für schneidenden Hohn 
ausgab. „Ich bin nicht zum Heiraten geschaffen?“ 
fragte sie lachend. 
„Nein, Du bist zu aufgeklärt, zu wissend. Du 
wirst. Deinen Mann durchschauen — er sei wer 
immer!“ 
„Allzu selbstbewusst bist Du also wenigstens 
nicht, Duschan, wenn Du fürchtest, durchschaut zu 
werden. Auch das ist ein Vorzug.“ 
„Dafür bist Du umso selbstbewusster, julka, und 
hast auch Recht, es zu sein. Du bist nicht, wie andere. 
Was andern einen Kampf kostet, wird für Dich der 
Entschluss einer Stunde sein.“ 
. „Einer schwächen Stunde, nicht wahr?“ rief sie 
lustig. 
Ihre Munterkeit machte ihm Mut. „Da siehst Du, 
dass ich Recht habe: Du wirst Deinen Mann be 
trügen! Ich wette sogar — ein Jahr nach der Hochzeit 
hast Du’s schon getan.“ 
Die Situation war ganz nach ihrem Herzen. Das 
war 'mal wieder ein prickelnder Trunk in der Wüste 
der Alltäglichkeit. — Und sie wetteten um einen 
Dukaten. 
>k * 
* 
Als Julka Metkowitsch endlich heirathete — und 
zwar einen Dampfmüller, der viel jünger war, als sie 
und so dumm, dass er alle spöttischen Blicke vom 
Obergespan weg auf sich lenkte — hatte man dem 
Doktor Duschan Roda schon alle Jugendstreiche ver 
ziehen so brav hatte er sich all die Jahre hindurch 
gehalten. — Desto mehr kam Julka in der Leute Mund. 
ln dieser sonderbaren Welt giebt es tief verborgene 
Zusammenhänge grundverschiedener Erscheinungen. 
Nie wird ein alter Graf für neue Kunst schwärmen und 
nie ein leichtsinniges Weib bescheiden gekleidet gehen. 
Julka Müllers Kleiderstaat galt in der Gesellschaft 
als unumstösslicher Beweis für ihre Abenteuerlust. 
Dr. Duschan Roda, der ehrsame Spiesser, fühlte 
sich verpflichtet, die Wahrheit des Geredes zu erforschen. 
War’s Neugier allein, war’s wiedererwachende Jugend, 
Mary Delvard 
(Gastspiel der 11 Scharfrichter). , 
die ihn zu Julka zog — immerhin, er Hess sich ziehen. 
Die unerschütterliche Harmlosigkeit seiner Mali und die 
alte Freundschaft mit Julka machten ihm die Aufgabe 
leicht. 
Dass es ihm eher als jedem Anderen gelingen würde, 
Frau Julka zu ertappen, daran zweifelte er übrigens 
keinen Augenblick. Hat er sie dann ertappt — — — 
Es war kurz vor Weihnachten, in den Tagen, da 
man für die armen Schulkinder zu tanzen pflegt. An 
solch einem Ballabend nahte sich der Doktor seiner 
alten Flamme mit der ganzen Tugendprotzigkeit des 
Unversuchten und dem Gehaben des Kleinbürgers, der 
auch einmal Weltmann war. 
Frau Julka Müller — — — sie hätte ihn freilich 
am liebsten gleich in sein Mauseloch gescheucht. Nur 
um einer kleinen Schuld willen, die sie ihm abzuzahlen 
hatte, breitete sie ein weisses Tischtuch über ihren Zorn 
und lud den Gast mit grimmigen Vergnügen zum 
Mahle ein. Doktor Duschan nahm ungeniert Platz. 
Man weiss sich, Gott sei Dank, bei schönen Frauen zu 
bewegen! 
Er nahm Platz hart an Julka Miiller’s Seite in 
einer traulichen Ecke des Saales. So heimlich war’s 
und schön! Diese brillantengeschmückten Finger hatte 
er geküsst, eh’ , sie noch den Ehering trugen, und dieses 
duftende, braune, krause, liebe.Haar wie oft gestreichelt! 
Das Familienleben ist unleugbar schön. Aber süsser 
als die Milch ist das heisse Blut, das in der tobenden 
Schlacht der Leidenschaften vergossen wird. 
Doktor Duschan Roda meinte auf einmal, zu dem 
Racegeschöpfe da neben ihm ebenso gut zu passen, wie 
seine sanfte Mali zu dem stumpfsinnig lächelnden Dampf- 
müller passen würde. Er schmeichelte sich, auch heute 
noch, trotz der einschläfernden Windstille der letzten 
Jahre, Gluth genug unter der Asche des häuslichen 
Heerdes bewahrt zu haben. Ja ihm war’s . als sollte 
eine mächtige Feuersäule daraus werden . . . die alte 
Flamme . , . 
Doktor Duschan. Roda war fest entschlossen, eine 
Dummheit zu begehen. 
Als er so weit war, überzeugte sich Frau Julka 
Müller durch einen einzigen kreisenden Blick,-dass Aller 
Augen an ihr und den Doktor hingen, stand, plötzlich 
auf und rief laut, genug, um Aufsehen zu erregen, mit 
bebenden Nüstern: »Ignaz — erinnere doch den 
Herrn Doktor daran, dass er seine Frau zur Quadrille 
führen muss.» 
So dumm war Ignaz Müller nicht, dass er’s nicht 
boshaft wie ein witziger Teufel gethan hätte. 
Am anderen Morgen stand Doktor Duschan trüb 
sinniger auf denn je. Dass er zum Gespötte der Klein 
stadt geworden war — that ihm weniger an, als er 
selbst gedacht. Ihn schmerzte eine tiefere Wunde. 
Ihm fräs die Enttäuschung Mark und Hirn, die Ent 
täuschung über das nichtige Glück, das er bisher ge 
nossen. Schaumwein undTokayer hätte er an deniTische 
jener Frau schlürfen können — und die Freuden eines 
solchen Genusses hatte er für Mali’s Zuekerwass. r hin 
gegeben! Aller Schmerz der Schwächlinge durchwühlte 
ihn. Sie sind nur stark im Verlangen und Beneiden. 
Als sich der graue Tag zum Ende neigte, raffte er 
sich auf und schrieb einen Brief: 
Julka! Sie haben mich furchtbar gedenüithigt, aber 
ich hab’s verdient. Ich habe sie doppelt missverstanden 
Zuerst, als ersparen Sie mir, längst Vergangenes 
zu erörtern. Zum zweitenmale gestern — durch meine 
ungeheuerliche Zumuthung, die Versuchung ihrer ehe 
lichen Treue. Verzeihen Sie einen Reuigen, der einsieht, 
dass Ihre Grundsätze unerschütterlich sind, und nehmen 
Sie, bitte, den Dukaten an, den ich Ihnen sende. Möge 
er unter den Weihnachtsgeschenken, die Ihnen die Liebe 
Ihres Mannes weiht, ein bescheidenes Plätzchen ein 
nehmen als Preis einer verlorenen Wette und als Gabe 
der Freundschaft, die er mir erst erkaufen soll.» 
Knapp vor dem Entzünden der Christbaumkerzen 
erhielt Duschan seinen Dukaten wieder — und einen 
zweiten dazu. Herr Doktor,» schrieb Julka Müller, «den 
Dukaten zu behalten, verbietet mir die Ehrlichkeit . .»
        
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