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Full text: Berliner Leben Issue 7.1904

„Na, ich sage et ja!“ bestätigte Minna mit Entrüstung, 
„so’ne olle „Primjöhre“ is an allem Schuld!“ 
„Ja, es is wirklich aufregend, bei so’n Dichter in 
Stellung zu sein!“ 
„Na ob, man strapeziert sich die Nerven!“ — — — 
Währenddessen flutete alles hinaus ins Grüne, ins Freie. 
Der liebe Grünewald war schier kaum imstande, die pfingst- 
freudigen Berliner alle zu fassen, die in ihren schönsten, 
allerneusten Kesttagskleidern da draussen den Waldeszauber 
geniessen wollten! 
Desto öder und stiller wurden dagegen die Strassen 
Berlins und desto öder wurde es auch den Herren Theater 
direktoren zumute, die mit besorgter Miene durch ihre stillen 
Räume schritten und „ich bedenklich hinter dem Ohre 
kratzten, indem sie dachten: „Wie soll das heute Abend 
noch werden!“ Um so vergnügter waren die Herren 
Restaurateure draussen. 
Wie eine köstliche Musik erschien ihnen das Geklapper 
der Legionen von Kaffeetassen, welche die Kellner immer 
wieder und wieder herbeischleppten. 
Und mit behaglichem Schmunzeln überschauten sie in 
der Küche die bereitliegenden, unzähligen Koteletts, duftenden 
Braten und Hühnerkeulchen nebst köstlichen Gemüsen, die 
ihrer Bestimmung für das Abendbrod harrten, dessen Zeit 
punkt immer mehr heranrückte. Das musste ja eine Bomben 
einnahme heute werden! 
Und gleichsam noch wie hinter rosigen Schleiern er 
schienen dem wohlgefällig lächelnden Restaurateur in Ge 
danken dicke Haufen von Goldstücken, die am Schluss des 
festlichen Tages einzuheimsen waren. 
Mit vergnügtem Gesicht trat er wieder in den Garten 
hinaus: „Na nu! Was war denn hier los?' 
Eine gewisse Spannung lag auf allen Gesichtern und — 
merkwürdig — die Gesichter waren alle nach oben gerichtet. 
„Herrje! Die Sonne hatte sich verkrochen! Also das 
wars!“ Das kann nämlich der Berliner zu Pfingsten nicht 
vertragen, selbst der vergnügungslustigste nicht. 
„Aber meine Herrschaften, es is ja nur ein janz harm 
loses Wölkchen!“ versuchte der unglückliche Wirt die 
Nächststehenden zu beruhigen. 
ja, aber das half alles nichts! Zu dem einen harmlosen 
Wölkchen gesellten sich bald noch mehrere andere harmlose 
Wölkchen und — ehe man sich’s versah, war der ganze 
Himmel mit dicken, drohenden Gewitterwolken bedeckt. 
Nun gabs kein Halten mehr! Alles rüstete sich zum 
Aufbruch und zwar in rasender Hast! Ein unheimlicher 
Wind erhob sich — nun drängte, stürzte und jagte alles 
nach dem Bahnhofe und zur Elektrischen! 
Ein paar Minuten später lag der ganze, grosse Garten, 
der noch eben den Anblick des lustigsten, bewegtesten 
Volksfestes geboten, in trüber Einsamkeit da — — — 
Geknickt und mit langem Gesichte stand der arme Wirt 
inmitten einer Herde von ebenso trüb ausschauenden.Kellnern, 
seine sehnsüchtigen Blicke den letzten Flüchtlingen nach 
sendend, die soeben am Waldesrande mit aufgespannten 
Regenschirmen und hjchgehobenen Röcken verschwanden . 
Langsam verschwand nun auch die schöne Perspektive auf 
die dicken Haufen der köstlichen Goldstücke hinter den 
Gewitterwolken — — — 
Herr Doktor Rolf hatte mehrere Stunden geschlafen. 
Frau Heta sass noch immer an seinem Bett und machte 
gewissenhaft Umschlag auf Umschlag. 
Nun war auch sie endlich ein bisschen eingenickt! Arme 
kleine Frau! 
Eben hatte es sechs Uhr geschlagen. 
Herr Doktor Rolf richtete sich jäh in die Höhe: „Heta! 
Hast Du gehört?“ 
Die junge Frau fuhr erschrocken auf: „Wa.> — was ist 
denn?“ 
„Heta, es klatscht ja etwas auf das Fenserbrett! Ich — 
ich glaube ......“ 
Frau Heta stürzte zum Fenster, sie hatte ihren Gatten 
verstanden — 
Mit einem Ruck schnurrte die Jalousie nach oben. 
„Röllchen! Es regnet! Es regnet!“ jubelte Heta. 
Der Dichter war mit einem Satz aus dem Bette: 
„Hurra! Es regnet! Es giesst! Sieh nur diese Menge 
von aufgespannten Regenschirmen! Ein erhebender Anblick! 
Und diese Menschenmassen, die mit den Elektrischen zurück 
kehren! Heta, gib mir einen Kuss! Und jetzt — wo ist 
meine weisse Weste, meine weisse Halsbinde? Schnell! Wir 
müssen zur Premiere!“ 
Eine halbe Stunde später schlüpfte das Dichterehepaar 
in die geholte Droschke. 
Wie schmuck die beiden aussahen und — seelenvergnügt 
dazu. 
Am Fenster standen Minna und Luise und sahen ihrer 
davonfahrenden Herrschaft nach: 
„Na, haben Se so was schon jehört, Minna? Er is 
wieder jesund jeworden, weils regnet!“ 
„I, Jott bewahre! Ja, so’n Dichter is unjlaublich!■ 
Kopfschüttelnd gingen die beiden wieder in ihre Küche 
zurück, um sich bei Kaffee und Plinsen von der gehabten 
Aufregung zu erholen. 
Währenddessen bog die Droschke mit Herrn und Frau 
Doktor Rolf in die Strasse ein, in welcher das Theater lag. 
Der Dichter begann, etwas unruhig zu werden, denn der 
grosse Moment des Anfangs seiner Premiere nahte heran. 
Plötzlich hielt die Droschke still. Frau Heta steckte ihr 
Köpfchen aus dem Fenster:" 
„Sind wir denn schon da?“ 
„Nee,“ antwortete der Droschkenkutscher, „es is man 
ne janze Reihe Droschken vor uns, da müssen wir en 
bissken lauern, bis et wieder weiter jeht!“ 
Frau Heta zog vergnügt ihren Kopf zurück: 
„Hast Du gehört, Rölfchen, eine ganze Reihe Droschken! 
Die fahren natürlich alle ins Theater zu Deiner Premiere!“ 
„Um Himmelswillen, Frau, verrufe mir nicht meine 
Premiere 1 “ 
Herr Doktor Rolf wurde schon wieder nervös. 
Frau Heta streichelte besänftigend seinen Arm. 
„Hast Du auch die Baldriantropfen mitgenommen?“ 
fragte der aufgeregte Dichter, „man kann nicht wissen, was 
passiert! Vielleicht, dass ich im Zwischenakt —“ 
„Ja, ja, ich habe sie milgenommen!“ beruhigte Heta. 
Endlich hielt die Droschke vor dem Theater still. 
Der dicke Portier öffnete die Wagentür und begriisste 
das Dichterehepaar mit einem vergnügten Grinsen seines 
Vollmondsgesichts. Das war ein gutes Zeichen. 
„Herr Doktor, es is aus verkauft! “ 
Mit erhobenem Haupte und um einen guten Teil mutiger 
schritt nun der Dichter mit seiner kleinen Frau am Arm 
durch das dichte Menschengewühl, welches das Foyer 
erfüllte. 
,,N’Abend, Herr Doktor!“ 
,,N'Abend, Herr Doktor!“ schallte es ihm von allen 
Seiten entgegen. Ueberall frohe, angeregte Stimmung! Man 
schien sichtlich erfreut, dem schrecklichen Wetter draussen 
entronnen zu sein und sah nun mit lebhaftem Interesse dem 
neuen Lustspiel des beliebten Autors entgegen. 
Und — die Premiere verlief glänzend! Das begeisterte 
Publikum klatschte sich schier die neuen Glacehandschuhe 
kaputt! 
Der Erfolg war ein grosser und Herr Doktor Rolf 
brauchte keine Baldriantropfen im Zwischenakte zu nehmen. 
Am Schluss des entzückenden Lustspiels wurde er wieder 
und wieder von dem beifallstosenden Publikum vor die 
Lampen gerufen und des Freuens und Jubelns war kein 
Ende! Frau Heta schwamm in FreudentränenI 
Sie hätte am liebsten ihren teuren Rolf vor die Lampen 
begleitet! 
Nun war ja alles gut! Und beglückt, berauscht kehrte 
das Dichterehepaar nach Hause zurück. 
Zwei Tage später fuhr Herr Doktor Rolf nach „Cafe 
Bauer“, um sämtliche Zeitungen Berlins mit klopfendem 
Herzen zu lesen. 
Und siehe da! Auch die Rezensionen über sein neues 
Stück waren alle brillant! — 
Aber — hätte es am Pfingstsonntag nicht geregnet — 
wer weiss, wie dann alles gekommen wäre! — 
Der neue Landes4usstellungspark. 
Berlin ist um eine Sehenswürdigkeit reicher geworden; 
aber um einen unterhaltsamen Aufenthaltsort ärmer. Es 
ist nicht zu leugnen, die Neuanlagen sind geschmackvoll 
und aus den wenig günstigen Raumverhältnissen ist alles 
gemacht, was zu machen war. Ueber vierfach aufsteigenden 
mit Putten und Vasen reich geschmückten Terrassen erhebt 
sich ein weissschimmerndes Barokschlösschen in der Manier 
von Sanssouci, das in seinem Innern Speise- und Gesellschafts 
säle enthält. Zu beiden Seiten gliedern sich an das Schlösschen 
gedecke Treppenhallen. Das Zentrum der ganzen Anlage 
bildet eine gewaltige Fontaine, die ihre leuchtenden Wasser 
strahlen hoch in die Abendluft emporsendet. Um sie herum 
und an den beiden Orchesterpavillons vorbei führt ein 20 m
        
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